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Kommentar der Woche


20. Juni 2009 - Armin Laschet,
Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Wenn noch vor wenigen Jahren von Zuwanderung nach Deutschland die Rede war, dachten viele Menschen vor allem an zugewanderte Männer. „Gastarbeiter“, das waren in den Augen der Meisten Malocher, die unter Tage oder auf dem Bau harte körperliche Arbeit verrichteten. Dabei wurde und wird bis heute häufig übersehen, dass von Anfang an auch weibliche „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen sind, um bei uns zu arbeiten: allein bis 1964 rund 220.000.

Heute ist jeder zweite Mensch, der in Deutschland lebt und eine Zuwanderungs­geschichte hat, weiblich. Zuwanderung nach Deutschland hat also längst ein „weib­liches Gesicht“ bekommen. Leider hat sich damit auch ein neues Klischee in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt: Die „Türkin mit Kopftuch“ ist zu einem Synonym der Frau mit Zuwanderungsgeschichte geworden. Zugewanderte Frauen werden als rückständig und unterdrückt stigmatisiert. Dieses einseitige Bild wird der Lebenswirklichkeit der meisten zugewanderten Frauen ebenso wenig gerecht wie die frühere Fokussierung auf die Männer. Was fehlt, ist ein realistisches Bild der Frauen mit Zuwanderungsgeschichte. Deshalb hat sich die Konferenz der Frauen- und Gleichstellungsminister der deutschen Bundesländer, deren Vorsitzender ich bin, in dieser Woche intensiv mit dem Thema „Frauen und Integration“ beschäftigt.

Wir wollen den Blick dafür schärfen, dass Frauen mit Zuwanderungsgeschichte eine eigenständige und wichtige Rolle in unserer Einwanderungsgesellschaft ausüben: Sie machen Abitur und studieren, gründen eigene Unter­nehmen und ziehen Kinder groß. In vielerlei Hinsicht sind sie erfolgreicher als die Männer aus Zuwanderer­familien. Für unsere Gesellschaft sind die zugewanderten Frauen ein großes Potenzial.

Aber nicht alle Töchter aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte können ihre Potenziale frei entfalten. Manchen wird von ihren Eltern der Besuch weiterführender Schulen oder Universitäten verboten, weil Eltern denken: „Wozu soll unsere Tochter studieren, wenn sie doch heiraten und einen Haushalt führen soll?“. In extremen Fällen, die es leider auch in Deutschland mitunter gibt, kommt es sogar zu Zwangsheiraten und Gewalt gegen Frauen.

Das ist mit unserer christlich-jüdisch geprägten Werteordnung nicht vereinbar, die von der Würde jedes Menschen ausgeht, von seinem Recht auf freie Selbst­bestimmung und der Gleichheit von Männern und Frauen. Einen „kulturellen Rabatt“ – d.h. eine falsche Rücksichtnahme darauf, dass unterschiedliche kulturelle Traditionen eine Benachteilung von Frauen rechtfertigen könnten –, darf und wird es in Deutschland nicht geben.

Die Ministerkonferenz hat auch daran erinnert, dass es Benachteiligung von Frauen und Mädchen schon gegeben hat, bevor die ersten Zuwanderer zu uns kamen. Dass Eltern ihre Töchter früher von der Schule nahmen als die Söhne, dass die Jungen studieren durften, aber nicht die Mädchen – das gehört auch zur Geschichte unseres Landes.

In den vergangenen Jahrzehnten ist erreicht worden, dass diese und andere Benachteiligungen von Frauen überwunden wurden. Unterstützen wir nun auch die jungen Frauen mit Zuwanderungsgeschichte, dass sie sich selbst entfalten und ihre Talente und Fähigkeiten in unsere Gesellschaft einbringen können. Sie sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft.

Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling, Erlangen
29. Mai 2009

In regelmäßiger Folge verabschiedet das EU-Parlament seine Menschenrechtsberichte. Damit werden Verletzungen der Menschenrechte angeprangert, Folter, Wahlfälschungen, Diktaturen und Massenmorde. Doch unterliegen immer wieder EU-Parlamentarier der Versuchung, die Menschenrechtsberichte zu mißbrauchen, indem sie ihre politischen Ziele als verletzte Menschenrechte in den Bericht einschleusen. So wollten die europäischen Linken die Verhinderung der Ehe gleichgeschlechtlicher Partner,und das Verbot von Drogen, ja sogar das Verbot der aktiven Sterbehilfe als Menschenrechtsverletzungen anprangern lassen. Jetzt sollte nun auf einen Antrag der Liberalen hin sogar der Papst wegen seiner Äußerungen über AIDS und Kondome als Menschenrechtsverletzer verurteilt werden. Nur eine Initiative der EVP-Fraktion konnte das gerade eben noch verhindern. Gerade noch? Der Antrag der Liberalen wurde mit 253 Stimmen abgelehnt. 199 wollten dagegen den Papst verurteilen. Und 61 enthielten sich der Stimme, widersprachen also dem skandalösen Antrag der Liberalen nicht. Das hätte leicht schiefgehen können, ebenso wie im belgischen Parlament.

Und warum hätte das leicht schiefgehen können? Weil seinerzeit mehr als der Hälfte der Wähler das EU-Parlament so gleichgültig war, daß sie sich an der Wahl einfach nicht beteiligten, aus Bequemlichkeit oder aus Desinteresse oder weil sie Europa für unwichtig hielten.

Dabei beschließt dieses Parlament über Dinge, die in nationales Recht umgesetzt werden müssen und umgesetzt werden, von denen jeder mehr oder weniger betroffen ist. Da geht es keineswegs nur um Resultate behördlichen Übermutes wie den Krümmungsradius von Salatgurken oder die Menge Salz, die eine Brezel aufweisen darf. Die EU kümmert sich letztlich um alles, und das EU-Parlament müßte die Brüsseler Regelungswut beschneiden! Andererseits sollten wir nicht verkennen, was die EU uns gebracht hat: drei Generationen ohne Krieg im eigenen Lande, Reisefreiheit vom Baltikum bis Lissabon ohne Paß und ohne Visum und ohne Geldwechsel, Niederlassungsfreiheit für alle EU-Bürger. Wer die Zeit vor 1945 und im Osten vor der Wende nicht erlebt hat, kann überhaupt nicht ermessen, welchen Zuwachs an Freiheit und Wohlstand wir genießen dürfen. Doch müssen wir um die Freiheit Tag für Tag bemüht sein, denn sie istüberhaupt nicht selbstverständlich, sondern immer bedroht. Darum brauchen wir die Wächter der Freiheit in den Parlamenten, auch im EU-Parlament, und zwar die richtigen. Nicht linke Gleichmacher und nicht liberale Kirchenhasser.

Es ist grob fahrlässig, nicht zur Wahl zu gehen, undes ist verantwortungslos unseren Kindern gegenüber. Denn jede Stimme, die nicht abgegeben wird, zählt für die, die man nicht will. Wer Gewissensbedenken hat, eine Partei zu wählen, die ihm in diesem oder jenem Punkte nicht christlich genug ist, der möge bedenken, daßdie Wahl eines kleineren Übels sittlich geboten sein kann. Das gilt ganz sicher für die Wahl zum Europaparlament am übernächsten Sonntag. Wer hat schließlich dem Antrag der Liberalen, den Papst als Menschenrechtsverletzer zu verurteilen widerstanden? Das sind die Leute, die im EU-Parlament gestärkt werden sollten. Und nicht nur als das kleinere Übel!

Sagen Sie es Ihren Nachbarn, Ihren Kollegen und nicht zuletzt Ihren wahlberechtigten Kindern und Enkeln, denen das Verständnis für das Europa, in dem und von dem sie leben, leider oft abgeht. Denn dieses Europa ist keineswegs selbstverständlich. In einer Zeit, da es sich schämt sich zu seinen geistigen Wurzeln zu bekennen, ist es gefährdet.Sorgen Sie für Abgeordnete, die noch wissen, daß Europa auf vier Bergen entstanden ist: dem Sinai, der griechischen Akropolis, dem römischen Capitol und auf Golgatha.


23. Mai 2009
Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling, Erlangen

Auf dem deutschen Ärztetag hat in dieser Woche Professor Hoppe, der Präsident der Bundesärztekammer erklärt, derjenige sage nicht die Wahrheit, der behaupte, die umfassende Gesundheitsversorgung sei sicher. Die Regierung ließ dagegen verlauten, um das Niveau der medizinischen Versorgung werde Deutschland beneidet. Beide Aussagen werden in der Auseinandersetzung um das Ausmaß dessen gemacht, was für die Gesundheit aus Solidarität geleistet werden muß und gefordert werden kann. Das deutsche Grundgesetz, das in diesen Tagen eine sechzigjährige Erfolgsgeschichte aufzuweisen hat, sagt dazu nur wenig, nämlich dass die Bundesrepublik ein sozialer Rechtsstaat sei, was bedeutet, dass die Bürger füreinander einstehen müssen und ein Recht auf solidarische Hilfe haben. Wie weit diese Pflicht und dieses Recht gehen, das überlässt das Grundgesetz dem Gesetzgeber, der Verwaltung und der Justiz.

In der Schweiz ist das nicht viel anders, und man hat sich dort bisher erfolgreich gegen allzu weitgehende verfassungsrechtliche Regelung von Einzelheiten gewehrt, so z. B. das Absinthverbot aus der Bundesverfassung gestrichen. Aber am letzten Sonntag haben die Schweizer Wähler durch Volksentscheid eine neue Bestimmung in ihre Verfassung eingefügt. Danach muß die obligatorische Grundversicherung dort künftig die Vergütung für fünf ärztliche komplementärmedizinische Methoden vergüten. Nämlich für klassische Homöopathie, für Neuraltherapie, für Phytotherapie, für die anthroposophische Medizin und sogar für traditionelle chinesische Medizin.

Wie kam es dazu, solchen Forderungen Verfassungsrang zu geben?

Vor vier Jahren war eine solche Vergütung versuchsweise in einer großangelegten Studie in der Schweiz eingeführt und das Ergebnis wissenschaftlich kontrolliert worden. Die Regierung schloss aus dem Ergebnis, dass die fünf Methoden der Komplementärmedizin sich weder als zweckmäßig noch als wirksam noch als wirtschaftlich erwiesen hätten und beendete den Versuch. Die Befürworter der Komplementärmedizin ruhten aber nicht und verlangten mit einem Volksbegehren einen Volksentscheid über die Aufnahme des Anspruches auf ihre Komplementärmedizin in die Schweizer Verfassung. Sie gewannen. Mit fast zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen ist die Verfassung wie gewünscht ergänzt worden, allerdings bei einer Wahlbeteiligung von nur 34 %.

Damit ist ein politischer Stilbruch erfolgt. Einem tagespolitischen Anliegen wurde Verfassungsrang gegeben und die Verfassung so zum Instrument tagespolitischer Auseinandersetzungen gemacht.

Doch viel mehr Besorgnis erregt die Mentalität, die hinter dem Glauben an die Komplementärmedizin steht. Auf die Gefahr hin, die Sympathie zahlreicher Hörer von Radio Vatikan zu verlieren, sei der Sorge Ausdruck verliehen: es gibt einen pseudoreligiösen Glauben an eine gleichsam personal gedachte Natur, vor dem gewarnt werden muß. (keine fremden Götter neben mir haben, heißt es im ersten Gebot!) Diese Natur wird als per se heilsam angesehen. Dabei kommen doch auch die Krankheiten aus der Natur und selbst der Tod, gegen den kein Kraut gewachsen ist. Nur eine rational kontrollierte Nutzung der Kräfte der Natur kann uns in unseren leiblichen Nöten eine - letztlich begrenzte - Hilfe sein - und ist es auch. Blinde Vergötterung der Natur, wie sie in der Komplementärmedizin zumeist geschieht, ist schlichter Aberglaube. Die erprobte und gekonnte Nutzung der Natur entspricht dagegen dem Schöpfungsauftrag. Wir sollen sie uns untertan machen, die Natur, nicht ihr wie einem Gott vertrauen.

Aus solchen Gründen erregt die Änderung der Schweizer Verfassung Besorgnis. Wegen der Glaubenssache, einer Art Aberglauben nämlich, die dahintersteht. Auch wenn Sie sich nach der letzten Akupunkturnadelung besser gefühlt haben sollten; Es lohnt sich, darüber nachzudenken!

2. Mai 2009
Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling, Erlangen

Das war sie, verehrte Hörerinnen und Hörer von Radio Vatikan, die diesjährige „Woche des Lebens“! Haben Sie den großen Aufbruch der Christen beider Konfessionen für das Leben vernommen? Wohl kaum! Vielleicht haben Sie die Woche des Lebens weder in Ihrer Tageszeitung noch im Radio noch im Fernsehen bemerkt? Ist die ganze Sache gar zu einer lustlosen Pflichtübung verkommen?

Daß genau dies nicht sein durfte, haben in diesen Tagen zahlreiche Nachrichten - teils in brutaler Offenheit, teils versteckt - gezeigt. Zwar scheint es bei den hier zu nennenden Vorgängen vordergründig auch um das Leben zu gehen; aber in Wirklichkeit soll Leben geopfert werden.

Da verkündet die deutsche Familienministerin, sie plane nach der Bundestagswahl, die künstliche Befruchtung aus Bundesmitteln, also mit unserem Steuergeld, zu fördern, Offenbar geht es ihr um eine Steigerung der Geburtenzahlen, also meint sie, sich für das Leben einzusetzen. Nun ist aber das Verfahren nicht sehr effektiv und belastet die Frauen physisch und psychisch schwer. Die Reproduktionsmediziner verlangen deswegen nach der Aufhebung gesetzlicher Beschränkungen - praktisch danach, mehr Embryonen als erforderlich herzustellen und die überflüssigen zu entsorgen, durch Tötung oder in wissenschaftlichen Experimenten. Nur auf diese Weise sei die Effektivität des Verfahrens zu verbessern, der derzeitige Zustand sei unverantwortlich. Ist er auch; nur aus ganz anderen Gründen! Woche des Lebens?

Da verlangt ein namhafter deutscher Jurist, die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung zu akzeptieren, natürlich auch für das Leben, das scheinbar selbstbestimmte nämlich. Doch der stellvertretende Präsident der Bundesärztekammer, Montgomery, weist ihn zurück, indem er die bloße Beihilfe als unverantwortlich bezeichnet. Wenn der Arzt seinem Patienten schon zum Tode verhelfen dürfen solle, dann müsse das wenigstens technisch perfekt geschehen, also durch Injektion. Die verlangt Montgomery natürlich nicht, will aber damit sagen, daß die einzig verantwortbare Konsequenz der Zulassung zur ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung die Zulassung der Tötung sei. Was der Jurist da für ein selbstbestimmtes Leben verlangt, muß letztlich eben doch zur Tötung führen. Woche des Lebens?

Die europäischen Parlamentarier beschließen, natürlich für das Leben, seltene Erbkrankheiten „auszumerzen“ und schämen sich nicht der Wortwahl der nationalsozialistischenErbgesundheitsapostel. In ihren Hinterköpfen scheint der Begriff der „Endlösung“, wie er im Dritten Reich für die Judenfrage galt, nun für die Behindertenfrage gut zu sein. Methodisch sollen „für das Leben“ Embryonen getötet werden, die vor der Implantation oder vor der Geburt auszusondern seien. Woche des Lebens?

Der Deutsche Bundestag beschließt ein Gendiagnostikgesetz, das (hurra!) „für das Leben“ verbietet, vorgeburtlich nach spät manifestierenden Erbkrankheiten zu suchen, das heißt, nach solchen, die erst im späteren Alter auftreten. Aber - damit bleibt die Suche nach allen anderen Erbkrankheiten und Mißbildungen frei, die gegebenen Falles zur Abtreibung berechtigen. Woche des Lebens?

Offenbar hat man sich rundum zu einer „Woche des Todes“ verschworen. Die „Woche des Lebens“ bedarf deswegen dringend der Velebendigung!


Pater Eberhard von Gemmingen SJ - 14. Februar 2009

Friede zwischen Papst und Juden. Nach einem Blitzkrieg ohne Sieger und Besiegte haben sich die Kontrahenten sehr schnell nicht nur zu einem Waffenstillstand, sondern zu weiteren Freundschaftsgesprächen verabredet. Was war geschehen?
Eine Falschmeldung hatte den Eindruck erweckt, die katholische Kirche verurteile die Juden wieder als Gottesmörder, halte daher den Holocaust für eine Nebensache, werde nie wieder freundlich mit den älteren Brüdern sprechen. Nun – auch Brüder streiten mitunter. Aber sie müssen dann auch wissen, worüber sie streiten.
Die Falschmeldung lautete: Der Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner. Die Meldung war und ist falsch. Papst Benedikt hat seine mehrfache und ausdrückliche Verurteilung des Holocaust nie auch nur scheinbar zurückgenommen. Wollte jemand durch die Falschmeldung dem Vatikan schaden? Ich weiß es nicht. War einfach die Medienlogik daran schuld und kein einzelner Mensch und keine einzige Einrichtung. Medien suchen sich Schlagzeilen. Wenn sie keine finden, dann erfinden sie selbst welche. Und die Tatsache, dass unter den vier Bischöfen, deren Exkommunikation aufgehoben wurde, ein Holocaust-Leugner war, bot eben jedem Journalist die Vorlage zur Schlagzeile: Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner. Das hat der Papst natürlich nicht getan. Das konnte jeder wissen. Die spitze Feder kann wie im Mittelalter also zum Konflikte aufhetzen, zum Streit anstiften. Und ein Streit zwischen dem Oberhaupt der katholischen Kirche und dem Judentum ist für die ganze Welt etwas Schlimmes. Auch wenn dabei keine Raketen eingesetzt werden, so schürt er doch Abneigung, Skepsis, möglicherweise Hass.
Und ich füge gerne an: Wir als Kirche müssten in solchen Fragen vorsichtiger, umsichtiger vorgehen. Die Aufhebung der Exkommunikation durch den Papst als Zeichen der Versöhnung ist gut. Aber man müsste gleich dazu sagen, dass die Holocaust-Leugnung wirklich sehr schlimm ist, und dass sie mit der Exkommunikations-Aufhebung nicht gemeint ist. Der Papst verurteilt die Holocaust-Leugnung. Medienleute müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Aber wir Verantwortlichen im Vatikan dürfen nicht übersehen, dass unsere Worte und Erklärungen missverstanden werden können. Wir meinen vielleicht: weil wir keine Waffen haben, hätten wir auch wenig Macht und Einfluss. Das ist ein Irrtum. Denn auch Worte und erst recht Missverständnisse können die Weltpolitik bewegen. Wir könnten aus dem großen Missverständnis lernen.


7. Februar 2009 - Mario Galgano

An dieser Stelle hätte der Schweizer Pharma-Unternehmer Daniel Vasella einen Kommentar gesprochen. Wir von Radio Vatikan hatten ihn vor einiger Zeit darum gebeten. Die schwierigen Umstände in den vergangenen Tagen rund um die Kommunikationspannen im Vatikan haben uns aber dazu gezwungen, auf den Kommentar von Daniel Vasella zu verzichten. Dafür möchten wir uns bei Herrn Vasella entschuldigen und bitten unsere Hörerinnen und Hörer um Verständnis.
Als ehemaliger Mediensprecher und Kommunikationsverantwortlichen bei der Schweizer Bischofskonferenz weiß ich sehr wohl, wie wichtig es ist, gut und präzise zu kommunizieren. Journalisten sind dabei wichtige Partner, was nicht bedeutet, dass sie die Pressesprecher der Pressesprecher sind noch kritiklos Kommuniques und dergleichen übernehmen sollten. Nachdem in den vergangenen Tagen aber so viele Fehler auf allen Seiten unterlaufen sind, scheint es mir wichtig zu betonen, dass man sich an die grundlegenden Regeln des Journalismus-Berufes halten sollte. Damit meine ich: korrekt, fair und ausgewogen zu berichten. Besonders gefährlich ist es, wenn es um Zitate geht. Das hat nicht nur der Papst und seine Mitarbeiter in den vergangenen Tagen am eigenen Leibe erfahren. Ein Satz im falschen Kontext und schon entstehen Sensationsmeldungen.
Oft habe ich aber den Eindruck, dass einige meiner Berufs-Kolleginnen und -Kollegen vergessen, dass sie über Menschen schreiben. Ein Satz – und dazu im falschen Kontext – stellt noch lange kein vollständiges Bild eines Menschen dar. Das sollte auch dem Mediennutzer bewusst sein. Mir wurde das klar, als ich mich „intensiv“ mit Benedikt XVI. als Radio-Journalist und als Vatikan-Angestellter auseinandersetzen musste. Dabei ist mir aufgefallen, wie viele Irrtümer über ihn im Umlauf zirkulieren. Mir fiel auch auf, dass es einige Journalisten nicht unterlassen können, den Papst einfach schlecht zu machen, ohne sich genau über ihn und seinen Aussagen zu informieren. Vielleicht liegt das daran, dass es für den kirchlichen Bereich keine echten Kirchen-Journalisten gibt. Stellen Sie sich doch einmal vor, ein Wirtschaftsjournalist kommentiert einen Fußball-Match oder umgekehrt ein Sport-Journalist erklärt Ihnen die Börsenzahlen.
Oft müssen ahnungslose Journalisten über den Vatikan, die Kirche oder den Papst berichten. Und da scheint es mir, dass sie sich dabei dem angeblichen allgemeinen Strom richten wollen: Papst ist schlecht und darum muss der Artikel gleich eine Papst-Kritik sein. Egal was der Papst gesagt hat. Noch schlimmer ist es, wenn irgendein Mitarbeiter – und sei es der Papst-Gärtner – was sagt. Das wird gleich mit dem Vatikan oder Papst gleich gesetzt. Als ob der Pontifex Maximus selber das gesagt hätte. Vielleicht wäre es aber besser, wenn künftig, Journalisten, die über Papst, Kirche oder Vatikan berichten, ausgebildete und nicht eingebildete Kirchenexperten sind. (rv)


31. Januar - Stefan von Kempis

Lieber Hörerinnen und Hörer,
Ich bitte jetzt alle, die Papst Benedikt hoch schätzen, um das Vertrauen in mich, wenn ich gerade aus Hochachtung vor ihm, seinem Amt und seiner Kirche, die Arbeit einiger Personen im Vatikan unter die Lupe nehme. Ich tue das nicht zur Nestbeschmutzung, sondern weil Millionen anständiger Menschen ernsthafte Fragen an Papst Benedikt und die katholische Kirche haben. Meine folgende Kritik ist Ausdruck der Wertschätzung des Papstes, des Vatikans und der katholischen Kirche.
Und nun möchte ich sagen:
Im Vatikan ist in den letzten Tagen einiges schief gelaufen. Könnte nicht ein Sprecher erklären: Wir haben einige Fehler gemacht? Da ist etwas falsch gelaufen?
Dass der Papst sich um die Einheit der Kirche bemüht, darf einen freuen. Dass manche die Aufhebung einer Exkommunikation mit einer völligen Rehabilitierung verwechseln, darf einen wundern oder ärgern. Dass ein illegaler Bischof, dem der Papst so entgegenkommt, sich als Holocaust-Leugner outet und völlig unmöglich macht - das wiederum kann einem nur noch fatal vorkommen. Zumal man in der abgespaltenen Pius-Bruderschaft noch ganz andere Abgründe an Vorgestrigkeit vermuten darf.

Klar gesagt: Dieses zeitliche Zusammenfallen von Aufhebung der Exkommunikation und Holocaust-Leugnung durch Bischof Williamson ist fatal. Einfach fatal. Hinterher muß der Vatikan wieder kitten und Schaden begrenzen – wie nach der „Regensburger Rede“. Da ist ein sicher richtiges Vorhaben – nämlich die Einheit der Kirche zu bewahren – unprofessionell ins Werk gesetzt worden. Es sind eben nicht nur die „bösen Medien“, die da einen Bischof-Williamson-Skandal inszeniert haben, um dem Ansehen des Papstes zu schaden. Auch im Vatikan sind in dieser Angelegenheit Fehler gemacht worden.

Benedikt XVI. hat am Mittwoch das Richtige getan, als er nicht mit dem Zeigefinger auf andere zeigte, sondern (nicht zum ersten Mal) jeder Leugnung des Holocaust eine klare Absage erteilte. Wer den Papst kennt, weiß, wie sehr ihm gerade das Verhältnis zum Judentum am Herzen liegt. Leider muss man manchmal den Eindruck haben, dass es im Vatikan auch Personen gibt, die ihre eigenen Projekte verfolgen – und dabei in Kauf nehmen, dass das das Ansehender katholischen Kirche und das katholisch-jüdische Verhältnis schweren Schaden nimmt.

Schon soll nach Zeitungs-Indiskretionen ein Vatikan-Kardinal den anderen beschuldigt haben, die Aufhebung der Exkommunikationen überstürzt und unüberlegt durchgedrückt zu haben. Es wäre nicht der erste Hinweis auf „Schlamperei“ mit schwerwiegenden Folgen im Vatikan. Benedikt XVI. bittet die Kardinäle immer wieder eindringlich um loyale Mitarbeit bei der Lenkung der Kirche – an diesem Anspruch muss man die römische Kurie messen.
Durch diese meine Worte will ich zeigen, dass nicht der Papst an all dem schuld ist, worüber sich Menschen rund um den Globus skandalizieren, sondern leider Menschen im Vatikan, die unprofessionell oder eigensinnig arbeiten.


P. Eberhard v. Gemmingen - 24.1.2009

Ich sehe mich herausgefordert, zwei ganz aktuelle Ereignisse zu kommentieren. Den Youtube-Auftritt des Vatikans und die Rücknahme der Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe und die damit n i c h t zusammen hängende Leugnung des Holokaust durch einen der Lefebrve- Anhänger.

Also: „Der Papst auf Youtube“, das ist die lockere, gute Meldung. Er mischt sich gleichsam unter die Weltjugend, die sich auf diesem Marktplatz tummelt. Dass er dort auch zwielichtigen Gestalten begegnet – ja das ist fast gewünscht, denn Jesus trieb sich ja bekanntlich auch mit Leuten herum, denen die Anständigen nicht die Hand gaben. Anders formuliert: Wenn Menschen wissen wollen, was der Papst zu aktuellen Weltfragen sagt, finden sie Antworten eben bei den Video-Clips, die es jeden Tag neu auf youtube gibt. Da hört und sieht man Stellungnahmen zu Krieg und Frieden z.B. im Nahen Osten, zu Obama, zu Seehofer, zu Christenverfolgung undundund. Suchen Sie, beobachten Sie Benedikt bei seinen Audienzen.

Und nun die schwierigere Kost: Die Exkommunikation von vier Bischöfen, die sich dem abtrünnigen Erzbischof Lefebvre angeschlossen hatten, ist aufgehoben. Der Papst streckt ihnen die Hand entgegen, nachdem sie den Wunsch geäußert hatten, wieder zur katholischen Kirche zu gehören. Diese Geste des guten Willens von Papst Benedikt hat überhaupt nichts zu tun mit den völlig unsachlichen Erklärungen von Bischof Williams, der den Holokaust leugnet. Dass die Aufhebung der Exkommunikation gerade zusammenfällt mit diesen skandalösen Äußerungen ist fatal und erweckt bei mir Unbehagen. Williams ist einer von den vier Lefebvre-Bischöfen. Er vertritt die Ansicht, es seien höchstens ein oder zweihundert-tausend Juden umgebracht worden, keineswegs 6 Millionen. Diese höchst unsachliche Äußerung des englischen Lefebvre-Bischofs hat überhaupt nicht damit zu tun, dass der Papst jetzt auf die ganze Gemeinschaft zugegangen ist. Die Exkommunikation betrifft die Bischofsweihe ohne Erlaubnis des Vatikans, wodurch eine schismatischen Kirche entstand. Die Rücknahme der Exkommunikation betrifft überhaupt nicht politische Ansichten von Mitgliedern der Gemeinschaft. Wer dies unterstellt, begeht Manipulation und ist schuldig an Verhetzung. Und nochmals zur Geste des Papstes gegenüber den bisherigen Lefebvre-Anhängern. Es ist abwegig, in ihr eine Ablehnung des 2. Vatikanischen Konzils durch den Papst zu sehen. Benedikt steht zum Konzil, zur Liturgiereform, zur Religionsfreiheit. Das hat er wiederholt erklärt. Was ihn stört, ist nur die falsche Interpretation der neuen Liturgie und der Religionsfreiheit. Im Tiefsten geht es meiner Ansicht nach Benedikt um ganz Anderes: Wenn wir die christlichen Wurzeln unserer Kultur vergessen, dann verlieren wir die gesellschaftlichen Errungenschaften an Gerechtigkeit, Solidarität und Humanität und auch das, was uns die Aufklärung gebracht hat. Der Mensch braucht Gott. Wenn wir Gott verlieren, verlieren wir uns selbst. Das bewegt Papst Benedikt.


Franz Küberl - 27.12.2008

Noch freuen wir uns über Weihnachten. Über Begegnung in der Familie, Kirchgang. Freie Tage. Aber wir brauchen auch den nüchternen Blick auf das nächste Jahr.
Zunächst sind es die Folgen der Finanzkrise, die aus den USA über den Atlantischen Ozean schwappte. Sie richtet nun auch hierzulande schwere Schäden an, einem Tsunami vergleichbar. Schon vorher haben die Teuerungen bei Lebensmitteln und Energie auf der ganzen Welt- auch in Europa - Menschen in Hunger und Armut gestürzt.
Entstanden ist die Finanzkrise durch Verantwortungslosigkeit und Gier. So mancher Bankenchef oder Anlageberater residierte ineiner vornehmen Räuberhöhle, beseelt von ungeheurerMenschenverachtung. Unbehelligt vonstaatlichen Kontrollinstanzen. Mit harten Folgen für das Wirtschaftsleben und den Arbeitsmarkt. Denn eines hat das jüngste Desaster gezeigt: Die Manager, die an ihren eigenen Ästen sägen, fallen weich, denn sie fallen auf benachteiligte Menschen. Die Benachteiligten aber müssendie Folgen tragen. Die jüngsten Straßenschlachten in Griechenlandzeigen, wohin die Verzweiflung führen kann. Daher braucht die Wirtschaft ein neues, besseres Regelwerk, um ihre Dienstfunktion besser erfüllen zu können.
Gott sei Dank betont Papst Benedikt XVI. in seiner Rede zum Weltfriedenstag 2008: „Die Menschheitsfamilie…braucht außer einem Fundament an gemeinsam anerkannten Werten eine Wirtschaft, die wirklich den Erfordernissen eines Allgemeinwohls in weltweiten Dimensionen gerecht wird…. Zugleich muss man sich um eine kluge Nutzung der Ressourcen und um eine gerechte Verteilung der Güter bemühen.“ So der Papst.
Ein Schritt, um den Weg aus der Krise zu ebnen, ist ein Solidarpakt der Gesellschaft für die Bedürftigen. Z.B. durch eine bedarfsorientierte Mindestsicherung, wie sie von der Politik in Österreich schon einige Zeit versprochen wird. Finanzielle Unterstützung der Menschen mit geringem Einkommen bewahrt vor dem Abrutschen in die Armut und damit vor Angst und Perspektivenlosigkeit.
Eine zweite große Herausforderung sind die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels Die negativen Folgen .etwa in der landwirtschaftlichen Produktion und Ernährungssicherheit bedeuten, dass in Zukunft weitere 600 Millionen Menschen vom Hunger bedroht sein werden, zusätzlich zu der Milliarde Menschen, die jetzt schon nicht genug zu essen haben. Der Klimawandel lässt Zahl und Wirkung der weltweiten Katastrophen drastisch steigen. Im Vorjahr gab esweltweit 414 Naturkatastrophen. Das ist doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Die Menschen haben besonders mit Hochwasser, Wirbelstürmen und Dürren verstärkt zu kämpfen. Katastrophenvorsorge ist das Um und Auf. Sie muss in den nächsten Jahren viel stärker beachtet werden als bisher. Übrigens. Programme zur Katastrophenvorsorge laufen in vielen Caritasorganisationen weltweit. Aber es brauchtauf internationaler Ebene ebenso einen Solidarpakt für die Ärmsten. Durchdie Erhöhung der Mittel für Entwicklungszusammenarbeit auf wenigstens 0,7 Prozent des jeweiligen Bruttonationaleinkommens. Damit die Menschheit aus dem Elend kommen kann.
Eine dritte Herausforderung besteht im Zurückdrängen der Gewalt.Krisenherde wie in Darfour, in derDemokratischen Republik Kongo, im früher so blühenden Zimbabwe, im Nahen Osten sind offene Wunden der Weltgemeinschaft. Zurecht fordert der Papst in seiner Rede zum Weltfriedenstag die Umsetzung eines einfachen, wie wirksamen „Friedensrezept“ für die Staatenfamilie: „ Eine Familie lebt im Frieden, wenn alle ihre Glieder sich einer gemeinsamen Richtlinie unterwerfen: Diese muss dem egoistischen Individualismus wehren und die Einzelnen zusammenhalten, indem sie ihre harmonische Koexistenz und ihren zielgerichteten Fleiß fördert.“ Dieses in sich schlüssige Prinzip gilt auch für die größeren Gemeinschaften, von den lokalen über die nationalen bis hin zur internationalen Gemeinschaft. Das beinhaltet auch eine Migrationspolitik, die die Fähigkeiten des jeweils „anderen“ wahrnimmt und schätzt und den Menschen ein Leben mit Perspektiven ermöglicht: Sei es in der ursprünglichen oder einer neuen Heimat.
An Weihnachten beten wir in besonderer Weise zu Gott, der in einer Krippe liegt. Wehrlos. Arm. Verlassen. Aber auch die Bergpredigt ist in der Krippe. Und es wird wenige Jahre danach der erwachsene Jesus der Christus sein, der zu radikaler Abkehr von Unmenschlichkeit aufruft, dem alle Menschen gleich viel wert sind. Der den Mammon verdammt. Wir sind sein Bodenpersonal. Wir beginnen am Christtag mit der Arbeit, damit sein Reich kommen kann. Ich wünsche Ihnen ein gelingendes Jahr 2009!


Franz Küberl - 20.12.2008

Vor zweitausend Jahren machte sich eine kleine Familie auf die Suche nach einem Dach über dem Kopf: Die Frau, hochschwanger, der Mann, verzweifelt,weil ihnen die Türen der Herbergen verschlossen blieben. Nur ein Stall- vielleicht auch nur eine Höhle - bot ihnen schließlich Schutz vor der klirrenden Kälte: Der Sohn Gottes, der Erlöser der Menschen, wurde "Obdach-los" geboren.
Es muss hart zugegangen sein, damals in Bethlehem. So wie oft auf der Welt. Wenn die Leute arm sind, wenn der Eindruck entsteht, dass man etwas hergeben müsste, dann ist man lieber hartund lehnt ab.Aus der Geschichte weiß man, dass die GeburtJesu kein Sonderfall war. Es kam öftersvor, dass arme Kinder ihre erste Liegestatt in einer Krippe hatten. Jesus war also von Geburt an ein an der Grenze zum üblichen lebender Mensch. Er wollte uns vom ersten Moment seines Menschseins stark zum Denken geben.
Weihnachten ist damit vor allem auch eine Provokation, weil esin besonderer Weise den Blick auf jene lenkt, deren Zuhause gefährdet ist:Auf all jene, die in Armut leben müssen und deren Leben ein Drahtseilakt ist. Auf all jene, die einsam sind. Die alleine mit den Widrigkeiten des Lebens fertig werden müssen. Eine dieser hässlichen Widrigkeiten ist die Obdachlosigkeit.
Obdachlosigkeit im 21. Jahrhundert hat viele Gesichter. Natürlich gibt es ihn nach wie vor, den Mann, den das Leben aus der Bahn geworfen hat und der alkoholkrank auf der Parkbank nächtigt. Es gibt aber auch die verborgene, die versteckte Obdachlosigkeit. Dann nämlich, wenn Menschen, meist Frauen, aus Angst, andernfalls auf der Straße zu stehen, in einer lieblosen Beziehung bleiben oder sogar Gewalt und Demütigung ertragen.
Als Caritas sind wir leider in jüngerer Zeit des Öfteren wieder mit einer besonderen Form von Obdachlosigkeit konfrontiert. Besonders jene Asylwerberinnen und Asylwerber, die freiwillig in ihre Heimat zurückkehren, etwa, weil ihre Chancen auf Asyl in Österreich gering sind und sie das lange Warten auf einen Bescheid zermürbt werden nun wieder verstärkt auf die Straße gestellt. Das ist staatlich geförderteObdachlosigkeit. Ein schlechtes Signal, aus humanitären und aus politischen Gründen. Weil man der Stammtischgerichtsbarkeit nachgibt.
Viele Menschen leiden freilich auch an emotionaler Obdachlosigkeit. Jede zweite Ehe wird heutzutage geschieden. Das Eheversprechen „In guten wie in schlechten Zeiten“ wird durch die Realität oft Lügengestraft. Besonders schlimm ist das dann, wenn die Ehe der Belastung eines Kindes mit Behinderung nicht stand hält. Häufig sind es in solchen Fällen die Männer, die diese Verantwortung nicht tragen wollen oder können und daher auswandern.
Und nicht wenige Menschen, mit denen wir als Caritas zu tun haben, leiden neben materieller Armut an Kontakt-Armut. Die Einsamkeit macht aber ebenso verzweifelt wie das Wissen, dass das Geld nicht für Miete und Essen reicht.
Was gilt es hier zu tun? Jede und jeder von uns ist hier gefordert, ein Kontaktnetz zu knüpfen. Familiär,nachbarschaftlich, im Bekanntenkreis. Es muß gut geknüpft sein, damit Einsame aufgefangen werden können. Natürlich hat hier auch der Staat besondere Verantwortung. Familien – auch und besonders solche, mit nur einem Elternteil – den Rücken zu stärken.
Familien brauchen drei Voraussetzungen, damit sie gut funktionieren können: Ausreichend Zeit zuhause und miteinander, familiengerechte Rahmenbedingungen und die notwendigen finanziellen Mittel. (Es muss sich jede europäische Gesellschaft, jeder Staat überlegen, wie diese drei Säulen tragfähig aufgebaut werden können. Für die Zeit daheim braucht es:flexible, kindgerechteArbeitszeiten und eine Wirtschaft, die in der Arbeitswelt ein familienfreundliches Klima fördert.Passende Rahmenbedingungen bedeuten flexible Kinderbetreuungsangebote, die nicht um neun Uhr auf- und zu Mittag womöglich schon wieder zusperren.
Weiters braucht es hier auch eine entsprechende finanzielle Absicherung, wie immer die auch geregeltsein mag. Denn: Gerade Familien mit mehreren Kindern haben ein enorm erhöhtes Risiko, in die Armut abzurutschen. Hier ist es besonders wichtig, Familienleistungen laufend zu valorisieren und auch wachsende innerfamiliäre Risiken, wie etwa die Pflege und Betreuung abzufedern.
Ich habe Ihnen nun gleich eine ganze Reihe von Maßnahmen erzählt, die eine Gesellschaft setzen kann, damit sie Armut hintanhalten kann.)
Die vorausliegende Botschaft von Weihnachten ist für uns Christen viel einfacher und klarer, als wir es vielleicht gerne hätten: Sehen, spüren, erfahren, ertasten wir die ersten Momente göttlicher Anwesenheit im Schicksal der Menschen? Erzählen wir es anderen? Haben wir die Kraft, auch in der Finsternis gesellschaftlicher Ablehnung gegenüber Schwächeren deutlich zu sehen, dass jeder Mensch einen Funken Göttlichkeit in sich trägt? Dass dieser Funke vielleicht durch unser Suchen zum Leuchtfeuer für andere wird`?
In vielen hundert Jahren haben wir Christen im Advent auch eine Menge an Lieblichkeitsstaub angehäuft. Dabei ist die Botschaft Gottes klar. Er mag alle Menschen in derselben Weise. Der lange Arbeitstag der Christen beginnt selbstverständlich am ersten Weihnachtstag. Die Geburt Christi ist der Auftakt. Gut, dass wir gleich feiern. Das ist die neue Welt. Damit die Geburt Christi für die Mitmenschen erfahrbar wird, müssen wir Christen die Ärmel hochkrempeln und den anderen tatkräftig beistehen, zuhören, mitfühlen und helfen. Der Mensch darf nicht mehr des Menschen Wolf sein.Daher müssenwir auch die Welt umkrempeln, Sümpfe der Ungerechtigkeit austrocknen.
Ihnen vor dem Radio wünsche ich ein freudiges, erfülltes Weihnachtsfest mit vielen kleinen und großen Taten der Nächstenliebe. Als Geschenk an den obdachlosen, einsamen, schwachen und zugleich so zuversichtlichen Gott in der Krippe.


Prueller-Jagenteufel, Veronika - 13.12.2008
Bekennen und vorausgehen

Da ist er schon wieder, diese Johannes der Täufer. Mehrfach stellt ihn uns die adventliche Liturgie vor Augen. Was ist an ihm so Besonderes, dass die Kirche so eindringlich versucht, uns mit ihm bekannt zu machen?
Johannes der Täufer sagt von sich selbst: Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat (Joh 1,2). In unserem üblichen Sprachgebrauch klingt das zunächst nicht nach einer besonders attraktiven Aufgabe, ein Rufer in der Wüste zu sein. Ein Rufer in der Wüste ist oft einer, der an unangenehme Wahrheiten erinnert oder gar Schlimmes voraussieht; ein solcher Rufer ist oft einsam und er wird nicht oder nur von wenigen gehört. Und zuweilen muss er seinen Kopf hinhalten und fällt nicht selten der Dummheit oder Machtbesessenheit Stärkerer zum Opfer.
Genau so ein Rufer in der Wüste ist Johannes der Täufer. Und genau darin ist er eine adventliche Gestalt, die auf Jesus hinweist. Er steht als Vorläufer und Wegbereiter am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu. Er ist eines der Modelle, die uns die adventliche Liturgie vorstellt, an denen wir ablesen können, wie Menschsein aus der Hoffnung auf Gottes Kommen aussehen kann.
Der unangenehme Mahner als Modell gelungenen Lebens? Gewiss hat Johannes etwas Herbes und Ernstes. Auf vielen Darstellungen sieht man ihn als wilden Mann mit wirren Haaren und nur mit einem Schaffell bekleidet. Die Mächtigen seiner Zeit scheint er beunruhigt zu haben; Das Evangelium erzählt, dass die Behörden in Jerusalem ihn offenbar nicht so recht einordnen können und also eine Delegation zu ihm schicken. Diese soll herausfinden, wer der ist, dieser Johannes, der in der Wüste zurückgezogen lebt und dennoch immer mehr Zuhörerinnen und Anhänger hat. Der zur Umkehr aufruft und tauft, als stünden große Dinge bevor.
Vielleicht hat diese Abgesandten der geistlichen Führerschaft ja auch etwas von der Aufregung erfasst, die wohl viele von denen verspürt haben, die mit Neugier und Hoffnung da hinausgezogen sind, um den neuen Prediger zu hören. Aber der hat mehr und anderes zu bieten als die Befriedigung eines religiösen Bedürfnisses nach erhabenem Schauer. Und er stellt gleich klar: „Ich bin nicht der Messias.“ Er widersteht der Versuchung, sich für größer zu halten, als er ist; er widersteht der verführerischen Frage derer, die gerne jemanden anhimmeln möchten.
Was Johannes über sich selbst sagt, ist eben das: „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft“, und er borgt sich damit ein Bild, das der Prophet Jesaja lange vor ihm verwendet hat. Dieser Rufer in der Wüste, der dazu aufruft, Gott die Wege zu ebnen, der ist bei Jesaja ganz und gar keine harte oder muffige Gestalt; kein Fortschrittsbremser oder gar Spielverderber. Der entsprechende Abschnitt im Buch Jesaja, aus dem 40. Kapitel, erzählt vom Trost für das Volk – wir haben ihn am vergangenen Sonntag als Lesung gehört und bedacht. Der Text erzählt von der Freude über die Wiederkehr aus dem Exil, von einer Zeit der Gerechtigkeit und des Friedens, einer Zeit voller Hoffnung.
Als solcher Rufer des Trostes und der Freude sagt Johannes den Menschen, damals wie heute, dass mehr und anderes möglich ist als die von der großen Weltmacht vorgegebene Ordnung, die Frieden sagt und Unterdrückung ausübt; mehr und anderes als der Abschied von den eigenen spirituellen Wurzeln angesichts einer religiös vielfältiger gewordenen Gesellschaft; mehr und anderes als das Pendeln zwischen alltäglichem Trott und angestrengter Belustigung.
Johannes sagt: Gott bleibt der Verheißung treu; er sagt: Der Messias ist schon unter euch. Er sagt: Es lohnt sich, diesem Messias, Gott selbst, den Weg zu ebnen in der Gesellschaft, in der religiösen Gemeinschaft, im eigenen Leben. Und das bedeutet nicht unsympathische Kasteiung, sondern trösten, sich freuen, gerecht sein und Frieden stiften.
Zu diesem Rufer in der Wüste sind nicht umsonst viele geströmt und haben sich anstecken lassen von seiner Hoffnung und seiner Freude, die ein gewisser herber Ernst nicht stört, sondern nur noch fundiert.
Johannes also doch als Wegweiser für gelingendes Menschsein. Zwei Anregungen für dieses Gelingen sehe ich hier insbesondere, nämlich: bekennen und vorausgehen. Johannes bekennt, was er nicht ist – er tritt nicht an Gottes Stelle, er erliegt nicht dieser uralten Versuchung; und er bekennt, was er ist – er bekennt sich zu seiner Vorläufigkeit. „Vorläufer“, so wird Johannes in der Tradition auch oft genannt. Nicht nur die Nachfolge ist also Modell gelungenen Lebens, sondern auch das Vorausgehen, Vorläufer zu sein – Gott die Bahn zu ebnen, wie die Vorläufer beim Skirennen.
Das kann z.B. bedeuten: mit einem guten Gespräch den Weg bereiten, sodass Vertrauen entstehen kann auf den Segen Gottes; oder: konkret Not lindern oder Ungerechtigkeit bekämpfen und damit helfen, dass jemand den Blick auf Gott wieder freibekommt – auch wenn solche Bemühungen oft nur vorläufig und gering erscheinen mögen.
„Vorläufig“ ist auch die Avantgarde, sind die, die Neues schon erproben, wenn die Mehrheit noch im Alten verharrt. Vorläufer sind auch die, die mutig vorausgehen, wo der Rest noch zögert. Oft werden sie dafür gescholten, dass ihre Versuche noch unausgegoren sind; ebenso oft ist es aber eben diese Vorhut, die mit ihrem vielleicht noch ein wenig unbeholfenen oder zunächst etwas übertriebenen Beginnen den Weg ebnet für eine wichtige Entwicklung, die erst später auf breiterer Basis sich entfalten wird.
Johannes weiß, dass er nur mit Wasser tauft, aber er weiß auch, dass nach ihm einer kommt, der das Große und Ganze vollbringen wird. Und dieses Wissen macht sein vorläufiges Tun sinnvoll.
Johannes strebt nicht danach, selbst Endgültiges zu vollbringen. Er geht voraus und verweist damit auf einen anderen. In einer Zeit, in der sich jeder und jede von uns möglichst gut präsentieren muss, sich vordrängen muss, um sich ins richtige Licht zu stellen – da wirkt dieses Einverständnis in die eigene Vorläufigkeit provokant. Es ist ja auch der Zuruf von einem, der sich dem gesellschaftlich Üblichen verweigert hat und in die Wüste hinausgegangen ist, um dort den Weg für einen anderen vorzubereiten: in aller Vorläufigkeit und doch im Bekenntnis zu der freudigen Hoffnung, dass der, der tröstet und vollendet, sicher kommt.


Franz Küberl - 6.12.2008

Haben Sie einen Armen zum Freund? Diese Frage eines Spirituals eines Priesterseminars in Rom will mir nicht aus dem Kopf. Weil es die Frage nach dem Nächsten ist, ganz mitmenschlich gemeint, ganz imjesuanischen Sinne.

Doch in der Praxis wird der Nächste, die Nächste oft schnell zum Fremden: Weil sie, gezeichnet vom Leben auf der Straße sind und deshalb ausgelacht oder ignoriert werden. Weil sie alt und pflegebedürftig sind und deshalb nicht mit dem Respekt behandelt werden, den sie verdienen. Weil sie Roma sind und vielleicht auch noch betteln. Weil sie eine andere Sprache sprechen und deshalb ausgegrenzt werden. Weil sie eine Behinderung haben, die den Menschen im ersten Moment Berührungs- Angst macht.

Zu oft werden die Berührungsängste der Menschen von der Politik auch noch geschürt. DieNächsten, wie etwa Menschen mit Migrationshintergrund,werden bewusstzu Sündenböcken gemacht. Statt Handlungen zu setzen, die Menschen zueinander bringen, wird politisches Kleingeld gewechselt Aber:Es ist noch kein Armer reicher geworden, weil Ausländer von der Politik öffentlich gebeutelt worden sind.

Auf der Strecke bleibt dabei die Würde, die jedem Menschen von Gott gegeben ist.

Papst Benedikt XVI hat in seiner Antrittsenzyklika Deus caritas est den Begriff „Nächster“ genauer unter die Lupe genommen

„Jeder, der mich braucht und dem ich helfen kann, ist mein Nächster. Der Begriff Nächster wird universalisiert und bleibt doch konkret. Egal welche Religion, welche Nationalität, welches Geschlecht, welche politische Einstellung. Jeder ist mit der Nächste, der Hilfe braucht.“ So der Papst. Dies ist geradezu revolutionär, weil jeder der mich braucht der Nächste ist, und das gibt es in dieser strikten und präzisen Form als Kernauftrag des Glaubens in keiner anderen Religion.

Dazu braucht es die strikte Überzeugung, dass jeder Mensch mehr wert ist als alles Gold der Erde. Dazu braucht es die strikte Überzeugung, dass jeder Mensch einmalig ist, dass jeder Mensch unaufgebbare gottgegebene Würde hat.

Es beginnt ganz einfach, diese von Gott gegebene Würde jedes Menschen sichtbar und auch für sie selbst erfahrbar zu machen: Ein offenes Ohr, ein Händedruck, ein Lächeln, der Einkauf für die kranke Nachbarin. Ein klares Wort am Stammtisch, oder beim Gespräch mit Verwandten zugunsten von Menschen, die durch Beschimpfung ausgegrenzt und so ihrer Menschlichen Ehre entkleidet werden.

. In der Pfarre, in der Caritas, bei Amnesty International, bei vielen kirchlichen und öffentlichen Organisationen kann ich durch mein Mittun helfen dass der Ausbau der Mitmenschlichkeit weiter voran geht.Diese durch das Evangelium gespeiste Gesinnung braucht aber auch eine radikale Reform der Zustände, die den Menschen vielfach die Menschwerdung verweigern

Daher braucht es auchPolitik und Politiker, die Ungerechtigkeit und Ungleichheit unter den Menschenabbauen: Durch eine Integrationspolitik, die die Ängste vor dem jeweils Fremden nicht schürt, sondern für Chancengleichheit sorgt. Durch eine Sozialpolitik, die danach trachtet, die Menschen vom Rande in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Durch eine Bildungspolitik, die bedürftige Kinder mit gezielten Fördermaßnahmen mit auf die Bildungsreise nimmt. Durch Entwicklungspolitik, die faire Chancen für alle Menschen auf unserem Planeten in die Wege leitet. Durch klare Verankerung der Prinzipien der Menschanrechtsdeklaration.

Wenn wir also als Einzelne und als Gesellschaft Arme zu Freunden haben wollen, ist das Schwerarbeit. Lohnende Schwerarbeit.

Wahrlich eine adventliche Aufgabe.

Franz Küberl


Im Namen der Menschenwürde: gegen Prostitution,  aber für Prostiuierte!
Gastkommenar von Sr. Dr. Lea Ackermann
22.11.2008

Der 25. November ist der internationale  Gedenktag für die Opfer von Männergewalt gegen Frauen. Am kommenden Dienstag werden auch in Deutschland wieder überall Aktionen gemacht. Darum erlaube ich mir heute an dieser Stelle ein Wort in eigener Sache. Denn SOLWODI nimmt den Gedenktag zum Anlass, in Namen der Menschenwürde eine Kampagne zu starten:  gegen Prostitution, aber für Prostituierte.
SOLWODI ist die Abkürzung von „Solidarity With Women in Distress“ – Solidarität mit Frauen in Not. Ich habe diese Organisation 1985 in Kenia als Austiegsprojekt für Frauen in der Elendsprostitution gegründet. Seit 1988 engagiert sich SOLWODI auch in Deutschland: vor allem für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Meiner Ansicht nach ist Prostitution – auch die sogenannte „freiwillige“ – immer eine Verletzung der Menschenwürde. Der weibliche Körper ist keine Ware, die „mann“ verkaufen und kaufen kann wie unbeseelte Objekte! Darum bin ich für die Abschaffung der Prostitution. Doch da sich dies in Deutschland weder lang- noch mittelfristig durchsetzen lässt, hat sich SOLWODI zu kurzfristigem Handeln entschlossen. Wir wollen es nicht länger hinnehmen, dass Prostitution immer salonfähiger wird, während Prostituierte wie der letzte Dreck behandelt werden!
Das 2002 in Kraft getretene rot-grüne Prostitutionsgesetz  – „ProstG“  – hat die freiwillig ausgeübte Prostitution in Deutschland legalisiert,  um Prostituierte besser zu stellen: u. a. durch die Möglichkeit, sich fest anstellen und sozialversichern zu lassen. Aber das ProstG hat das Gegenteil bewirkt: Besser gestellt wurden Zuhälter und Bordellbetreiber! In den überall in Deutschland errichteten neuen Bordellen, die meist „Wellness-Clubs“ oder „FKK-Clubs“ heißen, lässt sich die freiwillige von der erzwungenen Prostitution nicht mehr unterscheiden. Ohne Unterschied werden die dort tätigen Frauen ihrer Menschenwürde beraubt. Sie unterliegen einer nahezu lückenlosen Kontrolle durch ein ausgeklügeltes System aus Videokameras, Bordell- und Security-Personal. Die Frauen  müssen sich ausschließlich unbekleidet in den Häusern bewegen, dürfen nicht telefonieren und dürfen nur mit Genehmigung der Geschäftsleitung nach draußen. Die Sexualpraktiken sind vorgeschrieben; Freier können nicht abgelehnt werden; die Arbeitszeiten betragen bis zu 16 Stunden täglich.
Angesichts dieser Ausbeutungsverhältnisse will  SOLWODI mit Vorschlägen für eine Gesetzesreform Zuhälter und Bordellbetreiber in ihre Schranken verweisen. Wir fordern die Bundesregierung auf, die Menschenwürde und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen in der Prostitution zu achten und zu schützen sowie jegliches Zuwiderhandeln der Profiteure im Rotlichtmilieu konsequent als Straftaten zu ahnden.
Unsere zentrale Forderung ist: Keine abhängige Beschäftigung von Prostituierten und keinerlei Weisungsbefugnisse Dritter! Jegliche Eingriffe in das Selbstbestimmungsrecht von Prostituierten müssen als sexuelle Ausbeutung und dirigstische Zuhälterei bestraft werden!
Die derzeitige Regierungskoalition hatte im Januar 2007 eine Reform des umstrittenen Prostitutionsgesetzes angekündigt. Doch auf die Worte sind keine Taten gefolgt. Wegen des Super-Wahljahrs 2009 ist in dieser Legislaturperiode auch nicht mehr damit zu rechnen. Ich meine: Wenn die Politik es nicht tut, sollten wir die Prostitution zu einem Wahlkampfthema machen! Wir demokratisch denkenden Menschen, die sich der im Grundgesetz verbürgten Menschenwürde verpflichtet fühlen! Wir Christinnen und Christen, die sich am gleichberechtigten Frauenbild Jesu orientieren!
Also: Bitte, unterstützen Sie unsere Kampagne, liebe Hörer und Hörerinnen! Unsere Forderungen finden Sie auf unserer Homepage: www.solwodi.de. (rv)


Die Bergpredigt ist die Lösung

Gastkommenar von Sr. Dr. Lea Ackermann
15. November 2008

Ich fasste es nicht, als ich vorgestern Morgen die Zeitung aufschlug. Da prangte doch tatsächlich als Schlagzeile über dem Aufmacher im Feuilleton: „Banker weg, wir brauchen eine Revolution!“ Nein, das stand nicht in der taz oder in einem anderen linken Blatt – es stand in der konservativen FAZ! Was ist momentan eigentlich los? frage ich mich. Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx schreibt ein kapitalismuskritisches Buch mit dem Titel „Das Kapital“. Auch der gleichnamige Klassiker der Kapitalismuskritik des Kommunisten Karl Marx hat wieder Konjunktur. „Das Geschäft mit dem Buch boomt“, war neulich in der Zeit zu lesen. Und in der Schweiz, wo selten demonstriert wird, formieren sich Demonstrationen gegen das Finanzsystem. Fast scheint es so, dass 90 Jahre nach der deutschen November-Revolution, die Zeit wieder für einen Umsturz reif ist.
Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht!? Na ja … der revolutionäre Kampfgeist lässt dann doch ganz schön zu wünschen übrig.
Es war nur e i n e Schweizer Bank, vor der am 28. Oktober demonstriert wurde: die UBS in St. Gallen. Und es waren nur 25 Demonstranten. Dennoch ein Novum für die Schweiz, aber wahrlich keine Massenbewegung. Vom „Kapital“ des Kommunisten Marx verkauft der Berliner Diez-Verlag sonst 100 Bände jährlich; bis Ende Oktober 2008 waren es bereits 2500 Bände. Ein Bestseller ist es trotzdem nicht. „Das Kapital“ des Katholiken Marx ist gerade erst erschienen. Doch es lässt sich jetzt schon absehen, dass es ein Bestseller wird. Dabei wird darin im Prinzip nur an die gute alte, katholische Soziallehre erinnert, die in Vergessenheit geraten ist . Die revolutionäre FAZ-Überschrift von vorgestern stand über einem Interview mit Nassim Nicholas Taleb. Der gebürtige Libanese und gelernte Finanzmathematiker war früher Börsenmakler an der Wall Street; heute ist er Philosoph. In der FAZ sagte er sinngemäß: Die für die Finanzkrise Verantwortlichen müssten gefeuert werden, vor allem die wichtigen Banker. Taleb wörtlich: „Wir brauchen eine Revolution, aber ich weiß nicht wie.“
Im Grunde herrscht große Ratlosigkeit. Dabei liegt das Rezept für die Lösung aller derzeitigen Probleme auf der Hand: so glasklar, so einfach, so revolutionär. Und das schon seit 2000 Jahren. Diejenigen, die dieses uralte Rezept auf heutige gesellschaftliche Verhältnisse anwenden wollen, werden oft verächtlich „Herz-Jesu-Marxisten“ genannt. Beispielsweise die CDU-Sozialpolitiker Heiner Geißler und Norbert Blüm. Das Rezept, das ich meine, heißt „Bergpredigt“.
Darin preist Jesus die Armen, die Trauernden und die Friedensstifter selig. Wer sind diese Armen? Die Menschen, die nicht gierig raffen; die nicht nur sich im Blick haben; die teilen können. Wer sind diese Trauernden? Diejenigen, die mit anderen mitfühlen; die mitleiden können. Wer sind diese Friedensstifer? Diejenigen, die in der Misere dieser Welt nicht einseitige Vorteile für sich in Anspruch nehmen, sondern ein friedliches Miteinander möglich machen. Marx will die Gesellschaft verändern, Jesus jeden einzelnen Menschen. Mehr gibt es nicht zu sagen. Außer, dass die Botschaft Jesu endlich gehört und umgesetzt werden muss: nicht nur von unmoralischen Bankern, sondern von uns allen!


Widerliche Gier

Gastkommenar von Sr. Dr. Lea Ackermann
8. November 2008

Hartmut Mehdorn, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, beschwert sich gern über zu hohe Personalkosten. Er selbst bezieht ein Grundgehalt von 700.000 Euro im Jahr. Unabhängig vom Börsengang eines Teils der Bahn AG soll es demnächst auf 900.000 Euro steigen. Ebenso steigt Mehdorns Leistungszulage: von bisher knapp 3 Millionen auf 3,5 Millionen Euro im Jahr. Dazu käme im Fall des Börsengangs ein automatisch ausgezahlter Bonus in Höhe von 140.000 Euro. Bei einem guten Aktienkurs würde der Bahn-Chef zusätzlich bis zu 1,4 Millionen Euro als Bonus kassieren. Dafür müsste eine Zugbegleiterin 777 Monate arbeiten – das sind fast 65 Jahre. Aber für Herrn Mehdorn scheint der Bonus nur eine Gemüsebeilage zum Hauptgericht zu sein. Er nennt die Unsummen „Möhrchen“.
Der für seinen Zynismus bekannte Herr Mehdorn erzürnt mich immer wieder. Allein in den neun Jahren seiner Ägide als Chef wurden bei der Deutschen Bahn 90.000 Arbeitsplätze wegrationalisiert. Das bekomme ich als Stammkundin täglich zu spüren: stillgelegte Nebenstrecken, geschlossene Bahnhöfe, Züge ohne Zugbegleiter, Automaten statt Service-Personal. Einsparung beim Personal lässt die Aktienkurse steigen. Das war zumindest vor der Finanzkrise so. Und jetzt? Der Banken-Crash hat bei Spitzen-Managern kein Umdenken bewirkt. So war am Montag im Spiegel zu lesen: Nur wenige Tage vor dem überraschenden Gewinneinbruch bei der Postbank habe sich der Vorstand noch schnell Sonderprämien in Millionenhöhe gegönnt. Hat sich was mit „Möhrchen!“ Das ist eine widerliche Gier.
Für den wegen der Finanzkrise verschobenen Börsengang der teilprivatisierten Deutschen Bahn sind die Geschäftsbereiche Personenverkehr und Logistik in einer eigenen AG gebündelt worden. Ausgerechnet der Personenverkehr soll dem Zugriff von Aktien-Zockern ausgeliefert werden! Das Streckennetz, dessen Instandhaltung Milliarden verschlingt, dürfen wir Steuerzahler und -zahlerinnen behalten.
Im Grundgesetz steht: „Der Bund gewährleistet, dass dem Wohl der Allgemeinheit bei den Verkehrsangeboten auf dem Schienennetz Rechnung getragen wird.“ Ich meine, dass nicht nur der öffentliche Nah- und Fernverkehr, sondern auch die Wasserversorgung, die Energieversorgung und die Müllentsorgung nicht privatisiert werden dürfen. Denn dabei handelt es sich um Aufgaben der staatlichen und kommunalen Daseinsvorsorge. Darum hoffe ich, dass die Teilprivatisierung der Bahn AG und der Börsengang nicht nur verschoben, sondern gar nicht vollzogen werden.
Hartmut Mehdorn ist 66. Es wird gemunkelt: Den Börsengang wünsche er sich, um seine Berufslaufbahn zu „krönen“, bevor er in den Ruhestand geht. Also: Motiv Eigennutz. Das Allgemeinwohl bleibt auf der Strecke – auf einer stillgelegten.


Dr. Elfriede Schießleder - Betrachtungen zu den Evangelien
Monat November

Allerseelen, Joh 11,17-27
Nach dem Tod des Lazarus geht Marta Jesus entgegen und bekennt seine Messianität

Liebe Schwestern und Brüder,
Der Gang zu den Gräbern ist in vielen Kulturen Grundbestandteil des Totengedenkens. Und auch für Sie ist der Gang zum Friedhof wohl nichts Unbekanntes in diesen Tagen.
Was uns das Evangelium dieses Sonntags dazu mit auf den Weg gibt, tröstet und verbindet zugleich Trauernde; jene Marta, Schwester des verstorbenen Lazarus, mit uns Menschen der Moderne, die ebenso unter dem Verlust ihrer Lieben leiden. Und darunter, dass der Herr gerade dort nicht anwesend scheint, wo seine Hilfe doch so sehr gebraucht würde.

Die ganz persönliche Reaktion auf dieses Fehlen allerdings wird bei jedem Menschen anders ausfallen. Marta ringt sich in diesem Augenblick auch nur mühsam zum unbedingten Bekenntnis zu Jesu durch. „Herr, wärest du hier gewesen, wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Und das klingt in diesem Fall fast so wie die so oft zu hörende Klage aus dem Mund verzweifelter Angehöriger: „Wäre der Arzt nur etwas schneller zur Stelle gewesen, … Hätte der Verstorbene damals doch nur seine Medikamente besser dosiert,… Wenn doch nur ein paar Sekunden früher dieses oder jenes eingetreten wäre, …“

  • Alles Konjunktive, Möglichkeitsformen, die doch das absolut Unumgängliche nicht ausblenden können: dass der Tod unabwendbar des Menschen Schicksal ist. Dass gestorben werden muss. Wenn nicht hier, dann dort oder anderswo, wenn nicht an jenem Tag, dann eben später, für manche sehr spät, für andere viel zu früh.
  • Gleichzeitig tut sich eine Frage auf, die sich auch nicht so ohne weiteres verdrängen lässt: was meint einer wie Lazarus selber dazu? Einmal von Jesus wieder ins Leben zurückgerufen, steht ihm, dem geschöpflichen Menschen, doch unentrinnbar der Tod weiter vor Augen. Ist es leichter oder schwerer, dies zu ertragen, wenn jemand schon einmal gestorben ist und dann doch wieder zurück ins Leben geholt wurde? Hält Lazarus es vielleicht mit den vielen Zeugen, die nach einer Reanimation übereinstimmend berichten, wie schwer es ihnen fiel, wieder zurück zu kommen aus dem Licht, der unendlichen Liebe, die sie drüben bereits spürten…

Es ist müßig, solche Fragen zu stellen. Und doch menschlich genug, als dass sie auch in den Evangelien aufleuchten.

Aber Johannes wäre nicht der große Philosoph unter den Evangelisten, hätte er nicht auch hier den tieferen, weiteren Blick. Marta weiß, was Jesus sagt, wird geschehen. In ihrem Zweifel und aller Verzweiflung über das Geschehene bleibt das Festhalten an der Hoffnung, Jesus ist als der erwartete Messias auch der unverbrüchliche Zeuge der kommenden Auferstehung.

Und so scheint auch mir die – gleichwohl nur zu bekannte - Sehnsucht nach einem Zurückholen des Toten müßig – es ist das Schicksal des Menschen.

Die Frage, die sich uns in diesen Tagen und an den Gräbern unserer Lieben aber stellt, geht weit darüber hinaus: Wie wird das irdisch-begrenzte Leben in all seinen Taten und seiner Ohnmacht, all seinen Unzulänglichkeiten undKämpfen, aller Liebe und überglücklichen Stunden aufgefangen im unendlichen Ozean der Zeit? Sollte nicht der Mensch doch nur ein Spielball des Alls sein…

Die Antwort des Glaubens ist klar: Am Ende der Zeit wird auferstehen, wer an den Herrn glaubt.

Und so entzünden wir bei unseren verstorbenen ein Grablicht, um dieses verlöschte Leben gegen den Tod als unvergessen zu markieren. Und wir bedenken in seinem Schein den Reichtum und das Elend genau dieses Leben. Was gibt es Bewegenderes im Novembernebel als einen Friedhof, an dessen Gräber die Kerzen rötlich schimmerndes Licht verbreiten?

Ein Licht für die Vielen, die uns den Weg gebahnt haben ins Diesseits. Biologisch, als unsere Eltern und Großeltern; oder ideel, durch ihre Gedanken und Träume, durch das Wachsen unserer Kultur, in den Familien, Gesellschaften und Nationen. Jeder und jede webte ein Stück am Teppich, auf dem wir und künftige Generationen sich weiter entwickeln.

Das Schöne dabei ist auch, dass Allerseelen so dicht auf das Fest Allerheiligen folgt. Dem Tag, der mit Erinnerung an eine Vielzahl vorbildlicher Lebensgeschichten der Vielzahl unserer Lebensentwürfe so nahe kommt.

Papst Benedikt XVI. hatte auf die Frage, wie viele Wege es zu Gott gibt, so treffend formuliert: „Es gibt so viele Wege zu Gott, als es Menschen gibt.“ Mehr als 6 Milliarden Wege für mehr als 6 Milliarden Menschen. Welche Größe! Gottes, und des einzelnen, individuellen Menschen, als Mann oder Frau, als Mädchen, Junge, alt oder jung, welcher Reichtum! Und alle aufgehoben in der bunten Vielfalt der Seligen und Heiligen, die ihren Weg durch die Zeit bereits vollendet haben.

Und ich erinnere mich an einige ganz wenige, ganz besondere unter ihnen:

Den scharfen Denker Thomas von Aquin, dessen Leibesfülle der Erzählung nach einen entsprechenden Zuschnitt des Esstisches an seinem Platz nötig machte.

Oder eine Teresa von Avila, deren spanischer Stolz und weiblicher Charme sprichwörtlich waren und für so manche Anekdote ihres klösterlichen Lebens sorgten.

Denken Sie bei diesem Namen aber möglicherweise auch an Teresia vom Kinde Jesu,klein, unscheinbar und still? Eine junge Frau, die alle Schmerzen ihrer Krankheit hinnahm, „aufopferte“, wie es die Frömmigkeit ihrer Zeit nannte, um mit dieser Geduld ihren Anteil am Erlösungswerk Jesu zu leisten.

Fast der Gegenentwurf dazu ist Katharina von Siena, ebenso eine Kirchenlehrerin wie Teresa, deren provozierende Sturheit mir allerdings unvergesslich ist. Soll sie doch jedem zum Tode verurteilten Delinquenten ihrer Stadt über die letzten Sekunden seines Lebens hinaus beigestanden sein – um dann in den entsprechend blutigen Kleidern tagelang weiter durch den Ort zu laufen. Noch kein Wort dabei über die Klugheit ihrer Schriften.

Und daneben birgt unser Heiligenhimmel noch den heiteren, agilen Johannes Don Bosco, dessen Satz „Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen“ bis heute Frohbotschaft in jedes Poesiealbum unserer Schulen bringt.

Vielleicht haben Sie mit dieser Aufzählung Lust bekommen, sich auf weitere Reisen durch unsere Heiligenkalender zu begeben, oder, auch ganz spannend, mit solchen Augen mal in ihre eigene Familien- und Ortsgeschichte zu blicken? Auf Bilder, Statuen, Bücher? Sie werden ins Schmunzeln kommen, vielleicht sogar mal lachen, möglicherweise auch ein wenig weinen, wie gleich wir Menschen in manchem denen sind, die es bereits zur Ehre der Altäre geschafft haben. Und damit bewiesen, wie sehr jeder Mensch seinen Weg zu Gott selber findet.

Bis wir nun dorthin gelangen, bleibt uns die Schrift als Geländer, das Evangelium als richtungweisender Kompass, unseren ureigensten Weg zu finden, daran entlang unsere Schritte zu gehen. Stets im Bewusstsein, dass in ihm, dem Einen, unsere Auferstehung verbürgt ist. Egal, ob wir nun schnell oder langsam, vorbereitet oder plötzlich zu ihm gelangen sollten. Jeder und jede auf dem ganz persönlichen Weg, dem eigenen, einen aus über 6 Milliarden.

32. So i. J. /Weihe der Lateranbasilika/ Joh 2,13-22 

Welches Bild: Voller Zorn scheucht Jesus „ehrbare Bürger“ aus der Tempelhalle!

Liebe Schwestern und Brüder!
Was für einen zornigen, ja sogar handgreiflichen Jesus beschreibt hier das Sonntagsevangelium! „Der Eifer für Gottes Haus verzehrt ihn“, kommentiert der Evangelist Johannes diese Gewaltaktion, fast so, als gelte es, das Ungeheure zu beschwichtigen.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie geradezu panisch erschrocken wir Kinder waren, als unsere Lehrerin das entsprechende Bild im Religionsunterricht zeigte. Ein solch wütender Jesus war uns in seinem Zorn unbegreiflich. Stricke als Geißeln, umgeworfene Tische, verscheuchte Opfertiere, ein großes und gewaltsames Durcheinander, - all das hatte Jesus verursacht. DerselbeJesus, den wir sonst doch sonst nur sanftmütig und milde strahlend aus den allgegenwärtigen Nazarenerdarstellungen unserer Kindheit kannten.

Ebenso wenig einfach fällt es mir bis heute, jene Stellen im Ersten Testament zu lesen, die ausdrücklich vom Zorn Gottes sprechen. Davon, dass er ein eifersüchtiger Gott ist, ein rachsüchtiger und strenger Herr, der nach seinem Willen gibt oder nimmt, verteilt und belohnt. Denn allesamt sind dies nur negativ erlebte Eigenschaften, durch die Mächtige den Größenunterschied gegenüber ihnen Unterlegenen nach eigenem Gutdünken ausgestalten.

Wenn sich nun auch noch der große Gott, sein ihm ganz gleich gestellter Sohn, ebenso verhalten, wo bleibt da Gottes Größe, Allmacht und Barmherzigkeit? Waren nicht die von Jesus so übel behandelten Händler ehrbare Bürger ihrer Gesellschaft, ausgestattet mit Handelserlaubnis, Gewerbeschein und ordnungsamtsgemäßer Zulassung? Hatte nicht gerade der Tempel mit all seine Regeln ein ausgefeiltes Ordnungssystem, das tief in der jüdischen Tradition verwurzelt war?

Offensichtlich hatte wohl auch der Evangelist so seine Probleme mit diesem Auftritt Jesu, denn noch vor dem für Johannes typischen Unverständnis, mit dem die Umgebung auf Jesu Handeln reagiert, steht, etwas verlegen, das Psalmzitat zum „Eifer“ des Herrn.

In all diesen Ungereimtheiten möchte ich Sie heute gerne mitnehmen auf eine kleine Phantasiereise. Auf ein Abenteuer, um Ungewohntes sich sehen zu trauen und im Herzen zu wägen. Denn irgendetwas muss diese Schriftstelle in ihrer Ambivalenz uns doch zu sagen haben, hier und jetzt und für unsere Zeit.

Was erschüttert ein Kind so an diesem Bild? Warum ist der zornige Gott so schwer zu ertragen? Es mag daran liegen, dass wir ein ganz bestimmtes, ein ganz anderes Bild von Dem in uns haben, Den Abbilder immer nur bruchstückhaft erfassen können. Und wenn dann plötzlich ein ganz anderes Farbenspiel erscheint, ist dieses Puzzleteil seines Wesens verstörendunpassend.

Die Nazarenerbilder des vergangenen Jahrhunderts zeichneten ein Bild Jesu, das in einer Zeit voller Veränderungen süße Seligkeit versprach: milde, immer von einem Lichtschein umgeben, jenseits und entrückt. So war Jesus– in menschlicher Gestalt zwar, und doch nicht von dieser Welt. Der wahre Sohnes Gottes, entäußert all seiner Macht.

Ein Sohn Gottes, kein Sohn der Menschen. Zumeist entlang des Johannesevangeliums, unverstanden von den Menschen, geistvoll und abgeklärt um seine Sendung wissend.

Und das, so lehrt die Wissenschaft, steht durchaus im Gegensatz dazu, wie der Titel „Sohn Gottes“ im hebräischen Kontext auszulegen ist. Denn dort nahm jeder aufrichtige Israelit für sich in Anspruch, als Sohn des auserwählten Volkes gleichzeitig Sohn Gottes zu sein. Was naturgemäß entsprechend auch für die Mädchen und Frauen des Volkes galt, die demnach als Töchter Abrahams auch Töchter Gottes waren. Alle Angehörigen des auserwählten Volkes galt dieser Ehrentitel, selbst im Zorn, in all ihren Fehlern und aller Sündhaftigkeit, die zum Menschsein eben gehört.

In diesem Verständnis nun ist der Zorn Jesu nicht mehr verstörend sondern Ausdruck für seine Entschiedenheit im Glauben. Er beweist sich als wirklich Glaubender, der für seine Überzeugung eintritt. „Das Haus Gottes ist keine Markthalle“, sagen die synoptischen Evangelien relativ unbefangen. “Macht keine Räuberhöhle daraus!“ Basta!

Durch die Weitergabe des Glaubens in den folgenden Jahrzehnten in die griechisch sprechenden Provinzen allerdings wird Jesus vom derart „hebräisch“ verstandenen Sohn Gottes zum „Ouios tou theou“, zum Sohn Gottes im Denken griechischer Philosophen. Ihr wahrer Sohn Gottes ist weit jenseits aller Fehler und Gebrechen der Menschen, kaum zeigt er seine Gefühle, wirkt er sehr kontrolliert. Und der wiederholten Frage: „Wer bist du, dass du das tun darfst?“ folgt das übliche Unverständnis der Menge. Erst nachösterlich ist Jesus zu verstehen, sein Leiden und seine spätere Auferstehung sind Beweis für seine Gottessohnschaft.

So geprägt, stand für das Kind damals fest: Zornig konnte Jesus nicht sein. Auf jeden Fall nicht so wie mein Vater, wenn er denn, was ganz selten vorkam, tatsächlich einmal wütend war. Und schon gar nicht so wütend, wie manch andere Kinder es aus ihrem Umfeld mitunter entsetzlich schildern konnten.

Geblieben ist mir die Skepsis gegenüber Bildern und Darstellungen Jesu. Trau ihnen nicht! Stelle Fragen, erlaube Zweifel, und zwar immer und immer wieder neu!

Denn jedes Bild hat seinen Schöpfer, seine Zeit und: seine eigene Absicht!

Wie gut, dass Verängstigte Heil bei einem Jesus finden, dessen geöffnetes Herz die warme Einladung vermittelt, sich bei ihm geborgen und sicher fühlen zu dürfen. Er steht für Sicherheit und Nähe, wie es in den Wirren dieser Welt niemand sonst kann. Ein Jesus, dessen weibliche Züge die Härte des irdischen Lebens neutralisiert und die auch seine männliche Erscheinung mildert.

Und dann dieses Evangelium!

Ein unbeherrschter Mann, voller Kraft, fliehende Tiere und ein verwüsteter Raum! Welche Facette im Wesen Jesu soll hier nun vermittelt werden? Wagen wir solch gegensätzliche Interpretationen?

Wem wird hier Tribut gezollt? Der revolutionäre Kraft Gottes möglicherweise?Gaben nicht so manche Revolutionshelden vor, im Namen Gottes bestehende Ordnungen gewaltsam zu bekämpfen? Hausfriedensbruch, Geschäftsschädigung und mutwillige Zerstörung von Eigentum – Jesus würde ihnen so gefallen. Aber es tut weh, die Liste so aufzustellen.

Und doch gehört auch das zu den Bildern, die uns die Schrift über Jesus liefert.

Die heutige Frage ist: was macht so ein Bild mit mir? Was bedeutet dieses Evangelium für meinen Glauben, mein Leben? Entdecke ich plötzlich meine eigene Unbeherrschtheit, meine persönliche Wut im heiligen Zorn Gottes?Vielleicht bietet sich mir darin aber auch die Freiheit, meine dunklen Seiten zu sehen, ehrlicher meine Schatten anzunehmen? Sie nicht nur zu lassen sondern sie liebevoll anzublicken und neu, besser mit ihnen umgehen zu lernen? Das könnte dann die neue Freiheit in Gott werden, als Tochter Gottes, als Sohn Gottes.

Dazu passt das Bild der heiligen Margarethe, derer wir am nächsten Sonntag gedenken würden. Sie wird dargestellt mit einem Drachen, den sie wie ein Hündchen an der Leine mit sich trägt. Die Psychologie nennt dies Integration des eigenen Schattens. Das wäre doch ein Ziel. Denn: verleugnen kann ich ihn nicht, ihn wie der heilige Georg mit der Lanze zu töten, bin ich nicht stark genug. So gesehen ist das Leben die stete Herausforderung, unser Leben mit allen Gefühlen, auch den negativ besetzten, an Gott auszurichten. Wie gut, dass Schrift und Tradition diese Vielfalt der Bilder für uns wahren!

33. So i.J./Mt 25, 14-30
Die Welt ist ungerecht – Gott etwa auch?

Liebe Schwestern und Brüder,
Dass diese Welt ungerecht ist, damit haben wir uns mehr oder weniger abgefunden. Wenn wir nun aber im Sonntagsevangelium diese Ungerechtigkeit auch noch von Gottes Seite her, ja, geradezu bestätigt bekommen, regt das Widerstand.

Wer würde nicht mit jenem ängstlichen Knecht fühlen, der aus lauter Unsicherheit das ihm anvertraute Geld vergräbt, um es nur ja nicht zu verlieren? Und den nun straft Gott - respektive der Rechenschaft fordernde Herr, auch noch für seine Schwäche ab. Wie ungerecht!

Sprichwörtlich ist dieser Vers Mt 25,29 geworden: „Wer hat, dem wird gegeben, wer nicht hat, dem wird auch das Wenige noch weggenommen.“ Gott handelt offensichtlich genauso ungerecht wie die Banken der Menschen, wo liquide Geschäftspartner die besseren Konditionen bekommen, während bei Bedürftigen misstrauisch hohe Kontoführungsgebühren berechnet werden.

Ungerecht ist verteilt, was Menschen haben: Talent, Handelsgeschick, Selbstbewusstsein. Was kann der Ängstliche dafür, dass er kein brüllender Löwe ist? Was das Mauerblümchen, dass seine guten Seiten völlig ignoriert werden? Und im Nu gelingt es, 1000 und mehr Ungerechtigkeiten der Welt auf Gott hin zu verlängern.

Nur, ist in dieser aufbrausenden Solidarität mit dem Minderausgestatteten, dem Schwachen tatsächlich der Zielsatz dieses Schrifttextes erfasst? Ich denke, wir tun gut daran, genauer hinzusehen. Und dabei ergeben sich Zweifel.

Was wir hören, ist Teil der großen Abschiedsreden Jesu mit der Mahnung, wachsam zu bleiben. Dahinter steckt die Anweisung, nicht nachzulassen in der Verwirklichung des Reiches Gottes, schon jetzt, schon hier in dieser Welt, an unserem Ort - was immer auch gerade anstehen oder geschehen mag.

Dieser Auftrag gilt allen, in der ganzen Unterschiedlichkeit der persönlichen „Ausstattung“ und Gefühlslage. So ist es tatsächlich wie mit einem Herrn, der den Seinen „übergibt“ - so das bayerische Wort für das Anvertrauen allen Gutes an die nächste Generation.

Jetzt sind die Diener, die Erben, die neuen Sachwalter am Zug. Und von denen hat jeder und jede nur bekommen: Talente, Chancen, Beziehungen, was auch immer... Es wurde geschenkt.

Daraus nun gilt es etwas zu machen. Als Beauftragte Jesu, gesendet in Taufe, gestärkt im Geist Gottes, positioniert an genau dem Platz, der eben der eigene ist.

Und nur so kann die ganze Vielfalt entwickeltwerden, die die Kirche mit all den verschiedenen Menschen, die zu ihr gehören, ausmacht: geprägt von Männern und Frauen aller Kontinente, Hautfarben und Kulturen. Welch reiches, wunderbares Bild der Fülle für die Kirche sich daraus plötzlich ergibt!

Das bloße Blättern in Missionsheften allein genügt schon, um eine erste Ahnung davon zu bekommen. Und immer wieder neu diese Vielfalt zu bestaunen und sich an diesem Reichtum zu erfreuen. Denken Sie nur an manche Papstmesse, in der die Einzigartigkeit des Glaubens der jeweiligen Ortskirche sichtbar wird. Wer hätte nicht noch die bunten, bewegten Bilder der letzten Weltjugendtage vor Augen? Und das Schwärmen der Journalisten: so exotisch kann Kirche sein, so voller ungewohnter Musik, Gerüche, farbenfroh, jung und faszinierend fremd.

Natürlich tut all das der Schönheit gregorianischer Choräle keinen Abbruch, es nimmt auch nichts weg von der Stimmigkeit abendländischer Symbol – und Formensprache. Auch der den Älteren noch vertraute Klang lateinischer Liturgie behält daneben seine Würde und seinen unaufgebbaren Wert. Daneben aber führt diese Buntheit weiter, entdeckt ihre Entsprechung in anderen Kulturen und bringt Zukunft in die Traditionen der Welt.

Übersetzen wir dies alles in das Sonntagsevangelium hinein, mag man in dieser Verschiedenheit unsere fünf, drei oder einzelnen Talente geborgen sehen, geschenkt zur Pflege und Weiterentwicklung. Und so wird klar: Musealer Stillstand, sorgfältiges Vergraben, um nur ja kein Futzelchen davon zu verlieren, ist bereits Rückschritt, Minderung des Reichtums, unangemessene Beschneidung. Der größeren Ehre Gottes gehören diese Gaben, und dazu sollten sie vermehrt werden.

Könnte die gescholtene Ängstlichkeit ein Fingerzeig darauf sein, dass deutsche Gründlichkeit, abendländische Systematik oder nur Sorge um den Verlust altehrwürdiger Tradition uns im Umgang mit diesem Reichtum vorsichtiger sein lässt als Glaubende anderer Kontinente?

Der Apostel Paulus hat seine Gemeinden immer wieder daran erinnert, dass die unterschiedlichen Talente und Gnadengaben einander zuzuordnen sind, soll daraus eine lebendige Gemeinschaft werden. Ganz egal, welche Gabe auch immer einzelnen zugeteilt sind, nur in der Offenheit zueinander und in gegenseitiger Unterstützung können sie wachsen und den neuen Leib des Herrn aufbauen.

Von Wertigkeiten spricht Paulus allerdings nicht. Die Abstufungen der Menschen in höhere und niedrigere Dienste, einfachere oder hoch geachtete Ämter kennt er nicht. Die spitze Feder des Paulus – wie schrecklich wäre es, gäbe es nur dieses Talent in der Gemeinde! Der ganz konkrete Dienst an den Armen, sie sind der Schatz der Kirche, wie arm wären wir ohne ihn. Witwen und Jungfrauen haben ganz eigene Aufgaben kraft ihrer besonderen Lebenssituation. Und Presbyter sollen leiten, nach dem Bild Christi - dann werden auch nicht alle Presbyter sein wollen. Vater der Armen war besonderer Ehrentitel des Bischofs – er sollte es bis heute sein.

Jedem ist gegeben, jede hat empfangen, und dieses Geschenk steht im Fokus der Frohbotschaft - nicht dessen messbare Größe, schon gar nicht das Defizit.

Möglicherweise ist es sogar die größte aller Sünden, angesichts der Zuteilung persönlicher Gaben und Talente fixiert zu sein auf den Blick des Vergleichs, des Zählens und Wiegens. Schon die Frage, warum der Herr fünf, drei oder nur ein Talent vergibt, ist falsch. Denn alle sind sie geschenkt.

Vielleicht muss uns ein moderner Dichter sagen, wie sehr wir alle aufeinander verwiesen sind? So soll das letzte Wort dieser Betrachtung Rainer Kunze gehören, mit dem Blick auf eine nur scheinbar ganz profane Seefahrt.

Rudern zwei
ein Boot,
der eine
kundig der Sterne,
der andere
kundig der Stürme,
wird der eine führn durch die Sterne,
wird der andere
führn durch die Stürme,
und am Ende ganz am Ende
wird das Meer in der Erinnerung
blau sein

Christkönigssonntag, Mt 25, 31-46
Wenn nur die Liebe zählt, werden sich manche wundern …

Liebe Schwestern und Brüder!
Sie alle kennen vermutlich das große Weltgericht, wie es in der sixtinischen Kapelle von Michelangelo farbenprächtig und in überbordender Lebendigkeit dargestellt ist – ein Meilenstein in der Kunstgeschichte der Malerei.

Ja, das Weltgericht – wozu musste es nicht im Lauf der Jahrhunderte alles dienen: als Schreckensszenario, durch das laue Geister aufgeschreckt und zu gutem Werken angespornt werden sollten. Oder dem Erweis der schrecklichen Gerechtigkeit eines Gottes, der nichts vergisst und alles Handeln wie in einem Buch aufzeichnet; darüber hinaus zeigte es das finale Entsetzen aller auf, deren Lebenswandel nicht dem Anspruch der Botschaft Jesu entsprach. All das, und weiß Gott was noch mehr entsprang daraus im flammenden Eifer, den Ernst dieses letzten Gerichtes und die unvorstellbare Herrlichkeit der Wiederkunft Jesu zu schildern.

Im Vergleich dazu mutet es geradezu einfältig an, wie hier der Schrift nach Christus in all seiner Glorie nichts weiter tut, als die versammelten Menschen in zwei Lager zu teilen; dass er die Guten von den Schlechten trennt, wie Böcke und Schafe, oder, dem kulturellen Umfeld entsprechend, schwarze Ziegen von weißen Schafen absondert.

Dabei müssen sich viele wundern: das Zuteilungskriterium, die Urteilsbegründung sozusagen, bleibt den Beurteilten unbegreiflich. Und tatsächlich lässt sich der ewige Richter selbst zur Erläuterung seines Urteils herab.

Der Maßstab seines Richterspruches ist allein der konkrete Dienst am Nächsten, das handgreifliche, ganz direkte und sehr, sehr einfache Handeln. Kranke pflegen, Hungernde sättigen, Gefangene besuchen und Obdachlosen eine Bleibe geben.

Fast enttäuscht tut sich die Frage auf: Und das ist alles? Nur solch unbeachtetes Helfen, das augenscheinlich selbst den Akteuren kaum in Erinnerung geblieben ist?

Diese Unbedarftheit erinnert ein wenig an die Martinsgeschichte, die Kinder seit unerdenklichen Zeiten besingen: „Im Schnee saß ...“ Rührend einfach und eben sehr kindgerecht. So nun stellt der Evangelist in all seiner Autorität das große Weltgericht vor Augen?!

Im Grunde empfinden wir heute das gleiche Unverständnis, wie es bereits bei Mathäus aufscheint. Denn weit, ja, sehr weit sind wir alle entfernt von diesem einfachen Bild und Urteil. Leider auch von der darin enthaltenen Kraft, seinem geradezu subversiven, jesuanischen Potential, das sich allerdings erst bei genauerer Betrachtung erschließt.

Diesen unvermuteten Schiedsspruch Christi nannte der emeritierte Bischof von Limburg, Prof. Kamphaus, beim Katholikentag in Osnabrück die „samaritanische Wende“ christlichen Helfens: die grundlegende Abkehr von der gewohnten Denklinie, wonach der Geber über die Verwendung der Hilfe entscheidet. Hier ist die konkrete Situation des Bedürftigen in den Mittelpunkt des Helfens gerückt. Ausschließlich seine Not bestimmt, wie zu helfen ist.

Nicht ich als Spender, nein, der Bedürftige gibt vor, wie sich christliche Liebe in der helfenden Tat beweist. Die Bedrängnis des Nächsten ist der Prüfstein, an dem gerichtet wird. Und das entspricht ja nun wahrhaft nicht unserer gewohnten Vorgehensweise. So hilfsbereit wir im besten Sinne auch sind.

Sie kennen das: seit Anfang November flattern weihnachtliche Spendenaufrufe in unsere Briefkästen. Aus dem längst professionell organisierten Spendenmarkt wird ausgewählt, welche Präferenz gute Werke haben sollen. Jemand fördert Missionsarbeit, andere geben lieber für die Heimat, wieder andere bevorzugen Frauenhilfe oder Seniorenfürsorge. Gleichzeitig beachten mündige Bürger die Spendensiegel der jeweiligen Organisation. Denn es bedarf selbstverständlich des Nachweises, dass die gewählten Hilfsorganisation auch Vertrauen verdienen.

Mit dem Sonntagsevangelium allerdings bekommen wir vorgeführt, wie es im ewigen Weltgericht nicht um Bilanzen geht – sondern viel tiefer. Es geht um „Herzenshaltung“, welch altmodischer Begriff! „Gesinnungsethik“, zeitgemäß oft umschrieben – und manche schnauben dazu bereits gequält. Ist es doch immer einfacher, Gutes zu wollen als wirklich Gutes zu tun ….

Wir kennen das: der Penner findet seine Bleibe auf Kellerschächten und in Hauseingängen. Das ist bedauerlich, natürlich. Sollte der denn etwa so konkret, so naiv eingekleidet, verpflegt oder gar aufgenommen werden? Alle Erfahrung lehrt doch, dass damit nur seine Lethargie und Alkoholsucht bestärkt würde.

Und auch in der Gefangenensorge ist wenig Bedarf. Denn ein derart hoch entwickeltes Rechtssystem wie das unserer Bundesrepublik garantiert ja geradezu dafür, dass jedem alle Rechte offen stehen. Wozu da noch persönliches Engagement?

Dennoch – oder vielleicht gerade dessentwegen, fordert das Weltgericht von den Christen ein Profil, das die „normale“ Wohltätigkeit engagierter Bürgerinnen und Bürger übersteigt. Dazu gilt es, diese samaritanische Wende je neu durchzubuchstabieren.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer an die Schilderung eines unserer Ausbildungspriester: wie er völlig erschöpft vom anstrengenden Tag spät abends zur Mutter nach Hause kommt und dort nur noch seine Ruhe haben will. Und wie er kaum seinen Augen traut, als die alte Mutter doch tatsächlich mit einem ortsbekannten Penner am Tisch sitzt, und beim Gespräch über Gott und die Welt eine seiner besten Flaschen Rotwein mit ihm leert.

Als der Sohn ihr deshalb später Vorhaltungen macht, ist die einzige Entgegnung der Mutter: „S’ ist halt a a Mensch.“ – Er ist halt auch ein Mensch. Das, und nur das zählt.

Kein Wort davon, ob der Mann Wein, Wärme oder Gespräch wert war. Kein Wort über dessen eigene Schuld an seiner Situation – er ist ein Mensch. Und das genügt, um ihn zu mögen. Wenigstens an diesem einen Abend.

Vielleicht sollten wir in diesem Sinn versuchen, „die Armen“ klarer zu benennen: als Frauen, als Männern, Buben oder Mädchen die sie ja auch sind. Wir könnten sie in ihrer Gott-Ebenbildlichkeit wahr nehmen, so sehr diese auch verstellt sein mag.

Dann könnte schnell klar werden, dass die Flasche Rotwein im obigen Fall gut angelegt war, zusammen mit der warmen Stube und einer alten Mutter, die Zeit hat, zuzuhören.

Die Liebe aber, heißt es, erträgt alles.

Da dies auch von der Liebe Gottes gilt, kann es gut möglich sein, dass wir alle uns am Ende der Zeit noch sehr wundern werden….

1. Adventssonntag B, Mk 13, 33-37
Gott kommt, ganz egal wie viel Geschäfte uns auch plagen.

Liebe Schwestern und Brüder!
Alle Jahre wieder derselbe Adventsrummel schon vor dem 1. Advent; dieselben Weihnachtslieder, lange vor Weihnachten; und immer wieder dieselbe Sehnsucht nach einer stillen, besinnlichen Zeit, Zeit, die uns noch Mensch sein lässt… Im selben Gleichmaß hören wir in den Gottesdiensten den spröden, nüchternen Ruf der Adventsevangelien: Seid wachsam! Nehmt euch ein Beispiel am Türhüter, der das ganze Haus im Auge hat.

Im Niederbayerischen oblag dieser Dienst übrigens meist einer Frau, die, selbst im streng katholischen Umfeld, für diese Aufgabe vom Kirchgang entweder ganz freigestellt war – oder die Sonntagspflicht mit der kurzen Frühmesse abzugelten hatte. „Gamma“ hieß das, ohne ein hochdeutsches Äquivalent. Und es war eine Ehre, derart Haus und Hof anvertraut zu bekommen. Diese Ehre spricht der Evangelist nun uns allen in der Nachfolge Jesu und in der Erwartung seiner Wiederkunft zu.

Advent, was liegt nicht alles an Gefühlen, Sehnsüchten, Erwartungen in diesem kleinen Wort! Und wie viel kindliche Vorfreude auf das Weihnachtsfest, wie es im stets wiederkehrenden Jahreskreis eine gravierende Zäsur setzt: Ein Kind ist uns geboren.

Theologisch wird die Vergegenwärtigung der Unfassbarkeit Gottes bestaunt. Der Ewige lässt sich herab, des Menschen Natur anzunehmen. Und ganze Bibliotheken sind voll der Versuche, diese Unfassbarkeit in Bilder, Geschichten und Worte zu bringen – immer wieder neu und doch immer wieder nur unzureichend stammelnd.

Gegengleich dazu braucht dieses Wunder auch im Alltagsleben der Leute seine Ausgestaltung. Ungezählte Symbole und Brauchtümer beleben in dieser Zeit unsere Räume, weit über Adventskalender und Kerzenglanz, Glühwein und Plätzchenduft hinaus. Doch wie viel Wärme, Gerüche und Emotionen wecken allein schon diese wenigen Begriffe – unvergleichlich mehr, als alle theologische Reflexion in ihrer Nüchternheit vermitteln kann.

Und: diese Traditionen sind uns lieb und wert, ein Leben lang. Durch sie erst sticht die Adventszeit aus dem Alltag als etwas Besonderes heraus. Deshalb wird die Hausfrau seit Wochen mit Backrezepten und Dekorationsvorschlägen überhäuft. Deshalb finden Liebende in diesen Tagen zahllose Geschenkvorschläge, und nahezu jede Gemeinschaft bereitet ihre Adventfeier vor, besucht Adventsmärkte, feiert Nikolaus, Barbara und vielleicht auch noch Lucia, Perchtenläufe und Winter austreiben inklusive – und sehr schnell wird klar, woraus Adventsstress bestehen kann.

Der 24. Dezember käme allerdings auch ohne das alles, und auch die Geburt des Jesuskindes. Beide haben mit diesen Aktivitäten das Wenigste zu tun.

Könnte es also nicht sein, dass der ganze Adventsrummel nichts anderes ist als der säkulare Versuch, den Ruf zur Wachsamkeit in das eigene Leben, in den jeweils eigenen familiären, beruflichen und sozialen Kontext zu übersetzen? Um damit nur ja diese entscheidende Zäsur der Weltgeschichte nicht vergessen zu lassen? So seltsam, ja bisweilen unverständlich uns Christen das - bei aller Nüchternheit der biblischen Botschaft - auch anmutet.

Dabei steht mir ein Cartoon aus früheren Schultagen vor Augen. Das heilige Paar steht, hoffnungslos verloren, mit seinem Esel auf einem belebten Platz, am Zebrastreifen, um sie herum lauter rennende, Geschenke und Christbäume tragende Menschen.

Gut möglich in der nächsten Zeit, dass jemand davon Sie sind, oder ich. Denn, so sehr kann sich in diesen Tagen niemand abschotten, als dass man nicht doch an der einen oder anderen Stelle diesem Karussell bunter Aktivitäten zusteigt und es selber hastig weiterbewegt.

Genau da greift das Sonntagsevangelium: „Seid wachsam!“

Da ist die hohe Zeit des Türwächters, der Frau, die gammt, gekommen: sie laufen nicht weg. Sie halten die Stellung. Sie bieten Stabilität und Gleichmut. Sie sind so beständig wie das heilige Paar, das Gotteskind in der Krippe. Auch die stehen fest in all diesen Geschäftigkeiten. Bei aller Kommerzialisierung und amerikanischen Übermalung unserer Vorweihnachtszeit fehlen sie in kaum einem Haus, in keinem Schaufenster und in keiner Hotelhalle. So fremd dort Religion und Christentum sonst auch sein mögen. Die heilige Familie übersteht offensichtlich alle Moden der Zeit, die angeblich auf sie vorbereiten.

Ob sie deshalb so allgegenwärtig ist, weil sich in ihnen universale Gültigkeit erahnen lässt? Der unverlierbare Rest einer tiefen Glaubenswahrheit? Gehütet selbst von denen, die längst vergessen haben, welche Konsequenzen aus der kleinen Geschichte erwuchsen?

Allein, der winzige Bibelausschnitt des zur Adventszeit immer neu Erzählten genügt vielen Zeitgenossen. Mit dem Herberge suchenden, jungen Elternpaar, das so kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes steht, mit dem ist Gott, sagt die Bibel. Spielen ihnen politische Umstände und menschlicher Härte auch noch so übel mit, mögen sie auch keine Bleibe, keine Vertrauten oder Freunde haben, mögen sie noch so sehr Spielball anderer sein - mit ihnen ist Gott. Unverrückbar, das bezeugen die Hirten, die Engelschöre und zuletzt noch die Gaben der Weisen. Am Ende wird alles gut, denn Gott ist mit den Schwachen.

In der Gewissheit dieser Botschaft ist dann auch die eigene Hilflosigkeit zu ertragen. Was sonst so gekonnt verborgen wird, das Gefühl des eigenen Ausgeliefertseins, hier darf ihm nachgegeben werden ohne sich selber bloß zu stellen. Hier verankert sich auch die leise, sehnsuchtsvolle Erwartung, es möge in dieser Welt auch anders gehen. Ein gnädiger Gott möge eingreifen und das Hoffen auf einen guten Neubeginn nicht vergeblich sein.

Die schwangere Frau ist ja von je das Bild guter Hoffnung. Dazu Inbegriff der Zuversicht, dass mit dem neugeborenen Kind ein neuer Anfang, ja, eine neue Welt möglich wird.

All das ist eine gute Botschaft. Evangelium also, im ursprünglichsten Sinne. In welchen Farben diese Botschaft ausgeschmückt wird, welche Dekoration dazu drapiert wird, wie viel anderer, gut gemeinter Zierrat sie auch verstellen, das ist zweitrangig.

Entscheidend ist, dass der Türsteher, die zuverlässige Frau genau dieser Sehnsucht, genau dieser Hoffnung gelten. Sie sind der Wert, über den zu wachen es sich lohnt. Damit er nie ganz verstellt, vergessen oder übertüncht wird.

Gehen wir getrost davon aus, dass auch in unserer schnellen, säkularisierten Gesellschaft Gott am Werk ist. Und die Brüche zwischen Evangelium und gesellschaftlichem Leben, zwischen evangelischem Ruf zur Wachsamkeit und lautem Adventstrubel zur Unvollkommenheit der Welt gehört.

Und, stehen wir fest darin, dass der Herr kommen wird, wenn schon alle Welt sich auf ihn hin ausrichtet - wie damals vor 2000 Jahren, so ganz bestimmt auch zur rechten Zeit in unserer Zukunft.


Frausein allein genügt nicht
Gastkommenar für Radio Vatikan von Sr. Dr. Lea Ackermann
1. November 2008

Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain will mit seiner designierten Vizepräsidentin Sarah Palin auf Stimmenfang gehen: bei emanzipierten Amerikanerinnen, die Hillary Clinton gewählt hätten, wenn sie die demokratische Präsidentschaftskandidatin geworden wäre. Auch Sarah Palin wirkt emanzipiert. Zwar ist die 44-jährige eine evangelikale Christin, doch entgegen dem Klischee trägt sie Lippenstift und kurze Röcke. Sie ist Mutter von fünf Kindern und zugleich Gouverneurin von Alaska – als erste Frau in diesem Amt. Im Fall eines Wahlsiegs McCains wäre sie zudem in der Geschichte der Vereinigten Staaten die erste Frauauf dem Posten des Vizepräsidenten.MitHilfe dieser Bilderbuch-Emanze könnte es John McCain am 4. November tatsächlich gelingen, Feministinnen in sein konservatives Lager zu locken.
Wegen Sarah Palin ist in den USA eine leidenschaftliche feministische Debatte über die alte Frage entbrannt, ob Frausein allein als emanzipatorisches Politprogramm genügt. Ich meine, nicht! Obwohl es zu wünschen wäre, dass so viele Frauen wie möglich in die von Männern besetzten politischenFührungspositionen aufsteigen, sollten vor allem die Inhalte zählen, für die eine Politikerin steht. Welche Inhalte sind das bei Sarah Palin?
Sie ist Aktivistin im Schusswaffenverband National Rifle Association und hält es für das heilige Recht eines jeden Amerikaners, eine Waffe zu besitzen. Der Irak-Krieg sei ein Auftrag Gottes an die USA, verkündet sie. Obwohl sich um ihre Kinder überwiegend der Ehemann und Hausangestellte kümmern, preist sie die traditionelle Frauenrolle der nicht berufstätigen Mutter als vorbildlich. Sie nimmt die Bibel wörtlich und will den Kreationismus – also die Lehre von der Erschaffung der Erde ohne Evolution – landesweit in den Unterricht einführen. Sie ist gegen Klimaschutz und für Ölbohrungen in den Naturschutzgebieten Alaskas.
Feminismus hinterfragt patriarchale Machtstrukturen und ergreift Partei für Frauen und Kinder. Christliche Feministinnen wie ich träumen ganzheitlich von einer heileren Welt – einer Welt im Sinne Jesu: ohne Krieg und Gewalt, ohne Geld- und Machtgier, ohne Rassismus, Sexismus und Fundamentalismus, ohne Ausbeutung von Mensch und Natur. Von einer solchen Welt träumt Sarah Palin ganz gewiss nicht. Nein, diese Frau ist absolut kein Grund, John McCain zu wählen!


Ingrid Weißl - 28. Sonntag im Jahreskreis

Zu einer Hochzeit eingeladen zu sein, ist eine Ehre. In meiner Kindheit habe ich es noch erlebt, dass ein eigener „Progroda“, ein Procurator, einer, der für ein gutes Gelingen Sorge trägt, von Haus zu Haus ging bzw. fuhr und die Gäste für dieses große Fest einlud. Eine Hochzeit war kein privates Fest zweier Liebender, sondern ein Zusammenkommen zweier großer Familien mit allem, was dazugehörte. Im aktuellen Evangelium wird das Himmelreich mit einem König verglichen, der für seinen Sohn eine Hochzeit ausgerichtet.

Wenn man das Gleichnis aufmerksam liest, dann fällt auf, dass die Gäste bereits eingeladen sind und die Knechte sie nochmals rufen – im Auftrag des Königs.

Als diese sich weigern, kommen ein drittes Mal die Knechte, um ihnen die Dringlichkeit der Einladung vor Augen zu halten. Wieder spielt hier die Zahl „drei“ eine Rolle, die die Anwesenheit Gottes markiert: der erste der Eingeladenen geht auf den Acker, der andere in den Laden, die anderen potentiellen Hochzeitsgäste töten gar die Knechte.

Spätestens hier wird deutlich, wie stark beim Evangelisten Matthäus die Gerichtserwartung hervortritt, die die Hörer damals und auch heute animieren soll, den Willen Gottes zu tun. Die Zugehörigkeit zur Kirche bedeutet scheinbar keine Sicherheit vor dem Gericht des Herrn.

 

Warum gebraucht Jesus als Gleichnis das Ritual einer Hochzeit? Wir Menschen im 21.Jahrhundert können uns nicht so sehr vorstellen, dass die Eltern unsere Ehepartner aussuchen. In Indien ist das heutzutage noch der Brauch. Und im Israel zur Zeit Jesu war eine Hochzeit eine vielschichtige Angelegenheit. So waren z.B. die Hochzeitsgäste bis zum späten Abend im Haus der Braut versammelt und wurden dort bewirtet. Währenddessen kündigte ein Bote den Bräutigam an. Das lange Ausbleiben des Bräutigams ist keine Unhöflichkeit oder Unpünktlichkeit, sondern ein Zeichen, dass die Braut ihm und ihren Verwandten sehr kostbar und wertvoll ist: in dieser Wartezeit wird nämlich über den zu zahlenden Brautpreis verhandelt, es wird die Geldsumme festgelegt, die bei der Auflösung der Ehe durch Scheidung oder durch den Tod des Mannes an die Frau zu zahlen ist. Je länger der Bräutigam ausbleibt, je länger dieses Feilschen dauert, desto wertvoller ist die Braut. Wenn nun der Bote meldet, dass der Bräutigam kommt, dann gehen ihm die Brautjungfern, die Freundinnen der Braut, mit ihren Lampen entgegen. Der Bräutigam holt nun in einem feierlichen Hochzeitszug, in einer Art Lichterprozession, die Gäste und die Braut zuhause bei ihren Eltern ab und führt sie etwa um Mitternacht beim in sein Elternhaus. Dort findet dann die Trauung und das Hochzeitsmahl statt. Die Brautjungfern tanzen mit ihren Fackeln, bis diese erlöschen.

 

Dem König ist es ein großes Anliegen, dass alle Gäste, die er einlädt, zur Hochzeit seines Sohnes kommen. Immer wieder versucht er es, er lässt sich nicht abbringen. Auch als seine Wunsch-Kandidaten aus den verschiedensten Gründen nicht kommen, wird er zornig – d.h. traurig, denn Wut ist eine Form der Trauer - und lässt die Mörder, die den Schaden anrichten – und auch ihre Stadt, vernichten.

Und auch jetzt, am Tiefpunkt seiner Hochzeitsvorbereitungen, lässt er durch seine Diener alle, die diese antreffen, zur Hochzeit einladen.

Eigentlich müsste man meinen, es sei jetzt wirklich genug. Genug Ärger, genug Stress mit allem ... aber nein, wieder macht Gott, der König, einen neuen Anlauf und zeigt, dass er sein Fest wirklich feiern will, dass sein Sohn eine „Hohe Zeit“ haben darf, mit allen, den Guten und den Bösen. Eine spannende Vorstellung! Zur Hochzeit des Königssohnes auch die Bösen einzuladen.

Auch hier ist es lohnenswert, sich bewusst zu machen, dass das Böse zum Leben dazugehört. Auch im Gleichnis des letzten Sonntags mit den „bösen Winzern“ spielt das Böse eine bedeutende Rolle. Es ist die andere Seite des Guten. Manchmal ist es hilfreich, das Wort „böse“ mit „traurig“ zu ersetzen. Meiner Erfahrung nach sind „böse“ Menschen oft traurige Menschen, die in ihrem Leben manches Schwere erdulden mussten und deshalb „böse“ geworden sind.

Wer nur gut ist, überlässt das Böse-Sein seinen nächsten Menschen oder evtl. den bösartigen Krankheiten. Wer akzeptiert, dass zum Wesen des Menschen auch die dunkle Seite gehört, wird verständnisvoller den anderen begegnen können.

Als sich die bunt gemischten Gäste im Festsaal gesetzt hatten, kommt der König und bemerkt einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Dieser Zusatz lässt aufhorchen, denn wie könnte einer, der von der Straße aufgelesen worden ist, hochzeitlich gekleidet sein?

Was bedeutet das? Hochzeitliches Gewand? Im Buch Kohelet heißt es im Vers 9,8: „Allezeit mögen deine Kleider weiß sein und deinem Haupt mangle es nicht an Öl“. Vielleicht bedeutet es die innere Einstellung, die man unabhängig aller Äußerlichkeiten sehr wohl wahrnehmen kann. Manche Menschen können selbst in einer abgetragenen Jeans königlich und hochzeitlich aussehen, manche andere machen selbst in einem edlen Gewand keinen allzu glücklichen und würdigen Eindruck.Rabbi Elieser fügt um 100 n.Chr. hinzu: “Zu aller Zeit seien deine Kleider weiß“. (S.248, Matthäus-Kommentar, Meinrad Limbeck, Stuttgarter Bibelwerk). Es ist also das „Allzeit bereit“, mit dem man jederzeit als Hochzeitsgast richtig liegt.

 

Es lohnt sich, das Gleichnis vom Königlichen Hochzeitsmahl als Bild auf sich wirken zu lassen, als Bild mit einem Rahmen. Wenn Sie selbst schon einmal einen Rahmen für ein fertiges Bild ausgesucht haben, werden Sie feststellen, dass die Farbe und Beschaffenheit eines Rahmen ein Bild gravierend verändern kann, positiv aber auch negativ. Ich bekam vor kurzem ein selbstgemaltes Bild von einer Freundin geschenkt und bemerkte, dass erst der richtige Rahmen die jeweiligen Farben des Bild ins rechte Licht rückte. Der Rahmen darf nicht zu hell, aber auch nicht zu dunkel sein, er sollte mit den Farben des Bildes korrelieren und harmonieren. Wenn nun ein Gast als „unwürdig“ Gekleideter aus diesem Rahmen fällt, wird er – relativ brutal – entfernt.

Mehrere Dinge lassen erkennen, dass dieses Gleichnis für unseren Evangelisten sehr wichtig war: Matthäus berichtet nicht von irgendeinem Hochzeitsmahl, sondern von dem eines Königs und setzt diesem Gott gleich. Im Vergleich zum Lukasevangelium lässt Matthäus die Geladenen durch mehrere Knechte (nicht nur durche i n e n) zum Mahl einladen. Die „Strafen“, die das Ablehnen der Einladung nach sich ziehen, sind vergleichsweise hart, obwohl die Gründe verständlich scheinen. Unwahrscheinlich ist auch, dass der König vor der Hochzeit noch einen Kriegszug gegen die Mörder veranstaltet und ihre Stadt auslöscht. Wenn man dieselbe Gleichniserzählung des Matthäus mit der lebensnaheren des Lukas vergleicht, dann fallen diese Unterschiede auf. Wenn man weiß, dass dieses Gleichnis bei Matthäus Ausdruck des urchristlichen Glaubens ist, wird manches klar. Gott bereitet für Jesus das endzeitliche Mahl vor. Nicht nur einmal lud er seine Knechte, die Propheten Israels ein. Vielmehr erneuerte er diese seine Einladung durch die urchristlichen Missionare. Als auch diese für ihre Predigt misshandelt, ja getötet wurden, reagierte Gott – nach urchristlichem Verständnis – mit der Zerstörung der „Mörderstadt“ Jerusalem im Jahre 70 n.Chr.Seitdem geht diese Einladung Gottes an die „Menschen der Landstraße“,an die Heiden damals, an Dich/Sie und mich heute.

Ein speziell matthäischer Nachsatz schließt das Gleichnis ab: „Viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt“. Es wird diplomatischer Weise nicht gesagt, wer zu den Auserwählten gehört. Die Zuhörer können sich aufgrund ihres Verhaltens selbst einordnen, sowohl die gesetzestreuen und schriftenkundigen Hohenpriester und Pharisäer von damals, als auch wir heute.

Wer ist berufen bzw. gerufen? Alle Getauften? Jede bzw. jeder, der sein Herz auf „Empfang“ gestellt hat, um diese Frequenz zu empfangen. Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, sind im Besitz eines Radiogerätes. Um aber diese Sendung zu hören, ist es sinnvoll, über die Bedienungsanleitung Bescheid zu wissen, die Frequenz zu kennen und einzuschalten. Doch um das Wort zu hören, muss man es aufmerksam beachten – und evtl. auch noch befolgen. Wer ein Radiogerät zuhause hat, d.h. eine Möglichkeit, das Gesendete zu empfangen, könnte mit den „Gerufenen“ bzw. „Berufenen“ verglichen werden. Wer dieses Gerät auch noch bedienen kann und das Wort hören und befolgen kann, der ist „auserwählt“, der ist „Jünger Jesu“, denn er selbst hat die richtige Auswahl getroffen – und ist – mit Herz und Hirn - auf „Empfang“ eingestellt.

 

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich wünsche Ihnen, dass Sie all Ihre Sinne „auf Empfang“ gestellt haben, um die Einladung zur Hochzeit, zur hohen Zeit in Ihrem Leben, annehmen und ein frohes Fest erleben können. Sagen Sie zu und kommen Sie – es ist alles bereit!

 

Wladyslaw Bartoszewski, 25.10.2008

Liebe Hörerinnen und Hörer,
seit 1992 vergibt die Wartburg-Stiftung einen Preis für herausragende Verdienste um die europäische Einigung, die auch die deutsche Wiedervereinigung einschließt. In diesem Jahr wurde ich eingeladen, am heutigen 25. Oktober eine Laudatio anlässlich der Verleihung dieser ehrenvollen Auszeichnung an den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering zu halten – einen engagierten Katholiken und Träger des Großkreuzes des Gregoriusordens für Verdienste um die römisch-katholische Kirche, Politik und Gesellschaft.

Professor Pöttering, mit seiner rund dreißigjährigen Erfahrung in politischer und öffentlicher Tätigkeit, verkörpert gewissermaßen den europäischen Geist schlechthin. Solchen Pionieren verdanken wir die Überwindung der durch Kleingeist, Dummheit und ideologische Machtkämpfe errichteten Grenzen und Barrieren, die so prägend waren für das „kaltkriegerische“ vergangene Jahrhundert. Wir verdanken ihnen und ihrer konsequent durchgesetzten Vision das vereinte Deutschland und das vereinte Europa von heute. Ihrer Ausdauer, ihrer Standfestigkeit und Entschlossenheit in Beseitigung der Vorurteile. Menschen wie Hans-Gert Pöttering sind die waren Träger jener christlichen Werte, die Europa ausmachen, über Generationen verbinden und zusammenhalten. Für die Jüngeren unter Ihnen mag all dies als logische Folgen und Früchte einer konsequent verfolgten beruflichen Laufbahn erscheinen. Für mich, schon aufgrund meines Alters und des Erlebten, ist es nicht selbstverständlich. Das vereinte und weitgehend grenzfreie Europa von heute als friedlicher Rahmen für effiziente Zusammenarbeit zwischen Völkern und Kulturen ist die wertvollste Errungenschaft, ein Wunder unserer Zeit. Und Hans-Gert Pöttering hat an der Entstehung eines solchen Europas mitgearbeitet.

Er ist Europäer aus Überzeugung und Europas Geist hat seine Persönlichkeit von Anfang an mitgestaltet. Hans-Gert Pöttering setzt sich für ein starkes Europa, das zum glaubwürdigen Partner auf der globalen Bühne wird. Und um glaubwürdig zu werden, muss Europa an sich selber glauben. Ich, als Vertreter der ältesten Generation, glaube persönlich daran, dass dank Menschen wie Prof. Hans-Gert Pöttering dieses Europa, das ich auch als meines betrachte, in guten und kompetenten Händen bleibt.


Wladyslaw Bartoszewski, 18.10.2008

Liebe Hörerinnen und Hörer, am 21. Oktober 2007, also vor fast auf den Tag genau einem Jahr, hat in Polen die Parlamentswahl stattgefunden. Ich erwähne dieses Jubiläum, weil es keine ausschließlich innenpolitische Angelegenheit meines Landes war, sondern weil das damalige Wahlergebnis entscheidenden Einfluss auf die deutsch – polnischen Relationen der letzten zwölf Monate hatte. Zusammen mit dem Regierungswechsel, haben sich nämlich die Wähler für neue, offenere und partnerschaftliche Außenpolitik entschieden, vor allem in Bezug auf unseren wichtigsten westlichen Nachbarn, die Bundesrepublik. Unter der unmittelbaren Ägide des Premierministers Donald Tusk entstand Mitte November das bislang nie da gewesene Amt des Bevollmächtigten für internationalen Dialog – eine Aufgabe, die mir anvertraut wurde. Damit erfülle ich de facto die selbe Funktion, wie Frau Professor Gesine Schwan, die Polen-Beauftragte der Bundesregierung.
Dieses neue außenpolitische Klima wurde von zwei, aus meiner Sicht kennzeichnenden und richtungweisenden, Ereignissen eingeleitet. Am 7. Dezember erhielt Premierminister Tusk den päpstlichen Segen für sich und seine Familie während der Audienz bei Papst Benedikt XVI. Wenige Tage später, am 11. Dezember, erstattete der frisch ernannte polnische Regierungschef seinen ersten offiziellen Auslandsbesuch bei Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel. Seither ist viel Konkretes erreicht worden, viel Versäumtes aufgeholt. Die wichtigsten deutsch – polnischen Stiftungen wurden reorganisiert. Es finden laufend gegenseitige Besuche von Parlamentariern, Ministern und Regionalpolitikern statt. Neuen Schwung erhielten auch grenzübergreifende Kontakte mit deutschen Ländern, allen voran mit Brandenburg, Sachsen und Nordrhein-Westfallen. Schließlich haben wir gemeinsam Antworten auf viele Fragen der historischen Politik gefunden, sie seit Langem einen Schatten über unsere Beziehungen geworfen haben und oft als Quelle für Ressentiments dienten.
Die deutsch – polnischen Relationen verlaufen haute auf solider Grundlage. Ich spreche hier nicht nur von den beiden großen Verträgen der frühen 90erjahren, die juristisch und rechtsstaatlich unsere Beziehungen regeln. Ich spreche von Vernunft. Von Partnerschaft und Normalität in einer europäischen Familie. Im Alltag schützen natürlich Partnerschaft und Normalität an sich nicht vor Konflikten und Meinungsverschiedenheiten. Aber sie bilden beste Garantie und einzigen Weg für deren Überwindung durch Dialogbereitschaft, durch guten Willen. Und nicht zuletzt durch das Bewusstsein der gemeinsamen Zugehörigkeit. Durch gegenseitige Achtung und durch Anerkennung der christlichen Grundwerte.


Wladyslaw Bartoszewski, 11.10.2008

Liebe Hörerinnen und Hörer! In meinen Publikationen und öffentlichen Auftritten zur europäischen Thematik beziehe ich mich oft auf den aus meiner Sicht absolut fundamentalen Bereich der Seele oder des Geistes Europas. Das geschieht freilich nicht ohne Grund, denn jeder Organismus – auch der staatliche – wäre nicht lebensfähig ohne eigene Seele, ohne eigenen Geist. Und Europa lebt vor allem dank seinen Bürgern. Es schöpft seine Kraft und Identität aus den Herzen der Menschen. Ein seelenloses Europa, das von keinem tieferen Sinn für Gemeinschaft zusammengehalten wird, kann ich mir kaum vorstellen und auch in reiner Theorie wäre es, meiner Meinung nach, zum Scheitern verurteilt.
Heute steht die Europäische Union – wie theatralisch es auch klingen mag – an der Wegscheide. Denn es geht um seine Zukunft und künftige Effizienz. Einerseits sind weit reichende Reformen seines Systems notwendig. Andererseits wird gelegentlich gerade in diesen Reformversuchen eine Gefahr gesehen. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass die Union dringend eine neue strukturelle Basis braucht. Diese Notwendigkeit darf weder verteufelt noch verschwiegen oder vernachlässigt werden. Die Wahl ist einfach: wir können die gegenwärtigen Probleme entweder konservieren und Europa einer Stagnierung preisgeben oder wir können sie durch entsprechende Maßnahmen überwinden, um den gegenwärtigen Herausforderungen besser, effizienter begegnen zu können. Die Sorge um die Seele Europas soll dabei niemals aus den Augen verloren werden. Der frühere Papst Johannes Paul II sprach noch im Juni 2002 in Bezug auf den damaligen Entwurf der künftigen europäischen Verfassung: „Die Suche nach neuer Rechtsordnung soll an sich positiv betrachtet werden, denn ihr Ziel liegt in Verstärkung des institutionellen Bildes der Europäischen Union und trägt damit zum Frieden, zur Gerechtigkeit und zur Solidarität bei. Jedoch muss eine solche neue Rechtsordnung – damit sie wirklich dem gemeinsamen Wohl dienen kann – jene Werte anerkennen und schützen, die das wertvollste Erbe des europäischen Humanismus darstellen“. Diese Worte haben nichts von ihrer Aktualität verloren.
Aufgrund meines Alters weiß ich aus eigener Erfahrung, so wie manche von Ihnen auch, was diese Chance auf neue Rechtsordnung für Europa bedeutet. Wie kostbar und vielleicht einmalig sie ist. Und dass sie auf keinen Fall vom Kleingeist und Visionslosigkeit in Gefahr gebracht werden kann. Doch ich bin optimistisch und davon überzeugt, dass es uns, Europäern, nicht an Vision fehlt, denn wir sind doch schließlich geborene Visionäre. Es heißt nur manchmal den Mut zu haben, sie auszusprechen und durchzusetzen.


Wladyslaw Bartoszewski, 4.10.2008

Liebe Hörerinnen und Hörer,
ich stehe noch unter dem frischen Eindruck der schon zum achten Mal in Krakau stattgefundenen internationalen Konferenz aus dem inzwischen zur Tradition gewordenen Zyklus „Die Rolle der Katholischen Kirche im europäischen Integrationsprozess“. Die Päpstliche Theologische Akademie in Krakau, die Robert Schuman Stiftung und die polnische Repräsentanz der Konrad Adenauer Stiftung organisieren seit 2001 jeden September diese erfolgreiche und wertvolle Plattform für Gedankenaustausch zwischen den Vertretern der Kirche, den Politikern und den Experten als Beitrag zur verantwortungsvollen Mitgestaltung Europas durch die Christen.

Präsent bei früheren Debatten waren u.a. der frühere polnische Premierminister Tadeusz Mazowiecki, Erzbischof Jean-Louis Tauran, Präsident des Europäischen Parlaments Hans-Gert Pöttering, Kardinal Angelo Scola, Bundeskanzler a. D. Helmut Kohl, Kardinal Walter Kasper, Prof. Bronislaw Geremek oder Kardinal Tarcisio Bertone. Auch diesmal fehlte es nicht an herausragenden Gästen. Kardinal Angelo Sodano, Kardinal Stanislaw Dziwisz und Kardinal Péter Erdö aus Ungarn haben mit den Anwesenden ihre Gedanken geteilt. Diesjährige Konferenz verlief unter dem Motto „Welches Europa für Christentum? Welches Christentum für Europa?“ und beschäftigte sich in erster Linie mit Fragen der europäischen Identität im ganz konkreten Zusammenhang mit dem Lissaboner Vertrag. Ihr primäres Ziel aber – genauso wie bei den vorhergehenden Veranstaltungen – bestand in der Erinnerung daran, dass der Ursprung Europas in christlicher Kultur fest verankert ist, und dass dieses Erbe auch künftig in Betracht gezogen werden sollte.

Als Christen möchten wir den Worten des Papstes Benedikt XVI. folgen und uns an Entstehung des „neuen, realistischen, an Idealen reichen und von der Wahrheit des Evangeliums inspirierten Europas“ beteiligen. Für mich, als Polen, ist es besondere Ehre, dass die Gelegenheit dazu in der von Geschichte geprägten Stadt Krakau geboten wird. Im Verlauf des größten Abschnittes meines Lebens schien die Idee von einem auf christlichen Wurzeln vereinten Europa ein kühner Traum zu sein. Heute kann ich seine Verwirklichung nicht nur beobachten, sondern daran aktiv mitwirken. Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, können – und sollen – es auch.


Msgr. Joachim Schroedel, Kairo
27. September 2008

Der Priester Martin Luther
Am vergangenen Sonntag eröffnete die Evangelische Kirche Deutschlands mit einem Gottesdienst die „Lutherdekade“ – einen Zeitraum von 10 Jahren vor der 500sten Wiederkehr des so genannten Thesenanschlags vom 31. Oktober 1517. Weil der bereits 1507 zum Priester geweihte Mönch von der Frage gequält war, „wie kriege ich einen gnädigen Gott?“, versetzte ihn sein Beichtvater und Oberer vor genau 500 Jahren nach Wittenberg zum Theologiestudium. Die zehn Jahre vor dem Thesenanschlag, der als „Urdatum“ der Reformation gilt, waren Jahre des Suchens und des Zweifels. Für den Priester Martin Luther war es die Erleuchtung schlechthin, als er im Römerbrief den Satz las: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben. Der Glaube als das unbedingte Vertrauen in Gottes vergebende Barmherzigkeit löste Luthers Angst vor Tod und Teufel; „deus semper maior“ – Gott ist immer größer – dieser Grundsatz des Heiligen Ignatius von Loyola – eines jüngeren Zeitgenossen Luthers, bestimmte sein Leben.

Auch die Liebe Gottes bleibt immer größer.

Im Bewusstsein dieser vergebenden Liebe Gottes sah er nun auch viele Forderungen der Kirche . Und er musste sie – konsequenter weise – ablehnen. Ich kann, ja ich brauche Gott nicht gnädig zu stimmen – ich darf mich ihm untertänig und glaubend anvertrauen.

Vor fast 10 Jahren haben Katholiken und der lutherische Weltbund eine gemeinsame Erklärung zur so genannten Rechtfertigungslehre unterschrieben. Die Lehre von der Rechtfertigung trennt zumindest Lutheraner und Katholiken nicht mehr -

Trotz Kritik an der Kirche und ihrer Praxis; Luther ist Priester der Kirche.

Im Jahre 1525, 18 Jahre nach seiner Priesterweihe, feiert er die erste Deutsche Messe und entwirft mehrere Gottesdienstordnungen, die immer als Beispiel evangeliumsgemäßer Gottesdienstfeier dienen sollten.

Gegen radikale Reformer wie Nikolaus Storch und Thomas Müntzer ruft er zur Besonnenheit auf. Und Luther befürwortete weiterhin auch die Feier der lateinischen Messe, die besonders die Jugend lernen sollte.

Mir scheint dieses Jahr auch eine tragische Wendemarke in Luthers Leben zu sein. Der Kaiser und der Papst verurteilen ihn, keiner scheint ihn recht zu verstehen. Und er ist gewiss kein Diplomat, eigentlich keine „Nachtigall von Wittenberg“ – er wird in seiner Haltung hart und in seinem Urteil unnachgiebig und letztlich: unausstehlich.

In diesem Jahr – 1525 – wird er auch Katarina von Bora heiraten – und damit in ganz sichtbarer Weise seine Distanz von der Mutterkirche erklären.

Der katholische Priester Martin Luther.

Alleine aus diesem Wissen heraus verlangt er mir zunächst Respekt ab. Dieser katholische Priester wird zum Vorreiter vieler, die in den letzten fast 500 Jahren aus der Liebe zu Christus und eben seiner Kirche Wege gegangen sind, die die Mutter Kirche nicht mehr begleiten konnte. Luther wollte seine Kirche nicht zerstören – er wollte – in seinen ersten 18 Priesterjahren zumindest – sie heilen und auf den guten Weg zurück führen.

Der Tübinger Professor und mein Mitbruder Jochen Hilberath wollte eben in dieser Woche Luther zum „Kirchenlehrer“ erklärt wissen. Soweit kann ich nicht gehen. Aber ich wünschte mir, dass der katholische Priester Martin Luther wieder eine Anerkennung bekommt, die er – allein wegen seiner Weihe, von dem der katholische Christ glaubt, dass sie unauslöschlich sei – verdient hat.

Die Lutherdekade als Möglichkeit eines neuen Angriffs gegen die „Papstkirche“ zu sehen – dies kann ich nur ablehnen, denn damit wir keiner den Herausforderungen der heutigen Zeit gerecht.

Aber wenn es uns gelingt, den katholischen Luther wieder neu zu entdecken, wenn wir in diesen zehn Jahren in das gemeinsame Bewusstsein tiefer einpflanzen würden, dass die Grunderkenntnis Luthers heute die gemeinsame Erkenntnis katholischer und evangelischer Christen ist – dann wäre es wert, diesen Weg zu gehen.

Es gibt zutiefst Katholisches in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die nach Martin Luther entstanden sind. Und die zu Zeiten so zerbrochen – unchristliche „Papstkirche“ gibt es schon lange nicht mehr. Vielleicht würde der Priester Martin Luther sogar seine eigenen evangelischen Brüder und Schwestern heute mit ähnlich kritischem Auge betrachten, wie er es damals mit der Catholica gemacht hat...

Und es gibt zutiefst Evangelisches, also: evangeliumsgemäßes, in der katholischen Kirche.

Ich wünschte mir, dass die Evangelische Kirche Deutschlands, aber auch andere evangelischeKirchen und Gemeinschaften, Ihre Verantwortung vor dem Priester Martin Luther neu erkennen und seinen frühen Respekt, ja seine feste Glaubensüberzeugung wieder neu teilen könnten.

Der katholische Priester Martin Luther als fragender Christ – dieser Ansatz könnte in der Lutherdekade protestantischen und katholischen Christen helfen.

Im gestrigen Pressebericht über die Herbstvollversammlung der Deutschen Bischöfe heißt es:

„Wenn es gelingt, gemeinsam das Reformanliegen der Reformation zu würdigen und zu einem gemeinsamen Lutherverständnis zu kommen, würde das die Ökumene einen großen Schritt nach vorne bringen.“

Gut und wichtig wäre es! Meint Joachim Schroedel aus Kairo


Msgr. Joachim Schroedel, 20. September 2008

Die vergessenen Millionen
Die vergangene Woche hat – wieder einmal mehr – Schreckensnachrichten über die Finanz- und Aktienwelt gebracht. Die Indizes der Märkte rutschen in Tiefen, die selbst den so genannten „Kleinanlegern“ graue Haare wachsen lassen.

Bankencrashes zeigen, wie sensibel es um die finanz- und schließlich auch Weltmärkte bestellt ist. Ich höre Zahlen, deren Größe ich mir gar nicht mehr vorzustellen vermag. Verluste und Geldvernichtung gehen einher mit der Vernichtung zehntausender von Arbeitsplätzen. All das macht vielen Menschen, nicht nur den Kapitalstarken, sondern eben auch dem so genannten Mittelstand, große Sorgen.

Doch dabei betreiben wir in den finanzstarken Ländern dieser Welt wieder einmal eine Nabelschau, die der gesamten Welt nicht gerecht wird.

Zu einer Pastoralreise bin ich seit über einer Woche in Äthiopien; ich besuche die deutschsprachige Gemeinde hier in Addis Abeba.

Wenngleich es auch in der Metropole Addis Abeba selbst zu dieser Jahreszeit noch regnet – sowohl der Süden als auch der Norden des Landes leiden unter Trockenheit, die für die kommenden Monate Ernteausfälle unvorstellbaren Ausmaßes voraussehen lässt. Und auch jetzt schon ist die Ernährung weiter Teile der Bevölkerung des gesamten „Horns von Afrika“ nicht mehr sicher gestellt. Nach einem jüngst vorgelegten Bericht von UNICEF sind über 14 Millionen Menschen, darunter 3 Millionen Kinder, so von der Hungerkatastrophe betroffen, dass man davon ausgehen muss: die meisten von Ihnen werden sterben. Dies ist aber nur die Spitze der schon laufenden Katastrophe. In Addis, so meint der Obere des Jesuitenkonvents, Pater Grum, haben 50 %, also 2 Millionen Menschen nicht genügend zu essen oder sind mangelhaft ernährt.

Heute befindet sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Huber, mit einer Delegation der EKD in Addis Abeba. Aus nächster Nähe wird er viele der „vergessenen Millionen“ sehen. Wenn auch kirchliche und staatliche Hilfe aus dem Ausland geleistet wird – der Blick der Menschen wird so häufig abgelenkt oder zurückgelenkt auf die eigene vermeintlich so dringende Problematik.

Die „weltweite Finanzkrise“ wird registriert – die immer größer werdende Menschheitskrise wird eher als „normal“ und „nicht zu ändern“ angesehen.

Aber würde allein Äthiopien seine Truppen aus Somalia abziehen, würden große und bedeutende Nationen ihr militärisches Engagement in für sie letztlich völlig fern liegenden Staaten beenden – dann könnte hungernden und frierenden, kranken und sterbenden Menschen ein menschenwürdiges Leben bereitet werden.

Die Bundesrepublik Deutschland wird für den Zeitraum 2009 – 2011 96 Millionen Euro an für Äthiopien zur Verfügung stellen; die Kirchen engagieren sich so sehr, dass etwa die evangelische Hilfsaktion „Brot für die Welt“ 40% des Spendenaufkommens für Notleidende in Afrika verwendet. Und wir dürfen dankbar sein, dass wir Deutsche bereit sind, zu spenden und zu geben.

Dennoch scheint mir im Bewusstsein unserer Bevölkerung echte Solidarität und Mitleid zu fehlen. Es ist fatal und zutiefst un-christlich, wenn man hören muss, dass Afrika ja doch selber Schuld sei. Unsere historische Verantwortung, die Verantwortung Europas allgemein an der Situation vieler Länder Afrikas ist weitgehend ausgeblendet.

Und von der aktuellen Situation einzelner Länder, etwa dem Krieg zwischen Äthiopien und Somalia oder den Hungerkatastrophen nimmt die Presse kaum mehr Notiz – es gibt ja so vieles, was aktueller und für den Moment erschreckender ... und daher – ironisch gesagt – „unterhaltsamer“ ist.

Es sind in der Tat schweigende Millionen, deren durchaus beredtes Schweigen wir wieder neu wahrnehmen müssen. Der Besuch der hochrangigen Delegation der Evangelischen Kirche Deutschlands aber das große Engagement katholischer Deutscher Hilfsorganisationen in Zusammenarbeit mit der katholischen Ortskirche, die mit 700.000 Gläubigen nur 1% der Bevölkerung ausmacht zeigt, dass diese Menschen eben nicht vergessen sind.

Es bleibt in mir das Unbehagen, dass wir in Europa geneigt sind, irgendwann aufzugeben. es bleibt allerdings auch die Gewissheit, dass wir Christen letztlich nachhaltig genug auch unser Bewusstsein von der Not Afrikas schärfen müssen.

JEDER CHRIST gefordert, seine Stimme gegen Menschenverachtung zu erheben.

In Pressebeiträgen der letzten Woche zum Thema „Globale Finanzkrise“ hörte man immer wieder, man müsse nun „Millionen abschreiben“.

Die Millionen Menschen Afrikas, hungernd und nach Gerechtigkeit rufend, bekommen von dieser „Globalen Krise“ nicht viel mit; aber sie sind selbst wie Millionen „Abgeschriebener“, von deren Elend wir vielleicht zu Weihnachten oder Ostern erfahren, uns aber dann schnell wieder unserer eigenen vermeintlich so wichtigen Problematik zuwenden. Dabei müssen wir uns immer wieder klar machen: Wir stehen in einer Schicksalsgemeinschaft, und jede Vernachlässigung eben dieser hungernden und sterbenden Menschen wird sich dereinst – und diese Zeit wird von jemand anderem bestimmt – bitter rächen.

Es geht also nicht nur darum, wieder einmal eine großzügige Spende zu machen – es geht um ein definitiv überlebens-wichtiges Umdenken auch in unserer Gesellschaft.

Noch stehen wir damit sehr am Anfang, mein Joachim Schroedel, derzeit auf Pastoralreise in Addis Abeba


Iwan Rickenbacher, 30.8.2008

Am Mont Blanc sind am Wochenende mehrere Bergsteiger von einer Schnee- und Eislawine verschüttet worden. Für acht von ihnen, aus Deutschland, aus Österreich, aus der Schweiz besteht keine Hoffnung auf Überleben mehr. Meterdick liegen sie in den Schneemassen begraben und weitere Abstürze würden jene gefährden, die sie zu bergen versuchten.

Wenige Stunden nach dem Ereignis bewegt viele Menschen die Frage, wie dies geschehen konnte und nicht wenige versuchen, Schuldige für das tragische Unglück zu finden.

War die Route gut gewählt? Kannten die Bergführer den Berg und seine Tücken? Wurden allfällige Warnungen in den Wind geschlagen? Waren die Bergsteiger richtig ausgerüstet?

Erste Aussagen von Experten scheinen zu belegen, dass die von erfahrenen Berggängern geführten Gruppen auf einem viel begangenem Aufstieg bei normalem Bergwetter vom Unglück betroffen worden sind, von einem unvorhergesehenen Schicksal betroffen.

Schicksal, unvorhersagbares Ereignis, dies sind Begriffe, mit denen sich viele in unserer Zeit, in der so vieles machbar erscheint, schwer tun.

Krankheiten, an denen unsere Grosseltern mit hoher Wahrscheinlichkeit starben, werden erfolgreich bekämpft. Wissenschaftliche Instrumente lassen gefährliche Naturereignisse voraussagen und der Gentest erlaubt die Auslegeordnung der persönlichen Schwächen und Risiken und ermöglicht die präventiven Maßnahmen, die den plötzlichen Zusammenbruch verhindern.

Und dann dies, eine Eislawine, die nicht der Regel folgt, ein Tornado mitten in Frankreich, wo es seit Jahrzehnten keinen todbringenden Wirbelsturm mehr gegeben hatte, und dies trotz aller Risikoberechnungen und Wahrscheinlichkeitskurven. Waren die Häuser, welche ihre Bewohner begruben, liderlich gebaut und welche Schuld trifft die Wettervorhersage, die nicht drastisch von der zerstörerischen Gewalt des angesagten Unwetters gewarnt hatte?

Dass Menschen verstehen wollen, warum solche Ereignisse eintreten, ist verständlich. Aus dem Verstehen können präventive Maßnahmen entwickelt werden. Verstehen zu können braucht aber meistens Zeit und akribische Analyse. Diese Zeit wird nur dann eingeräumt, wenn akzeptiert wird, dass es Dinge gibt, die ohne persönliche Schuld von Einzelnen und von Institutionen vorerst unerklärbar bleiben.

Für viele ist diese Haltung in einer Zeit, in der man den Dingen in der Nanodimension auf den Grund zu gehen scheint, fast unvorstellbar. Die Antwort muss schnell her und am schnellsten geht es, wenn ein Schuldiger festgemacht werden kann.

Vor einigen Monaten starben in der Schweiz einige Gebirgsrekruten an einem andern Berg. Sie hatten ihre Tour nicht unter den besten Wetterbedingungen unternommen und der Weg führte an sehr kritischen Stellen vorbei, die schon andern Bergsteigern das Leben gekostet hatten. Noch ist nicht geklärt, was die jungen Männer und ihre auch noch jungen Führer, alles berggewohnte Menschen, bewogen hatte, an diesem Morgen den Berg zu besteigen. Ein vermeintlich Schuldiger ist von einem Teil der Öffentlichkeit schnell ausgemacht worden. Es war für einige der Verteidigungsminister, der es nach Meinung dieser Kritiker nicht verstehe, der Armee richtige Aufgaben zuzuweisen, damit junge Männer ihr Leben nicht auf militärisch unnötigen Touren aufs Spiel setzten.

Nein, die Unkultur der schnellen Schuldzuweisung führt nicht zu neuen Erkenntnissen. Sie verstellt im Gegenteil die Suche nach den wahren Gründen eines Geschehens und weckt Scheinhoffnungen in die Abwendung künftiger Schadensfälle. Vielleicht braucht es die bescheidene Einsicht, dass den Menschen viele Dinge verstellt bleiben, dass vieles unerklärbar bleibt und dass das immense Wissen, das wir uns angeeignet haben, den Glauben und die Hoffnung nicht ersetzen.

Mit diesem Beitrag verabschiede ich mich, liebe Hörerinnen und Hörer und wünsche Ihnen die Musse, die ich mir wegen dieser Sendung nehmen musste, wieder etwas hinter die Tagesereignisse zu gucken. Mir die Zeit zu nehmen, zu verstehen, bevor ich urteile und skeptisch zu bleiben, wenn zu schnelle Erklärungen angeboten werden, für die Kämpfe im Kaukasus, für die Regierungsbildung in Pakistan oder das Schicksal Tibets. Einiges werden wir nie ganz verstehen. (rv)


Franz Alt, 28.6.2008

Wird die CDU eine grüne Partei?
Die Bewahrung der Schöpfung ist ein Grundanliegen der Kirchen und aller wirklich human gesinnter Menschen. In dieser Woche hat auch die CDU ein neues Grundsatzpapier mit dem Titel „Die Schöpfung bewahren“ verabschiedet. Wird die CDU jetzt eine grüne Partei?

Nie zuvor haben die christlichen Demokraten dem Klimaschutz eine so zentrale Rolle beigemessen wie im neuen Papier. Klimaschutz ist die Überlebensfrage der Menschheit geworden, sagt auch die Bundeskanzlerin. Darüber würde sich Herbert Gruhl, der vor 33 Jahren den Bestseller „Ein Planet wird geplündert“ geschrieben hat, sicherlich freuen. Dieses Buch eines Konservativen wurde damals das Neue Testament der Umweltbewegung und der Startschuss der Grünen. Herbert Gruhl wurde zusammen mit der Pazifistin Petra Kelly zum Gründervater der Grünen. Er verließ jedoch vor 30 Jahren die CDU wegen der positiven Einstellung der Christdemokraten zur Atomenergie.

Das neue grüne CDU-Papier vollzieht jetzt nach, was Angela Merkel als weltweit agierende Klima-Queen schon seit zwei Jahren zu praktizieren versucht, aber dabei daheim von der eigenen Wirtschaft ausgebremst wird. Die CDU schreibt sich jetzt Nachhaltigkeit in die Energie-, Wirtschafts- und Umweltpolitik ins Programm – doch wichtiger als schöne Worte sind künftige Taten. Und da ist aktuell der Schutz der heimischen Autoindustrie immer noch wichtiger als der Schutz des Klimas.

Klimaschutz sei ein „Kernziel der CDU-Politik“ heißt es. Der Klimawandel gefährde die Chancen künftiger Generationen. Herbert Gruhl würde dem sicher zustimmen. Aber er würde schlicht fragen, warum dann Altbauten nicht besser gedämmt werden müssen. Im Papier steht, dass Deutschland bis 2020 „den effizientesten Kraftwerkspark der Welt“ haben soll. Aber wie soll das gehen mit 20 geplanten neuen Kohle- und Braunkohlekraftwerken? Weit effizienter wären Windräder, Solarkraftwerke, Kraftwärmekopplungen und Biogasanlagen.

Aber immerhin: Bis 2050, so das CDU-Papier, soll 50% des Stroms in Deutschland erneuerbar produziert werden. Dabei wird freilich übersehen, dass viele Kommunen und Landkreise schon bis 2030 zu 100% erneuerbar sein wollen und einige es schon heute sind.

Knackpunkt zwischen wirklich grünen, wertkonservativen Positionen und dem neuen CDU-Papier ist und bleibt die Atomkraft. „Auf absehbare Zeit“ seien AKWs nicht verzichtbar und zwar aus Klimaschutzgründen. Das ist die alte Propaganda-Platte der alten Energiewirtschaft. Sie verstellt den realistischen Blick auf die gefährlichste Energie-Technologie, die es je gab.

Die CDU bleibt mit ihrem neuen Programm weit hinter den neuen technologischen Möglichkeiten und erst recht hinter ihren eigenen christdemokratischen Wertvorstellungen zurück. Ein Fortschritt in die richtige Richtung ist das Papier dennoch.


Franz Alt - 21.6.2008

Wir werden länger arbeiten
Zu Bismarcks Zeiten wurden die Deutschen im Schnitt 46 Jahre alt und das Rentenalter wurde damals auf 65 Jahre festgesetzt. Heute werden wir im Schnitt 80 Jahre alt und tun uns schwer mit der Vorstellung, bis 67 zu arbeiten.
Seit Bismarcks Zeiten gibt es auch die christliche Soziallehre. Auch sie beschäftigt sich mit der Würde von Arbeiterinnen und Arbeitern und mit dem Sinn von Arbeit.
Die christliche Soziallehre tut sich mit der Frage wie lange wir arbeiten sollen und wie die Rente finanziert werden soll nicht leichter als die Gewerkschaften.
Den Fußballfreunden fällt jedoch in diesen Wochen der Europameisterschaft auf, dass auf den Trainerbänken der EM meist ältere Herren sitzen. Sieben der 16 Trainer sind über 60 Jahre alt und es sind nicht die schlechtesten.
Spaniens Trainer Aragones und der deutsche Trainer der Griechen, Otto Rehagel, werden in diesen Wochen 70 Jahre alt. Trotz der körperlichen Herausforderung eines Fußballnationaltrainers sind die Spieler der Meinung, dass die älteren Herrschaften ihren Job ganz gut machen. Gewerkschaftsfunktionäre, die noch immer meinen, dass Menschen ab 60 oder 65 körperliche Arbeit nicht mehr zuzumuten sei, müssen offenbar umdenken. Auch christliche Sozialethiker müssen noch lernen, dass man heute auch bei 65-Jährigen eher über die Qualität der Arbeit als über das Alter sprechen sollte. Manche Ältere finden die gängigen Gewerkschaftargumente für eine frühere Verrentung eher würdelos als angemessen.
Ich kenne einen Chefarzt, der dagegen klagen will, dass er mit 65 in Rente soll, nur weil er 65 ist.
Junge Arbeitnehmer gleich gute Arbeitnehmer und ältere gleich schlechte: Diese Rechnung geht heute nicht mehr auf. Im Gegenteil: Dass zwei Jahre länger arbeiten soll, wer beinahe doppelt so alt wird wie seine Urgroßeltern, ist für viele Menschen eine schlichte Selbstverständlichkeit.
Natürlich ist es human, für besonders schwere körperliche Arbeit gleitende Übergangszeiten und Altersteilzeit einzuführen. Aber es verstößt nicht gegen die Menschwürde und auch nicht gegen die christliche Sozialethik, das Rentenalter gegenüber Bismarcks Zeiten um zwei Jahre zu erhöhen.
Kroatiens FußballtrainerSlaven Bilic sagt ohne Neid: Die älteren Kollegen haben mir in Sachen „Erfahrung und Autorität einiges voraus.“ Sein Kollege Otto Rehagel hat in Griechenland einen Vertrag bis 2012 – dann ist er 72. Konrad Adenauer war 73 als er Bundeskanzler wurde – und nicht der schlechteste. Beim Thema Rente und Altersteilzeit müssen wir lernen, mehr zu differenzieren und flexibler zu argumentieren. Das verstößt nicht gegen die Menschenwürde, dasi s tmenschwürdig.

Franz Alt - www.sonnenseite.com


Franz Alt - 14. 6.2008

Retten Atomkraftwerke das Weltklima?
Wenn die klimaverändernden Treibhausgase bis 2050 halbiert werden sollen, dann brauchen wir weltweit 1.300 Atomkraftwerke – forderte vor wenigen Tagen die Internationale Energieagentur in Paris. Das aber heißt: der heutige Park von 440 Atommeilern müsste nochmals verdreifacht werden. Kann Kernkraft tatsächlich das Weltklima retten?

Heute weiß kein einziger seriöser Wissenschaftler wo und wie Atommüll je entsorgt werden könnte. Wir wissen nur, dass Atommüll mindestens 100.000 Jahre gefährlich strahlt. Ein größerer Frevel gegenüber der Schöpfung und gegenüber künftigen Generationen ist kaum denkbar.

Hinzu kommt, dass jedes AKW ein unkalkulierbares Restrisiko in sich birgt. Wir wissen spätestens seit Tschernobyl, dass es kein einziges 100 % sicheres Atomkraftwerk gibt. Atomares Restrisiko ist jenes Risiko, das uns jeden Tag den Rest geben kann!

Kritiker der neuesten Forderung der Internationalen Energieagentur verweisen neben den Sicherheitsrisiken auf zwei weitere Gefahren: Wenn immer mehr Ländern immer mehr Atomkraftwerke bauen, haben immer mehr Länder die Möglichkeit Atombomben zu bauen und das Risiko eines Terroranschlags auf ein AKW wird immer größer.

Heute betreiben 31 Staaten Kernkraftwerke. Wenn aber – wie von der Internationalen Energieagentur vorgeschlagen – 2050 in 86 Ländern AKW stehen sollen, erlebt die Welt einen Albtraum, denn fast alle Besitzer von neuen Kernreaktoren haben militärische Hintergedanken. Unsere Welt wäre nicht sicherer, sondern noch viel unsicherer als heute.

Selbst wenn 1.300 neue Kernkraftwerke laufen würden, könnte Kernenergie gerademal 10 % zum Gesamtenergieverbrauch auf der Welt beitragen. Dazu sagte der deutsche Bundespräsident Horst Köhler vor kurzem: „Ich kenne keinen einzigen seriösen Wissenschaftler, der behauptet, wir könnten mit Atomkraft unsere künftigen Energieprobleme lösen.“

Wir müssen endlich lernen, dass die Lösung aller Energieprobleme am Himmel steht. Die Sonne schickt uns jeden Tag 15.000mal mehr Energie als zurzeit alle Menschen auf der ganzen Welt verbrauchen. Das macht sie kostenlos, umweltfreundlich, ohne Gefahren und noch 7 Milliarden Jahre. Schon Jesus wusste vor 2.000 Jahren: „Die Sonne des Vaters scheint für alle“.

Zur Sonne kommen dann noch die weiteren klimafreundlichen Energiequellen:Windkraft, Wasserkraft, Erdwärme, Bioenergie und Meeresenergie.

Die Energiefrage, die immer mehr unsere Schicksalsfrage wird, ist letztlich eine moralische Herausforderung: Haben wir noch Verantwortung für unsere Kinder und Enkel? Wir werden im Atomzeitalter ein elftes Gebot lernen müssen: Du sollst den Kern nicht spalten! Der Bau von Atomkraftwerken ist so schöpfungswidrig und lebensfeindlich wie der Bau von Atombomben.

Franz Alt

www.sonnenseite.com


7. Juni 2008 - Franz Alt

Der Hunger-Skandal
Die Menschheit finanziert teure Kriege und teure Weltraumflüge, aber den Hunger auf unserem Heimatplaneten kann sie immer noch nicht besiegen.

Im Frühjahr 2008 hungern vor allem in Afrika und Südostasien 862 Millionen Menschen und 26.000 Menschen verhungern jeden Tag – auch heute. Vor acht Jahren haben die wichtigsten Politiker der Welt beschlossen, dass die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 halbiert werden soll. Doch seither ist diese Zahl noch gestiegen, hat die Welternährungskonferenz in dieser Woche in Rom festgestellt.

862 Millionen Menschen hungern. Das sind mehr als 10mal so viel wie in Deutschland leben.

Hunger auf einem reichen Planeten istd e rSkandal unserer Zeit undd i eSchande unseres Jahrhunderts.

Der Generalsekretär der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, Jacques Diouf, hat soeben vorgerechnet, dass 20 Milliarden Euro pro Jahr ausrechnen würden, um den Hunger zu besiegen, wenn das Geld wirklich in effiziente Entwicklungsprojekte und nicht in Prestigeobjekte von Regierenden gesteckt würde.

Die Zahl 20 Milliarden klingt riesig, ist aber eher bescheiden, wenn man sie in Relation setzt mit dem Geld, das allein die US-Regierung für Krieg und Massenmord im Irak ausgibt – nämlich mehr als das Fünffache jedes Jahr. Auch Deutschland steckt jedes Jahr 28 Milliarden Euro in Militär und Rüstung, obwohl wir keine Feinde mehr haben und nur noch von Freunden umstellt sind.

Diese Zahlen verdeutlichen eine brutale Wahrheit: Die Lösung des Hungerproblems ist politisch gar nicht wirklich gewünscht. Korrupte Regierungen in Ländern der Dritten Welt, die ihre Bauern vernachlässigen, sind die eine Seite des Hungerproblems. Aber die andere Seite ist fehlender politischer Wille der reichen Regierungen, die ihr Geld noch immer eher in menschverachtende Waffensysteme stecken und ihre Entwicklungsaufgaben sträflich vernachlässigen.

An der Spitze der reichen Staaten stehen meist Christen. Wie wäre es, wenn Papst und Bischöfe den sich christlich nennenden Politikern mit Exkommunikation drohen, wenn sie nicht endlich die Hungerprobleme lösen anstatt aufzurüsten wie in den Zeiten des Kalten Krieges?

Der wunderbare junge Mann aus Nazareth wäre wahrscheinlich radikal genug, solche Forderungen heute zu stellen. Und denen, die sagen, dieser Kampf sei im Angesicht realer politischer Verhältnisse sowieso aussichtslos, würde er wohl entgegenhalten: Ihr habt den Kampf für die Armen ja noch gar nicht wirklich begonnen.

Politik und Kirche und wir alle können von Jesus noch immer viel lernen, wenn wir wirklich an einer besseren Welt mitarbeiten wollen.

Franz Alt
www.franzalt.de


Dr. Manfred Lütz am 3.5.2008

Das Wallfahren kommt wieder. Das nach der Bibel wohl meist verkaufte Buch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Wallfahrtsbuch „Ich bin dann mal weg“ des Komikers Hape Kerkeling. Es ist das ernst gemeinte unterhaltsame Buch eines Mannes, der auf der Suche nach dem Wesentlichen des Lebens nicht einfach irgendwie esoterisch in sich gegangen ist. Schon Karl Valentin raunzte: „Heute in mich gegangen – auch nichts los!“

Auch die Kirche war der reinen Innerlichkeit gegenüber immer skeptisch. Nicht die Unsterblichkeit der Seele, sondern die Auferstehung des Fleisches ist die Pointe christlicher Jenseitshoffnungen. Der Glaube an die Fleischwerdung Gottes brach in eine intellektuelle Atmosphäre des Römischen Reiches ein, in der der Körper weitgehend als „Gefängnis der Seele“ verleumdet wurde. Den Körper verachteten die gebildeten Neuplatoniker, vor ausgelassenem Spaß warnten die skeptischen Epikureer und auf das Leiden hatten sie keine Antwort, die stoischen Helden der Selbstbeherrschung. Und da kam eine junge Religion, die an die Fleischwerdung Gottes, an Freude in Fülle und an den erlösenden Sinn des Leidens glaubte. Ekel war die Reaktion bei der intellektuellen Schickeria des Reiches, Ratlosigkeit bei Kaiser Trajan und seinem Statthalter Plinius in Anatolien, Unverständnis und Spott beim römischen Pöbel, der einen Esel am Kreuz an eine Hauswand ritzte. Doch die Christen wichen nicht zurück. Es war die Botschaft von der Einheit von Gott und Mensch in Jesus Christus, die Welt und Mensch aus dem Schatten ins Licht stellte. Erst viel später wird der heilige Franz von Assisi diese Botschaft wieder beleben und Thomas von Aquin wird das philosophische Lob der guten Schöpfung Gottes singen.

Eigentlich war es so das Christentum, das Leib und Seele zusammenhielt und das im körperlichen und seelischen Leid nicht die absurde Sinnlosigkeit erblickte, sondern eine Ahnung von Erlösung. Wie kann man diesen Glauben am besten ausdrücken? Natürlich mit dem großen Glaubensbekenntnis. Doch bleiben das Worte.

Eine Wallfahrt dagegen ist das Ganze des christlichen Glaubens in Aktion. Seit den Anfängen pilgern die Christen. Heute bin ich zur 500-Jahr-Feier der Wallfahrtskirche in Rankweil in Vorarlberg und es gibt noch viel ältere bis heute besuchte Wallfahrtsorte. Bei einer Wallfahrt geht man nicht nur einen inneren Weg, sondern zugleich einen äußeren Weg, einen seelischen und einen körperlichen, einen individuellen, aber zugleich einen Weg in Gemeinschaft, letztlich in kirchlicher Gemeinschaft. Denn die Kirche ist es, die ihre bergende Hand über die Wallfahrer hält und stets ist ein Kirchengebäude das Ziel der Pilgerschaft. Und an vielen Wallfahrtsorten ist der leidende Pilger besonders herzlich willkommen. Freilich kann man an einem christlichen Wallfahrtsort auch viel über die merkwürdige christliche Sicht des Leidens lernen. Gewiss gibt es Wunder an Orten wie Lourdes, wobei die Kirche die Gläubigen vor einer ausufernden Wundergläubigkeit durch strenge Überprüfungen mit seltenen positiven Ergebnissen schützt. Vergleichbar mit den Wunderheilungen Jesu, sind es aber nicht diese Heilungen selbst, die das Wesentliche solcher Wallfahrtsorte ausmachen. Das Wesentliche ist die kraftvolle Verheißung des ewigen Heils, auf das diese Wunder hinweisen, das Heil, das Jesus allen, die an ihn glauben und ihm folgen, zugesagt hat. Und so kehren die nicht körperlich geheilten Lourdeswallfahrer zumeist kaum weniger getröstet zurück als die wenigen Geheilten.

Kein Christ muss wallfahren, kein Katholik muss an die Wunderheilungen in Lourdes glauben, aber es gibt wohl kaum eine Gelegenheit, bei der man ganzheitlicher das Christentum erleben kann wie bei einer christlichen Wallfahrt. Papst Johannes Paul II. hat seine ganze Reisetätigkeit vor allem als Pilgern verstanden. Auch Papst Benedikt XVI. pilgert dieses Jahr zum 150. Jahrestag der Marienerscheinungen nach Lourdes. Die Kirche hat das Bild vom pilgernden Gottesvolk immer geliebt. Und wie sich zeigt, ist diese Form lebendigen Christentums wieder vielen Menschen vermittelbar, die erkannt haben, dass man sich das ewige Leben vielleicht doch nicht beim Städtemarathon erlaufen kann.

3 Millionen verkaufte Bücher über eine Pilgerfahrt und seitdem Tausende deutscher Pilger auf dem Weg nach Santiago di Compostella! Das sollte eigentlich die ausdauernden Kirchenjammerer mal zum Schweigen bringen. Und dass dieses Buch unterhaltsam und humorvoll geschrieben ist, sollte uns Christen vielleicht selbstkritisch fragen lassen, ob unser Christentum nicht allzu oft mehr nach Beerdigung klingt und nicht nach der lustvollen frohen Botschaft, die es doch ist. Unterhaltsam von Gott reden, das konnten wir Katholiken jahrhundertelang. Wir müssen es nur wieder ein bisschen lernen.

Einer der wichtigsten katholischen Publizisten hat neulich den deutschen Bischöfen den Rat gegeben, mal einen ungewöhnlichen Hirtenbrief zu schreiben. Nicht mit irgendwelchen wortreichen erbaulichen Reflexionen, sondern mit nur einem Satz: Liebe Diözesanen, ich fordere jeden von Euch auf, im kommenden Jahr eine Wallfahrt zu machen. Euer Diözesanbischof. Doch übrigens: Wir Katholiken können uns auch ohne Marschbefehl die Freiheit nehmen, uns einfach auf den Weg zu machen, zu Gott und damit zu uns, nicht umgekehrt.


Dr. Manfred Lütz Mai 2008 (5)

Am vergangenen Montag trafen in Berlin die alten nordrheinwestfälischen Widersacher Jürgen Rüttgers und Franz Müntefering aufeinander. Anlass dieses ungewöhnlichen Treffens war ein ungewöhnliches Buch. Herausgeber des Buches ist ein leibhaftiger Kardinal – Paul Josef Cordes – und das Geleitwort hat kein geringerer geschrieben als der Papst selbst. Welches spektakuläre Thema kann wohl zu einer solch spektakulären Präsentation führen? Das Buch handelt von der Liebe und besonders von der christlichen Nächstenliebe. Eigentlich ist das ja irgendwie ein Allerweltsthema oder allenfalls noch ein Thema für „Gutmenschen“. Doch näher besehen ist die Liebe in Wirklichkeit die Crux aller wesentlichen Debatten über den Menschen und seine Situation in der Welt. Natürlich gibt es Missbrauch dieses Wortes im Kitsch, in der Schnulze, im kommerzialisierten Liebesgeschwätz. Doch selbst solcher Missbrauch mit wertlosen Nachahmerprodukten findet nur statt, weil echte Liebe offensichtlich von allen Menschen über die Maßen hoch geschätzt wird.

In seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ hat Papst Benedikt XVI. die Liebe in den Mittelpunkt gestellt. Da die erste Enzyklika eines Papstes immer als programmatisch für das ganze Pontifikat wahrgenommen wird, gibt der Papst der Caritas damit eine besondere Bedeutung für die Wahrnehmung von Christentum und Kirche. In der Tat, in dieser Enzyklika ist es dem Papst gelungen, das Wesentliche des christlichen Glaubens in allgemeinverständlicher Sprache für jedermann darzustellen. Er versteht dabei Liebe in ihrer denkbar weitesten Form. Auch das Ergreifende der erotischen Liebe wird als kostbare Schöpfung eines Gottes gepriesen, der als Menschgewordener ebenfalls die ganze Sinnlichkeit des Menschen angenommen hat.

Und diese praktische Ausrichtung der Enzyklika, die nicht den Staub der Gelehrtenstube, sondern den Atem des Lebens spüren lässt, macht sie auch zu einer Anfrage an die Kirche. Wie steht es neben der für jeden einzelnen Christen wichtigen gelebten Liebe um die Liebestätigkeit der Kirche als Kirche, wie steht es mit der kirchlichen Caritas? Dieser Frage geht das Buch von Kardinal Cordes „Helfer fallen nicht vom Himmel“ nach. Kardinal Cordes ist als Präsident des Päpstlichen Rates „Cor unum“ für die Caritas der Weltkirche verantwortlich. Das Buch versucht also die Impulse, die dieEnzyklika ausgelöst hat, wach zu halten und konkret in die Lebenswirklichkeit der Kirche zu übertragen.

Für die Kirche in Deutschland stellt sich hier eine besondere Frage. Bei uns haben die Caritasinstitutionen im 19.Jahrhundert beeindruckende Ausmaße angenommen. In einer Zeit, in der es für Arme, Kranke und Behinderte keine gesellschaftlich organisierten Hilfen gab, waren es die im 19.Jahrhundert entstandenen Orden, die der Not mit großem Elan aktiv begegneten. Inzwischen sind diese Aufgaben von der Gesellschaft übernommen worden. Die sozial tätigen Orden sind weitgehend ihrer eigentlichen Aufgaben beraubt und gehen in ihrer Mitgliederzahl stark zurück.

Doch die Einrichtungen, die sie einst ins Leben riefen, heißen immer noch katholisch und haben katholische Dienstordnungen, die zumindest bei leitenden Mitarbeitern katholisches Bekenntnis unterstellen. Das gerät aber heute zunehmend in Konflikt mit der soziologischen Realität. So wird es immer schwieriger vor allem in den Großeinrichtungen die Katholizität arbeitsrechtlich über die Katholizität der Mitglieder sicherzustellen. Wahrscheinlich muss man sich von der Illusion befreien, man könnte all diese umfänglichen Institutionen noch als katholisch im engeren Sinne führen. Für die Glaubwürdigkeit der Kirche ist es unbedingt erforderlich, sich zu überlegen, in welchem quantitativen Ausmaß man solche Institutionen weiterführen kann und worauf man bei der unumgänglichen quantitativen Reduktion künftig im Caritasbereich den Akzent setzen möchte: Brauchen wir noch die katholische Herzoperation? Oder sollten wir uns nicht mehr auf kleinere Einrichtungen, bei denen die Sorge um den Menschen im Vordergrund steht, konzentrieren, zum Beispiel auf Hospize? Vor diesen Fragen kann man längst nicht mehr weglaufen. Wir brauchen mutige Entscheidungen in diesem Bereich. Denn Caritas ist Ausdruck kirchlichen Wesens. Und wenn wir in unseren Einrichtungen durch überspannte Anforderungen an Mitarbeiter, von denen wir soziologisch wissen können, dass sie sich gar nicht mit der Kirche so identifizieren können wie der Arbeitsvertrag das noch vorsieht, eine merkwürdige Atmosphäre produzierter Heuchelei zulassen, dann schaden wir der Kirche in einem wesentlichen Bereich. Nämlich im Bereich der Caritas, und die ist ausweislich der erstenEnzyklika unseres Papstes zentrales Wesensmerkmal von Kirche und Christentum.


Dr. Manfred Lütz Mai 2008 (4)

Jammern macht gesellig, sagt die Psychologie. Doch wie mit allem Guten kann man es auch mit dem Jammern übertreiben. Da klagen in der Kirche die Progressiven über die Konservativen und die Konservativen über die Progressiven, immer nach dem Motto: Schuld an allem Elend sind die anderen. Ein ARD-Film zum Katholikentag vergangenen Mittwoch, war ein Musterbeispiel solch schlichtesten Schwarz-Weiß-Denkens. Da klagen die Christen an der Basis über die kirchlichen Verwaltungen und die kirchlichen Verwaltungen stöhnen über die unvereinbaren Wünsche des kirchlichen Fußvolks. Oder es klagen „die Deutschen“ über „die Römer“ obwohl es weder „die Deutschen“, noch „die Römer“ gibt. Alles in allem stabilisiert gemeinsames Klagen die jeweilige Gruppe. Doch so richtig fröhliche Veranstaltungen werden diese Klageriten weiß Gott nicht. Und so richtig die Frohe Botschaft bekommt man so auch nicht rüber.

Moderne Psychologie arbeitet da anders. Sie fragt nicht ausdauernd nach den eigenen oder anderen Defiziten. Sie fragt mit Paul Watzlawick nach dem, was funktioniert – trotz aller beklagenswerter Misslichkeiten, wenn nicht überhaupt nach dem Guten des Schlechten. Wäre das nicht auch ein Weg für die Religion mit der Frohen Botschaft? Wenn „die Progressiven“ mal glücklich darüber wären, dass es in der gleichen Kirche „Konservative“ gibt, die mit Menschen über Jesus Christus reden, die sie, die „Progressiven“ nicht erreichen und die Konservativen sich mal freuen würden, dass es „Progressive“ in der gleichen Kirche gibt, die sie, die „Konservativen“ nicht erreichen und man die Frage, wer nun ein besserer Christ sei, dem lieben Gott am Jüngsten Tag überlassen würde, dann wäre das katholische Prinzip der Einheit in Vielfalt als Reichtum erkannt, als Kraftquelle genutzt und man könnte gemeinsam den Glauben verkünden. Wenn auf diese Weise alle den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit auf die allzu lange im Schatten liegenden Kräfte der Kirche richteten, wäre schon viel gewonnen. Da sagt Gregor Gysi bei der Vorstellung meines Buches „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ in Berlin, die Linke sei für die Wertefrage in unserer Gesellschaft noch auf Jahrzehnte diskreditiert, für die Wertefrage seien aus seiner Sicht zur Zeit nur die christlichen Kirchen relevant. Und wenn Atheismus bedeute, gegen die Kirche zu sein, dann sei er kein Atheist, dann sei er Heide, zu dem der Glaube noch nicht gekommen sei. Muss man sich das erst von einem bekennenden Atheisten sagen lassen oder sollten wir selbst nicht wieder auf die Suche nach den Kostbarkeiten der Kirche gehen? Die Kirchen sind die entscheidenden ethosbildenden Verbände, wie sie der katholische Philosoph Wolfgang Kluxen genannt hat. Mehr als all die kurzatmigen Interessenvertretungen liefern die christlichen Kirchen in den Debatten über das Menschenbild unserer Gesellschaft die Maßstäbe, an denen sich die Diskussionen wieder mehr orientieren. Die alten Klischees über vor allem die katholische Kirche sind kaum mehr von Interesse. Die Kürze der öffentlichen Aufmerksamkeit nach einer missinterpretierten Äußerung des neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zum Zölibat zeigen, dass der alte Zunder nicht mehr zündet. Die Menschen sind zumeist unvoreingenommen interessiert an religiösen Fragen, ja sogar an der Gottesfrage und an der Frage, wie Christen so glücklich leben können wie Mutter Teresa und so gelassen sterben wie Papst Johannes Paul II. Die Menschen suchen authentische Antworten und überzeugende Antworter. Bisweilen gewinnt man den Eindruck, nur manche Katholiken hätten noch nicht gemerkt, dass die Belagerung vorbei ist. Wenn man nur einmal probeweise aus den üblichen innerkirchlichen Debatten über Zölibat, Frauenpriestertum, Sexualmoral und die päpstliche Unfehlbarkeit aussteigen würde und auf die wirklich existentiellen Fragen, die die Menschen haben, antworten würde, dann könnte man die Gunst der Stunde nutzen. Viele tun das bereits bei den Stadtmissionen der Gemeinschaft Emanuel, in Jugendinitiativen wie „Generation Benedikt“, aber auch in neuen Bewegungen der alten Orden. Die Zeiten sind so spannend wie lange nicht mehr. Und jeder kann mittun. Jeder getaufte Christ ist verpflichtet, Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, die in ihm lebt, wie es im ersten Petrusbrief steht. Und diese Hoffnung ist der Glaube, wie Papst Benedikt XVI. in seiner jüngsten Enzyklika schrieb. Also liebe Hörer, wissen Sie schon, wie Sie ihrem Nachbarn erklären können, warum Sie Christ sind, katholischer Christ?

Dr. Manfred Lütz Mai 2008 (3)

Das Beten kommt wieder. Lange Zeit war es selbst in Kirchenkreisen eher verdächtig, übers Beten zu reden. Meditation war political correcter. Aber Beten, mit Gott und zu Gott sprechen, wer das zuviel tat, der wurde eher misstrauisch beäugt. Noch vor 15 Jahren sagte der Regens eines Priesterseminars seinen Seminaristen, es sei ihm lieber, dass ein Priesteramtskandidat eine Freundin habe als wenn er stundenlang in der Kapelle bete. Doch der Wind hat gedreht. Es war ein Priesteramtskandidat des Erzbistums Köln, der nach dem Weltjugendtag in Köln mit anderen „Nightfever“ begann: Im Wesentlichen abendliches Beten vor dem Allerheiligsten. Und Tausende in ganz Deutschland kamen inzwischen. Vor allem es kamen nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ es kamen Menschen von der Straße, die sonst wohl nie eine Kirche betreten hätten. Man hatte sie eingeladen und sie blieben – oft stundenlang. Nightfever gibt es inzwischen in vielen deutschen Städten, aber geht das auch auf dem Dorf? Bei uns in Bornheim-Merten bei Köln hat man das vor 4 Wochen ausprobiert. Mitten in der Woche an einem Dienstag zwischen 18 und 20 Uhr hat man im Pfarrheim Pfannekuchenessen für die Kleinen angeboten, damit die Eltern mal ruhig in der Kirche beten konnten. Man hatte Plakate und Handzettel ausgeteilt, beim Supermarkt und beim Bäcker, auch in den Schulen. Die Zeitungen hatten im Vorfeld den „Abend des Lichts, der Musik und des Gebets“ angekündigt, denn „Nightfever“ wäre vielleicht zu erklärungsbedürftig gewesen. Würden viele kommen, bei 2000 „Seelen“ vor Ort? Der Nachbarpfarrer, der kam, war skeptisch. Doch als er die Kirche betrat, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. An die vierhundert Gläubige knieten in der vollen Kirche, weit mehr als an Sonntagen im Gottesdienst und viele, die man dort sonst nie sah. Die Kirche war nur mit Kerzen beleuchtet, junge Musiker aus Bonn und Merten sangen leise neue geistliche Lieder, ruhige Gebete wurden gesprochen. Die Menschen knieten und saßen vor dem mit einem Scheinwerfer angestrahlten Altar mit dem „Allerheiligsten“, dergeweihten Hostie in der Monstranz. Keyboard, Querflöte, Gitarre, Saxophon erklangen in der ersten Stunde zwischen sechs und acht Uhr abends, danach begleiteten der Kirchenchor mit fast fünfzig Sängern die Beter in der Kirche und schließlich ein Chor aus dem Ort. In der letzten halben Stunde scharten sich auch noch mehr als fünfzig Kinder um den Altar, auf dessen Stufe zuletzt an die fünfhundert Teekerzen brannten. Die Besucher hatten sie angezündet in den vielen Anliegen, die jeder von ihnen in die Kirche mitgebracht hatte. Viele von ihnen blieben die vollen zwei Stunden dabei. „Mein Mann hat sich in dieser ganzen Zeit nicht von seinem Platz wegbewegt“, berichtet erstaunt eine junge Frau.

„Ich bin noch ganz erfüllt vom gestrigen Abend“ „Das müsste es ganz, ganz oft geben. Ich habe mich sehr wohl gefühlt und war tief beeindruckt.“Die Reaktionen auf den Abend sind überwältigend und die Veranstalter waren selbst überrascht von dem ungewöhnlich großen Zuspruch und der vollen Kirche. Als die Kinder dann dazukommen durften und von einem Diakon gesegnet wurden, saßen und knieten sie andächtig um den Altar. Keines von ihnen rannte herum oder wurde laut. Hunderte von Zetteln mit Gebetsanliegen wurden in den zwei Stunden nach vorne gebracht und in eine Box gesteckt, die dort bereitstand. Daneben gab es kleine Zettel zum Mitnehmen: Worte aus der Bibel.Die Gebetszettel mit den Anliegen wurden an ein Karmelitinnenkloster geschickt, wo die Ordenfrauen für die Menschen beten.

„Das war wie Weihnachten – nur viel tiefer“, sagte eine Besucherin anschließend. Doch nicht Emotionen des Heiligen Abends standen Pate an diesem bewegenden „Abend des Lichts, der Musik und des Gebets“, sondern eher der Eindruck eines anderen Festtages: des Pfingstfestes.

Merten ist eine ganz normale Pfarrgemeinde. Die Menschen sind genauso spirituell wie in allen anderen Pfarrgemeinden Deutschlands. Es wurde nur gebetet. Aber das hat die Leute berührt, tief berührt. Liebe Hörer: Einen solchen Abend des Lichts der Musik und des Gebets kann man also in jeder anderen Pfarrgemeinde Deutschlands organisieren. Und man muss sich gar nicht mal fragen, ob man das machen soll. Man muss sich eigentlich nur umgekehrt fragen: Warum nicht? Die Mertener jedenfalls haben sich entschieden das wieder zu machen. Denn bei allen guten Aktivitäten in der Kirche. Wir brauchen offenbar wieder mehr Gelegenheiten zum vertieften Gebet. Und aus dieser Quelle können wir dann schöpfen.

Dr. Manfred Lütz Mai 2008

„Gott sei Dank, Gott existiert nicht. Wenn aber, was Gott verhüten möge, Gott doch existiert?“ Dieses russische Sprichwort geht humorvoll mit der Gottesfrage um. Darf man das? In Deutschland ist nicht nur E- und U-Musik streng getrennt. Auch bei bestimmten Themen ist staubtrockene Feierlichkeit angesagt. Und dazu gehört das Thema „Gott“. Viele Theologen und manche Kirchenvertreter haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Spezialsprache entwickelt, die normale Menschen nicht mehr verstehen. Sie sind „ein Stück weit“ „betroffen“, „lassen sich ein“ auf Menschen, Gebäude und ganze Völker und sind „gleichsam“ „konkret“. Doch das Thema „Gott“ ist kein Spezialthema. Es geht entweder alle an – oder keinen.

Soeben hat die Gottesfrage wieder die Schlagzeilen erreicht. Der Fall aus Amstetten in Österreich, wo ein Vater seine Tochter jahrelang missbrauchte und mit ihr Kinder zeugte, der fall der Mutter, die drei ihrer Kinder tötete und in der Tiefkühltruhe aufbewahrte, all dies offenbar ohne Schuldbewusstsein der Täter, das erinnert an den Satz: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt! Diese beunruhigende These Ivans in Dostojewskis Brüdern Karamasow glimmt unter der Oberfläche einer wohlanständigen Gesellschaft, die die Frage nach der Existenz Gottes in den Privatbereich verbannt hatte. Zwar prägt das Christentum immer noch die Mentalität des alten Europa. Doch das Eis wird dünner. Bei der Vorstellung meines Buches „Gott“, in dem ich versucht habe, alle Argumente für die Existenz Gottes allgemeinverständlich und auch ein bisschen unterhaltsam darzustellen, erklärte der bekennende Atheist Gregor Gysi, er habe Sorge vor einer gottlosen Gesellschaft, weil der die Solidarität abhanden kommen könne. Schon der alte Max Horkheimerhatte sich von seinen irritierten Schülern die Frage nicht verbieten lassen: „Warum soll ich gut sein, wenn es keinen Gott gibt?“ Plötzlich ist die Gottesfrage wieder da. Jürgen Habermas, selbst, wie er sagt, „religiös unmusikalisch“, wirft den Begriff der Gottebenbildlichkeit in die Debatte, die dem modernen Menschenwürdebegriffzugrunde liege. Wenn aber öffentlich von Gottebenbildlichkeit geredet werden soll, dann muss auch öffentlich wieder von Gott geredet werden. Denn eine Gesellschaft, die nicht mehr auf die vernünftige Moralität ihrer Mitglieder rechnen kann, würde Freiheit und Sicherheit irgendwann nur noch durch wirksame Polizeimaßnahmen gewährleisten können. Alle offen atheistischen Staaten waren Polizeistaaten.

Es war das Argument Immanuel Kants, dass moralisch Sein nur dann vernünftig ist, wenn es Gott, Freiheit und Unsterblichkeit der Seele gibt. Wer an Gott glaubt, der glaubt also, dass es Sinn, Wahrheit und Liebe wirklich gibt, und dass das alles nicht bloß hormonell gesteuerte evolutionär nützliche Illusionen sind. Eine Gesellschaft jedenfalls, die umstandslos den Sinn des Lebens durch flächendeckende Freizeitpädagogik ersetzte, die Moral durch die Polizei und die Religion durch Befriedigung religiöser Bedürfnisse, wäre ein Horrortripp – auch für Atheisten.


29. März 2008 - Stefan von Kempis

Papst Benedikt hat in der Osternacht einen Moslem öffentlich getauft. Vielen mag nicht klar sein, welche Sprengkraft diese Geste hat. Dabei steht sie in einer Linie mit der Regensburger Rede des Papstes, ja wirft sogar ein neues Licht auf diese Rede. Die Taufe von Magdi Allam in St. Peter, das war gewissermaßen ein Regensburg aus Wasser.
Kein Zufall, übrigens. Bis zuletzt, so ist im Vatikan aus bester Quelle zu hören, hat man im vatikanischen Staatssekretariat darüber gestritten, ob diese öffentliche Taufe eines Moslems – wie nennt man das… opportun sei. Dann hat der Papst entschieden: Ich mache das. So wie er im Januar angesichts angekündigter Proteste an der römischen Uni Sapienza selbst entschieden hatte, ich geh da nicht hin (Benedetto, der Sanftmütige), so entschied er diesmal bewusst: Ich mache das. Benedetto, der Hardliner?
Man kann diese Geste nicht Weg-Erklären: Der Papst hat sie bewusst gesetzt. Ein Moslem, umgeben von vier Bodyguards, vor den Augen der Fernsehkameras vom Papst getauft, nur wenige Schritte von den Botschaftern aus arabischen Staaten entfernt – das ist noch nie da gewesen. Das ist ein deutliches Signal. Benedikt demonstriert hier zeichenhaft für Religionsfreiheit. Und er macht – wie schon bei der Karfreitagsfürbitte – deutlich, dass er keine falschen Rücksichten und Kompromisse will. Interreligiöser Dialog heißt für ihn nicht, Abstriche zu machen: Der Mann, der fast ein Vierteljahrhundert oberster Glaubenswächter der Kirche war, will den Glauben in seiner Fülle weitergeben. Das Licht gehört nicht unter den Scheffel – auch wenn es manche unangenehm blendet.
In einem arabischen Land – etwa in Ägypten, der ursprünglichen Heimat der Familie Allam – wäre seine Taufe in aller Öffentlichkeit nicht möglich gewesen. Er wäre bedroht worden. Aber das wird er ja auch hier: Schon seit Jahren hat sich der Moslem, der in Italien ein bekannter Journalist ist, an Personenschutz gewöhnt.
Ob der Papst sich jetzt etwa auch hinter die oft polemischen Ansichten seines Täuflings stellt, fragt besorgt aus Jordanien Aref Nayed, Sprecher der 138 Islam-Gelehrten, die gerade einen Dialogprozess mit dem Vatikan angestoßen haben. Unbegründet ist seine Sorge nicht. Magdi Allam ist ein Mann extrem pointierter Ansichten, die er nicht ohne Schärfe vorträgt. Das droht durchaus das Zeugnis, das Papst Benedikt mit dieser Taufe gibt, zu verdunkeln. Wie schon damals in Regensburg sind die Begleitumstände nicht unbedingt glücklich, lädt einiges zu Missverständnissen ein.
Klar ist: Benedikt setzt fort, was er in Regensburg begonnen hat. Er fragt weiter mit allem Ernst nach dem Glauben, der Vernunft – und der Freiheit. Damals tat er es mit Worten, diesmal tut er’s mit Taufwasser. Sein Stil bleibt eigenwillig – er will provozieren. Und zwar eine Debatte, die nicht um die Probleme drumherum redet. (rv)


2. Februar 2008 - P. Eberhard v. Gemmingen

Die Arbeit in den Medien ist manchmal zum Verzweifeln. Wir Medienschaffende haben zwar mehr Publikum als jeder Familienvater und jede Familienmutter. Aber weil wir rein theoretisch viele Menschen ansprechen wollen, sind wir auch besonders verletzt, wenn es uns nicht gelingt. Ich bin darüber enttäuscht, dass die Papstbotschaft über die Medien im deutschen Sprachraum kaum von jemandem gehört wurde. Sie wies nämlich auf wesentliche Defekte vor allem des Fernsehens hin, die wir eigentlich alle wahrnehmen können, die unsere Kinder und Jugendliche kaputt machen. Der Papst sagt: Viele Medien – er meint wohl vor allem das Fernsehen – sind nicht an Information und Verbindung von Menschen interessiert, sondern haben wirtschaftliche Interessen und dienen der Selbstdarstellung. Darüber sollte die Welt diskutieren – und sei es nur, dass sie dem Papst da widerspricht.
Warum wird die Medienbotschaft des Papstes nicht gehört? Zunächst: weil Karneval ist und die Menschen sich unterhalten wollen, weil Schreckensmeldungen aus dem Irak, aus Kenia, aus Afghanistan, aus dem Gazastreifen, Meldungen von den Vorwahlen in den USA und natürlich über die Landtagswahlen in Hessen und Niedersachen sich vordrängen. Und dann schlägt der deutsche Medienbischof Gebhard Fürst noch vor, vielleicht einen kirchlichen Fernsehsender zu eröffnen. Wie schön, dass dann endlich mal über Wichtiges berichtet wird. Aber wird der Sender eingeschaltet? Wird er die Welt ein wenig bewegen?
Wer ist schuld, dass wichtige Meldungen untergehen und oberflächliche Sachen Schlagzeile machen? Im Grunde alle Mediennutzer. Wir alle.
Schuld ist auch – ich sage es unumwunden für den Fall des Vatikans – weil wir hier noch viel zu rückständig sind. Weil wir viel weniger als jede kommerzielle Einrichtung nachdenken, wie man ein Thema platziert, damit es gehört wird. Wenn nicht Papst Benedikt höchst persönlich gescheite, zeitkritische Thesen vertreten würde, wenn nicht Papst Johannes Paul ein Genie im Bereich des öffentlichen Auftretens gewesen wäre, die katholische Kirche würde total überhört. Der evangelischen geht es eher noch schlechter. Was tun?
Wir, die etwas in die Welt vermitteln wollen, müssen noch viel regsamer, cleverer, glühender sein – so wie die Menschen, denen es ums Geld geht.
Wir müssen uns viel mehr einfallen lassen, damit wichtige Botschaften wenigstens gehört und diskutiert werden. Von Jesus wird nach 2000 Jahren noch gesprochen. Und auch von manchen großen Christen, die geglüht haben. Wird man von unserem Tun noch sprechen?
Und alle Medienkonsumenten müssen sich selbstkritisch fragen, ob sie durch ihr Medienverhalten die Primitivität in Zeitung und Fernsehen stützen. Wer regelmäßig eine halbwegs vernünftige Zeitung liest, muss dem Nachbarn helfen, über das 50-Groschenblatt hinauszukommen. Er oder sie braucht geistige Entwicklungshilfe. Wer sie nicht gibt, macht sich schuldig. Wir alle sind schuld, wenn dummes Zeug gedruckt und angeschaut wird. Die Fastenzeit beginnt, beginnen wir mit einem neuen persönlichen Informationsstil.


Samstag, 19.01.2008 - Paul Kirchhof
„Die Phönizier haben das Geld erfunden, aber warum so wenig?"

Kürzlich hat mir ein Freund seine moderne Fabrik gezeigt, in der die Waren – es ging um Autozubehör – fast ausschließlich von Computern und Robotern produziert wurden. Er sprach von der menschenlosen Fabrik. Ich habe ihn dann gefragt, wer denn den Gewinn aus dieser Fabrik erhalte. Und seine Antwort war: Selbstverständlich der Eigentümer, der die Computer und Roboter finanziert hat und deswegen Rendite erwartet. Diese Antwort war nicht überraschend. Sie entspricht unserem geltenden System. Aber sie zeigt uns auch ein grundsätzliches Problem, dass wir schon seit Gerhard Hauptmanns „Die Weber“ kennen.

Damals wurden die Handweber überflüssig, weil die Maschinenwebereien feinere und verlässlichere Webstoffe herstellen konnten. Die Menschen waren plötzlich arbeitslos, weil der technische Fortschritt eine bessere Form der Produktion hervorgebracht hatte. Nun werden wir auch heute den technischen Fortschritt nicht aufhalten können, und vor allem nicht aufhalten wollen. Wie verstehen ihn als Chance. Er gibt uns die Möglichkeit, die menschliche Hand von der Arbeit zu entlasten und die Fülle der Arbeit, die wir in Deutschland und Europa haben und kaum bewältigen können, zu leisten: In der Wissenschaft und Forschung, bei Schule und Ausbildung, bei der Erziehung der Kinder, der Begleitung der Jugendlichen, der Betreuung der Alten, bei der Entfaltung des religiösen Lebens, bei Umweltschutz und Erhaltung der Schöpfung.

Wir haben auch viel Geld, das diese Arbeit bezahlen könnte. Beim Geld empfinden wir allerdings immer, dass es zu wenig sei. „Die Phönizier haben das Geld erfunden, aber warum so wenig?“ Diese berühmte Frage von Nestroy macht uns bewusst, dass die Knappheit des Geldes eine Bedingung seines Wertes ist. Das Streben nach Geld ist grenzenlos. Geld in eigener Hand ist Anlass für Zufriedenheit, Geld in fremder Hand eher Anlass für Argwohn. Geld in eigener Hand nennen wir Kapital, Geld in fremder Hand nennen wir Kapitalismus, wir distanzieren uns. Eigenes Geld spricht für den wirtschaftlichen Erfolg, für Freiheitskraft und Bürgerstolz. Fremdes Geld hingegen veranlasst den scheelen Blick, bedrängt uns in der Frage, warum der andere und nicht ich selbst über das Geld verfüge.

Wir müssen in der gegenwärtigen Situation über neue Regeln nachdenken, wie die Geldströme zu organisieren seien. Wir brauchen ein fundamental neues Denken, das neue Verteilungsregeln hervorruft. Wir können etwa daran denken, dass in der Genossenschaft der Kapitalgeber und der Kunde identisch sind, dass also derjenige, der das Auto kauft, dann zugleich im Kapital beteiligt ist bei der Produktion dieses Autos. Wir müssen die Kapitalbeteiligung in Arbeitnehmerhand viel breiter streuen und viel elementarer, viel langfristiger bedenken. Wir müssen das geistige Eigentum, das Wissen der Menschen, eine seiner schönsten Tugenden, auch juristisch neu zur Entfaltung bringen. Wir müssen Alterssicherungssysteme vielleicht auf die technische Produktion umstellen. Und dann werden sich die Menschen wieder um mehr Geld bemühen, dann werden wieder Unterschiede entstehen – die sollen auch in Freiheit entstehen – aber wir werden keinen ausgrenzen, es wird keiner fundamental verarmen.

Und damit stellt sich die Frage, wer die Kraft zu solch elementaren neuen Rechtsstrukturen hat. Wer berät die Demokratie, wer gibt ihr einen Impuls, damit sie diese neuen Aufgaben bewältigen kann? In dieser Frage liegt erneut die These, dass eine freiheitliche Demokratie ohne das Religiöse nicht denkbar ist. Wir brauchen gerade jetzt die Verantwortlichkeit für den Nächsten, wir brauchen gerade jetzt den Blick des Reichen auf den Armen, wir brauchen gerade jetzt soziale und ethische Maßstäbe einer Verteilungsgerechtigkeit. Die Botschaften der Religion, der Kirche, sind aktueller denn je. (rv 28.01.2008 ag / mc)


Samstag, 19.01.2008 - Paul Kirchhof
Über die Quellen des Rechtsstaats

Recht ist Grundlage für inneren Frieden, sichert dem Menschen einen Raum der Freiheit, schützt den Einzelnen in seiner Zugehörigkeit zum sozialen Staat. Doch gegenwärtig scheint eine Normenflut uns niederzudrücken. Die Staaten und die Europäische Union publizieren eine solche Fülle von Normen, dass wir kaum mitkommen, diese zu lesen, geschweige denn, zu verstehen und zu befolgen. Deswegen müssen wir innehalten und fragen: Was erwarten wir vom Recht? Wie entsteht Recht? Wie soll Recht inhaltlich beschaffen sein? Vor vielen hundert Jahren haben wir einmal gesagt, Recht sei göttliches Recht. Wir haben die Autorität Gottes für die Autorität des Gesetzes beansprucht.

Für das moderne Gesetz heute sind wir da bescheidener. Wir haben erlebt, dass Recht Menschenwerk ist und dass auch die gesetzte Regel einmal Unrecht sein kann.
Dann haben wir gesagt: Recht ergibt sich aus der Natur. Wir müssen nur die Gesetzmäßigkeiten der Natur genau beobachten, um zu wissen, was geltendes Recht ist. In dieser These steckt eine Teilwahrheit. Aber wir wissen auch, dass vieles Recht, etwa das Finanz- und Steuerrecht, das Recht der internationalen Beziehungen, das Recht von Bildung, Wissenschaft und Kunst in der Natur nicht abgelesen werden können.

Zu Beginn der Demokratie hat man dann gesagt: Recht entsteht durch einen Staatsvertrag. Die Bürger sind zusammengekommen und haben sich – jedenfalls im Elementaren der Verfassung – auf ein bestimmtes Recht verständigt. Auch das ist eine Fiktion. Wir wissen, dass auch die Menschen, die sich nicht ‚vertragen‘ wollen, an dieses Recht gebunden sind.
Und deswegen sind wir uns heute bewusst, dass Recht aus Wissen, aus Wollen und aus Wirklichkeit entsteht.

Dieser Dreiklang klingt in dem schönen deutschen Wort der „Rechtsquelle“ an. In der Quelle tritt das Wasser hervor, das sich vorher bereits im Berg gesammelt hat. Es ist im übertragenen Sinne das Wasser, das als Wirklichkeit und gewachsenes Wissen bereits vorhanden war, bevor es zum Gesetz wird. Der Mensch bemüht sich, dieses rare und wertvolle Gut möglichst vollständig zu erfassen. Er ‚er-fasst‘ diese Quelle, damit kein Wasser verloren geht oder verschmutzt wird. Doch auch diese ‚Ver-Fassung‘ bietet dem Menschen nur das lebensnotwendige Wasser, wenn sie die schon vorhandene Wirklichkeit und das vorgefundene Wissen sichtbar ans Licht treten lässt, diese ersichtlichen Güter sodann fair verteilt und bei ihrer Verteilung Maß und Frieden wahrt. Das gilt zunächst für die Wirklichkeit. Jedes Recht muss berücksichtigen, dass der Hunger des Menschen befriedigt werden will. Es muss beachten, dass der Mensch sich im Alter entwickelt. Das Kind muss erzogen werden, ist noch nicht geschäftsfähig. Der Jugendliche muss in die Rechts- und Kulturordnung hineingeführt werden. Der Erwachsene entfaltet sich in der Blüte seiner Freiheit, der Altersgebrechliche ist auf besonderen Schutz angewiesen. Und jeder Mensch strebt nach etwas. Er will eine Familie gründen, ein Haus bauen, Einkommen erzielen, sich mit dem Religiösen auseinandersetzen. Und da gehört es zum Recht, dass wir diese Wirklichkeit achten.

Als ich ein Bub war, hat uns unser Großvater – er war Schreinermeister und Holzschnitzer – wenn wir den Christbaum mit Tannen und Kugeln geschmückt haben, gesagt: Ihr dürft die Zweige nur so behängen, dass sie nicht niedergedrückt werden. So, dass der Baum nach dem Schmuck noch das tun kann, was seine Natur ist: Hinauf zum Licht zu streben. Wir haben diese Weisung des Großvaters getreulich befolgt. Erst sehr viel später ist mir bewusst geworden, dass dies ein wunderbares Bild für eine freiheitliche Rechtsordnung ist. Was immer der Gesetzgeber tut, er darf das Aufstreben des Menschen zu Höherem nicht hemmen.

Und dann die zweite Entstehungsquelle für Recht: Das Kulturwissen. Unser ganzes Recht gründet heute in der Ausgangsposition: Jeder Mensch hat eine Würde. Er ist willkommen in dieser Rechtsgemeinschaft, allein weil er Mensch ist, ob Nobelpreisträger oder Taugenichts, er ist willkommen. Da hat man nun in der Aufklärung gesagt, die Würdegarantie ergäbe sich aus dem Gegenseitigkeitsgedanken: Achte Du meine Würde und verletze mich nicht, dann achte ich Deine Würde und verletze Dich nicht. Doch dieser Gedanke greift zu kurz. Warum soll der Reiche dem Hungerleider etwas geben, wenn er ihn morgen nicht mehr sieht? Warum soll der Mächtige dem Asylbewerber Zuflucht gewähren, wenn er ihn draußen halten kann? Warum soll der Arzt dem Sterbenden die Schmerzen lindern, wenn dieser morgen gestorben ist und ihn nicht mehr bedrohen kann? Nein, der Wert der Würde liegt tiefer. Er liegt im Christentum. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Gott ist Mensch geworden. Wir haben also ein Menschenbild, in dem Gott beheimatet sein kann. Dies ist der radikalste Freiheits- und Gleichheitssatz der Geschichte. Und diese Frucht des Christentums – nicht den Baum! – diese Frucht des Christentums macht sich der säkularisierte Staat zu eigen. Und nur wenn diese Frucht in den Köpfen der Menschen noch lebendig ist, dann haben wir dieses Kulturwissen, dass unsere Rechtsordnung trägt.

Und der dritte Grund ist selbstverständlich das Wollen. Denn in einer Demokratie entscheidet das Parlament. Darüber etwa, ob der Mehrwertsteuersatz 16 Prozent oder 19 Prozent beträgt, ob die Läden am Samstag bis 14 oder bis 18 Uhr geöffnet sind, ob die Studienplätze allein durch Steuern oder auch durch Gebühren finanziert werden. Aber auch da ist der Wille nicht beliebig. Ein beliebiger Wille des Parlaments wäre Willkür, und die würden wir zurückweisen. Die Mehrwertsteuersätze dürfen nicht über 25 Prozent betragen, die Ladenöffnungszeiten dürfen nicht auf die Mittagsstunden beschränkt werden, die Studiengebühren dürfen nicht den Begabten, aber armen Bewerber fern halten. Und deswegen gilt auch bei dem willentlich gesetzten Recht das, was am Beginn des deutschen Grundgesetzes steht: Das deutsche Staatsvolk handelt in Verantwortung vor Gott und den Menschen. Man ist sich einer Verantwortlichkeit gegenüber dem Wähler, aber auch gegenüber Gott bewusst, auch dann, wenn man sich unbeobachtet fühlt.

Diese Verantwortlichkeit führt zurück zum Grundsätzlichen, zu Elementarwerten, zu weltumspannender Humanität. Dies macht uns bewusst, dass die Erkenntnisquellen für Recht in modernen Demokratien einerseits der Wortlaut der Gesetze ist, dass aber letztlich die Entstehensquelle für Recht darüber hinaus greift: Nämlich auf die Kultur; und für das europäische Recht darüber hinaus auf die Kultur des Christentums.

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Samstag, 05.01.2008 - Paul Kirchhof

Die Diskussion um das Verhältnis von Wissenschaft und Religion ist gegenwärtig neu entbrannt. Die Fortschritte der Medizin, der Biowissenschaften, der Technik sind so ungeheuerlich, dass der Mensch immer mehr Herrschaft über Erde und Weltall, aber auch immer mehr Herrschaft über die Existenz des Menschen selbst, sowohl innerlich als auch äußerlich, gewinnt. Dabei haben sehr erfolgreiche Naturwissenschaftler stets bekundet, dass ihr Wissen von der Natur und das Wundern über die Natur, dass also Wissen und die Frage nach Ursprung und Ziel zusammengehören, und dass sie deshalb an Gott glauben. Wir wissen das von Einstein, wir wissen das von Max Planck, wir haben es jüngst wieder vom diesjährigen Chemie-Nobelpreisträger Gerhard Ertl gehört. Dieser hatte auf die Frage, ob er als aufgeklärter Naturwissenschaftler an Gott glaube, geantwortet: „Ja, aber sicher. Das Leben ist ein gewaltiges Wunder. Wir nähern uns wissenschaftlich den Erklärungen an, aber eine Frage bleibt doch immer bestehen. Warum das alles? Hier glaube ich an Gott."

Und Peter Grünberg, der diesjährige Nobelpreisträger für Physik, antwortet auf dieselbe Frage: „Ja, natürlich. Es ist mehr da, als wir in der materiellen Welt sehen und erfassen können. Da gibt es noch etwas. Ganz sicher, sogar."
Die modernen Naturwissenschaftler können also staunen. Sie sind in ihren großartigen Erfolgen bescheiden, sie sind ständig auf der Suche. Und wir, in der entzauberten Welt der Arbeit, des Geschäfts, der Zahl und des Zählens, des Geltens und des Geltungsstrebens sehnen und immer wieder nach der Grundsatzfrage, nach Grundsatzerfahrungen.

Die Antwort des Christentums auf diese Frage der Wissenschaft ist faszinierend. Die drei Weisen werden von ihrem Stern nicht zu einem Herrscher geführt, der der Welt eine innere Ordnung verspricht, der man sich zur Erlangung des individuellen Glücks unterordnen müsse. Vielmehr werden sie zu einem Kind geführt, dass erwartet, dass die Menschen sich die Welt selbst erschließen, dass sie ihre Früchte an dieses Kind herantragen und einen inneren Frieden gegen den bedrohenden Herrscher selbst herzustellen vermögen. Der gemeinsame Ursprung christlichen Denkens und wissenschaftlichen Forschens ist das Verständnis des Menschen in einer eigenen, vorgefundenen, unveräußerlichen Würde und Personalität. Der christliche Gedanke, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, kennt keine Unterschiede unter den Menschen in ihrer Würde. Er kennt keine Verachteten, keine Ausgestoßenen und keine Ehrlosen. Er gibt jedem Menschen Freiheit, Verantwortlichkeit, Schuldfähigkeit. Alle modernen Verfassungen bestimmen die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen zum Grundsatz, aus dem das Bekenntnis zu den unveräußerlichen und unverletzlichen Menschenrechten folgt. Und die Wissenschaft setzt auf dieser rechtlichen Grundlage auf die Erkenntniskraft und Urteilsfähigkeit grundsätzlich jedes Menschen. Die Gleichheit der Menschen in individueller Würde sichert eine Existenz ohne Menschenfurcht, begründet ein persönliches Selbstbewusstsein in jedem Rechts- und Herrschaftsverhältnis, schafft mir der Verantwortlichkeit vor Gott eine innere Bindung: Eine Hochkultur, in der Freiheit gedeiht. Und das ist der Humus für die moderne Wissenschaft. Das Christentum gibt dem Wissenschaftler der Gegenwart aber noch etwas Entscheidendes mit auf den Weg: Es nimmt ihm ein Stück der Angst. Der Mensch ist angstanfällig. Angst ist das Hauptübel unserer modernen Gesellschaft. Sie führt zu Einsamkeit, schafft Distanz zum anderen Menschen, den wir als bedrohlich empfinden. Sie ist Hauptursache der heutigen Kulturkrise, ist Herd menschlicher Aggressivität und damit Ursache von Terrorismus und Krieg. Der Wissenschaftler hat als Teil der modernen Zivilgesellschaft vielfach die Endlichkeit des Menschen aus seinem Denken ausgeblendet. Er verfolgt wie jeder andere Mensch naturgemäß die Hoffnung, er möge ein möglichst langes Leben mit viel individuellem Glück haben. Das ist legitim. Aber das verengt das wissenschaftliche Denken auf bedrohlich Art und Weise. Wir haben, so möchte ich sagen, die Aufklärung zu früh abgebrochen. Die Aufklärung hatte das Verdienst, Staat und Kirche, Wissenschaft und Glaube, auf ihre je eigenen Wege zu weisen und hatte damit eine Blüte von Wissenschaft und eine Blüte der Glaubenslehren entfaltet. Diese Aufklärung muss heute aber in der Einsicht fortgesetzt werden, dass der Mensch beide Lebensbereiche braucht. Auch der Wissenschaftler kann ohne die Frage nach Ursprung und Ziel, die er selbst mit seinen wissenschaftlichen Methoden nicht beantworten kann, nicht leben. Und deshalb brauchen wir den Dialog zwischen Religion und Wissenschaft. Wir müssen das fortsetzen, was sich gegenwärtig verheißungsvoll anbahnt, etwa das Gespräch zwischen den Universitäten und der Kirche. Wir müssen die unvollendete Aufklärung fortsetzen, damit die Wissenschaft gerade in ihren gegenwärtigen Erfolgen den Blick weitet und die Frage nach Sterblichkeit des Menschen, nach dem Sinn des Lebens, die Frage nach Ursprung und Ziel der Entwicklung, der Kausalitäten und der Welt immer wieder in der geistigen Weite des Glaubens stellen kann.


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