3 >
RVRadio Vatikan
Photo

Kategorien


  Caritas und    Solidarität


  Kirche


  Kultur und    Gesellschaft


  Vatikan


  Synode


  Ökumene


  Familie


  Jugendliche


  Gerechtigkeit und    Friede


  Politik


  Religion und Dialog


  Wissenschaft und    Ethik


  Audienzen und    Angelusgebete


  Apostolische Reisen

Andere Sprachen


  Über uns


  Programmschema


  Unsere Programme


  News auf Latein


  Wollen Sie spenden?


  Freunde von RV


  RV-Freunde:
   Downloads



  Links


  Empfang

Vatikanische Website


  Vatikan


  Liturgische Feiern    des Papstes


  Pressesaal des    Heiligen Stuhles


  L'Osservatore
   Romano



  Vatikanisches    Fernsehzentrum

 home > Kommentar der Woche


Kommentar der Woche


Dr. Manfred Lütz am 3.5.2008

Das Wallfahren kommt wieder. Das nach der Bibel wohl meist verkaufte Buch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Wallfahrtsbuch „Ich bin dann mal weg“ des Komikers Hape Kerkeling. Es ist das ernst gemeinte unterhaltsame Buch eines Mannes, der auf der Suche nach dem Wesentlichen des Lebens nicht einfach irgendwie esoterisch in sich gegangen ist. Schon Karl Valentin raunzte: „Heute in mich gegangen – auch nichts los!“

Auch die Kirche war der reinen Innerlichkeit gegenüber immer skeptisch. Nicht die Unsterblichkeit der Seele, sondern die Auferstehung des Fleisches ist die Pointe christlicher Jenseitshoffnungen. Der Glaube an die Fleischwerdung Gottes brach in eine intellektuelle Atmosphäre des Römischen Reiches ein, in der der Körper weitgehend als „Gefängnis der Seele“ verleumdet wurde. Den Körper verachteten die gebildeten Neuplatoniker, vor ausgelassenem Spaß warnten die skeptischen Epikureer und auf das Leiden hatten sie keine Antwort, die stoischen Helden der Selbstbeherrschung. Und da kam eine junge Religion, die an die Fleischwerdung Gottes, an Freude in Fülle und an den erlösenden Sinn des Leidens glaubte. Ekel war die Reaktion bei der intellektuellen Schickeria des Reiches, Ratlosigkeit bei Kaiser Trajan und seinem Statthalter Plinius in Anatolien, Unverständnis und Spott beim römischen Pöbel, der einen Esel am Kreuz an eine Hauswand ritzte. Doch die Christen wichen nicht zurück. Es war die Botschaft von der Einheit von Gott und Mensch in Jesus Christus, die Welt und Mensch aus dem Schatten ins Licht stellte. Erst viel später wird der heilige Franz von Assisi diese Botschaft wieder beleben und Thomas von Aquin wird das philosophische Lob der guten Schöpfung Gottes singen.

Eigentlich war es so das Christentum, das Leib und Seele zusammenhielt und das im körperlichen und seelischen Leid nicht die absurde Sinnlosigkeit erblickte, sondern eine Ahnung von Erlösung. Wie kann man diesen Glauben am besten ausdrücken? Natürlich mit dem großen Glaubensbekenntnis. Doch bleiben das Worte.

Eine Wallfahrt dagegen ist das Ganze des christlichen Glaubens in Aktion. Seit den Anfängen pilgern die Christen. Heute bin ich zur 500-Jahr-Feier der Wallfahrtskirche in Rankweil in Vorarlberg und es gibt noch viel ältere bis heute besuchte Wallfahrtsorte. Bei einer Wallfahrt geht man nicht nur einen inneren Weg, sondern zugleich einen äußeren Weg, einen seelischen und einen körperlichen, einen individuellen, aber zugleich einen Weg in Gemeinschaft, letztlich in kirchlicher Gemeinschaft. Denn die Kirche ist es, die ihre bergende Hand über die Wallfahrer hält und stets ist ein Kirchengebäude das Ziel der Pilgerschaft. Und an vielen Wallfahrtsorten ist der leidende Pilger besonders herzlich willkommen. Freilich kann man an einem christlichen Wallfahrtsort auch viel über die merkwürdige christliche Sicht des Leidens lernen. Gewiss gibt es Wunder an Orten wie Lourdes, wobei die Kirche die Gläubigen vor einer ausufernden Wundergläubigkeit durch strenge Überprüfungen mit seltenen positiven Ergebnissen schützt. Vergleichbar mit den Wunderheilungen Jesu, sind es aber nicht diese Heilungen selbst, die das Wesentliche solcher Wallfahrtsorte ausmachen. Das Wesentliche ist die kraftvolle Verheißung des ewigen Heils, auf das diese Wunder hinweisen, das Heil, das Jesus allen, die an ihn glauben und ihm folgen, zugesagt hat. Und so kehren die nicht körperlich geheilten Lourdeswallfahrer zumeist kaum weniger getröstet zurück als die wenigen Geheilten.

Kein Christ muss wallfahren, kein Katholik muss an die Wunderheilungen in Lourdes glauben, aber es gibt wohl kaum eine Gelegenheit, bei der man ganzheitlicher das Christentum erleben kann wie bei einer christlichen Wallfahrt. Papst Johannes Paul II. hat seine ganze Reisetätigkeit vor allem als Pilgern verstanden. Auch Papst Benedikt XVI. pilgert dieses Jahr zum 150. Jahrestag der Marienerscheinungen nach Lourdes. Die Kirche hat das Bild vom pilgernden Gottesvolk immer geliebt. Und wie sich zeigt, ist diese Form lebendigen Christentums wieder vielen Menschen vermittelbar, die erkannt haben, dass man sich das ewige Leben vielleicht doch nicht beim Städtemarathon erlaufen kann.

3 Millionen verkaufte Bücher über eine Pilgerfahrt und seitdem Tausende deutscher Pilger auf dem Weg nach Santiago di Compostella! Das sollte eigentlich die ausdauernden Kirchenjammerer mal zum Schweigen bringen. Und dass dieses Buch unterhaltsam und humorvoll geschrieben ist, sollte uns Christen vielleicht selbstkritisch fragen lassen, ob unser Christentum nicht allzu oft mehr nach Beerdigung klingt und nicht nach der lustvollen frohen Botschaft, die es doch ist. Unterhaltsam von Gott reden, das konnten wir Katholiken jahrhundertelang. Wir müssen es nur wieder ein bisschen lernen.

Einer der wichtigsten katholischen Publizisten hat neulich den deutschen Bischöfen den Rat gegeben, mal einen ungewöhnlichen Hirtenbrief zu schreiben. Nicht mit irgendwelchen wortreichen erbaulichen Reflexionen, sondern mit nur einem Satz: Liebe Diözesanen, ich fordere jeden von Euch auf, im kommenden Jahr eine Wallfahrt zu machen. Euer Diözesanbischof. Doch übrigens: Wir Katholiken können uns auch ohne Marschbefehl die Freiheit nehmen, uns einfach auf den Weg zu machen, zu Gott und damit zu uns, nicht umgekehrt.


29. März 2008 - Stefan von Kempis

Papst Benedikt hat in der Osternacht einen Moslem öffentlich getauft. Vielen mag nicht klar sein, welche Sprengkraft diese Geste hat. Dabei steht sie in einer Linie mit der Regensburger Rede des Papstes, ja wirft sogar ein neues Licht auf diese Rede. Die Taufe von Magdi Allam in St. Peter, das war gewissermaßen ein Regensburg aus Wasser.
Kein Zufall, übrigens. Bis zuletzt, so ist im Vatikan aus bester Quelle zu hören, hat man im vatikanischen Staatssekretariat darüber gestritten, ob diese öffentliche Taufe eines Moslems – wie nennt man das… opportun sei. Dann hat der Papst entschieden: Ich mache das. So wie er im Januar angesichts angekündigter Proteste an der römischen Uni Sapienza selbst entschieden hatte, ich geh da nicht hin (Benedetto, der Sanftmütige), so entschied er diesmal bewusst: Ich mache das. Benedetto, der Hardliner?
Man kann diese Geste nicht Weg-Erklären: Der Papst hat sie bewusst gesetzt. Ein Moslem, umgeben von vier Bodyguards, vor den Augen der Fernsehkameras vom Papst getauft, nur wenige Schritte von den Botschaftern aus arabischen Staaten entfernt – das ist noch nie da gewesen. Das ist ein deutliches Signal. Benedikt demonstriert hier zeichenhaft für Religionsfreiheit. Und er macht – wie schon bei der Karfreitagsfürbitte – deutlich, dass er keine falschen Rücksichten und Kompromisse will. Interreligiöser Dialog heißt für ihn nicht, Abstriche zu machen: Der Mann, der fast ein Vierteljahrhundert oberster Glaubenswächter der Kirche war, will den Glauben in seiner Fülle weitergeben. Das Licht gehört nicht unter den Scheffel – auch wenn es manche unangenehm blendet.
In einem arabischen Land – etwa in Ägypten, der ursprünglichen Heimat der Familie Allam – wäre seine Taufe in aller Öffentlichkeit nicht möglich gewesen. Er wäre bedroht worden. Aber das wird er ja auch hier: Schon seit Jahren hat sich der Moslem, der in Italien ein bekannter Journalist ist, an Personenschutz gewöhnt.
Ob der Papst sich jetzt etwa auch hinter die oft polemischen Ansichten seines Täuflings stellt, fragt besorgt aus Jordanien Aref Nayed, Sprecher der 138 Islam-Gelehrten, die gerade einen Dialogprozess mit dem Vatikan angestoßen haben. Unbegründet ist seine Sorge nicht. Magdi Allam ist ein Mann extrem pointierter Ansichten, die er nicht ohne Schärfe vorträgt. Das droht durchaus das Zeugnis, das Papst Benedikt mit dieser Taufe gibt, zu verdunkeln. Wie schon damals in Regensburg sind die Begleitumstände nicht unbedingt glücklich, lädt einiges zu Missverständnissen ein.
Klar ist: Benedikt setzt fort, was er in Regensburg begonnen hat. Er fragt weiter mit allem Ernst nach dem Glauben, der Vernunft – und der Freiheit. Damals tat er es mit Worten, diesmal tut er’s mit Taufwasser. Sein Stil bleibt eigenwillig – er will provozieren. Und zwar eine Debatte, die nicht um die Probleme drumherum redet. (rv)


2. Februar 2008 - P. Eberhard v. Gemmingen

Die Arbeit in den Medien ist manchmal zum Verzweifeln. Wir Medienschaffende haben zwar mehr Publikum als jeder Familienvater und jede Familienmutter. Aber weil wir rein theoretisch viele Menschen ansprechen wollen, sind wir auch besonders verletzt, wenn es uns nicht gelingt. Ich bin darüber enttäuscht, dass die Papstbotschaft über die Medien im deutschen Sprachraum kaum von jemandem gehört wurde. Sie wies nämlich auf wesentliche Defekte vor allem des Fernsehens hin, die wir eigentlich alle wahrnehmen können, die unsere Kinder und Jugendliche kaputt machen. Der Papst sagt: Viele Medien – er meint wohl vor allem das Fernsehen – sind nicht an Information und Verbindung von Menschen interessiert, sondern haben wirtschaftliche Interessen und dienen der Selbstdarstellung. Darüber sollte die Welt diskutieren – und sei es nur, dass sie dem Papst da widerspricht.
Warum wird die Medienbotschaft des Papstes nicht gehört? Zunächst: weil Karneval ist und die Menschen sich unterhalten wollen, weil Schreckensmeldungen aus dem Irak, aus Kenia, aus Afghanistan, aus dem Gazastreifen, Meldungen von den Vorwahlen in den USA und natürlich über die Landtagswahlen in Hessen und Niedersachen sich vordrängen. Und dann schlägt der deutsche Medienbischof Gebhard Fürst noch vor, vielleicht einen kirchlichen Fernsehsender zu eröffnen. Wie schön, dass dann endlich mal über Wichtiges berichtet wird. Aber wird der Sender eingeschaltet? Wird er die Welt ein wenig bewegen?
Wer ist schuld, dass wichtige Meldungen untergehen und oberflächliche Sachen Schlagzeile machen? Im Grunde alle Mediennutzer. Wir alle.
Schuld ist auch – ich sage es unumwunden für den Fall des Vatikans – weil wir hier noch viel zu rückständig sind. Weil wir viel weniger als jede kommerzielle Einrichtung nachdenken, wie man ein Thema platziert, damit es gehört wird. Wenn nicht Papst Benedikt höchst persönlich gescheite, zeitkritische Thesen vertreten würde, wenn nicht Papst Johannes Paul ein Genie im Bereich des öffentlichen Auftretens gewesen wäre, die katholische Kirche würde total überhört. Der evangelischen geht es eher noch schlechter. Was tun?
Wir, die etwas in die Welt vermitteln wollen, müssen noch viel regsamer, cleverer, glühender sein – so wie die Menschen, denen es ums Geld geht.
Wir müssen uns viel mehr einfallen lassen, damit wichtige Botschaften wenigstens gehört und diskutiert werden. Von Jesus wird nach 2000 Jahren noch gesprochen. Und auch von manchen großen Christen, die geglüht haben. Wird man von unserem Tun noch sprechen?
Und alle Medienkonsumenten müssen sich selbstkritisch fragen, ob sie durch ihr Medienverhalten die Primitivität in Zeitung und Fernsehen stützen. Wer regelmäßig eine halbwegs vernünftige Zeitung liest, muss dem Nachbarn helfen, über das 50-Groschenblatt hinauszukommen. Er oder sie braucht geistige Entwicklungshilfe. Wer sie nicht gibt, macht sich schuldig. Wir alle sind schuld, wenn dummes Zeug gedruckt und angeschaut wird. Die Fastenzeit beginnt, beginnen wir mit einem neuen persönlichen Informationsstil.


Samstag, 19.01.2008 - Paul Kirchhof
„Die Phönizier haben das Geld erfunden, aber warum so wenig?"

Kürzlich hat mir ein Freund seine moderne Fabrik gezeigt, in der die Waren – es ging um Autozubehör – fast ausschließlich von Computern und Robotern produziert wurden. Er sprach von der menschenlosen Fabrik. Ich habe ihn dann gefragt, wer denn den Gewinn aus dieser Fabrik erhalte. Und seine Antwort war: Selbstverständlich der Eigentümer, der die Computer und Roboter finanziert hat und deswegen Rendite erwartet. Diese Antwort war nicht überraschend. Sie entspricht unserem geltenden System. Aber sie zeigt uns auch ein grundsätzliches Problem, dass wir schon seit Gerhard Hauptmanns „Die Weber“ kennen.

Damals wurden die Handweber überflüssig, weil die Maschinenwebereien feinere und verlässlichere Webstoffe herstellen konnten. Die Menschen waren plötzlich arbeitslos, weil der technische Fortschritt eine bessere Form der Produktion hervorgebracht hatte. Nun werden wir auch heute den technischen Fortschritt nicht aufhalten können, und vor allem nicht aufhalten wollen. Wie verstehen ihn als Chance. Er gibt uns die Möglichkeit, die menschliche Hand von der Arbeit zu entlasten und die Fülle der Arbeit, die wir in Deutschland und Europa haben und kaum bewältigen können, zu leisten: In der Wissenschaft und Forschung, bei Schule und Ausbildung, bei der Erziehung der Kinder, der Begleitung der Jugendlichen, der Betreuung der Alten, bei der Entfaltung des religiösen Lebens, bei Umweltschutz und Erhaltung der Schöpfung.

Wir haben auch viel Geld, das diese Arbeit bezahlen könnte. Beim Geld empfinden wir allerdings immer, dass es zu wenig sei. „Die Phönizier haben das Geld erfunden, aber warum so wenig?“ Diese berühmte Frage von Nestroy macht uns bewusst, dass die Knappheit des Geldes eine Bedingung seines Wertes ist. Das Streben nach Geld ist grenzenlos. Geld in eigener Hand ist Anlass für Zufriedenheit, Geld in fremder Hand eher Anlass für Argwohn. Geld in eigener Hand nennen wir Kapital, Geld in fremder Hand nennen wir Kapitalismus, wir distanzieren uns. Eigenes Geld spricht für den wirtschaftlichen Erfolg, für Freiheitskraft und Bürgerstolz. Fremdes Geld hingegen veranlasst den scheelen Blick, bedrängt uns in der Frage, warum der andere und nicht ich selbst über das Geld verfüge.

Wir müssen in der gegenwärtigen Situation über neue Regeln nachdenken, wie die Geldströme zu organisieren seien. Wir brauchen ein fundamental neues Denken, das neue Verteilungsregeln hervorruft. Wir können etwa daran denken, dass in der Genossenschaft der Kapitalgeber und der Kunde identisch sind, dass also derjenige, der das Auto kauft, dann zugleich im Kapital beteiligt ist bei der Produktion dieses Autos. Wir müssen die Kapitalbeteiligung in Arbeitnehmerhand viel breiter streuen und viel elementarer, viel langfristiger bedenken. Wir müssen das geistige Eigentum, das Wissen der Menschen, eine seiner schönsten Tugenden, auch juristisch neu zur Entfaltung bringen. Wir müssen Alterssicherungssysteme vielleicht auf die technische Produktion umstellen. Und dann werden sich die Menschen wieder um mehr Geld bemühen, dann werden wieder Unterschiede entstehen – die sollen auch in Freiheit entstehen – aber wir werden keinen ausgrenzen, es wird keiner fundamental verarmen.

Und damit stellt sich die Frage, wer die Kraft zu solch elementaren neuen Rechtsstrukturen hat. Wer berät die Demokratie, wer gibt ihr einen Impuls, damit sie diese neuen Aufgaben bewältigen kann? In dieser Frage liegt erneut die These, dass eine freiheitliche Demokratie ohne das Religiöse nicht denkbar ist. Wir brauchen gerade jetzt die Verantwortlichkeit für den Nächsten, wir brauchen gerade jetzt den Blick des Reichen auf den Armen, wir brauchen gerade jetzt soziale und ethische Maßstäbe einer Verteilungsgerechtigkeit. Die Botschaften der Religion, der Kirche, sind aktueller denn je. (rv 28.01.2008 ag / mc)


Samstag, 19.01.2008 - Paul Kirchhof
Über die Quellen des Rechtsstaats

Recht ist Grundlage für inneren Frieden, sichert dem Menschen einen Raum der Freiheit, schützt den Einzelnen in seiner Zugehörigkeit zum sozialen Staat. Doch gegenwärtig scheint eine Normenflut uns niederzudrücken. Die Staaten und die Europäische Union publizieren eine solche Fülle von Normen, dass wir kaum mitkommen, diese zu lesen, geschweige denn, zu verstehen und zu befolgen. Deswegen müssen wir innehalten und fragen: Was erwarten wir vom Recht? Wie entsteht Recht? Wie soll Recht inhaltlich beschaffen sein? Vor vielen hundert Jahren haben wir einmal gesagt, Recht sei göttliches Recht. Wir haben die Autorität Gottes für die Autorität des Gesetzes beansprucht.

Für das moderne Gesetz heute sind wir da bescheidener. Wir haben erlebt, dass Recht Menschenwerk ist und dass auch die gesetzte Regel einmal Unrecht sein kann.
Dann haben wir gesagt: Recht ergibt sich aus der Natur. Wir müssen nur die Gesetzmäßigkeiten der Natur genau beobachten, um zu wissen, was geltendes Recht ist. In dieser These steckt eine Teilwahrheit. Aber wir wissen auch, dass vieles Recht, etwa das Finanz- und Steuerrecht, das Recht der internationalen Beziehungen, das Recht von Bildung, Wissenschaft und Kunst in der Natur nicht abgelesen werden können.

Zu Beginn der Demokratie hat man dann gesagt: Recht entsteht durch einen Staatsvertrag. Die Bürger sind zusammengekommen und haben sich – jedenfalls im Elementaren der Verfassung – auf ein bestimmtes Recht verständigt. Auch das ist eine Fiktion. Wir wissen, dass auch die Menschen, die sich nicht ‚vertragen‘ wollen, an dieses Recht gebunden sind.
Und deswegen sind wir uns heute bewusst, dass Recht aus Wissen, aus Wollen und aus Wirklichkeit entsteht.

Dieser Dreiklang klingt in dem schönen deutschen Wort der „Rechtsquelle“ an. In der Quelle tritt das Wasser hervor, das sich vorher bereits im Berg gesammelt hat. Es ist im übertragenen Sinne das Wasser, das als Wirklichkeit und gewachsenes Wissen bereits vorhanden war, bevor es zum Gesetz wird. Der Mensch bemüht sich, dieses rare und wertvolle Gut möglichst vollständig zu erfassen. Er ‚er-fasst‘ diese Quelle, damit kein Wasser verloren geht oder verschmutzt wird. Doch auch diese ‚Ver-Fassung‘ bietet dem Menschen nur das lebensnotwendige Wasser, wenn sie die schon vorhandene Wirklichkeit und das vorgefundene Wissen sichtbar ans Licht treten lässt, diese ersichtlichen Güter sodann fair verteilt und bei ihrer Verteilung Maß und Frieden wahrt. Das gilt zunächst für die Wirklichkeit. Jedes Recht muss berücksichtigen, dass der Hunger des Menschen befriedigt werden will. Es muss beachten, dass der Mensch sich im Alter entwickelt. Das Kind muss erzogen werden, ist noch nicht geschäftsfähig. Der Jugendliche muss in die Rechts- und Kulturordnung hineingeführt werden. Der Erwachsene entfaltet sich in der Blüte seiner Freiheit, der Altersgebrechliche ist auf besonderen Schutz angewiesen. Und jeder Mensch strebt nach etwas. Er will eine Familie gründen, ein Haus bauen, Einkommen erzielen, sich mit dem Religiösen auseinandersetzen. Und da gehört es zum Recht, dass wir diese Wirklichkeit achten.

Als ich ein Bub war, hat uns unser Großvater – er war Schreinermeister und Holzschnitzer – wenn wir den Christbaum mit Tannen und Kugeln geschmückt haben, gesagt: Ihr dürft die Zweige nur so behängen, dass sie nicht niedergedrückt werden. So, dass der Baum nach dem Schmuck noch das tun kann, was seine Natur ist: Hinauf zum Licht zu streben. Wir haben diese Weisung des Großvaters getreulich befolgt. Erst sehr viel später ist mir bewusst geworden, dass dies ein wunderbares Bild für eine freiheitliche Rechtsordnung ist. Was immer der Gesetzgeber tut, er darf das Aufstreben des Menschen zu Höherem nicht hemmen.

Und dann die zweite Entstehungsquelle für Recht: Das Kulturwissen. Unser ganzes Recht gründet heute in der Ausgangsposition: Jeder Mensch hat eine Würde. Er ist willkommen in dieser Rechtsgemeinschaft, allein weil er Mensch ist, ob Nobelpreisträger oder Taugenichts, er ist willkommen. Da hat man nun in der Aufklärung gesagt, die Würdegarantie ergäbe sich aus dem Gegenseitigkeitsgedanken: Achte Du meine Würde und verletze mich nicht, dann achte ich Deine Würde und verletze Dich nicht. Doch dieser Gedanke greift zu kurz. Warum soll der Reiche dem Hungerleider etwas geben, wenn er ihn morgen nicht mehr sieht? Warum soll der Mächtige dem Asylbewerber Zuflucht gewähren, wenn er ihn draußen halten kann? Warum soll der Arzt dem Sterbenden die Schmerzen lindern, wenn dieser morgen gestorben ist und ihn nicht mehr bedrohen kann? Nein, der Wert der Würde liegt tiefer. Er liegt im Christentum. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Gott ist Mensch geworden. Wir haben also ein Menschenbild, in dem Gott beheimatet sein kann. Dies ist der radikalste Freiheits- und Gleichheitssatz der Geschichte. Und diese Frucht des Christentums – nicht den Baum! – diese Frucht des Christentums macht sich der säkularisierte Staat zu eigen. Und nur wenn diese Frucht in den Köpfen der Menschen noch lebendig ist, dann haben wir dieses Kulturwissen, dass unsere Rechtsordnung trägt.

Und der dritte Grund ist selbstverständlich das Wollen. Denn in einer Demokratie entscheidet das Parlament. Darüber etwa, ob der Mehrwertsteuersatz 16 Prozent oder 19 Prozent beträgt, ob die Läden am Samstag bis 14 oder bis 18 Uhr geöffnet sind, ob die Studienplätze allein durch Steuern oder auch durch Gebühren finanziert werden. Aber auch da ist der Wille nicht beliebig. Ein beliebiger Wille des Parlaments wäre Willkür, und die würden wir zurückweisen. Die Mehrwertsteuersätze dürfen nicht über 25 Prozent betragen, die Ladenöffnungszeiten dürfen nicht auf die Mittagsstunden beschränkt werden, die Studiengebühren dürfen nicht den Begabten, aber armen Bewerber fern halten. Und deswegen gilt auch bei dem willentlich gesetzten Recht das, was am Beginn des deutschen Grundgesetzes steht: Das deutsche Staatsvolk handelt in Verantwortung vor Gott und den Menschen. Man ist sich einer Verantwortlichkeit gegenüber dem Wähler, aber auch gegenüber Gott bewusst, auch dann, wenn man sich unbeobachtet fühlt.

Diese Verantwortlichkeit führt zurück zum Grundsätzlichen, zu Elementarwerten, zu weltumspannender Humanität. Dies macht uns bewusst, dass die Erkenntnisquellen für Recht in modernen Demokratien einerseits der Wortlaut der Gesetze ist, dass aber letztlich die Entstehensquelle für Recht darüber hinaus greift: Nämlich auf die Kultur; und für das europäische Recht darüber hinaus auf die Kultur des Christentums.

Audio-file
Format Real Audio

Samstag, 05.01.2008 - Paul Kirchhof

Die Diskussion um das Verhältnis von Wissenschaft und Religion ist gegenwärtig neu entbrannt. Die Fortschritte der Medizin, der Biowissenschaften, der Technik sind so ungeheuerlich, dass der Mensch immer mehr Herrschaft über Erde und Weltall, aber auch immer mehr Herrschaft über die Existenz des Menschen selbst, sowohl innerlich als auch äußerlich, gewinnt. Dabei haben sehr erfolgreiche Naturwissenschaftler stets bekundet, dass ihr Wissen von der Natur und das Wundern über die Natur, dass also Wissen und die Frage nach Ursprung und Ziel zusammengehören, und dass sie deshalb an Gott glauben. Wir wissen das von Einstein, wir wissen das von Max Planck, wir haben es jüngst wieder vom diesjährigen Chemie-Nobelpreisträger Gerhard Ertl gehört. Dieser hatte auf die Frage, ob er als aufgeklärter Naturwissenschaftler an Gott glaube, geantwortet: „Ja, aber sicher. Das Leben ist ein gewaltiges Wunder. Wir nähern uns wissenschaftlich den Erklärungen an, aber eine Frage bleibt doch immer bestehen. Warum das alles? Hier glaube ich an Gott."

Und Peter Grünberg, der diesjährige Nobelpreisträger für Physik, antwortet auf dieselbe Frage: „Ja, natürlich. Es ist mehr da, als wir in der materiellen Welt sehen und erfassen können. Da gibt es noch etwas. Ganz sicher, sogar."
Die modernen Naturwissenschaftler können also staunen. Sie sind in ihren großartigen Erfolgen bescheiden, sie sind ständig auf der Suche. Und wir, in der entzauberten Welt der Arbeit, des Geschäfts, der Zahl und des Zählens, des Geltens und des Geltungsstrebens sehnen und immer wieder nach der Grundsatzfrage, nach Grundsatzerfahrungen.

Die Antwort des Christentums auf diese Frage der Wissenschaft ist faszinierend. Die drei Weisen werden von ihrem Stern nicht zu einem Herrscher geführt, der der Welt eine innere Ordnung verspricht, der man sich zur Erlangung des individuellen Glücks unterordnen müsse. Vielmehr werden sie zu einem Kind geführt, dass erwartet, dass die Menschen sich die Welt selbst erschließen, dass sie ihre Früchte an dieses Kind herantragen und einen inneren Frieden gegen den bedrohenden Herrscher selbst herzustellen vermögen. Der gemeinsame Ursprung christlichen Denkens und wissenschaftlichen Forschens ist das Verständnis des Menschen in einer eigenen, vorgefundenen, unveräußerlichen Würde und Personalität. Der christliche Gedanke, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, kennt keine Unterschiede unter den Menschen in ihrer Würde. Er kennt keine Verachteten, keine Ausgestoßenen und keine Ehrlosen. Er gibt jedem Menschen Freiheit, Verantwortlichkeit, Schuldfähigkeit. Alle modernen Verfassungen bestimmen die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen zum Grundsatz, aus dem das Bekenntnis zu den unveräußerlichen und unverletzlichen Menschenrechten folgt. Und die Wissenschaft setzt auf dieser rechtlichen Grundlage auf die Erkenntniskraft und Urteilsfähigkeit grundsätzlich jedes Menschen. Die Gleichheit der Menschen in individueller Würde sichert eine Existenz ohne Menschenfurcht, begründet ein persönliches Selbstbewusstsein in jedem Rechts- und Herrschaftsverhältnis, schafft mir der Verantwortlichkeit vor Gott eine innere Bindung: Eine Hochkultur, in der Freiheit gedeiht. Und das ist der Humus für die moderne Wissenschaft. Das Christentum gibt dem Wissenschaftler der Gegenwart aber noch etwas Entscheidendes mit auf den Weg: Es nimmt ihm ein Stück der Angst. Der Mensch ist angstanfällig. Angst ist das Hauptübel unserer modernen Gesellschaft. Sie führt zu Einsamkeit, schafft Distanz zum anderen Menschen, den wir als bedrohlich empfinden. Sie ist Hauptursache der heutigen Kulturkrise, ist Herd menschlicher Aggressivität und damit Ursache von Terrorismus und Krieg. Der Wissenschaftler hat als Teil der modernen Zivilgesellschaft vielfach die Endlichkeit des Menschen aus seinem Denken ausgeblendet. Er verfolgt wie jeder andere Mensch naturgemäß die Hoffnung, er möge ein möglichst langes Leben mit viel individuellem Glück haben. Das ist legitim. Aber das verengt das wissenschaftliche Denken auf bedrohlich Art und Weise. Wir haben, so möchte ich sagen, die Aufklärung zu früh abgebrochen. Die Aufklärung hatte das Verdienst, Staat und Kirche, Wissenschaft und Glaube, auf ihre je eigenen Wege zu weisen und hatte damit eine Blüte von Wissenschaft und eine Blüte der Glaubenslehren entfaltet. Diese Aufklärung muss heute aber in der Einsicht fortgesetzt werden, dass der Mensch beide Lebensbereiche braucht. Auch der Wissenschaftler kann ohne die Frage nach Ursprung und Ziel, die er selbst mit seinen wissenschaftlichen Methoden nicht beantworten kann, nicht leben. Und deshalb brauchen wir den Dialog zwischen Religion und Wissenschaft. Wir müssen das fortsetzen, was sich gegenwärtig verheißungsvoll anbahnt, etwa das Gespräch zwischen den Universitäten und der Kirche. Wir müssen die unvollendete Aufklärung fortsetzen, damit die Wissenschaft gerade in ihren gegenwärtigen Erfolgen den Blick weitet und die Frage nach Sterblichkeit des Menschen, nach dem Sinn des Lebens, die Frage nach Ursprung und Ziel der Entwicklung, der Kausalitäten und der Welt immer wieder in der geistigen Weite des Glaubens stellen kann.


Hier das Archiv

 






Programm hören


Live


on demand


Professional audio for rebroadcasting


Die Stimme des Papstes


Das Angelusgebet

Die Audienzeren













Vorige seite  Vorige Seite
website  Website
kontakt  Kontakt
 
top
top
All the contents on this site are copyrighted ©. Webmaster / Credits
top
top

Valid HTML 4.01! Valid CSS!