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Archiv
Kommentar der Woche

1. Dezember 2007 - Jürg Krummenacher, Schweiz

Menschenwürdig sterben
Vor kurzem haben zwei Deutsche auf einem Parkplatz im Raum Zürich Suizid begangen. Geholfen hat ihnen dabei die Sterbehilfeorganisation „Dignitas“. Was ist von diesem organisierten Tod zu halten ?

Wenn es um die Frage eines menschenwürdigen Sterbens geht, gibt es keine einfachen Lösungen und Patentrezepte. Im Interesse der schwerkranken Menschen und ihren Angehörigen muss eine Diskussion geführt werden, die sich um eine ethische Grundorientierung und um Konsens bemüht. Dabei spielen die widersprüchlichen Erwartungshaltungen gegenüber der Medizin eine wichtige Rolle. Auf der einen Seite werden auf die Entwicklung der Medizin geradezu messianische Hoffnungen gesetzt, wie sich anhand der Transplantationsmedizin oder der genetischen Medizin feststellen lässt. Auf der anderen Seite wird in der Sterbe-Debatte die Angst sichtbar, der todkranke Mensch sei der Medizin als Objekt völlig ausgeliefert. Zunehmend an Gewicht gewonnen hat – zu Recht – auch der Grundsatz der Autonomie: Der Selbstbestimmung, aber auch der Selbstverantwortung wird heute sozial und rechtlich eine grosse Bedeutung beigemessen.

Ich wehre mich jedoch gegen eine Ideologie, die menschliches Leben nach seiner Leistungsfähigkeit und seiner (ökonomischen) Nützlichkeit beurteilt. Der Wert, die Würde und die Unantastbarkeit eines jeden Menschen, gerade auch des kranken, verletzten und behinderten Menschen, ist zu betonen. Lebensqualität kann der Mensch nicht bloss als aktives, sondern auch als leidendes Wesen erfahren. Dabei soll nicht bestritten werden, dass das Leiden von Menschen mitunter unerträgliche Ausmasse annehmen und kaum gelindert werden kann. Dennoch sind Krankheit, Sterben und Tod Teil des ganzen menschlichen Lebens. Dies ist eine Herausforderung und Verpflichtung, Leiden - dort, wo es möglich ist - zu verhindern oder zu lindern sowie den Betroffenen beizustehen und sie zu begleiten.
Die aktive Sterbehilfe aber lehne ich ab, weil sie das Sterben in den Bereich der Machbarkeit rückt und dadurch der gesellschaftlichen Tendenz zur Unterscheidung von wertem und unwertem Leben Vorschub leistet. Eine solche Unterscheidung kann zur Entsolidarisierung führen, weil der gesellschaftliche Druck auf unheilbar Kranke, Behinderte und alte Menschen wächst. Aus denselben Gründen lehne ich auch die Beihilfe zum Suizid durch Sterbehilfe-Organisationen ab.

Der Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen, die passive Sterbehilfe, ist jedoch unter bestimmten Bedingungen sinnvoll und notwendig. Immer mehr Menschen bekunden mit einer Patientenverfügung ihren Willen, bei aussichtsloser Prognose oder im Endstadium einer Krankheit auf alle lebensverlängernden Massnahmen zu verzichten. Gleichzeitig halten sie darin den Wunsch fest, dass nach den Regeln der palliativen Medizin, Pflege und Begleitung alles unternommen werden soll, um belastende Symptome wie Schmerzen oder Atemnot zu lindern. Caritas Schweiz war eine der ersten Organisationen, die eine Patientenverfügung herausgebracht hat und sich für die Förderung der palliativen Medizin einsetzt. Die palliative Medizin ist aus unserer Sicht die geeignetste Methode, um schwer- oder todkranken Menschen ihr Leben und Sterben auf eine menschenwürdige Weise erträglich zu machen.


24. November 2007 - Hansjörg Kucera, Bozen

Lob des Kompromisses
Ein kürzlich im „Corriere della Sera“ erschienenes Interview mit dem bekannten israelischen Schriftsteller Amos Oz gibt mir die Gelegenheit, noch einmal auf die Unerlässlichkeit von Kompromiss und Ausgleich im politischen Leben genauso wie im Alltagsleben zurückzukommen.

Je nach Sprache hat das Wort „Kompromiss“ eine etwas unterschiedliche Bedeutung. Im Deutschen hat dieses Wort nicht selten einen abwertenden Beigeschmack. Man spricht vom „faulen Kompromiss“ und vom „Kompromissler“ – und beides klingt nicht vertrauenerweckend.

Anders im Englischen. „To compromise“ ist für einen Engländer und Iren etwas Vernünftiges, Positives. Der Kompromiss löst demnach in gegenseitigem Einvernehmen einen Konflikt, indem er die gegensätzlichen Standpunkte ausgleicht.

Im Kommentar vom vergangenen Samstag nannte ich als Beispiele einer sinnvollen Konfliktlösung die Autonomieregelung in Südtirol und in Nordirland. Genauso sinnvoll – und auch notwendig - kann natürlich ein Kompromiss im individuellen Bereich oder in anderen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen sein. Also auch im kirchlichen Leben.

Die belgische Benediktinerabtei von Chevetogne begann 1995 damit, sich über die Zukunft Europas zu fragen: Was kennzeichnet uns Europäer? Wie werden wir uns integrieren, ohne unsere Identität zu verlieren? Und vor allem: Wie werden wir in Zukunft sein in diesem vielschichtigen und im Wandel begriffenen Kontinent?

Seit nun 12 Jahren trifft sich die sogenannte „Gruppe von Chevetogne“ regelmäßig in einer Benediktinerabtei zum Gedankenaustausch, dieses Mal im Kloster Muri Gries in Bozen. Es geht dabei immer auch – wie könnte es anders sein – um Ausgleich und Kompromiss.

Und damit komme ich – abschließend – noch einmal auf das eingangs erwähnte Interview mit Amos Oz zurück, aus dem ich zitiere.

„Leider haben“, so Oz wörtlich. „die jungen Leute, die Idealisten sind, wenig Verständnis für einen Ausgleich. Sie halten ihn für etwas Unehrenhaftes, Opportunistisches, für einen Mangel an Integrität. Mir hingegen bedeutet der Ausgleich Ko-Existenz, er birgt die Fähigkeit des Zusammenlebens in sich. Das gilt für zwei Menschen genauso wie für zwei Völker. Viele Menschen glauben, dass das Gegenteil zum Ausgleich die Integrität ist. Für mich hingegen ist das Gegenteil zum Ausgleich der Fanatismus und damit auch der Tod.“

Und weiters Amos Oz: „Alle Fanatiker sind davon besessen, die absolute Wahrheit zu kennen und sie allen anderen Menschen zu deren Wohl aufzwingen zu müssen. Aber auch ich habe eine absolute Wahrheit. Ich bin davon überzeugt, dass es immer etwas Böses ist, jemandem Schmerz zuzufügen. Wenn ich die zehn Gebote in ein einziges zusammenfassen müsste, würde ich sagen: `Tue nie jemandem einen Schmerz an.´“

Diesen Worten Amos Oz´ ist nichts mehr hinzuzufügen.


17. November 2007 - Hansjörg Kucera, Bozen

Südtirol und Nordirland
In Südtirol, wo ich geboren und aufgewachsen bin, erinnert man sich heute an ein politisches Ereignis zurück, das vor 50 Jahren weit über die Grenzen meines Heimatlandes Aufsehen erregte und eine Entwicklung einleitete, die heute überall dort, wo es um den Schutz von Sprachminderheiten geht, mit Interesse verfolgt wird.

Am 17. November 1957 protestierten 35.000 Südtiroler auf Schloss Sigmundskron bei Bozen in einer von ersten Bombenanschlägen bereits überschatteten und politisch höchst aufgeheizten Atmosphäre vehement gegen Rom, dem vorgeworfen wurde, den Pariser Vertrag aus dem Jahr 1946 nicht zu erfüllen.

In diesem Vertrag hatte sich Italien gegenüber den vier Siegermächten und Österreich verpflichtet, der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols – der die Selbstbestimmung und damit die Rückkehr zu Österreich verwehrt worden war - eine weitreichende Autonomie zu gewähren. Nichts von alledem geschah bis zum Jahr 1957. Nicht nur die Südtiroler selbst protestierten dagegen. Sogar der Vatikansender erinnerte damals in einemKommentar zum Südtirol-Konflikt Rom an die Verpflichtung, Verträge einzuhalten, und zwar pikanterweise mit einem Zitat aus der ersten Enzyklika von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1939, worin es unter anderem mit Blick auf die damalige drohende politische Weltlage wörtlich hieß: „Es besteht kein Zweifel, dass die unerlässliche Voraussetzung jedes friedlichen Zusammenlebens zwischen den Völkern gegenseitiges Vertrauen, Voraussicht und die Überzeugung der gegenseitigen Treue zum gegebenen Wort ist.“ Auf dieses Zitat griff der Vatikansender in seinem Kommentar zu Südtirol am 10. Februar 1957 zurück. Also ein in dieser Form eher ungewohnt deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl an die Adresse Roms. Doch es bedurfte noch vieler Jahre und mancher Irrungen und Wirrungen, bis Südtirol seine Autonomie und damit das bekam, was ihm 1946 hoch und heilig versprochen worden war. Möglich gemacht hatten es die Weitsicht kluger Politiker in Rom, Bozen, Innsbruck und Wien und die mehrheitliche Zustimmung der Bevölkerung zu einem tragfähigen Kompromiss.

Nach einem ähnlichen Muster ist nun auch ein weit größeres und wichtigeres Land in Europa befriedet worden: Nordirland. Dort haben sich nach Jahrzehnten blutiger Kämpfe die einst zutiefst verfeindeten Protestanten und Katholiken auf eine gemeinsame Regierung und damit auch auf ein Ende des Bürgerkriegs verständigt.

Der Lösungsansatz ist da wie dort der gleiche: Dublin und Wien verzichteten de facto auf ihre Forderung nach einer Rückgliederung von Nordirland beziehungsweise Südtirol, London und Rom gaben im Gegenzug einen erheblichen Teil ihrer Zentralgewalt an die lokalen Regierungen in Belfast beziehungsweise Bozen ab. Niemand musste sich über den Tisch gezogen fühlen, und als Folge davon sind ein sinnvolles Zusammenleben und wirtschaftlicher Wohlstand eingetreten.

In Kosovo ringt man in diesen Tagen um eine politisch vernünftige Lösung. Auch dort wird man erst dann einen entscheidenden Schritt weiterkommen, wenn beide Seiten bereit sind, Abstriche von ihren Maximalforderungen zu machen.

Leider warten immer noch viele Menschen auf dieser Welt, dass der von Fanatikern angerichtete Scherbenhaufen durch einen ehrenhaften Kompromiss weggeräumt wird.


3. November 2007 - Hansjörg Kucera, Bozen

Die Macht der Sprachen
Im nationalitäts- und sprachbewussten Frankreich ist jetzt Unerhörtes geschehen: die Regierung hat verfügt, im Börsengeschäft von Paris neben Französisch Englisch offiziell nicht nur zuzulassen, sondern sogar zu fördern. Pecunia non olet. Natürlich weiß Paris genau um die wirtschaftliche Bedeutung des Englischen im Kampf gegen die mächtigen Konkurrenten. Die Ironie will es, dass der jetzige Staatspräsident Nicolas Sarkozy kaum des Englischen mächtig ist, sein Vorgänger Jacques Chirac hingegen sich ein gutes Englisch durch sein Harvard-Studium aneignete. Es war aber Chirac, der noch vor einem Jahr bei einem Europa-Gipfel seinen Landsmann, den damaligen Präsidenten des Industriellenverbandes Ernest Antoine Seilliére, brüsk unterbrach, als dieser seine Rede auf englisch begann. Auf die Frage Chiracs, wieso er nicht seine Muttersprache verwende, antwortete Seilliére gleich entwaffnend wie unverblümt, weil Englisch die Sprache der Wirtschaft sei. Daraufhin verließen Chirac und seine beiden Minister aus Protest den Saal. Man weiß: Die Sprache ist eine scharfe Waffe im Kampf um politische und wirtschaftliche Einflussnahme. Belgien etwa führt es uns gerade jetzt – wieder einmal, möchte man fast sagen – auf drastische Weise vor. Seit den Parlamentswahlen im Juni wartet das Land vergeblich auf die Bildung einer Regierung und droht, am wallonisch-flämischen Sprachenkampf auseinanderzubrechen.

Nicht ohne Grund geht auch immer wieder einmal ein Gerangel um die offizielle Anerkennung einer Sprache in wichtigen internationalen Institutionen los. Doch kein Volk kämpft so hartnäckig um die Reinheit seiner Muttersprache wie die Franzosen, die immer noch ordinateur statt Computer sagen, telecharger statt downloaden, Fonds speculatifs statt Hegde funds, courriel statt e-mail. So lobenswert dieser Kampf gegen Sprachvermischung auch sein mag, es wird wohl immer mehr der sprichwörtliche Kampf gegen die Windmühlen werden. Anders gesagt: Jacques Chirac ist auf dem Rückzug, Ernest Antoine Seilliére auf der Siegerstraße.

Die Globalisierung nämlich, und eben auch die Bevölkerungsentwicklung, machen gerade auch vor den Sprachen nicht Halt. Frankreich ist es zwar mit Müh´und Not gelungen, seiner Sprache den Status einer offiziellen Verkehrssprache in der EU und den Vereinten Nationen weiterhin zu sichern. Doch ein Blick auf die tatsächliche Sprachenlage in der Welt macht unmissverständlich deutlich, wohin sich das Gewicht verschiebt beziehungsweise bereits verschoben hat. Neben Französisch sind die offiziell anerkannten Amtssprachen der UNO Englisch, Chinesisch, Arabisch, Spanisch und Russisch, also genau jene Sprachen, die – mit Ausnahme von Hindi – von den meisten Menschen auf der Welt gesprochen werden: Englisch und Mandarin-Chinesisch von je einer Milliarde, Spanisch von 450 Millionen, Russisch von 320 und Arabisch von 230 Millionen Menschen.

Dagegen nehmen sich die je 128 Millionen Menschen, die deutsch beziehungsweise französisch sprechen, schon recht bescheiden aus.

Übrigens haben sogar die Vereinigten Staaten von Amerika vor noch nicht allzu langer Zeit unter dem Druck der neuen Entwicklung mit einem Sprachentabu brechen müssen. Bislang galt es im amerikanischen Schulwesen als ehernes Gesetz, nur Englisch als Unterrichtssprache zuzulassen. Trotz oder gerade wegen des „Melting potts“. Unter der massiven Zuwanderung von Hispano-Amerikanern haben die USA inzwischen – zumindest im Schulwesen - kapituliert. Es gibt jetzt bereits viele Schulen in den USA mit spanischer Unterrichtssprache.

Mit ähnlichen Problemen, die sich aus dem Ansturm von Einwanderern ergeben, müssen sich die wirtschaftlich starken europäischen Staaten auch schon seit geraumer Zeit herumschlagen. Die Niederlande zum Beispiel haben jetzt – wohl unter dem Eindruck des Mordes am Regisseur Theo van Gogh – die Bremse gezogen und eine strenge Sprachprüfung als Voraussetzung für einen Daueraufenthalt eingeführt. Anders Italien: Innenminister Giuliano Amato besteht darauf, eine Sprachprüfung nur von jenen Einwanderern zu verlangen, die um die italienische Staatsbürgerschaft ansuchen. Das vergreisende Italien könne es sich nicht leisten, allzu viele Hemmschwellen für Einwanderungswillige aufzubauen, so die Begründung Amatos.

Die Sprachenfrage spielt also in der Globalisierung eine fundamentale Rolle. Bleibt nur noch nachzutragen, dass auch der Vatikan ein Lied von der Sprachentwicklung singen kann. Im Zweiten Vatikanischen Konzil war Latein noch die lingua franca, heute, nur 40 Jahre später, fristet es nur mehr ein eher kümmerliches Dasein.


Oktober 2007, Beitrag 1

Liebe Hörerinnen und Hörer,

für die meisten von uns hat das Wort Wahrheit eine positive Bedeutung. Doch ist sie auch verdient? Bei genauerer Reflexion offenbart sich das sehr gefährliche Potenzial der Wahrheit. Denn eine Wahrheit ohne Lüge kann nicht existieren. Daraus ergibt sich nahezu automatisch die Versuchung, einen anderen unmittelbar zum Lügner zu machen. Und wenn uns die Geschichte etwas gelernt hat, dann vor allem die Erkenntnis, dass die meisten und größten Tragödien der Menschheit aus der naiven und in der Folge furchtbar verheerenden Überzeugung resultierten, in dem Besitz einzig gültiger Wahrheit zu sein.

Damit möchte ich nicht sagen, dass der Begriff „Wahrheit“ abgeschafft werden soll. Im Gegenteil. Es ist nur wichtig, das Wort verantwortungsvoll zu benutzen und ständig im Auge zu behalten, dass die Wahrheit für verschiedene Menschen etwas anderes bedeutet und manchmal völlig andere Formen annimmt.

Mein eigener Lebensweg verläuft mitten durch die bewegende Geschichte Europas des Zwanzigsten Jahrhunderts. Das Leben in der Wahrheit, heißt für mich also zunächst die Verpflichtung zur Erinnerung. Und die Erinnerung wiederumverpflichtet uns alle zur Besinnung sowie zur Erziehung der neuen Generationen im Geiste der Menschenachtung, im entschlossenen Engagement gegen den Antisemitismus, gegen die Fremdenfeindlichkeit und negatives Pauschaldenken über den "Anderen". Die mutigen guten Taten, die es auch in schlimmsten Zeiten gab, die Ausnahmefälle und die Opferbereitschaft der einzelnen, müssen uns Vorbild bleiben. Denn wenn so etwas wie der Fluch der bösen Tat existiert, dann dürfen wir auch auf den Segen der guten Taten vertrauen und an diesem Segen durch unsere Haltung teilnehmen.

Kann ein Mensch von sich selbst behaupten, er habe in der Wahrheit gelebt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass wir verpflichtet sind, alles Mögliche zu tun, um sich den Kräften des Bösen, der Dummheit, der Aggressivität, der Gleichgültigkeit, des Hasseszu widersetzen. Auch der menschlichen Neigung zum Vergessen.Das alles – zusammen mit dem Willen zur Vergebung und Versöhnung – begleitete mich immer und ist zu meinem eigenen Verständnis des Lebens in der Wahrheit geworden.


Oktober 2007, Beitrag 2

Liebe Hörerinnen und Hörer,

der Mensch ist so konstruiert, dass er grundsätzlich aus der Erfahrung lernt bzw. lernen sollte: zunächst aus der eigenen, später auch aus den Erfahrungen anderer, darunter auch seiner Vorfahren. Seit es uns die kulturelle Entwicklung ermöglicht historische Geschehnisse festzuhalten und auf zeitübergreifende Weise den nächsten Generationen zu vererben, heißt es also: aus der Geschichte lernen. So ist bereits in den Büchern des Alten Testaments die Warnung Moses´ zu finden: „Denk an die Tage der Vorzeit, achte auf die Jahre der früheren Geschlechter”.

Diese Art der Lehre hat leider drei Schwächen. Erstens setzt sie generell die oft mangelnde Bereitschaft des Menschen, nützliche Schlussfolgerungen aus dem Geschehenen zu ziehen voraus. Zweitens übersieht sie unsere Neigung dazu, geschichtliche Ereignisse nach eigenen Bedürfnissen zu interpretieren und nicht selten im Dienst verschiedener ideologischen Ziele zu stellen. Und letztens werden wir von Zeit zu Zeit von Ereignissen ohne geschichtliche Präzedenz überrascht: von dem bislang Unerhörten und Undenkbaren, wobei wir nicht auf geschichtlich erprobte Lösungen zurückgreifen können, sondern den eigenen Weg suchen müssen.

Ich gehöre zu einer Generation, die alle drei Schwächen der geschichtlichen Lehre erleben musste. Einer Generation, die in ihren Jugendjahren zunächst mit dem undenkbaren Schrecken des Zweiten Weltkrieges konfrontiert wurde: mit der präzedenzlosen Verachtung, mit dem Völkermord von bislang nie da gewesenen Ausmaßen, mit bis dahin unvorstellbaren Abartungen der Menschlichen Seele. Später, in den Nachkriegsjahren wurden wir – insbesondere in den mittel- und osteuropäischen Ländern – Zeugen der planmäßigen Verfälschung der Geschichtsschreibung; der Verlogenheit und der Versuche gewisse „unerwünschte“ Ereignisse gemäß den ideologischen Richtlinien von den Geschichtsbüchern und von dem Bewusstsein der Menschen verschwinden zu lassen.

Und gerade deswegen halte ich es für unsere gemeinsame Aufgabe, die Erinnerung lebendig zu erhalten. Die Geschichte verpflichtet uns alle zur Besinnung und dazu, die neuen Gene­rationen in Achtung vor der Würde des Menschen zu erziehen und sie zu ermutigen, entschlossen gegen jegliche Art von Vorurteilen einzuschreiten. Deshalb fühle ich mich weiterhin verpflichtet, Zeugnis abzulegen. Das ist mein persönliches Rezept für das Leben in der Wahrheit.


Oktober 2007, Beitrag 3

Liebe Hörerinnen und Hörer,

es nähert sich der Tag Allerheiligen. Millionen von Katholiken in Polen werden – wie jedes Jahr – die Gräber ihrer Nächsten besuchen, aber auch die Gräber, um die sich keiner mehr kümmert, um ebenfalls dort die Lichter anzuzünden. Um wenigstens einen Augenblick in der Reflexion über das Geheimnis von Leben und Tod zu verweilen.

Gerade vor wenigen Tagen, Mitte Oktober, erlebte ich in Nürnberg eine bewegende Andachtsfeier im Andenken an Menschen verschiedener Nationalitäten – darunter meine Landsleute, die Polen – überwiegend Katholiken, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind.

Herr Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg hat mich zur Teilnahme an der Einweihung im Stadtzentrum des Zwangsarbeitermahnmals „Transit“ eingeladen, wobei in der Einladung besonders hervorgehoben wurde: „Nürnberg war nicht nur die ‚Stadt der Reichsparteitage’ und der Rassengesetze: zwischen 1939 und 1945 lebten hier auch über 100.000 Menschen aus zahlreichen europäischen Ländern, die von den Nazis zur Zwangsarbeit nach Nürnberg verschleppt worden waren, darunter rund 12.000 polnische Staatsbürger.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann jedoch den Blick nach vorn nicht ersetzen. Es kommt darauf an, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen und Antworten für die Zukunft zu finden. Die intensive Beschäftigung unserer Stadt mit dem Schicksal der vielen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter soll deshalb dazu beitragen, dass sich diese schrecklichen Geschehnisse nicht wiederholen.“

Auf dem Mahnmal steht geschrieben: „1939 – 1945 wurden Menschen ihrer Würde beraubt. Nürnberg, die Stadt des Friedens und der Menschenrechte, gedenkt das Leiden der ausländischen Arbeitskräfte, die während des Zweiten Weltkrieges hier in allen Bereichen der Wirtschaft eingesetzt waren, und bekennt sich zu dem Unrecht, das ihnen angetan wurde.“

In dem von Gebet begleiteten Treffen der Gäste aus Polen, Russland, der Ukraine, Bulgarien, Frankreich und den Niederlanden vereinigten sich Christen und Juden mit den deutschen Gastgebern – Katholiken und Ewangehlieken.

Und wen ich schon in wenigen Tagen die Gräber meiner Nächsten und die Gräber der Opfer des Krieges in Warschau, meiner Heimatstadt besuchen werde, so will ich mich an die schönen und bewegenden Augenblicke erinnern, die ich gemeinsam mit deutschen Christen in Nürnberg erlebt habe.

Pater Eberhard von Gemmingen - 25.08.2007

„Europaweit wird derzeit über den Bau von Moscheen und über die Höhe von Minaretten diskutiert. Man fragt sich: Wollen Politiker, die sich christlich nennen, die Religionsfreiheit einschränken und den Bau von Gebetsstätten verhindern? Was steht dahinter, und wie soll man sich verhalten?
Zunächst ein paar Fakten: Besonders heftig diskutiert wird derzeit über Moschee- und Minarettbau in London, Marseille, Sevilla und Köln, vor allem aber in der Schweiz. Hier sollen zwar Moscheen weiterhin erlaubt, Minarette aber ganz verboten werden. In London haben rund 300.000 Personen eine Petition gegen eine Super-Moschee für 12.000 Beter unterzeichnet. In Marseille wird über indirekte Finanzhilfen durch die Stadt zugunsten einer Mosche für die 200.000 Muslime diskutiert. In Köln geht es nur um die Höhe der Minarette. Was die Schweiz plant: Minarettverbot per Verfassungsänderung. Ein Fachmann meint, das wird in Europa Schule machen.
Meiner Ansicht nach widerspricht die Einschränkung von Baugenehmigungen an nichtchristliche Religionen an sich unserem Grundverständnis von Religionsfreiheit. Aber: In der konkreten kulturellen und politischen Situation muss Europa den Muslimen zeigen, was die Voraussetzungen für Religionsfreiheit sind. Der Islam muss die Gewissensfreiheit des Einzelnen, eine Religion zu wählen oder ihre Religion zu wechseln, anerkennen. Er muss Christen in mehrheitlich muslimischen Ländern den Bau von Gotteshäusern und religiöse Aktivitäten gestatten. Christen haben ein Recht, sich dort ohne Gefahr für Leib und Leben aufhalten zu können und den gleichen Schutz zu genießen wie Nichtchristen. Europa hat diese Prinzipien der Religionsfreiheit in mühseligen Kämpfen gelernt. Die Muslime müssen ebenso lernen. Lernen kann man durch gutes Beispiel und durch einen gewissen Druck. Dazu kommt leider das politische Gewicht von muslimischen Terroristen. Gemäßigte Muslime müssen die gewaltbereiten in die Schranken weisen. Toleranz gehört zwar zum Wertekanon in Europa - aber gegen Intoleranz muss man intolerant sein. Wir können und dürfen Moscheen zwar nicht verhindern. Denn auch das Gebet der Muslime ist für Christen ein Wert. Religionslosigkeit ist kein Wert an sich. Aber wir können durch Größenbegrenzungen und Minarettverbot den Muslimen zeigen: Solange sie sich nicht an die Prinzipien der Religionsfreiheit halten, sowie an die Regeln der Gastfreundschaft, können wir ihnen leider nicht d i e Freiheiten gewähren, die wir ihnen grundsätzlich gerne einräumen würden. Die Politik bietet selten Gelegenheit, Prinzipien zu zeigen. Dies ist eine Gelegenheit.“ (rv)


Pater Eberhard von Gemmingen - 18.08.2007

In dieser Woche hat die katholische Kirche rund um den Globus das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel gefeiert. Erstaunlich viele Länder Europas haben am 15.August sogar einen staatlichen Feiertag. Es sind Österreich, Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Polen, Portugal. In Deutschland gab es nur im Saarland und in Teilen Bayerns einen staatlichen Feiertag. Auch in der Schweiz hatten einige Kantone frei, ähnlich in Irland und Spanien. Voll gearbeitet wurde in Skandinavien, in den Niederlanden, in England, Russland, der Tschechische und der Slowakischen Republik und in Ungarn. Millionen Menschen konnten sich also eines freien Sommertages erfreuen. Ich vermute, dass die allermeisten von ihnen keine Ahnung hatten, worum es dabei ging, warum sie frei hatten.
Was soll man angesichts einer solchen Situation sagen: Sollte die Kirche aus Ehrlichkeit dem Staat vorschlagen, den Feiertag abzuschaffen – jedenfalls von Seiten der Kirche. Sollte der Staat vielleicht lieber das folgende Wochenende verlängern, sodass die Arbeit für drei aufeinander folgende Tage ruht? Das wäre rationaler. Oder den Feiertag ganz abschaffen, da die Jahresarbeitszeit ohnehin zu kurz ist. Sollte die katholische Kirche umgekehrt ihren Schäflein ins Gewissen reden und sagen: wenn ihr am 15.August nicht in die Messe kommt, begeht ihr eine schwere Sünde. Ihr riskiert die Hölle. Viele Kirchenkritiker meinen ja, die katholische Kirche sei unehrlich, denn sie beharre auf Rechten und Traditionen, obwohl sie wisse, dass das Fest längst ausgehöhlt sei, dass 90 Prozent aller Katholiken überhaupt nicht wüssten, worum es bei dem Fest überhaupt geht. Was soll die Kirche tun: Resignieren, das Fest aufgeben, für die Messe trommeln, ein schlechtes Gewissen einreden?
Das Fest Mariae Aufnahme in den Himmel ist nur ein spezieller Fall eines Problems. Die Kirche könnte ja dem Staat auch empfehlen: gib den Sonntag auf, denn kaum ein Getaufter weiß, dass es sich um den Tag der Auferstehung Christi handelt. Sie könnte dem Staat empfehlen: streichen wir Weihnachten, den ersten und den zweiten Feiertag, streichen wir den ersten und den zweiten Oster- und Pfingsttag. Denn nur ein Bruchteil der Getauften kommt zum Gottesdienst. Wenn die Kirche dies täte, würde sie ein Kulturgut aufgeben. Sie würde ein Weltkulturerbe streichen. Denn die kirchlichen, die christlichen Feiertage sind Weltkulturerbe. Kommunisten und andere Ideologien haben bereits vergeblich versucht, eine 10-Tagewoche einzuführen und religiöse Feiertage zu streichen. Wenn dies gelänge, würde die Weltkultur etwas verlieren. Der Mensch braucht Feiertage, Ruhetage, Besinnungstage – und zwar gemeinschaftliche, an denen man sich auf den Sinn des Lebens besinnt und an dem möglichst alle Räder still stehen. Und was machen wir mit tausenden von herrlichen Kirchen, die an die Aufnahme Mariens in den Himmel erinnern. Sollen wir sie abreißen? Was machen wir mit der neu erbauten Frauenkirche in Dresden. Machen wir einen Konzertsaal daraus und nennen sie König von Sachen-Dom? Nein, behalten wir christliches Kulturgut, und versuchen wir den Nachwachsenden zu sagen, was es bedeutet: Maria Aufnahme in den Himmel bedeutet: wir alle dürfen auf ein herrliches Leben nach dem Tode rechnen. Maria ist vorausgegangen. Hier zum Audio-File


Pater Eberhard von Gemmingen - 11.8.2007

Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen werden selbstverständlich im alltäglichen Umgang als Kirchen geachtet. Diese Entwarnung im Kirchenkampf kommt aus der Eidgenossenschaft, vom Chef der Schweizer Bischöfe Kurt Koch. Wohlgemerkt: Koch ist theologischer Profi und kein Weichspüler. Man hätte meiner Meinung nach die ganze Frage aus Rom pastoraler, sensibler und diplomatischer anpacken können und sollen. Rom ist manchmal ein wenig zu weit entfernt ist vom alltäglichen Kirchenleben. Damit das in Zukunft besser wird, darf man jetzt nicht schimpfen, sondern muss daran arbeiten.
Worum geht es eigentlich? Die Theologen der Reformation haben eine sehr unterschiedliche Vorstellung von Kirche als katholische Profis. Für sie ist die geschichtliche Verbindung zu Petrus zweitrangig, ähnlich die Gültigkeit von Sakramenten. Diese Differenzen sind altbekannt. Warum soll man sich streiten, wenn man weinend die Nicht-Identität wahrnimmt. Feststellen, dass man verschiedener Auffassung ist, bedeutet doch nicht Streit. Wir dürfen nicht das Bild von zankenden Christen machen. Damit schaden wir der Sache Jesu Christi. W e i n e n sollten wir gemeinsam, wenn wir unsere Nicht-Übereinstimmung feststellen. Selbstsichere Protestanten könnten der katholischen Kirche sogar einfach sagen: Euer Kirchenbegriff ist falsch. Wir haben den Richtigen. Dann muss man liebevoll diskutieren. Man wird weiterhin von getrennten Kirchen sprechen. Evangelische gehören nicht einer Sekte an, sondern einer Gemeinschaft, die für sie Kirche ist. Es ist ein anderer Typ von Kirche – wie Kardinal Kasper zu Recht sagt.
Vielleicht gelingt es der Glaubenskongregation in Zukunft, solche heiklen Fragen sensibler anzugehen. Vielleicht gelingt es auch evangelischen und katholischen Christen in Zukunft neu, das Verzeihen zu lernen. Es war von der Glaubenskongregation ungeschickt, die Frage so wie geschehen, anzupacken. Es war aber nicht böse Absicht, Streitsucht. Es bedeutet kein Ende der Ökumene. Die Erklärung der Glaubenskongregation war im Gegenteil der Versuch, in der Suche nach Kircheneinheit voranzukommen durch den Hinweis auf noch bestehende gravierende Unterschiede. Christen beider Konfessionen sollten in dieser Situation sagen: Wir bieten Vergebung und bitten um Vergebung.
Hier zum Audio-File


Pater Eberhard von Gemmingen - 4.8.2007

Die Konfrontation zwischen dem muslimischen Osten und dem früher einmal christlichen Westen wird verschärft. Denn Präsident George W. Bush verspricht Saudi Arabien, dem Golfkooperationsrat und Ägypten Waffen im Wert von rund 25 Milliarden Euro. Damit soll der Iran bedroht und in Schach gehalten werden. Er war schon einmal Schurkenstaat genannt worden.
Eigentlich sollte ein Radio-Vatikan-Kommentar sich nicht mit rein politischen Fragen befassen. Heute aber komme ich nicht darum herum, diese Fehlentscheidung zu kommentieren. Die Aufrüstung der einen Seite wird zur Aufrüstung der anderen führen. Iran und Präsident Achmadinedschad werden sich in ihrer anti-westlichen und antichristlichen Grundhaltung bestärkt fühlen.
Was im Allgemeinen weniger bekannt ist: Im Hintergrund dieses Konfliktes steht die Konfrontation zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen. Die Saudis unterstützen die Sunniten im Irak. Die Iraner helfen den Schiiten. Die Frankfurter Allgemeine spricht bereits von einem „schiitisch-sunnitischen Weltbürgerkrieg“. Und die Zeitung nennt die US-Militärhilfe an Saudi-Arabien eine „Unterstützung für den Saboteur“. Denn Saudi-Arabien sei zwar offiziell auf der Seite der USA, de facto verhindert das Land aber den friedlichen Aufbau des Irak. Viele der Selbstmordattentäter und der ausländischen Kämpfer gegen die US-Truppen im Irak stammen genau aus Saudi-Arabien. Andererseits aber sitzen in Saudi Arabien und auch in Ägypten Demokraten und Menschenrechtskämpfer in Gefängnissen.
Die Kampagne für Demokratie im Nahen Osten scheint also vergessen und gescheitert. Nach katholischer Auffassung sind dies alles Signale, die dem Frieden und der Gerechtigkeit nicht dienen. Immer mehr Muslime identifizieren die Christen schlechthin mit dem reichen, dekadenten, aggressiven und lügnerischen Westen. Die Christen in Nahen Osten, vor allem im Irak bekommen es sehr schmerzhaft zu spüren. Ich frage mich immer wieder, warum die hoch intellektuellen Präsidentenberater in Washington solche Entscheidungen treffen. Ist es weiterhin der Griff nach dem Öl, sind es die Waffengeschäfte? Ist es einfach Verblendung? Ausgleich und Frieden zwischen Ost und West ist sicher nicht leicht zu schaffen, aber die allerschlechtesten Entscheidungen müsste man allemal vermeiden. Die Kirche hat keine Patentrezepte und macht gottlob keine Politik, aber sie muss kritischer Beobachter sein und bleiben.
Hier zum Audio-File


Aldo Parmeggiani - 28.7.2007

Diesmal kam ein gewichtiges Wort von ganz oben: es war nicht das übliche Bürgerkomittee, nicht der übliche Oppositionspolitiker, auch nicht irgend ein bekannter Medienmann oder Meinunsgbildner, die da ihren Zorn und die Wut über die politische Kaste Italiens öffentlich kundtaten, nein, diesmal war es ein Kardinal. Ein wichtiger Kurienkardinal. Nämlich Renato Raffaele Martino, seines Zeichens Sozialminister des Vatikans, langjähriger ständiger Beobachter des Hl. Stuhls bei der UNO in New York, absoluter Gegner des US-Angriffs auf Bagdad, ein überzeugter Gegner der Todesstrafe - auch für Saddam Hussein, ein Befürworter der Einführung des islamischen Religionsunterrichts in den italienischen Volksschulen, ein Spezialist für Fragen der Menschenrechte und des Lebensschutzes, ein geschulter Vatikan-Diplomat, wie er im Buche steht, kurz um, eine Mann der Gerechtigkeit. Er war es, der in dieser Woche die Medienkeule schwang und sie unverhohlen gegen die Politiker, aber gleichzeitig auch gegen seine eigenen Landsleute, die Süditaliener niederschmetterte. Was war geschehen?
Der Kardinal war mit seinem PKW auf der Autobahn A3 unterwegs, jene Autobahn, die von Salerno, der Geburtsstadt Martinos, nach Reggio Calabria führt. Die wichtigste und einzige Verkehrsader des italienischen Südens. Für die rund 200 Kilometer lange Strecke war der Kirchenvertreter, und alle anderen -  die Vielzahl von Familien mit ihren  Kindern auf Ferienreise sowie der gesamte Reise- Berufs- und Warenverkehr des Tages  -  mehr als fünf Stunden lang unterwegs. Im Schneckentempo von dreißig Stundenkilometern, unter der sengenden Hitze im unerträglichen Stau. Der Grund? Eine ununterbrochene Vielzahl von Baustellen säumen links und rechts diese verkehrsreichste Asphaltbahn Kalabriens. Seit eh und je. Wer sind da die Verantwortlichen, wenn nicht die Politiker selbst? Die meisten von ihnen, die notfalls in ihren gekühlten Luxusmaschinen mit Blaulicht und Chauffeur auf der Notspur überholen dürfen oder diese Strecke kurzerhand im Flugzeug bewältigen können , wissen nichts, von den oft menschenunwürdigen Reisebedingungen des Normalbürgers, gar nichts.  Das erzeugt Frust und Aggresivität, das hat etwas mit Menschenwürde zu tun. Der Kardinal geht noch weiter und vergleicht den Abschnitt der A3 mit einer 'Via Crucis' – einem Kreuzweg.  'Ihr müßt euch endlich wehren, mahnt der hohe Kirchenvertreter, und richtet heiße, rebellierende Worte an seine Landsleute. 'Seid ich ein Kind bin, wird an dieser Autobahn gebaut und sie ist immer noch nicht fertig. Das kann nur Schuld der Mafia und derjengen sein, die für ihr Weiter-Bestehen verantwortlich sind'. Klärende Worte: Endlich spricht sie ein Vertreter jener Institution offen aus, die nicht in dem Verdacht steht, aus politischen oder anderen Gründen, lediglich Zweckpessimismus zu manifestieren. Wird der heilige Zorn des Kardinals Früchte tragen? Wird die A3 einmal zu einer baustellenfreien, normalen Autobahn werden? Die Frage ist schon beantwortet: Nein, denn wenn ja, wäre Italien nicht Italien, der Süden nicht der Süden und die Mafia nicht die Mafia.

Aldo Parmeggiani


Pater Eberhard von Gemmingen - 14.7.2007

P. Gemmingen kommentiert Motu Proprio
Sturm aus dem Vatikan. Nach dem Motu proprio zur alten Messe, nach den Gerüchten über die Neuformulierung der Wandlungsworte kam nun auch noch der Paukenschlag, dass die evangelische Kirche gar keine Kirche sei. Für manche engagierten Christen schon ein bisschen viel in dieser schönen Sommerzeit. Was ist in den Vatikan gefahren? Ist Papst Benedikt nun doch wirklich der große Kirchenbremser, als den ihn seine Kritiker schon immer gesehen haben?
Es ist verständlich, wenn manche den Kopf schütteln wegen der Erklärung, dass die evangelische Kirche gar keine Kirche sei. Wenn man sich freilich etwas genauer auskennt, dann wird die Sache doch verständlicher.
Die deutsche evangelische Kirche will nämlich gar nicht das sein, was die katholische Kirche als Kirche versteht. Die Bischöfe der evangelischen Kirche verstehen sich nicht in dem Sinn als Nachfolger der Apostel, wie das die katholische Kirche von ihren Bischöfen bekennt. Für die evangelische Kirche ist die ununterbrochene Tradition bis zu den Aposteln relativ unwichtig. Wichtig ist ihr, dass das Evangelium recht verkündet wird. Für die evangelische Kirche sind Abendmahl und Taufe nicht Sakramente, wie sie von der katholischen Kirche verstanden werden. Für die evangelische Kirche ist Christus im Wort gegenwärtig und auch in der Feier des Abendmahles. Aber er ist nicht in der Weise gegenwärtig, wie ihn die katholische Kirche in der Kirche als solcher und vor allem in ihrem Amt gegenwärtig glaubt. Kurz - die evangelische Kirche hat ein anderes Selbstverständnis als die katholische. Sie legt darauf auch großen Wert. Bischof Wolfgang Huber spricht nicht zu Unrecht von der Profilierung der Kirchen. Kirche ist für ihn nicht einerlei. Er legt wert darauf, eine andere Auffassung von Kirche zu haben als die katholische Kirche. Genau das hat jetzt auch der Vatikan in Erinnerung gerufen und erklärt: Wir haben ein anderes Kirchenverständnis. Und nach dem katholischen Verständnis ist die evangelische Kirche keine Kirche – so wie wir Kirche verstehen. Die evangelische Kirche will sich auch gar nicht so als Kirche verstehen, wie sich die katholische Kirche versteht. Man kann den Katholiken vorwerfen, dass ihr Kirchenverständnis falsch ist. Ja – das geschieht in freundlicher Weise im ökumenischen Dialog. Aber es wäre falsch, wenn man die Unterschiede überkleistern und verdecken würde, denn dann kann man sie auch nicht heilen. Heilen kann man Wunden nur, wenn man die Wunde als Wunde erkennt und anerkennt. Daher sagte die katholische Kirche schon lange – nicht erst jetzt – die Kirchen der Reformation sind überhaupt keine Kirchen in dem Sinn wie wir - die Katholiken - Kirche immer schon verstehen. Die katholische Kirche sagt auch immer schon, dass auch in der evangelischen Kirche das Heil Jesu Christi vermittelt wird. Sie hat die gültige Taufe, sie bekennt Jesus Christus, sie verkündet seit Evangelium. Das alles ist gut und recht und wir möchten die Einheit. Aber wenn wir sagten, die evangelischen Kirchen – es gibt ja nicht nur eine, sondern viele Landeskirchen – sind Kirche, wie wir uns verstehen, dann würden wir ihnen und uns Sand Augen streuen, was wir nicht wollen.
Das alles ist schmerzlich. Aber Schmerzen sind bekanntlich dazu da, damit man die Verwundung wahrnimmt. Wenn es nicht wehtäte, würden wir uns um die Wunde nicht kümmern. Der Schmerz ist der Ausgangspunkt und Anfang der Heilung. (rv)
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Pater Eberhard von Gemmingen - 30.6.2007

Manche Katholiken werden sich in diesen Tagen aufregen oder wundern über die päpstliche Entscheidung, die tridentinische Liturgie wieder häufiger zu erlauben. Ich schlage vor, nicht viel Zeit für diese Diskussion zu verwenden. Viel wichtiger wäre, darüber zu reflektieren, warum überhaupt so wenige Getaufte sonntags zur Eucharistiefeier kommen. Wir sollten die päpstliche Entscheidung zum Anlass nehmen, allein und in Gemeinschaft darüber nachzudenken, was wir tun können, damit heutige Menschen wieder mehr Zugang finden zur Eucharistiefeier.Ich möchte Ihnen meine Ansicht dazu sagen. Dabei gehe von meinen derzeitigen Erlebnissen in Paris aus.
Ich erlebe hier in der französischen Hauptstadt sehr schöne und erhebende Gottesdienste. Sie scheinen mir innerlicher als manche Feiern in Deutschland. Ich habe den Eindruck, Messen in Deutschland erinnern manchmal zu sehr an Pflichtübungen, an Ordnung und Disziplin. Daran sind natürlich vor allem wir Pfarrer schuld. Wir feiern die Messe in der Regel korrekt, aber ich frage mich, ob ihr die Seele fehlt. Gerade Menschen, die nicht oft in die Kirche kommen, wünschen, dass man es den Agierenden ansieht, dass sie glauben, was sie tun und sagen, dass sie den Kontakt zuJesus Christus suchen. Man möchte sehen, dass der Zelebrant ein gläubiger oder wenigstens innerlicher Mensch ist. Man möchte auch sehen, dass Leser und Kommunionhelfer innerliche und gläubige Menschen sind. Wir brauchen uns nicht zu genieren, wenn wir fromm wirken. Sehen kann man den Glauben durch würdiges Sprechen, würdiges Gehen, würdige Kleidung, durch Verneigung, Kniebeuge, durch Pausen, durch Schweigen. Man möchte den Glauben schmecken, hören und sehen.
Ich sage sehr gerne, dass wir in Deutschland stolz sein können auf unsere guten Lieder, auf Chöre und Orgeln, auf viele Ministranten. Da sind wir Weltmeister und den meisten Ländern überlegen. Aber gerade weniger Gläubige wollen auch verkosten, dass wir eine Seele haben. Denn Gelegenheitschristen - nehmen wir ruhig unsere Kinder und Enkel -sind kritisch. Und wenn sie sich mal im Gottesdienst nicht so verhalten wie das alle tun, dann seien wir tolerant. Gelegenheitschristen wollen erfahren, dass Praktizierende das leben, was sie bekennen. Ich denke an Jesus, der sagte: Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer ist als die der Pharisäer, dann taugt ihr nichts. In einer ziemlich heidnischen Welt müssen Christen Jesus sichtbar machen und ihm ähnlicher sein als früher. Darum geht es, nicht um vor- oder nachkonziliare Liturgie. Vielleicht reizt uns nur der Versucher, über die tridentinische Liturgie zu diskutieren, damit wir das allein Notwendige nicht in den Blick nehmen. (rv)


Pater Eberhard von Gemmingen - 23.6.2007

Die meisten Bewohner Mitteleuropas kleiden sich schlecht, primitiv, unschön. Diese vielleicht etwas scharfe und ungewöhnliche These möchte ich heute mit Ihnen bedenken. Seit Jahren habe ich – wenn ich durch unsere Städte und Dörfer komme - den Eindruck, dass die allermeisten Menschen nicht schön herumlaufen. Man geht im Freizeitlook – und der ist eher schlampig, langweilig. Wenn ich nun daran denke, wie die Menschen etwa in Indien, in Japan, in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas versuchen, so schön wie möglich zu sein, so wundert es mich, warum wir reichen Europäer eigentlich so armselig ausschauen. Jahrelang liefen die Meisten sogar in düsteren Farben herum. Das ist in letzter Zeit ein wenig besser geworden. Man trägt wieder mehr bunt.
Nun ist die Frage der Kleidung ja eigentlich kein Thema für einen Priester und für einen Wochenkommentar von Radio Vatikan. Uns soll es ja um die unsterblichen Seelen der Menschen und ihr ewiges Heil gehen und nicht um die äußere Schönheit.
Die Frage bewegt mich dennoch, weil ich fürchte, die äußere Nachlässigkeit hat mit einer inneren Haltung zu tun. Ich fürchte, die äußere Stillosigkeit spiegelt innere Unordnung. Ich wäre froh, wenn ich damit Unrecht hätte.
Lassen Sie es mich noch ein wenig ausweiten. Wenn Menschen sich äußerlich schön machen, dann vermutet man dahinter Eitelkeit. Ich denke aber, dass das nicht ganz stimmt. Man macht sich auch schön, um anderen einen guten Anblick zu erlauben. Man macht sich schön, um sich in die Gesellschaft, in der man lebt, einzuordnen. Das sieht man an wohl gekleideten Bänkern, das sah man früher an der Trachtenkleidung. ‚Erinnern wir uns daran, dass vor allem Menschen aus ehemals kommunistischen Ländern sich etwa für die Fronleichnamsprozession in traditionelle Schale werfen. Wer sich schmuck anzieht, zeigt Stil. Fehlt uns das Gefühl für Stil, für Anstand, für äußere Umgangsformen? Und wenn ja: zeigt das, dass uns auch im Inneren Respekt, Hochachtung, Anstand, Ehrfurcht fehlen. Ich habe ein wenig den Verdacht. Das gilt nicht unbedingt für die einzelne Person, aber das gilt für die Gesellschaft als Ganze. Und wenn das alles stimmt, dann sollten wir darüber nachdenken, wie wir die Gesellschaft von innen her heilen können. Und ein letztes: Auch wenn ich mir die Teilnehmer an vielen Sonntagsgottesdiensten anschaue, dann denke ich: bitte zieht euch doch für den lieben Gott und die feiernde Gemeinde etwas sonntäglicher an. Wenn der Priester und die Ministranten gut aussehen, so darf das Volk Gottes nicht nachhinken. Besonders traurig ist es, wenn Lektorinnen oder Lektoren oder Kommunionhelfer aussehen als seien sie auf der Flucht. Wenn das Volk Gottes zusammenkommt und vor den Herrn tritt, sei es schön und schmuck.


Pater Eberhard von Gemmingen - 16.6.2007

Was würde der heilige Franz von Assisi engagierten Katholiken sagen, wenn sie ihn - mit dem Heiligen Vater in Assisi - besuchen würden. Da ich mich seit Monaten im deutschen Sprachraum aufhalte, habe ich so eine kleine Ahnung, was der Poverello von Assisi heute engagierten Katholiken flüstern würde. Ich meine, er würde sagen: kritisiert nicht so viel das, was andere ebenso engagierte Katholiken denken und tun. Ihr schwächt dadurch die Macht des Evangeliums in eurer Welt. Ich muss das erklären: Es ist ein bißchen wie weiland zur Zeit des Apostels Paulus in Korinth. Damals sagten die einen: wir gehören zu Apollos, andere meinten: wir gehören zu Petrus, wieder andere gehörten zu Paulus und andere schließlich meinten, zu Jesus Christus zu gehören. So sind heute eifrige Katholiken Parteigänger des Bischofs von Mainz, andere des Bischofs von Köln, die einen bekennen sich zu Donum vitae, andere verdammen diese Gruppe, die einen finden Benedikt ein Geschenk des Himmels, die anderen v
 erweisen auf seine Grenzen. Die einen finden alles was aus Rom kommt Gold, andere sehen da auch ein bißchen Blech dabei. Das mag ja alles seine Richtigkeit haben. ABer was den Heiligne Franz kränkt, ist dies: vor lauter berechtigter Wünsche und Kritik geht die Sache Jesu Christi unter. Machen wir es konkreter: Manche finden, dass der Papst in Brasilien nicht ganz den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Franz von Assisi würde sagen: ja - da ist schon was Richtiges dran, aber wichtiger ist, dass er überhaupt Nägel eingeschlagen hat. Wenn der eine oder andere davon krumm war, was solls: Hauptsache, er hat überhaupt paar Nägel eingeschlagen. Gescheite Leute meinen auch: ein Papst sollte keine Bücher schreiben, denn damit vermischt er seine Amtsautorität mit seiner persönlichen Meinung. Schlimmer: er mißbraucht seine Amtsautorität für seine persönliche Meinung, denn sein Buch ist ja kein amtliches Lehrschreiben. Franz von Assisi würde mit dem Kopf wackeln und sagen: kann ja sein. A
 ber da es das Buch nun schon gibt, würde ich vor der Welt keine Diskussion anfangen, ob Päpste so etwas machen sollen oder nicht, sondern würde versuchen, das Beste aus dem Buch zu machen.
Franz würde sich vielleicht zurücklehnen und nachdenklich sagen: Schaut mal, vor lauter berechtigtr Kritik und kritischer FRagen, überseht ihr die Punkte, in denen ihr alle übereinstimmt. Und weil ihr das ausdiskutiert, was diskutabel ist, hat man den Eindruck, alles laufe verkehrt. Jedenfalls haben die Menschen, die Jesus Christus kaum kennen, den Eindruck, dass sich die Christen nicht einig sind, dass sie immer diskutieren und streiten. Also - so würde Franz den hoch engagierten Katholiken ins Stammbuch schreiben: verbaut euch nicht selbst den Erfolg, verbaut nicht dem Evangelium den Erfolg. Seid nicht so dumm wie die Apostel Jesu. Die haben noch paar Stunden vor dem Tod des Meisters darüber diskutiert, wer der erste von ihnen ist. Die waren noch dümmer als ihr. Ihr diskutiert wenigstens über Sachfragen. ABer wenn Euch Jesus auf dem Weg zu Pilatus so hören würde, würde er sich umwenden und euch zum Weinen bringen. Lacht lieber über euch selbst und denkt an den kleinen simpl
 en Mann von Assisi, der keine Theologie wollte und daher die Welt ein wenig ins Lot geschüttelt hat. Seid bitte nicht zu gescheit. Denn die Gescheiten hatten ihre Köpfe so weit im Himmel, dass sie nicht merkten, wie Jesus ihre Hilfe auf dem Weg nach Golgotha brauchte. Ihr wißt schon, was ich - der Poverello von Assisi - euch sagen will.  Habts mit Jesus, dann gehts Euch gut. Pace e bene - aus Assisi.


Pater Eberhard von Gemmingen - 8.6.2007

Aller Augen blicken nach Heiligendamm. Aller Augen blicken auf den Globus, seine Erwärmung,seine Armut, seine Ungerechtigkeit.
Viele Menschen auf dem ganzen Erdenrund denken mit und fühlen sich ohnmächtig angesichts der Herausforderungen, der Probleme, der Nöte. Ist das Gefühl der Ohnmacht berechtigt? Kann man da nur noch beten oder muss man resignieren? Ich denke, es gibt ein Drittes – außer dem Gebet. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass auch ohnmächtige Menschen Geschichte gemacht haben. Gerade Ohnmächtige haben große Bewegungen ausgelöst. Erinnern Sie sich mit mir: Ob Buddha und Konfuzius menschlich-bürgerlich ohnmächtig waren, weiß ich nicht, auf jeden Fall haben sieGeschichte gemacht. Als Mose anfing, die Geschichte seines Volkes in die Hand zu nehmen, war er auf jeden Fall noch kein Mächtiger. Jesus von Nazareth war zweifellos politisch ohnmächtig. Und dann ein ganz grober Überblick über das Werden der großen europäischen Kultur. Drei Heilige haben an seiner Gestaltung wesentlich Anteil: Der Heilige Benedikt lehrte: nur wenn ihr arbeitet, gestaltet ihr die Welt. Der Heilige Franziskus von Assisi zeigte: wenn ihr die Armen nicht liebt, dann seid ihr inhuman, der Heilige Ignatius vonLoyola machte vor: Wenn ihr die Seele der Menschen erreicht, dann gestaltet ihr Geschichte und Kultur. An Europa-prägenden Frauen möchte ich nur nennen: die heilige Brigitta von Schweden, die heilige Teresa von Avila und die noch nicht heilige Mary Ward. Diese großen Christinnen und Christen hatten ebenso wenig politische Mittel wie wir. Und in unserer Zeit? Ohnmächtige haben unsere moderne Welt positiv mitgeprägt: in Asien Mahatma Gandhi und Mutter Theresa, in Amerika Rigorberta Menchu und Martin Luther King, in Afrika Nelson Mandela – im Gefängnis. Sie haben vor allem das Denken der Zeitgenossen beeinflusst. Auch Ohnmächtige können Geschichte und Politik machen. Wer von uns weiß, was Gott mit ihm oder ihr machen könnte, wenn wir uns ganz Gott überließen. Das ist ein Wort des Heiligen Ignatius von Loyola. Keiner von uns ist auch in einer globalisierten Welt ohnmächtig. Was wir freilich nicht dürfen, das ist, schlecht oder ganz uninformiert bleiben: Unsere heilige Pflicht ist es, uns so gründlich wie möglich zu informieren. Revolverblätter reichen nicht. Unsere Pflicht ist es, dort anzupacken, wo wir anpacken können. Unser Nächster ist nicht weit. Und wir leben ja in einer Gesellschaft, in der viele Menschen mehr Zeit haben als für sie gut ist. Und nach der Bibel können wir ja auch Berge versetzen.

 

Pater Eberhard von Gemmingen - 2.6.2007

In wenigen Tagen beginnt die große Konferenz der G-8-Staaten in Heiligendamm. Dabei geht es unter anderem um Globalisierung, um die Schaffung einer gerechten Weltordnung. Wirklich katholische Christen sind seit Jahrhunderten globalisiert. Sie spannen rund um den Globus ein Netz von Glauben, Hoffnung und Liebe. Selbstverständlich hat das Netz auch Löcher, durch die Dummheit, Egoismus und Angst eindringen. Aber es gibt dieses katholische Weltnetz rund um den Globus. Einer der größeren Schäden, die durch die Löcher ins Netz eindringen, sind Irrtümer und Dummheit. Daher schlage ich vor, jetzt einen Heiligen Damm gegen folgende Irrtümer aufzubauen:
Erstens: Die Meinung, ein Staat oder eine Welt ohne Religion sei humaner, friedlicher, weniger fanatisch. Diese Ansicht suggeriert diese Woche der „Spiegel“. Wer eine Ahnung hat von der humanisierenden Bedeutung der Religionen, kann nur lächeln. Schlimm allerdings ist der Missbrauch der Religion für politische Zwecke – wie beim Terrorismus oder früher bei den Kreuzzügen. Bauen wir einen Heiligen Damm gegen Verdummung.
Zweitens: die Ansicht, die Würde der Frau sei nur durch Verschleierung zu schützen. Fanatische Muslime fordern in diesen Tagen, dass auch Christinnen sich verschleiern. Wenn alle Männer Bestien wären, müssten man tatsächlich Frauen durch Schleier vor ihnen schützen. Gottlob ist die Zahl der männlichen Bestien aber begrenzt.
Drittens der Irrtum: Um einen modernen demokratischen Staat zu schaffen, müssten alle Bürger sich dem westlichen Liberalismus anschließen. Das meinen viele fromme Muslime im Irak, im Iran und vielen anderen Ländern. Bauen wir einen heiligen Damm gegen diese Irreführung.
Viertens der Irrtum, alle Religionen seien letztlich gleich. Es sei daher gleichgültig, welcher Religion man angehört. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Wer auch nur ein bisschen hinschaut, sieht was das Christentum weltweit an Caritas, Solidarität, Gerechtigkeit, Bildung und Kultur geschaffen hat. Das ist und war nicht immer so. Auch hat jede Religion bessere und schlechtere Zeiten und Seiten.
Aber es ist Volksverdummung, zu behaupten, alle Religionen seien letztlich gleich.
Und ein Irrtum mancher Katholiken: Wenn der Papst nur ein Machtwort spräche, dann würden viele Fehler in der katholischen Kirche überwunden. Irrtum. Der Papst ist nicht mächtiger als Jesus. Auch er musste mit den Irrtümern seiner Jünger leben. Sogar nach Pfingsten blieben sie in manchen von ihnen stecken.
Bauen wir heilige Dämme vor allem auch gegen Dummheit. Und zeigen wir denen in Heiligendamm, wie man mit Konflikten und Interessengegensätzen umgehen, und wie man aus Fehlern lernen kann. Katholische Christen sind seit Jahrhunderten globalisiert. Seien wir stolz darauf.

P. Eberhard v. Gemmingen SJ, München 1.6.2007


Wladislaw Bartoszewski - 30.3.2007

Europa und wir

50 Jahre Europäische Union - zu diesem Thema hat uns ein großer Europäer, nämlich der polnische Intellektuelle und Ex-Außenminister Wladislaw Bartoszewski gleich zwei Kommentare geschickt... die wir hier dokumentieren.

I
Der 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge verleit zu einer tieferen Reflexion – vor allem jemanden, der ein aktiver Zeuge des Zweiten Weltkrieges war und dazu noch von jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs stammt. Zu den Gründerväter des europäischen Integrationsprozesses zählten Menschen guten Willens und es lag ihnen besonders am Herzen, dem von Kriegstragödie verwüsteten Europa eine von Frieden uns Wohlstand gekennzeichnete Zukunft zu garantieren. Einige wichtige Überlegungen bleiben dennoch.
Zunächst eine Reflexion mit bezug auf die Geschichte: Die ersten dreißig Jahre der Integration verliefen im Schatten der Spaltung. Die Zone der ersehnten Stabilität, des Wohlstands und der Demokratie war lediglich auf ein Teil des Kontinents begrenzt. Deutschland wurde von unmenschlichen ideologischen und politischen Trennlinien durchzogen. Die Länder Mittel- und Osteuropas blieben unter sowjetischer Dominanz und wurden für Jahrzehnte von der Integration ausgeschlossen. Eine bittere und bis heute gültige Lektion.
Meine zweite Reflexion konzentriert sich auf der Wendezeit: nicht zuletzt dank der polnischen Bewegung „Solidarnosc“ haben die Bürger des „zweiten Teils“ Europas eigenhändig die Unabhängigkeit wiedererlangt. Dadurch wurde erst die Möglichkeit der gesamteuropäischen Annäherung realistisch. Die schließlich erfolgte Entscheidung von der Erweiterung der Europäischen Union, wage ich als einen der wichtigsten Meilensteine der Integration Europas überhaupt zu bezeichnen. Die Prophezeiung des großen Polen, Johannes Paul des II. hat sich erfüllt: Europa atmet heute mit zwei Lungen. Zugleich zerfiel das Sowjetische Imperium, wodurch sich auch für viele Völkergruppen der ehemaligen Sowjetunion bislang undenkbare Perspektiven eröffnet haben.
Die dritte und letzte Reflexion betrifft schließlich die Chancen. Der bisherige Verlauf des europäischen Integrationsprozesses ist eine Geschichte des Erfolgs. Doch nichts, auch der Erfolg, ist eins für alle Mal gegeben. Die Annäherung, Zusammenarbeit und Versöhnung müssen stets und unaufhaltsam angestrebt werden. Es ist daher wichtig die Effektivität des institutionalen Systems zu garantieren und dafür zu sorgen, dass die für künftiges Funktionieren der Union notwendigen Arbeiten rund um den Konstitutionsvertrag im Rahmen der deutschen Präsidentschaft erfolgreich abgeschlossen werden. Es ist auch wichtig den Binnenmarkt zu stärken, damit das europäische Sozialmodell tatsächlich wirken kann. Die Erfahrungen meines Landes sind hier eindeutig: man sollte nicht zögern sobald eine Chance besteht, die Zone der Stabilität, der Demokratie und des Wohlstands auszudehnen, denn die internationalen Relationen dulden kein politisches Vakuum. Letztendlich wäre noch die grenzübergreifende Solidarität zu erwähnen. Ein wohlständiges Europa muss im noch stärkeren Ausmaß zum Frieden und zur Demokratie in der Welt beitragen.
Es sind also bedeutende Herausforderungen, an die man anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge denken sollte. Und auf Polen und Deutschen ruht dabei eine ganz besondere Verantwortung. Denn ohne solide deutsch-polnische Verständigung wird auch die europäische Integration ein mangelhaftes Projekt bleiben. Der Besuch von Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel in Polen ist dabei ein optimistisches Anzeichen, dass die von mir erwähnte und wohl uns allen am Herzen liegende Verantwortung tatsächlich wahrgenommen wird.

II

In meinem letzten Beitrag habe ich mit Ihnen einige Reflexionen anlässlich des inzwischen vergangenen 50. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge geteilt. Dabei bin ich zu der eigentlich offensichtlichen und dennoch überraschend oft außer Acht gelassenen Schlussfolgerung gekommen, dass gerade wir – Polen und Deutsche – eine besonders ausgeprägte Verantwortung für das Gelingen des Projekts Europa tragen, dessen Erfolg ohne unseren guten Willen und ohne einfache Bereitschaft zur zwischenmenschlicher Verständigung zweifellsfrei in Frage gestellt wäre. Eine Verantwortung die vergleichbar ist mit der seinerzeit entscheidenden Fähigkeit zur deutsch – französischen Versöhnung, ohne die ein europäischer Integrationsprozess überhaupt nicht geboren wäre. Mit der politischen Wende 1989 und mit der Erweiterung der Europäischen Union hat sich die selbe Aufgabe an die Oder und Neisse verlagert und von ihrer Erfüllung hängt nun die heutige und künftige Gestalt des gemeinsamen europäischen Hauses ab.
Seit der Wendezeit schien es, als wären wir dieser Aufgabe vorbildlich gewachsen. Doch leider musste ich neuerlich die Richtigkeit meiner eigenen These erleben, wonach die Versöhnung und Verständigung ständig gepflegt werden müssen und ohne entsprechende Fürsorge, ohne auch nur minimale Anstrengung sehr schnell von kurzlebigen Interessenskonflikten überschattet werden.
Vor dem Hintergrund des angespannten Verhältnisses der letzten Monate, erscheint der neuerliche Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Polen als eine vorsichtige zwar, aber dennoch optimistische Ankündigung einer möglicherweise neuen Chance auf konstruktiven Dialog anstatt historisch bedingter Ressentiments, ängstlicher Skepsis, kritischer Haltung und unüberlegter Ansprüche. Ein Besuch der vielleicht keine bahnbrechenden Akzente setzte, wie die frühere Versöhnungsgeste von Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki von 1989, aber dennoch ein Anzeichen der zurückkehrenden Normalität zwischen Berlin und Warschau. Einer Normalität, die eigentlich längst selbstverständlich sein sollte. Denn Deutschland gehörte schon vor Jahren zu den Fürsprechen Polens auf dem Weg zur EU und damit zu den wichtigsten Architekten der Integration Europas. Einer Integration, die wiederum durch polnischen Beitrag erst ermöglicht wurde. Diesen Beitrag hat Frau Merkel mit einer persönlichen Note bei ihrer Rede an der Warschauer Universität erwähnt: „Ohne Ihre Freiheitsbewegung, ohne die Solidarność, wäre auch mein persönlicher Lebensweg anders gelaufen“. Genau wie vermutlich auch die Wiedervereinigung Deutschlands anders gelaufen wäre.
Dieses sich einander ergänzende Verhältnis zwischen Polen und Deutschland ist ein bester Beweis, dass sich ein Zusammenleben in Frieden und Kooperation zum gemeinsamen Nutzen auswirken kann. Gewisse Konflikte und Meinungsverschiedenheiten sind natürlich dabei vorprogrammiert – wie bei jeder partnerschaftlichen Beziehung – und überschwängliche Liebesklärungen dagegen nicht immer unbedingt notwendig. Was aber einen Grundstein unserer Zukunft bildet, ist eben die alltägliche, unscheinbare, oft unbemerkte Normalität des Neben- und Miteinanderseins. Eine Normalität die wir vielleicht öfter erleben und die wir endlich zu schätzen lernen.


Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling
Wochenkommentar Radio Vatikan - 21. Dezember 2006
Piergiorgio Welby

In Deutschland hat man von Piergiorgio Welby kaum Notiz genommen. Italien hat er in den letzten Monaten in helle Aufregung versetzt. Jetzt ist er gestorben. Der wegen seiner Muskeldystrophie nahezu völlig Gelähmte hatte in einem erschütternden Brief Staatspräsident Napolitano geradezu angefleht, man solle erlauben, die künstliche Beatmung, die ihn am Leben hielt, zu beenden, eine Behandlung, die er nicht wolle. Ein Gericht lehnte ab, weil das italienische Gesetz keine Sterbehilfe erlaube. Doch was ist Sterbehilfe, und bedarf sie einer Erlaubnis?

Kardinal Javier Lozano Barragan, sozusagen der Gesundheitsminister des Vatikans, hat in der Debatte Stellung bezogen. Ein Beatmungsgerät dürfe in einem solchen Fall abgestellt werden, wenn sein Einsatz "accanimento" und ohne Nutzen sei. Aber was heißt "accanimento"? Die Neue Zürcher Zeitung übersetzt mit "therapeutischer Beharrlichkeit". Die würde man sich ja als Patient wünschen. Es käme dann nur auf deren Nutzen an. Andere verstehen unter "accanimento" eine Übertreibung der Behandlung, Beides klingt sehr sachlich. Doch enthält der Ausdruck eine starke emotionale, geradezu irrationale Komponente im Sinne von Zorn, Wut, Erbitterung, von "sich auf etwas Versteifen" und damit von unkontrollierter Sinnlosigkeit. Das ist mit "accanimento" gemeint.

Eine Behandlung, die nur mehr ein blindes Wüten gegen den Tod ist, darf nicht nur, sie muß beendet werden, und dazu bedarf es im Prinzip keines Gesetzes. Ein Gesetz könnte allenfalls zur Begriffsklärung beitragen.

Letztlich wird es das Problem nicht lösen können. Letztlich ist nämlich entscheidend, mit welcher Absicht der Patient die Einstellung der Behandlung verlangt und mit welcher Absicht der Arzt seinem Wunsche folgt. Will der eine oder der andere oder wollen beide den Tod herbeiführen, dann handelt es sich um einen moralisch verwerflichen Suicid beziehungsweise um eine sogar strafbare Tötung auf Verlangen. Halten dagegen der Patient und der Arzt, die Behandlung für unangemessen, für unverhältnismäßig in Bezug auf das damit Erreichbare, dann nehmen sie mit deren Beendigung den Tod in Kauf. Todesursache ist dann die Erkrankung und nicht das Unterlassen oder Beenden der Behandlung. Diese innere Einstellung, dem Sterben seinen Gang zu lassen, ist juristisch nicht objektivierbar, und daran wird jedes Gesetz scheitern.

Für Piergiorgio Welby sind das nun keine Fragen mehr. Er schrieb mit seinem Computer vom Leben, das wie eine Frau sei, von der man geliebt werde, oder wie der Wind im Haar - und von seinem Leben, das er einfach nicht mehr als Leben bezeichnen könne. Wir wünschen ihm, daß er die Behandlung als "accanimento"betrachtet hat, weil sie ihm kein besseres Leben verschaffen konnte und daß er sie deshalb abgelehnt hat, nicht aber, um sich dadurch absichtlich töten zu lassen. Vielmehr möge er - seine Krankheit und seinen Tod akzeptierend - auf eine blindwütige Lebensverlängerung verzichtet haben.

Die Auseinandersetzung zwischen Euthanasie und sinnloser Lebensverlängerung wird mit Welbys Tod nicht beendet sein. Dochkann er zu gelassenerem Nachdenken über die Kultur des Todes und die Kultur des Lebens Anlaß sein.


Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling
Wochenkommentar Radio Vatikan - 25. November 2006

(alternativ)

Wer glaubt, ein ungehöriges Wort in den Mund nehmen zu müssen, der entschuldigt sich bei seinen Zuhörern dafür. Die alten Römer erbaten sich dann mit dem Ausdruck "Sit venia verbo" Verzeihung für das Wort. Das ungehörige Wort, daß in dieser Woche im heutigen Rom, genauer im Vatikan, in aller Munde ist, heißt "Kondom". Man denkt darüber nach, ob der Gebrauch eines solchen Gegenstandes unter gewissen Umständen erlaubt sein könne. Und schon jubelt die Presse und meint, unter dem neuen Papst werde nun endlich das Kondomverbot gelockert, ja, der Anfang des Endes der ganzen strengen katholischen Sexualmoral sei damit eingeläutet.

Zunächst einmal ist dazu festzustellen, daß es ein ausdrückliches katholisches Kondomverbot überhaupt nicht gibt, und daß es deswegen auch nicht gelockert werden kann.Es gibt nur das Verbot, beim ehelichen Akt dessen natürliche Folge, nämlich eine Empfängnis, mit künstlichen Mitteln auszuschließen, also das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung. Kondome fallen selbstverständlich,wenn sie zu diesem Zweck verwendet werden, ebenso wie die "Pille" unter dieses Verbot. Wenn ein Kondom aus gutem Grunde in einer anderen Absicht verwendet wird, also zum Beispiel von einem oder einer mit Aids Infizierten, um den Ehepartner vor der Infektion zu schützen, dann verhütet dieser Gebrauch zwar auch eine Empfängnis, doch darf diese unbeabsichtigte Nebenfolge durchaus in Kauf genommen werden. Das gilt in entsprechender Weise auch von der Pille, wenn ihre Anwendung aus medizinischen Gründen erfolgt.Weder das Kondom noch die Pille sind nämlich "per se malum", also in sich schlecht, sondern nur insoweit, als sie zur verbotenen künstlichen Empfängnisverhütung benutzt werden.

Die derzeitige Diskussion über Kondome im Vatikan kann deswegen nicht im geringsten als Anzeichen für eine irgendwie grundlegende Änderung der kirchlichen Ehelehre angesehen werden. Der Verkehr außerhalb der Ehe ist und bleibt weiter verboten, und das Verbot der künstlichen Empfängnisregelung wankt nicht, weil man mit Kondomen die Ausbreitung von Aids verhüten möchte. Die Ausbreitung von Aids verhindert man nach wie vor und sicher, wenn man an der Ehe festhält.

Seuchenhygienisch sind Kondome natürlich sehr nützlich, das wird man auch im Vatikan einräumen. Aber mit der Propaganda für den Kondomgebrauch wird weltweit stillschweigend unterstellt, daß Geschlechtsverkehr außerhalb einer Ehe etwas Normales und also auch rechtens sei. Damit aber wird einem Sexismus gehuldigt, der ehewidrig ist und so die seuchenhygienisch wirksamste Schranke für die Ausbreitung von Aids, nämlich die Ehe, abwertet und unterläuft.

Es wird also darauf ankommen, jedes Mißverständnis zu vermeiden, wenn die Benutzung von Kondomen zu anderen Zwecken als zur Empfängnisverhütung von Rom als nicht verboten bezeichnet werden soll. Die anspruchsvolle kirchliche Ehelehre und Sexualmoral bleibt unangetastet - und bleibt gegenüber einer rein technisch orientierten Aids-Verhütung die humanere, die dem Menschen gemäße.

Für die Beratung in bioethischen Fragen genießt das Nuffield Council of Bioethics in England höchstes Ansehen. Zuletzt hatte es über Jahre Stellungnahmen zu der Frage gesammelt, wie man mit extrem Frühgeborenen und schwerstgeschädigten Neugeborenen umgehen solle. Noch bevordas Council dazu seinen abschließenden und mit Empfehlungen versehenen Bericht veröffentlichte, hat ein führender Vertreter der englischen Hochkirche dazu Stellung genommen und damit heftige Diskussionen ausgelöst. Die Zeitungen schrieben, daß Bischof Tom Butler für manche seltenen Fälle eingeräumt habe, es sei besser, das Leben eines Kindes zu beenden als es künstlich zu verlängern.

Die Befürworter der Euthanasie jubeln, weil sie meinen, daß die englische Kirche nun das Lebensrecht nicht mehr als ein absolutes ansehe. Und die Gegner der Euthanasie verzweifeln schier über das Umfallen der Anglikaner im Kampf um das Lebensrecht des Menschen.Dabei liegen auf beiden Seiten schwerwiegende Hör-, Lese- und Denkfehler vor, wie sie auch hierzulande die Debatten fruchtlos machen.

Das Nuffield Council lehnt nämlich in seinen inzwischen im Wortlaut vorliegenden abschließenden Empfehlungen jede aktive Tötung von Neugeborenen ausdrücklich ab. Und Bischof Butler spricht sich nur dafür aus, in Einzelfällen Früh- oder extrem geschädigten Neugeborenen zu erlauben zu sterben, anstatt sie einer quälenden Intensivbehandlung zu unterziehen. Damit wird zwischen Töten und Sterbenlassen sorgfältig unterschieden, was weder die Euthanasiebefürworter noch die allzu Eifrigen ihrer Gegner zu verstehen und anzunehmen bereit sind.

Der Unterschied zwischen Töten und Sterbenlassen ist nämlich der zwischen Tun und Lassen. Wer zu Beginn der Messe im Confiteor bekennt, er habe Gutes unterlassen und Böses getan, verwischt diesen Unterschied. Das Tun des Bösen ist nämlich immer sündhaft, während man sich mit einem Unterlassen nur dann schuldig macht, wenn man in seiner jeweiligen Situation zu einem Tun verpflichtet wäre.

Angewandt auf die lebenserhaltende Intensivbehandlung extremer Frügeburten oder schwerstgeschädigter Neugeborener bedeutet das, daßdiesen eine lebenserhaltende Intensivbehandlung nur dann geschuldet wird, wenn der damit wahrscheinlich erzielbare Erfolg so groß ist, daß er die Belastungen überwiegt, die dem Kinde mit der Intensivbehandlung zugemutet werden. Es ist also eine schwierige Abwägung gefordert,, in die, das hat das Nuffield Council ebenfalls festgestellt, auch die Interessen der Eltern und sogar ökonomische Gesichtspunkte einzubeziehen sind.

Damit aber bewegt man sich auf unsicherem Boden. Um die Entscheidungen zu erleichtern, hat das Council Anhaltspunkte angegeben: So soll bei einer Geburt vor der 22. Schwangerschaftswoche keine Intensivbehandlung eingesetzt werden, weil nämlich vorGeburt nach der 22. Schwangerschaftswoche nur eine sehr geringe Lebenserwartung und eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für bleibende schwere Schäden besteht. Dagegen sei eine solche Behandlung bei Geburt nach der 25. Schwangerschaftswoche immer vorzusehen, denn dann seien die Überlebenschancen relativ hoch und die Gefahr bleibender schwerer Schäden relativ gering. Es geht also offenbar um eine Verhältnismäßigkeit, die bei Geburten zwischen der 22. und 25. Schwangerschaftswoche individuell abzuschätzen sei.

Im Grunde entspricht die Empfehlung des Nuffield Council und ihre Billigung durch die anglikanische Kirche der längst von der katholischen Kirche vetretenen Lehre, daß eine medizinische Behandlung nur dann beansprucht werden kann, wenn sie verhältnismäßig ist - und daß Tötung verboten ist. Lebenserhaltung um jeden Preis, also mit unverhältnismäßigen Maßnahmen, ist aber maßlos und deswegen abzulehnen. Die Einsicht fällt schwer, ist aber notwendig.


Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling
Wochenkommentar Radio Vatikan - 11. November 2006

Leicht hätte es der Kommentator dieser Woche, ein Thema zu finden: in Nairobi tagt eine Weltkonferenz über die Erdewärmung, die keineswegs sicher und allenfalls wahrscheinlich menschengemacht ist. Die deutschen Bischöfe reisen - geteilt in zwei Gruppen - zum ad limina-Besuch nach Rom. In Amerika haben die Wähler geteilte Machtverhältnisse in Kongreß und Senat geschaffen, ohne daß damit abzusehen wäre, wie man aus dem Irak-Schlamassel herauskommt. All dem ist eines gemeinsam: man kann nichts dagegen machen - und nichts dafür, je nachdem. Und deswegen ist es auch egal, ob man es in Radio Vatikan kommentiert oder nicht. Denn letztlich handelt es sich um Dinge, für die wir nicht, allenfalls kaum verantwortlich sind, da den Menschen die Sorge für das ganze Universum, das bonum totius universi nach Thomas von Aquin nicht aufgetragen ist, vielmehr die Sorge um das Zunächstliegende. Und in diesem Sinne gibt es etwas zu kommentieren.
Da wendet sich doch das Sozialamt der Stadt Wien mit Zeitungsanzeigen und Plakaten an homosexuelle und lesbische Paare mit der Aufforderung, sich als Pflegeeltern für Kinder zur Verfügung zu stellen, deren Eltern ihren Pflichten - sei es aus guten oder sei es aus schlechten Gründen - nicht nachkommen können.
Allen Schmäh müßte der Kommentator den Ideologen im Wiener Sozialamt sagen und ihre Absicht rügen, auf diese Weise den Homosexuellen und Lesbierinnen sexuelle Gleichberechtigung zu bestätigen und diese in der Öffentlichkeit zu untermauern.
Doch darf es bei dem Schmäh nicht bleiben, denn die Geschichte hat einen bedenkenswerten Hintergrund. In Wien gibt es nämlich zu wenig Pflegestellen. Die Stadt gibt deswegen von ihren pflegebedürftigen Kindern hunderte in Pflegeheime oder vertraut sie Pflegeeltern außerhalb der Stadt an. Das ist ein Mißstand, das Heim sowieso, und die Pflegestelle außerhalb des Stadt deswegen, weil die Kinder außer dem Wechsel der für die sorgenden Menschen auch noch den Wechsel der heimatlichen Umgebung ertragen müssen.
Das Argument des Wiener Sozialamts, es wende sich nur aus Not an die Homosexuellen und Lesbierinnen, kann man deswegen, auch wenn es listig ist, nicht einfach abweisen. Aber - und deswegen der Kommentar in Radio Vatikan - man kann und muß dem Argument den Boden entziehen! Wer nicht will, daß Kinder Homosexuellen und Lesbierinnen zur Pflege anvertraut werden, kann sehr persönlich etwas dagegen tun. Nämlich sich hochherzig dazu bereit erklären, ein Kind in Pflege zu nehmen. Dann kann sich das Sozialamt nicht mehr aufNotstand berufen, wenn es seine Sexualgleichmacherei zu Lasten der Kinder in die Tat umsetzen will.
Und wer sich aus guten Gründen persönlich nicht zu einer Pflege bereitfinden kann, der mag sich doch wenigstens Gedanken darüber machen, weswegen es für uns Christen unverantwortlich ist, die Erziehung von Kindern, insbesondere auch die geschlechtliche, Menschen anzuvertrauen, deren sexuelle Ausrichtung vor Jahren noch offiziell als krankhaft bezeichnet wurde, was sich nur aufgrund geschickter Lobbyarbeit geändert hat.
Wo deshalb Handeln nicht möglich ist, ist mindestens Nachdenken angesagt und Aussprechen dessen, was recht ist.


Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling
Wochenkommentar - 4. November 2006

Offenbar hat dieser Herbst die Propheten wieder erstehen lassen. Es hagelt nur so an Prophezeiungen. Doch wird nicht das Kommen des Herrn verkündet, sondern eine kommende Erderwärmung und ein Klimawechsel und das Abschmelzen der Polkappen der Erde und der Anstieg des Meeresspiegels und Katastrophen über und über. Aber nicht nur das. Der globale Klimawechsel, so schreibt Kardinal Lehmann, sei bereits Realität, ja, die Menschen würden seine Auswirkungen buchstäblich am eigenen Leibe spüren.
Was der Herr Kardinal da spürt, weiß ich nicht so recht. Mir kommt es nach den sonnigen Herbsttagen erheblich kälter vor, keine Spur von Erderwärmung. Ich spüre nur den jahreszeitlichen Wechsel. Ob sich unabhängig davon die Erdtemperatur in diesem Jahrhundert um 5 Grad erhöhen wird, was die Klimapropheten mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % voraussagen, kann wegen der erheblich größeren Temperaturschwankungen im Laufe des Tages und der Jahreszeiten niemand spüren. Man kann nur das glauben, was die Propheten dazu sagen und dann meinen, man spüre es wirklich schon.
Aber nehmen wir einmal an, es werde tatsächlich global wärmer, dann bleibt noch immer die Frage, ob das wirklichnur schlimm ist. Keiner der Propheten fragt danach, was denn durch die Erderwärmung vielleicht besser werde für uns Menschen. Jedenfalls würde weniger Energie für das Heizen verbraucht, und die steigende Nachfrage nach Klimaanlagen und Kühlschränkenwürde Arbeitsplätze schaffen. Wenn wir uns im Sommer darauf einstellen, daß es wärmer wird, dann werden wir das ja wohl im Laufe der Jahrzehnte auch bei globaler Erderwärmung können. Darüber sollte man nüchtern nachdenken und das Ausmalen reiner Katastrophenszenarios lassen.
Und schließlich bleibt noch die Frage, wieviel von der Erderwärmung tatsächlich von uns Menschen gemacht und wieviel davon und dann um welchen Preis vermeidbar ist.
All das ist wegen der Komplexität des Klimageschehens kaum sicher bestimmbar, man rätselt daran mit mehr oder weniger großen Wahrscheinlichkeiten, bewegt sich auf unsicherem Boden. Die deutschen Bischöfe haben sich mit einem Papier der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen auf diesen unsicheren Boden begeben. Daß sie die Aufmerksamkeit der Politik auf die Gefährdung der Gerechtigkeit durch den Klimawechsel fordern, ist zweifellos richtig. Wenn ein Klimawechsel kommt, dann trifft er die Armen wohl mehr als die Reichen, und wenn wir ihn verantworten müssen, dann müssen wir ihn auch gegenüber den kommenden Generationen verantworten. Ob allerdings auch die Umwelt einen gleichsam personalen Anspruch auf Gerechtigkeit hat, wie er sonst nur Menschen zukommt, kann man bezweifeln. Die Natur ist einfach als Gottes Schöpfung zu achten.
Die Bischöfe gehen mit ihrem Papier sehr in die säkularen Einzelheiten und befassen sich mit klimaverträglichem Einkauf, Einschränkung von Flugreisen und Kapitalanlage in nachhaltigen Investmentfonds.
Das mag ja alles richtig sein. Nietzsche würde sich darüber freuen, daß sich die Bischöfe solche Sorgen um unserDieseits machen. Was warf er den Christen seinerzeit vor? Daß der Sand der himmlischen Dinge ihren Blick für das Diesseitige trübe. Heute scheint es eher umgekehrt zu sein, daß nämlich der Sand (und der Feinstaub) der irdischen Dinge den Blick der Christen für das Himmlische trübt.
Der spürbare Klimawechsel, der andere, der geistige Klimawechsel ist, daß die gegenwärtige geistige Umweltverschmutzung durch Politik und Medien die Würde und den Sinn und die Gottbezogenheit des menschlichen Daseins verschleiert. Da ist es die Aufgabe der Bischöfe, die Christen dagegen zu wappnen, wenn dieser andere Klimawechsel schon nicht mehr rückgängig zu machen ist. Es gilt erneut, die Prioritäten von Kirche und Staat auseinanderzuhalten.


Wochenkommentar 28. Oktober 2006
Johanna Gräfin von Westphalen

Unsere friedliebende Gesellschaft regt sich z.Zt. auf über makabre Spiele junger Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit einem Totenschädel. So verwerflich das ist, ist man doch erstaunt über das Erwachen eines öffentlichen Schamgefühls in unserem Land! Machen wir der Jugend nicht vor, wie man ohne schlechtes Gewissen Kinder abtreibt? Und in unseren Nachbarländern werden kranke, alte Menschen am Lebensabend durch Euthanasie entsorgt! Natürlich geschieht das alles medizinisch sauber und hinter verschlossenen Türen, nicht so sichtbar wie das Treiben mit dem Totenschädel!
Da entsteht bei mir die Frage, durch was und wen die Kinder heute geprägt werden in der Schule, im Fernsehen, im Internet und in den Medien. Können sie denn hier ein korrektes Verhalten ablesen oder gar nachleben? Ist nicht die ältere Generation – die meine – geprägt vom Relativismus, von Unverbindlichkeit, Orientierungslosigkeit und purer Selbstbezogenheit die hier auch versagt hat?
Unser heiliger Vater Papst Benedikt setzt nach wie vor in die Jugend große Hoffnungen. Er sieht in ihnen die Apostel, die mitwirken an der Evangelisierung Europas und der Welt. Tatsächlich üben Wahrheit, Glaubwürdigkeit, Treue und Zuverlässigkeit wieder eine neue Anziehungskraft aus auf Jugendliche. Sie sind kritischer geworden. Viele junge Leute wollen den gesellschaftlichen Problemen auf den Grund gehen, sie wollen ehrlich informiert werden, den ideologischen Parolen trauen sie nicht, es interessiert sie nicht. Sie suchen verlässliche Orientierung. So haben sich in den vergangenen Jahren Jugendgruppen gebildet, die sich am Heiligen Vater und der Lehre der Kirche orientieren wollen.
Da denke ich zunächst an die Jugend 2000, die gegründet wurde damit auch in Deutschland die Weltjugendtage Gehör finden.
Faszinierend ist die Weltjugendallianz. Sie hat in nur wenigen Jahren eine weltweite Verbreitung gefunden.
Diese jungen Leute setzen sich ein für die Würde der menschlichen Person, die zentrale Bedeutung der Familie für unsere Gesellschaft und für eine Kultur des Lebens in den europäischen Entscheidungsgremien und bei den Vereinten Nationen in New York. Wenn sympatische junge Leute mit politisch Verantwortlichen sprechen und unerschrocken für die christlichen Grundwerte einstehen, kann das nicht ohne Wirkung bleiben.
Hervorheben möchte ich noch die Kath. Pfadfinderschaft Europas, die KPE, die ein echter katholischer Pfadfinderbund ist.
Auch die Legionäre Christi ziehen mit ihrer Jugendarbeit im "Regnum Christi" viele junge Menschen an und begeistern sie für Christus.
So könnten hier noch viele bewundernswerte heutige Jugendinitiativen aufgezählt werden.
Eine Frucht des Weltjugendtages in Köln ist sicherlich die "Generation Benedikt". Es sind "Jugendliche und junggebliebene Menschen" aus vielen Ländern. Sie legen Zeugnis ab für ihren Glauben auch in der Öffentlichkeit und in den Medien. Wie alle Jugendlichen sind auch sie auf der Suche nach Antworten auf die Fragen des gesellschaftlichen und persönlichen Lebens. Sie wollen Netzwerk sein, sind also keine geistliche Gemeinschaft, denn ihre Mitglieder sollen in ihren unterschiedlichen kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften, in ihren Pfarreien und Verbänden wirken. Sie vertreten und unterstützen die Lehre der Kirche auch in den heute umstrittenen Punkten wie z.B. der Ehe- und Sexualmoral. Im Papst sehen sie einen echten Freund der Jugend, weil er sie liebt und ernst nimmt, weil er für die Wahrheit steht, die er mit einem liebenden Herzen und mit Wisheit begründen kann.
Allen neuen Jugendaufbrüchen kann man nur wünschen, dass sie mit ihrer positiven und dadurch mitreißenden Art als Sauerteig in unserer müden Gesellschaft wirken und vielen jungen Menschen den Weg zur Kirche weisen.


Wochenkommentar - Johanna Gräfin von Westphalen
14.10.2006

Immer weniger deutsche Babys werden geboren. Heute sind kinderreiche Familien kaum noch anzutreffen. Hörten wir nicht noch vor kurzem die bösen Worte vom Geburtenüberschuß und der Bevölkerungsexplosion? Das ist jetzt vorbei! In der aktuellen Diskussion kommt der Wunsch nach mehr Kindern wieder häufiger zum Ausdruck, nach Mütterlichkeit, Geborgenheit in den Familien und nach einem glücklichen Zuhause.
Es gibt auch heute noch Eltern, die tapfer, ohne besondere Förderung durch den Staat, die Erziehung bewältigen. Aber was für Steine werden ihnen da immer noch in den Weg gelegt! Sie können sich nicht einmal mehr auf den Schutz der Verfassung berufen, wenn es um ihr Recht auf Erziehung der eigenen Kinder geht.
Das Bundesverfassungsgericht hat 1977 Elternrecht und staatlichen Erziehungsauftrag "gleichrangig" nebeneinander gestellt. Seitdem können sich Eltern kaum gegen die Zwangssexualisierung ihrer Kinder in der Schule wehren. Sexualerziehung ohne ethischen Hintergrund, ohne die klärende Vermittlung der Voraussetzungen von ehelicher Liebe und Treue, das aber macht die Kinder orientierungslos. Hinzu kommen die prägenden Eindrücke durch Fernsehen und das Internet. Die Folgen sind entsprechend:
Seit 1993 hat sich laut polizeilicher Kriminalstatistik die Zahl der von Kindern und Jugendlichen verübten Sexualdelikte verdoppelt. Jeder fünfte Fall von Kindesmissbrauch geht auf das Konto eines minderjährigen Täters!
Kriminalpsychologen stellen bei Kindern und Jugendlichen eine zunehmende sexuelle Enthemmung fest. Es gibt 5.-Klässler, die Spielkameraden missbrauchen, Grundschüler, die andere Kinder zu Sexspielen zwingen, Buben, die kleine Mädchen vergewaltigen. Weit über die Hälfte der jungen Täter wollen nicht einsehen, daß sie etwas Falsches getan haben. Viele dachten, daß das alles ganz normal sei.
Am schrecklichsten äußern sich die Folgen der sexuellen Verwahrlosung in den Abtreibungsstatistiken: Immer jünger sind jetzt die abtreibenden Mütter! Es sind Kinder ab 11 und 12 Jahren. Bis vor kurzem gab es das noch nicht.
Durch zu frühen Geschlechtsverkehr, durch hormonelle Verhütungsmittel und durch Abtreibung werden Mädchen an der natürlichen Reifung gehindert und körperlich und seelisch krank gemacht. Kann es da noch das notwendige Vertrauen und die Bereitschaft für Ehe und Familie geben?
Unsere Kirche und andere Religionsgemeinschaften in Deutschland müssen dieser furchtbaren Entwicklung überzeugend entgegenwirken.
Es ist Papst Benedikt, der die Jugend anspricht und auch begeistern kann. Beim Angelus am vergangenen Sonntag appellierte er an die Familien, sich nicht am Zeitgeist zu orientieren, sondern zu versuchen, "wahre Missionare der Liebe und des Lebens" zu sein.
Jetzt, nachdem die neomarxistische Kulturrevolution der 68er überholt scheint, wollen viele Jugendliche wieder echte Orientierung. Sie wollen die Wahrheit hören, sich selber ein Urteil bilden. Enttäuschen wir sie nicht! Geben wir ihnen Brot und nicht Steine! Lehren wir sie und helfen wir ihnen, Jesus kennen zu lernen. Die beste Lehrerin ist hier Maria, durch die Jesus in diese Welt gekommen ist. Sie wartet darauf, uns alle zum Herrn zu führen. Bestürmen wir sie, besonders jetzt im Rosenkranzmonat!
O Maria, Du wunderbare Hilfe der Christen, bitte für uns!


Wochenkommentar - Gräfin von Westfalen
7. Oktober 2006

Der Monat Oktober hat begonnen, der Monat, den die Katholiken von jeher als Rosenkranzmonat begehen. Durch den verstorbenen Papst Johannes Paul II. ist diese Marienfrömmigkeit neu belebt und durch ein Apostolisches Schreiben der Kirche ans Herz gelegt worden. Auch Papst Benedikt XVI. empfiehlt uns die Spiritualität des Rosenkranzgebetes sehr.
Dennoch geht es vielen, auch frommen Christen so, dass sie der Eintönigkeit dieser Gebetsform nichts abgewinnen können. Die Einfallslosigkeit der ständigen Wiederholung scheint ihnen für einen mündigen Christen nicht angemessen.
Neulich fand ich in einem Pfarrbrief hilfreiche Gedanken, die uns das Rosenkranzgebet näher bringen können.
Haben Sie schon mal während einer längeren Bahnfahrt im Großraumwagen in der Nähe eines Jugendlichen gesessen, der sich mittels eines Walkman und eines Kopfhörers mit heißer Beat-Musik berieseln läßt? Da hören Sie durch Stunden – ticketicke täcktäck – ticketicke täcktäck - ticketicke täcktäck --- nur die Schlagzeugtakte. Die Musik, die den Beschallten in Stimmung hält, hören Sie nicht.
Vielleicht ist es so ähnlich mit dem Rosenkranzgebet. Man hört nur die ewige Wiederholung: Ave Maria – bitte für uns Sünder – Ave Maria – bitte für uns Sünder – Ave Maria – bitte für uns Sünder --- ziemlich monoton, den Schlagzeugtakten vergleichbar.
Aber auch dahinter gibt es eine Melodie, die man so ohne weiteres nicht hören kann, eine Musik, die in unseren Herzen erklingt, wenn wir die Geheimnisse des Rosenkranzes betrachten.
Es ist das Lied von unserer Erlösung, von Menschwerdung, Tod und Auferstehung Jesu: eine dramatische Ballade, ein heißes Liebeslied unseres Gottes. Wer könnte das besser für uns aufgreifen und singen als Maria? Es ist ja auch ihr Lied!
Und wir begleiten sie dabei mit unserem "Beat": Ave Maria – bitte für uns Sünder – Ave Maria – bitte für uns Sünder ---
Ich bin sicher, diese Musik macht richtig Stimmung im Himmel und öffnet Gottes Herz und Hand für unsere vielen, vielen Nöte.
Ja, unsere Nöte werden immer mehr! Erschreckend die Drohungen aus der Islamischen Welt unserem Hl. Vater gegenüber! Im Moment vielleicht nur eine Kraftprobe, ein Spiel der Muskeln. Es gibt uns aber einen Vorgeschmack auf das, was uns in Europa erwarten kann, geschwächt im Glauben, weitgehend ohne christliche Identität und somit wehrlos, wenn wir nicht unverzüglich umkehren!
"Maria hilft" sagten unsere gläubigen Vorfahren. Ja, sie hat geholfen als die Türken im 16. und im 18. Jahrhundert die Christenheit bedrohten und drangsalierten. 1571 dankte die Kirche mit dem "Fest Maria vom Sieg" und 1716 mit dem "Rosenkranzfest". Ich denke auch an die friedliche Befreiung Österreichs 1955 von der sowjetischen Besatzung durch die vielen Beter des "Rosenkranz-Sühnekreuzzuges", den Pater Petrus Pavlicek nach dem 2. Weltkrieg in Wien gegründet hatte.
Am heutigen Fest "Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz" wollen wir Maria wieder bestürmen, sie möge uns, die wir im Glauben und in der Anbetung schwach geworden sind, helfen und beschirmen! So lasst uns vertrauensvoll immer wieder den Rosenkranz beten!


Kommentar der Woche - 30 . September 2006

"Drei erschütternde Urteile" - Sr. Dr. Lea Ackermann, SOLWODI

Solidarität mit Frauen in Not 

Drei erschütternde Urteile
Von drei Urteilen habe ich in dieser Woche gehört, die mich zutiefst schockiert haben.
Ein Jahr und 10 Monate auf Bewährung, lautete das Urteil für einen brutalen Vergewaltiger und Zuhälter.
Dieser Zuhälter hat Frau M. vier Jahre lang gezwungen für ihn zu arbeiten. Sie wurdegeschlagen, vergewaltigt, beschimpft, eingesperrt, ins Bordell zur Prostitution gebracht und zeitweise ausgehungert. Sie ist fast vor Angst gestorben und hatte doch den Mut gegen ihren Vergewaltiger auszusagen. Ein Freier wollte ihr bei der Flucht helfen. Der Zuhälter beobachtete dies. Zusammen mit seinem Fahrer stürzte er sich auf Frau M., zerrte sie vom Auto des Freiers in seinen Wagen. Den Freier schlugen die beiden Männer zusammen. Trotz seines Zustandes erinnerte er sich an das Autokennzeichen. So konnte die Polizei die Wohnung des Zuhälters finden in der auch die Frau gefangen war. Frau M. wurde von der Polizei befreit und zu SOLWODI, gebracht.
Solwodi vermittelte ihr eine Rechtsanwältin. Diese bestellte sich als Nebenklagevertretung beim Gericht. Dann folgte erneut eine Ungeheuerlichkeit auf die andere: Der Menschenhandelsprozess wurde anstatt bei einem Landesgericht bei einem Amtsgericht geführt. Die Benachrichtigung zum Gerichtstermin erreichte das Opfer nicht, da sie an die Adresse des Zuhälters geschickt wurde. Frau M. konnte also von ihrem Aussagerecht nicht Gebrauch machen. Die Rechtsanwältin wurde überhaupt nicht informiert. Als Frau M. erfuhr, dass der Prozess gelaufen war, war auch bereits die Zeit verstrichen in der sie Berufung hätte einlegen können.
Das Urteil hat dazu geführt, dass der Täter nun auf freiem Fuß ist und Frau M. seit dieser Zeit um ihr Leben fürchtet.
Nicht verurteilt, weil es gar nicht erst zum Prozess kam, wurden die Bordellbesitzer des Großbordells Colosseum in Bayern.
Nach jahrelangen Ermittlungen klagte der Staatsanwalt wegen dirigistischer Zuhälterei an. Grund: Die Frauen wurden von den Bordellbetreibern strikten menschenunwürdigen Regeln unterworfen:Die Frauen dürfen sich den Freiern nur nackt zeigen, sie dürfen keine Handys verwenden, ihre Taschen werden kontrolliert und sie werden mittels Video überwacht.
Die Klage wurde von der 8. Strafkammer des Landgerichts abgewiesen, weil nach dem neuen Prostitutionsgesetz, Bordellbesitzer als Arbeitsgeber mit Weisungsbefugnissen gesehen werden.
Das letzte beschämende Urteil, von dem ich in dieser Woche Kenntnis nahm, ist ein Urteil des Finanzgerichts München. Es wies die Klage des Finanzamtes ab und bescheinigte, dass Mieteinnahmen von Bordellbetreibern steuerfrei sind. Der Bordellbetreiber hat die einzelnen Zimmer zu horend hohen Preisen vermietet. Prostituierte zahlten monatlich für ihr Zimmer ein Nutzungsentgeld von rd. 1.500 Euro im Voraus in bar.
Bei solchen Urteilen wundert es doch glatt, dass die Arbeitsagentur nicht verurteilt wurde, als ein Bordellbesitzer geklagt hatte, weil seine freien Plätze nicht an Arbeitssuchende Frauen und Mädchen weitervermittelt wurden.
Alle diese Urteile haben eines gemeinsam, sie helfen Frauen in der Zwangsprostitution nicht, sind aber ein Gewinn für, diejenigen, die an den Frauen verdienen.
So denke ich auch über das Prostitutionsgesetz von 2002, das eine Hilfe für Frauen in der Prostitution sein sollte. Es sollte sie aus der Illegalität bringen und ihnen die Möglichkeit geben sich zu versichern.
Mit dem Prostitutionsgesetz wurde Prostitution legalisiert, doch davon scheinen vor allen Dingen Zuhälter und Bordellbesitzer zu profitieren.
Wie das letzt genannte Urteil deutlich macht, ist die Polizei immer weniger motiviert zu kontrollieren und Opfer von Zwangsprostitution zu suchen.Die Osterweiterung hat dies noch verschärft. Für die Polizei gibt es kaum Gründe, die Frauen aus Bordellen mit auf’s Revier zur Befragung zu nehmen. Das wäre aber wichtig, um die Wahrheit zu erfahren. Im Bordell selber ist es für die Frauen lebensgefährlich, Andeutungen über ihre tatsächliche Situation zu machen.
Hilflos und wütend machen diese Urteile. Mehr noch, sie lassen an der Recht-staatlichkeit unseres Staates zweifeln. Zu seinem Recht kommt, wer die stärkere Lobby und das dickere Portemonnaie hat – so scheint es, so erfahren wir es immer wieder in Menschenhandelsprozessen.
Die Politik ist gefordert Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen, das Verbrechen des Menschenhandels, der Versklavung von Frauen und Kindern ernst zu nehmen und zu tun was in Sonntagsreden versprochen wird. Die Polizei aufzustocken, Menschenhandel als zu bekämpfendes Verbrechen Nr. 1 zu behandeln. Gelder für die Bekämpfung und den Schutz von Frauen und Kindern zur Verfügung zu stellen. Und endlich auch die Freier, in den Blick zu nehmen und imFalle von Zwangsprostitution zu bestrafen.


Kommentar der Woche, 23.9.2006 Lea Ackermann

Frauen an Krisen- und Konfliktbewältigung beteiligen 

Deutsche Truppen gehen in den Libanon. In dieser Woche ist die Entscheidung für den Einsatz der Bundeswehr gefallen. Deutsche Soldaten sollen innerhalb der Mission der Vereinten Nationen im Wesentlichen zur Seeraumüberwachung der gesamten Küste eingesetzt werden. Kurz gesagt: Sie sollen die UN Resolution 1701 umsetzen und verhindern, dass Waffen auf dem Seeweg in den Libanon geschmuggelt werden. Und wer kontrolliert Waffenlieferungen nach Israel?
Ich tue mich schwer mit diesem Einsatz. Und ich weiß doch, dass die Zerstörung, die in den letzten Monaten stattgefunden hat ein Ende finden muss. Dauerhaft. Ist denn Frieden überhaupt gewollt? Oft genug stehen doch wirtschaftliche Interessen hinter militärischen Einsätzen.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat festgestellt, dass der Weltfrieden bedroht ist, aufgrund der Situation im Libanon. Das hat er in der Resolution 1701 verabschiedet. Innerhalb kürzester Zeit werden nun Truppen gestellt und 46 Millionen für dieses Jahr und 147 Millionen für 2007 zur Finanzierung dieses Einsatzes locker gemacht. Wenn es drängt, geht vieles.

Ich wage zu behaupten, der Weltfrieden ist immer bedroht und von dieser Bedrohung sind insbesondere Frauen und Kinder betroffen.

Frauen und Kinder leiden unter bewaffneten Konflikten und den Auswirkungen. Sie sind Opfer von Gewalt und Vergewaltigungen.Als Flüchtlinge sind sie Leidtragende in unterschiedlicher Weise. Frauen verlieren Väter, Söhne, Männer und Brüder und oftmals ihre gesamte Existenzgrundlage in Kriegen.

Andererseits sind Frauen von den Entscheidungen über Krieg und Frieden, Verhandlungen über Formen der Konfliktbeilegung und über Nachkriegsordnungen weitgehend ausgeschlossen.

Und das obwohl sie wiederum in nationalen und internationalen Friedensgruppen- und Organisationen sehr aktiv sind und den Wiederaufbau der Gesellschaften in Nachkriegszeiten wesentlich vorantreiben.

Es ist zwingend notwendig Frauen stärker einzubeziehen, wenn es darum geht Krisen zu bewältigen, Konflikte zu lösen und Frieden zu schaffen. Sie stellen die Hälfte der Bevölkerung, sie sind am stärksten von den Folgen betroffen. Sie haben möglicherweise andere Denk- und Handlungsansätze, die dem Frieden dienen.

Schon vor sechs Jahren haben die Vereinten Nationen darum die Resolution 1325 verabschiedet. Darin wird festgehalten, dass bei sämtlichen Fragen der Krisenbewältigung und Konfliktlösung Frauen ein Beteiligungsrecht zuzugestehen ist. Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen sind aufgefordert, Frauen zu Sonderbeauftragten und Sonderbotschafterinnen auf allen Ebenen zu machen. Frauen müssen an Maßnahmen zur Verhütung, Bewältigung und Beilegung von Konflikten beteiligt werden. Über den Einsatz Deutscher Truppen im Libanon hat der Deutsche Bundestag entschieden. Frauen waren daran beteiligt, aber mit 193 von insgesamt 614 Abgeordneten bilden sie nur einen Anteil von 31,4 Prozent.

Es ist Zeit, dass die Bundesregierung wirklich ernst macht und nationale Aktionspläne erstellt, um die Geschlechterperspektive in sämtlichen Bereichen ziviler Krisenprävention und Konfliktbearbeitung zu implementieren.

2003 haben sich Frauen unterschiedlicher Organisationen und Einzelpersonen zum Frauensicherheitsrat zusammengeschlossen, um der Umsetzung der UN Resolution 1325 Nachdruck zu verleihen. Sie fordern auch, dass im Bereich der europäischen Sicherheitspolitik nicht auf Militarisierung gesetzt wird. Diese Politik verstößt gegen den erklärten Willen vieler Frauen und Männer in Europa, die auf vielfältige Weise daran arbeiten, Konflikte und Krisen auf zivilem Weg zu überwinden. Sie ist ein Verstoß gegen die EU als Friedensbündnis und den Grundsatz der Gleichstellung von Frau und Mann. Denn besonders Frauen sind von diesen Politikentscheidungen ausgeschlossen. Die vielfältigen Instrumente der zivilen Konfliktbearbeitung werden zu wenig gefördert. Etats für Militär und Aufrüstung übersteigen bei weitem die Etats für zivile Prävention und, Intervention, denen Priorität eingeräumt werden soll:Der Gewalt durch Friedensinitiativen vorbeugen. Im konkreten Fall z.B. 200 Mio. Euro anstatt für den Einsatz von Truppen für die Arbeit von Nichtregierungs- und Friedensorganisationen zur Verfügung zu stellen.

Es ist erforderlich einen Frauensicherheitsrat auf europäischer Ebene einzurichten, um solchen Forderungen Nachdruck zu verleihen und eine konsequente Friedenspolitik zu verfolgen und umzusetzen.

Es gibt unendlich viele Gründe, man kann sagen 1325 Gründe für die Umsetzung der UN Resolution 1325!" einer davon lautet: Frieden schaffen.


Kommentar der Woche - 16. September 2006

"Gesellschaft kapituliert vor Gewalt" - Sr. Dr. Lea Ackermann – SOLWODI

Solidarität mit Frauen in Not
Gesellschaft kapituliert vor Gewalt

Die Rechtsanwältin Seyran Ates wird künftig keine Einzelpersonen, die von häuslicher Gewalt oder Zwangsheirat betroffen sind, vertreten. Die Kämpferin für die Rechte muslimischer Frauen in Deutschland hat ihre Zulassung als Rechtsanwältin zurückgegeben. Sie kann ihren Beruf nicht mehr ausüben.
Die Juristin Ates begründet diesen Schritt mit einer "akuten Bedrohung". Sie wurde bereits mehrfach bedroht und angegriffen. 1984 überlebte sie schwer verletzt ein Attentat, bei dem eine Frau von ihrem muslimischen Mann erschossen wurde.
Die 43-jährige deutsche Expertin für Menschenrechtsfragen und Migrationspolitik türkischer Herkunft kämpft gegen das Kopftuch, Ehrenmorde und Zwangsheirat. Sie setzt sich für mehr Sozialarbeit in Familien ein und fordert ein Gewaltschutzgesetz, das Frauen besser vor gewalttätigen Ehemännern schützt. Sie gehörte zu den Unterstützerinnen der Mahnwache für Hatun Sürücü.
Ich erinnere an Hatun Sürücü, die junge Türkin. Das stimmt nicht ganz. Die Deutsche kurdischer Herkunft. Sie wurde im vergangenen Jahr in Deutschland von Ihrer Familie umgebracht. Hingerichtet. Der jüngste Bruder hat die Tat ausgeführt und sie an einer Bushaltestelle in Berlin Tempelhof erschossen. Der Bruder brachte die Schwester um, weil sie wie eine Deutsche leben wollte: frei und selbstbestimmt. Er gestand den Mord und wurde im April dieses Jahres zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt. In den Augen der Familie ist er ein Held. Die Soziologin Necla Kelek äußerte sich in einem Artikel der Zeit: "Ehrenmörder lachen über das deutsche Rechtssystem. Oft sucht die Familie für einen Ehrenmord ganz gezielt den jüngsten Sohn aus, der mit einer Jugendstrafe rechnen kann." Karl Mollenhauer, der Chefpsychologe der Berliner Polizei äußerte sich im gleichen Artikel zum Ehrenmord folgendermaßen: "In der Hierachie der türkischen Gefängnisse sind die "Ehrenhüter" ganz oben. Und in unseren Haftanstalten werden sie wie Helden gefeiert. Die Familie kümmert sich sehr um sie und pflegt ihr Andenken."
Der Tod von Hatun Sürücü hat außer einem bundesweiten Entsetzen und einer Debatte über Zwangsehen und Wertvorstellungen von in Deutschland lebenden muslimischen Familien kaum etwas verändert. Ein Gesetzentwurf des Bundesrates liegt vor, der Zwangsheirat als Straftatbestand bewerten soll. Doch verabschiedet ist er noch nicht.
Noch sind Frauen der Gewalt schutzlos ausgeliefert. Wenn eine Frau wie Seyran Ates kapituliert, dann ist das ein Alarmsignal für uns alle. Wenn wir jetzt nicht reagieren, ist dies die Kapitulation unserer Gesellschaft vor dieser Gewalt.
Wir brauchen mehr Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt und müssen bestehende umsetzen; wie beispielsweise das Näherungsverbot, das im Gewaltschutzgesetz verankert ist.
Gleichzeitig wird nochmals deutlich wie wichtig Integration ist.
Sitten und Gebräuche, die mit unserer demokratischen Grundordnung nicht vereinbar sind, müssen rechtlich untersagt werden. Zwangsheirat ist eine zu ächtende Menschenrechtsverletzung, die strafrechtlich verfolgt werden muss, weil die Rechte von Frauen mit Füßen getreten werden.
Auch die Prügelstrafe für Frauen oder sogar Ehrenmord sind nicht mit unseren Sitten und Gebräuchen vereinbar. Hier darf es keine Toleranz geben auch nicht gegenüber Menschen, die aus anderen Kulturen kommen.
In Deutschland wagt man es oft nicht etwas gegen Traditionen anderer Kulturen zu sagen, weil man nicht als Ausländerfeindlich abgestempelt werden will. Darum wurden Ehrenmorde beispielsweise lange nicht als solche gesehen und anerkannt. Sie wurden als "Mord aus Eifersucht abgetan" nach dem Motto, so was gibt es ja auch bei Deutschen. Man wollte nicht wahrnehmen, dass es sich bei Ehrenmorden nicht um Einzelschicksale handelt, sondern um ein Phänomen, dass einem traditionellen, streng patriarchalen Wertesystem entspringt.
Zwangsheirat, Zwangsprostitution, Sklavenhaltung, Ehrenmord ist offene Gewalt, die mit unserer Gesellschaft nicht zu vereinbaren ist. Gewalt bleibt immer Gewalt auch wenn es die Gewalt "anders Denkender" ist. Es ist zwingend erforderlich hinzusehen, Maßnahmen zu ergreifen und Gesetze zu schaffen, die die Opfer schützen und die Täter bestrafen.


Kommentar der Woche- 2.9.2006 - "Brücken in die Eine Welt" Sr. Dr. Lea Ackermann 

Derzeit finden in Aachen die 5.Weltreiterspiele statt. 800 Teilnehmer aus 62 Nationen sind zu dem zweiten sportlichen Großereignis, das in diesem Jahr in Deutschland stattfindet, nach Aachen gekommen. Sie haben 875 Pferde mitgebracht.
Pferde haben zu allen Zeiten Menschen fasziniert, Künstler inspiriert, die Fantasie und die Träume von Kindern angeregt. Sie sind Sympathie­träger in allen Kulturen. Sie stehen für Kraft, Stärke, Lebendig­keit. Pferde eignen sich ideal, um Brücken zu bauen – zwischen Menschen, Orten, Ländern, Weltteilen. Darauf setzt die WorldHorseParade 2005/2006, die von der Stiftung AachenHorseAcademy gemeinsam mit dem Kindermissionswerk "Die Sternsinger" initiiert wurde.
Mehrere Hundert große und kleine Pferdeskulpturen wurden von Künstlern und Kindern aus aller Welt anlässlich der Weltreiterspiele farbig gestaltet. Derzeit sind sie an vielen Plätzen in Aachen zu sehen. Sie sind ein eindrucksvoller Beitrag zur friedlichen Verständigung und zum Miteinander von Menschen auf der ganzen Welt.
Auch zwei der SOLWODI Projekte haben sich an der Gestaltung von Pferdeskulpturen in Zusammenarbeit mit Jugendlichen und Kindern in Deutschland beteiligt: das Witwen und Waisen Projekt in Ruanda und das Projekt SOLGIDI Solidarität mit Mädchen in Not in Kenia.
110 ruandische Kriegswitwen, die zusätzlich zu ihren eigenen Kindern noch einige Waisenkinder aufnehmen und ihnen so ein neues familiäres Zuhause schenken, erhalten finanziellen Beistand, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die Gelder werden für die Ernährung und Kleidung der Kinder sowie für die Finanzierung des Schulbesuches benötigt. Auch für den Besuch der Grundschule muss in Ruanda Schulgeld bezahlt werden. Bisher konnte auf diese Weise für 146 Kinder die Schulausbildung ermöglicht werden.
Darüber hinaus wurden die Witwen von der Kirchengemeinde St. Famille in Kigali angeregt, sich zu Kooperativen zusammen­zu­schließen, um durch Kleinhandel mit landwirtschaftlichen und gärtner­ischen Produkten ihr Überleben langfristig sichern zu können. Diese Kooperativen verbessern nicht nur die wirtschaftliche Situation der Frauen und damit auch der Kinder, sondern stärken den Zusammenhalt der Frauen untereinander und ermöglichen und fördern den Austausch z.B. über Kindererziehung und Gesundheitsvorsorge. Da die Zahl der Waisenkinder in Ruanda bedingt durch die rasche Zunahme von Aids steigt, ist weitere Hilfe nötig.

Das Projekt SOLGIDI Solidarität mit Mädchen in Not, wurde im Jahr 2002 in Kenia gegründet. Es unterstützt mehr als 100 Mädchen. Es sind zum größten Teil die Töchter von Frauen, die aufgrund von Armut in die Prostitution gezwungen sind. Sie haben in der Regel keine Chance eine Schulausbildung zu absolvieren, weil es an Geld fehlt. Auch wenn die gebührenfreie Grundschulausbildung 2003 in Kenia eingeführt wurde, entstehen Kosten für den Schulbesuch: Arbeitsmaterial, Uniformen, Busfahrkarten, Schulranzen müssen angeschafft werden. SOLGIDI ermöglicht den Mädchen den Schulbesuch und unterstützt die Familien durch Hausbesuche und Gespräche. Es gibt Kurse zu Themen wie Schwangerschaft, Sexualität, HIV/Aids und gesunde Ernährung. Für die Mädchen ist es darüber hinaus wichtig, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, da sie durch die Arbeit der Mutter oftmals stigmatisiert sind.

Die Kinder vom Waisenprojekt in Ruanda und vom Mädchenprojekt in Kenia haben ihre Wünsche und Träume für ihr Leben auf Papier gemalt.

Über diese Bilder, die beispielsweise Ausbildungswünsche zeigten wie Krankenschwester, Anwalt, Lehrer, Arzt traten die Kinder mit Kindern in Deutschland in Kontakt. Sieben Schülerinnen und Schüler der Realschule Kirchberg im Rhein Hunsrück Kreis und 30 Kinder der Pfarrgemeinden St. Beatus und St. Hedwig in Koblenz haben sich mit der Lebenssituation und den Träumen und Wünschen der Kinder in Ruanda und Kenia auseinandergesetzt und sie auf den Pferderohlingen dargestellt.

So konnten Brücken geschlagen werden von Ruanda nach Kirchberg und von Kenia nach Koblenz.

Für die Skulpturen werden in Aachen noch Paten gesucht. Eine Patenschaft ist ein neuer Brückenschlag zu den Kindern in Ruanda und Kenia. Dieser Brückenschlag ist verbunden mit einer konkreten Hilfe und finanziellen Unterstützung der Projekte. Er hilft Kindern an der Umsetzung ihrer Wünsche und Träume mitzubauen.


5.8.2006 - Wochenkommentar - Papst Benedikt und die Medien - E. Gemmingen

Papst Johannes Paul II. war ein Meister im Umgang mit der Öffentlichkeit, mit den Medien und mit großen Menschenmassen. Die Art, wie er sich bei den Papstreisen zeigt, war einfach gekonnt, die Art wie er bei den fliegenden Pressekonferenzen mit den Journalisten umging, war meisterhaft. Alle Journalisten, die mit ihm im Flugzeug mitflogen, durften ihm jeweils eine Frage stellen, die er beantwortete. Das geschah in mindestens 6 Sprachen – wild durcheinander. Er hat sich nie etwas vergeben, es musste praktisch nie etwas korrigiert werden, weil er etwa falsch akzentuiert hätte. So steht also Papst Benedikt in gewisser Weise im Schatten eines Mediengenies. Aber – er ist aus dem Schatten herausgetreten und setzt seine eigenen Akzente. Er macht es souverän. Dazu muss man an die Zeit seines Amtes in der Glaubenskongregation erinnern. Ich wage zu behaupten, dass kaum ein Mensch auf der Welt so viel um Interview angefragt wurde. Und ich vergleiche durchaus mit Staatsoberhäuptern und großen Diplomaten. Denn sie alle sind ja kaum einmal 25 Jahre im Amt. Er war es – und da er als geistig sehr scharf bekannt war, der manchmal Thesen veröffentlichen musste, die auf Widerstand stießen, standen die Journalisten Schlange vor seinem Büro, um ein Interview oder wenigstens ein Gespräch mit ihm zu bekommen. Manchmal jahrelang. Er hat also Erfahrung.

Wie setzt er diese Erfahrung als Papst um?

Er hat bereits dreimal etwas getan, was Papst Johannes Paul II. nie gemacht hat, nämlich große Interviews zu geben. Das einzige große Interview gab sein Vorgängers in schriftlicher Form dem bekannten italienischen Schriftsteller Vittorio Messouri. Nun Papst Benedikt hat mir persönlich vor der Reise nach Köln zum Weltjugendtag ein fünfzehnminütiges Interview gegeben. Erst nachher wurde mir von vielen Seiten beteuert: das war das erste Mal in der Geschichte, dass ein Papst sich einem Interview gestellt hat. Er hatte wohl viele Interviewanfragen bekommen und entschieden, dass er das Interview eben seinem, dem Papstsender, geben wollte. Ich interpretiere: er sagt sich: wenn wir schon einen eigenen Sender haben, warum ihn dann nicht einsetzen. Durch ihn wird dann meine Botschaft bekannt.

Das zweite Interview gab er vor der Polenreise dem polnischen Fernsehen – und zwar der Kirchenredaktion des Fernsehens. Diese Tatsache wurde im deutschen Sprachraum weniger wahrgenommen. Und nun gibt er gar ein fünfundvierzug Minuten-Interview. Er gibt es gleichzeitig Radio Vatikan, ARD, ZDF und deutsche Welle. Das ist neu. Papst Johannes Paul II. hatte vor Papstreisen Video-Botschaften in die Besuchsländer geschickt, aber keine Interviews gegeben.

Wer gut hinschaut, kann also registrieren, dass Benedikt auch im Bereich der Medien seinen eigenen Weg geht. Er steht nicht im Schatten des Medienpapstes.

Anfügen kann man noch: Aus Anlass des 75. Geburtstags von Radio Vatikan hat der Papst seinen Sender besucht. Soweit ich sehe, hat er andere Vatikaneinrichtungen nicht in dieser Weise geehrt. Und er machte den Generaldirektor von Radio Vatikan gleich auch noch zum Chef des Pressesaales. Es könnte sein, dass er die Vatikanmedien koordinieren will. Lassen wir uns überraschen.


Wochenkommentar - Papst Benedikt und die Medien - P. Eberhard v. Gemmingen

Papst Johannes Paul II. war ein Meister im Umgang mit der Öffentlichkeit, mit den Medien und mit großen Menschenmassen. Die Art, wie er sich bei den Papstreisen zeigt, war einfach gekonnt, die Art wie er bei den fliegenden Pressekonferenzen mit den Journalisten umging, war meisterhaft. Alle Journalisten, die mit ihm im Flugzeug mitflogen, durften ihm jeweils eine Frage stellen, die er beantwortete. Das geschah in mindestens 6 Sprachen – wild durcheinander. Er hat sich nie etwas vergeben, es musste praktisch nie etwas korrigiert werden, weil er etwa falsch akzentuiert hätte. So steht also Papst Benedikt in gewisser Weise im Schatten eines Mediengenies. Aber – er ist aus dem Schatten herausgetreten und setzt seine eigenen Akzente. Er macht es souverän. Dazu muss man an die Zeit seines Amtes in der Glaubenskongregation erinnern. Ich wage zu behaupten, dass kaum ein Mensch auf der Welt so viel um Interview angefragt wurde. Und ich vergleiche durchaus mit Staatsoberhäuptern und großen Diplomaten. Denn sie alle sind ja kaum einmal 25 Jahre im Amt. Er war es – und da er als geistig sehr scharf bekannt war, der manchmal Thesen veröffentlichen musste, die auf Widerstand stießen, standen die Journalisten Schlange vor seinem Büro, um ein Interview oder wenigstens ein Gespräch mit ihm zu bekommen. Manchmal jahrelang. Er hat also Erfahrung.
Wie setzt er diese Erfahrung als Papst um?
Er hat bereits dreimal etwas getan, was Papst Johannes Paul II. nie gemacht hat, nämlich große Interviews zu geben. Das einzige große Interview gab sein Vorgängers in schriftlicher Form dem bekannten italienischen Schriftsteller Vittorio Messouri. Nun Papst Benedikt hat mir persönlich vor der Reise nach Köln zum Weltjugendtag ein fünfzehnminütiges Interview gegeben. Erst nachher wurde mir von vielen Seiten beteuert: das war das erste Mal in der Geschichte, dass ein Papst sich einem Interview gestellt hat. Er hatte wohl viele Interviewanfragen bekommen und entschieden, dass er das Interview eben seinem, dem Papstsender, geben wollte. Ich interpretiere: er sagt sich: wenn wir schon einen eigenen Sender haben, warum ihn dann nicht einsetzen. Durch ihn wird dann meine Botschaft bekannt.
Das zweite Interview gab er vor der Polenreise dem polnischen Fernsehen – und zwar der Kirchenredaktion des Fernsehens. Diese Tatsache wurde im deutschen Sprachraum weniger wahrgenommen. Und nun gibt er gar ein fünfundvierzug Minuten-Interview. Er gibt es gleichzeitig Radio Vatikan, ARD, ZDF und deutsche Welle. Das ist neu. Papst Johannes Paul II. hatte vor Papstreisen Video-Botschaften in die Besuchsländer geschickt, aber keine Interviews gegeben.
Wer gut hinschaut, kann also registrieren, dass Benedikt auch im Bereich der Medien seinen eigenen Weg geht. Er steht nicht im Schatten des Medienpapstes.
Anfügen kann man noch: Aus Anlass des 75. Geburtstags von Radio Vatikan hat der Papst seinen Sender besucht. Soweit ich sehe, hat er andere Vatikaneinrichtungen nicht in dieser Weise geehrt. Und er machte den Generaldirektor von Radio Vatikan gleich auch noch zum Chef des Pressesaales. Es könnte sein, dass er die Vatikanmedien koordinieren will. Lassen wir uns überraschen.


Pater Eberhard von Gemmingen
Kommentar der Woche am 29. Juli 2006

Kann Gebet etwas für die Versöhnung im Nahen Osten wirken? Papst Benedikt hat zum Gebet aufgerufen, der vatikanische Aussenminister, Erzbischof Lajolo hat gesagt, der Papst bete sehr für das Ende der Gewalthandlungen, er sehe sogar schon einen kleinen Erfolg des Betens. Als denkender Mensch - nicht erst in der Moderne - darf man fragen: wie kann Gebet helfen? Stimmen wir dadurch Gott um? Versuchen wir gleichsam, ihn barmherzig zu stimmen? Wecken wir ihn im Schlafe auf, weil er eingeschlafen ist und sich nicht um seine Welt kümmert? Erwartet Gott, dass soundsoviele Menschen soundsolange beten, damit er handelt? Setzt er ein Limit, das erreicht werden muss, bevor er eingreift?
Wie müssen oder sollen wir uns die Wirkung des Gebetes vorstellen? Oder ist es Sünde, sich das überhaupt vorstellen zu wollen? Müssen wir nur glauben und eben tun, was Jesus sagt – und uns nicht fragen, wie das Gebet wirken und nützen kann. Dürfen wir nach dem "Wie" fragen? Wie kann Gebet helfen?
Ich glaube, wir dürfen versuchen, uns vorzustellen, wie unser Gebet tatsächlich zum Frieden beitragen kann. Zunächst: wir müssen Gott nicht umstimmen, wir müssen ihn nicht auf die Not im Nahen Osten aufmerksam machen. Er kennt sie besser als wir. Wir müssen ihn nicht aufwecken. Gott schläft nicht. Er erwartet auch nicht ein bestimmtes Quantum an Gebet, um einzugreifen. Ich denke, es funktioniert anders.
Gebet ist eine Form von Liebe, Liebe im Angesicht Gottes. Liebe ist eine Energie, eine geistige Energie. Wer liebt, wer richtig betet, bringt einen Schub positive Energie in den Kosmos. Diese Energie ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Sie ist gleichsam omnipräsent. Ich denke, aber dass derjenige, der betet, seine Liebesenergie auch in eine bestimmte Richtung lenken kann: die betende Mutter schickt ihre Liebesenergie in Richtung ihres kranken Kindes, der betende Mann schickt seine Liebesenergie in Richtung seiner gerade unter Schmerzen gebärenden Frau. Die liebende Großmutter schickt ihre liebende Energie in Richtung Papst. Jesus sagt, wie dürfen um konkretes bitten, also unsere Liebesenergie in bestimmte Richtungen schicken. Wie es mit der Liebe auf der Seite der positiven Energie ist, so ist es mit Hass auf der Seite der negativen Energie. Wer böse Gedanken hat, schickt negative Energie in die Welt. Daher kommt auch der abergläubische Gedanke, dass jemand uns verflucht oder gar verhext hat. Von Bösem geht Böses aus. Von Gutem geht Gutes aus. Wenn viele Menschen gute Energie in die gleiche Richtung – also z. B. in den Nahen Osten – schicken, bleibt das nicht ohne Wirkung. Voraussetzung ist dabei nur, dass eben Beten aus einem positiven, reinen Herzen kommt. Der Reine hat positive Kraft, der Unreine verunreinigt die Welt.
Das sind von Gott geschaffene göttliche Gesetze. Wenn wir sie erkennen und anerkennen, dann können wir – in aller unserer Ohnmacht – mitwirken an der Heilung der Welt. Wenn wir richtig beten, dann ändern wir nicht Gott, sondern wir ändern uns. Und unsere Änderung ändert die Welt. Und damit es klar ist: das alles beruht auf Gnade. Denn nur wenn wir uns geliebt wissen – wenn möglich sogar von Gott geliebt wissen - wenn wir an Seine Liebe glauben, können wir so lieben, wie wir sollen, können wir so beten, dass es die Welt verändert.

P. Eberhard v.Gemmingen SJ


Wochenkommentar von Aldo Parmeggiani - 26.7.2006

Bomben auf Nazareth. Dem Heimatort Jesu Christi. Ein Qualitätssprung nach hinten. Ein salto mortale in eine dunkle Zukunft. Eine ferngesteuerte Rakete der Hisbollah trifft ein Haus der biblischen Altstadt. Zwei Kinder sterben. Man denkt an Jesus, der hier vor 2000 Jahren seine Jugend verbracht hat, an Maria, an Josef und seine bescheidene Tischlerwerkstatt. Israel feuert zurück, bombardiert Ziele im Libanon: Dabei sterben annähernd 300 Menschen. Unter ihnen auch wieder Kinder, Frauen, alte Menschen, Jugendliche. Parallel zur Offensive im Libanon gehen israelische Streitkräfte massiv gegen palästinensische Terroristen im Gaza-Streifen und im Westjordanland vor. Weitere Tote, weitere Verletzte. Das ist zu viel, das ist überzogen, exzessiv heißt es auf der einen Seite. Nein, Israel habe das Recht auf Verteidigung, auf der anderen Seite. Es sind Stimmen von weither. Ihr Echo würde vielleicht anders klingen, wenn sie sich vor Ort vom Grauen, dem Wehschrei der Flüchtlinge, der Verletzten, der Waisen, der Gedemütigten ein reales Bild machen würden. Aber sie sind weit weg: sie sitzen in Washington, in New York, in Moskau, in Brüssel, in Rom. 11 Tage lang dauert bereits der neue Wahn. Die Großmacht USA, Russland, die UNO, ganz Europa schauen zu. Wehrlos, machtlos, gelähmt blicken sie ­ wie heimliche Brandstifter ­ auf den trostlosen, brennenden Flecken der Erdkugel. Noch ist das Feuer begrenzt, noch trifft es relativ wenige. Nur mit Mühe und Not konnten sich die mächtigen Vertreter der G8-Staaten in St. Petersburg auf einen gemeinsamen Appell zur Beruhigung im Nahost einigen. Ein kraftloser, wirkungsloser Appell. Der Papst muss ihm zustimmen, aber er weiß, dass das nicht genügt. Dass das nur ein Schlag ins Wasser ist. Er wird bedrängt, man bittet ihn um Vermittlung. Für morgen -  Sonntag ­ hat Benedikt XVI. zu einem besonderem Gebet und Buße für den Frieden im Nahen Osten aufgerufen. Beten? Das wird die Lage im Nahen Osten kaum beruhigen, sagen die einen. Andere wiederum werden sich dem Anliegen des Papstes dankbar anschließen. Er denkt in Les Combes an die Opfer, an einen Waffenstillstand. Und vermutlich denkt er vor allem an Menschen guten Willens. Er bittet, dass es keine weitere Eskalation gibt: Denn niemand kann die militärische Auseinandersetzung gewinnen. Eines Tages werden alle erschöpft innehalten. Eine Lösung kann es nur geben, wenn auf allen Seiten Politiker mit Visionen, mit ausreichender Macht und mit gutem Willen für Ruhe und Ordnung sorgen. Sie allein werden ­ wenn überhaupt -  imstande sein, diesem ungleichen Kampf ein Ende zu setzten: dem Kampf zwischen Despoten und Demokraten, zwischen Terroristen und Freiheitskämpfern, zwischen Fundamentalismus und Toleranz, zwischen Rechtsstaat und Korruption. Sie allein, die Menschen guten Willens. Es gibt sie:  auf allen Seiten und in jedem Land.


Aldo Parmeggiani


Wochenkommentar von P. Eberhard v. Gemmingen SJ - 15.7.2006

Man sollte nicht überhören, dass ein Professor der Hebrew-Universität in Jerusalem meint, dass der Vatikan einen wirksamen Beitrag für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern leisten könnte. Es sei möglich, dass der militärisch machtlose Papst einen Ausgleich zwischen den Konfliktparteien näher bringen kann. So der jüdische Professor Moshe Zimmermann gegenüber Radio Vatikan. Nach ihm hat der Vatikan also Macht, moralische Macht, Friedensmacht. Vielleicht sollten manche Katholiken von dem Juden lernen. Er meint: Ihr oberster Repräsentant in Rom ist nicht nur ein lieber Mensch, sondern auch eine moralische Weltautorität. Und das galt nicht nur für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. der wohl auch ein politisches Genie gewesen ist. Sondern auch für Papst Benedikt. Es hängt also nicht an der politischen Begabung des Einzelnen, sondern an seinem Amt, an der moralischen Autorität der katholischen Kirche. Vielleicht vergessen wir das manchmal.
Etwas Anderes vergessen wir Westler vielleicht auch manchmal: In der Welt zählen nicht nur Waffen und Wirtschaft, sondern auch das Ansehen. Für Menschen im Nahen Osten, im heiligen Land, aber auch Menschen im fernen Osten ist es entscheidend wichtig, die eigene Ehre nicht zu verlieren, das Gesicht zu wahren. Denken wir vor allem an die Japaner, die - jedenfalls früher - lieber starben als eine Schande auf sich sitzen zu lassen.Man muss sich mit dem Gegenüber einigen, muss Kompromisse schließen können, darf ihn nicht demütigen und nur besiegen wollen. Gerade der militärisch oder wirtschaftlich Schwächere darf nicht als Besiegter aus dem Konflikt hervorgehen, sondern als ein ehrenvolles, souveränes Gegenüber - wie beim Fußball. Nach dem Spiel gehen die Kontrahenten nicht als Feinde auseinander, sondern als ebenbürtige Partner, die ihre Kräfte nach den Spielregeln gemessen haben. Das müssen wohl die Diplomaten dieser Erde wieder lernen.
Otto von Habsburg, der ausgewiesene Geschichtskenner wird nicht müde zu wiederholen, dass man beim Wiener Kongress auch das besiegte Frankreich nicht ausgrenzte, sondern mit an den Tisch holte. Dass es kein Tribunal gegen den Verlierer gab wie nach dem ersten und dem zweiten Weltkrieg, sondern dass man einen stabilen Frieden gesucht habe. Damals beim Wiener Kongress seien sich Christen gegenüber gesessen, die nicht nach Schuldigen gesucht hätten, sondern nach dem Frieden und der Versöhnung. Lernen sollten wir: Frieden wird es im Land Jesu nur geben, wenn nicht Schuldige gesucht werden, sondern der Ausgleich, der Kompromiss. Frieden wird es zwischen dem Westen und der muslimisch-arabischen Welt nur geben, wenn beide Seiten einen ehrenvollen Ausgleich annehmen und keine Seite besiegt wird. Von ehrenvollem Ausgleich sprach schon Papst Benedikt zum Jahresanfang 2006 vor dem diplomatischen Korps, den akkrediertern Diplomaten. Aus unseren Herzen sollten wir die Idee des Sieges streichen, wir sollten nicht selbst gewinnen wollen, sondern den anderen gewinnen.


Kommentar von P. Eberhard von Gemmingen nach Papstreise Valencia

Wenn man ein wenig über die Papstaussagen in Valencia nachdenkt, fällt folgendes auf: Er hat keinen Ton über die so genannte Homo-Ehe gesagt, keinen Ton über die spanische Möglichkeit, dass auch gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren können, er hat kein Wort über Abtreibung und Geburtenplanung gesagt, kein Wort über Bioethik. Und dies alles bei einem Kongress, der das Thema Familie zum Inhalt hatte. Wusste der Papst nicht, bei welcher Veranstaltung er war? Wussten seine Redenschreiber nicht, wofür sie den Papst vorbereiten sollten?
Nein, ich vermute es ist anders. Papst Benedikt versucht es ein wenig wie Jesus zu machen: er verkündet die frohe Botschaft, auch die frohe Botschaft der Familie. Das ist eine Frohbotschaft und keine Drohbotschaft. Das ist Verkündigung der Liebe Gottes, Verkündigung dessen, wozu der Mensch von Gott berufen ist. Und erst, wer die frohe Botschaft gehört und verstanden hat, der weiß auch, was das für seine Lebensführung konkret bedeutet. Jesus hat keine Moral verkündet. Ja – er war sogar den Pharisäern zu wenig Moralapostel. Und so will Papst Benedikt auch nicht als Moralapostel durch die Welt ziehen und verkünden, was alles verboten und was erlaubt ist. Er will verkünden, wozu der Mensch von Gott berufen ist. Ich vermute, der Papst leidet darunter und ärgert sich darüber, dass die Kirche weitgehend nur wahrgenommen wird als eine Einrichtung, die vieles verbietet und weniges erlaubt. Und Benedikt versucht, das zu ändern und zu verkünden: die Kirche ist nicht die Moralinstanz, die das Leben säuerlich macht. Das hat er schon in seiner ersten Enzyklika "Deus Caritas est" gezeigt. Die Lehre über Geschlechtlichkeit und Liebe will die Lust nicht versäuern, sondern will die Lust vermenschlichen. Und so wollte der Papst in Spanien nur vor aller Welt die frohe Botschaft der Familie verkünden, die frohe Botschaft der menschlichen Berufung, der Berufung zu Mutterschaft und Vaterschaft. Alles andere folgt daraus und kann gut verstanden werden: Nur die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau führt zu einem Kind. Und das Kind braucht einen Vater und eine Mutter, es braucht nicht zwei Väter oder zwei Mütter. Und die Liebe, wenn sie denn wirklich Liebe ist, sucht Ausschließlichkeit und Ewigkeit. Aus der Frohen Botschaft über Ehe und Familie folgt viel, aber die Botschaft ist eine Berufung und keine Verbotstafel. Papst Benedikt ist anders. Anders als viele meinten. Man muss gut hinhören.


Kommentar der Woche von
P. Eberhard von Gemmingen 1.7.2006

Papst Benedikt spricht derzeit bei den Generalaudienzen über die zwölf Apostel. Dies verstehe ich als Zeichen dafür, dass er den inneren Aufbau der Kirche erklären und stärken will. Dem entspricht auch seine Wahl, Kardinal Tarcisio Bertone zu seinem wichtigsten Mitarbeiter. Der zukünftige Kardinalstaatssekretär Bertone ist im Unterschied zu den meisten Vorgängern kein Diplomat, sondern Seelsorger und Theologe. Der Papst deutet mit der Wahl an, dass ihm der Aufbau der Kirche von innen her wichtiger ist als gute und ordentliche Beziehungen zu den Staaten. Diese gehören zwar auch zu den Kompetenzen des Kardinalstaatssekretärs, aber scheinen dem Papst im derzeitigen Weltgefüge doch nicht so wichtig. Wer die unzähligen Vorträge, Predigten und Aufsätze des ehemaligen Kardinals Ratzinger auch nur einigermaßen kennt, weiß, dass er ein Mann der Bibel und der Theologie ist. Das ist für ihn nicht Wissenschaft für sich, sondern ein Wissen, aus dem die Kirche lebt. Papst Benedikt bleibt als oberster Kirchenverantwortlicher der Überzeugung, dass die Kirche letztlich nicht lebt von großen diplomatischen oder politischen Fortschritten, sondern aus der lebendigen Verankerung im Glauben an Jesus Christus und sein Heilswirken.In diesem Sinne ist er wohl auch der Überzeugung: so schön es wäre, endlich Reisen nach Moskau oder Peking machen zu können. Wichtiger als dies ist es, dass die Christen von innen her stark sind und ihr Glaube lebendig ist. Denn nur so können sie gegen den Materialismus standhalten und sich mit fanatischen Muslimen auseinandersetzen. Christen in aller Welt müssen wissen, was und warum sie glauben. Die Welt hat sich derart verändert, dass man nicht mehr einfach sagen kann: ich glaube, was auch meine Vorfahren geglaubt haben. Heute muss der Christ Rechenschaft abgeben können für seinen Glauben – vor Aufklärung und anderen Religionen. Dazu will Papst Benedikt durch sein Lehren beitragen. Dazu hat er Kardinal Bertone berufen. Er will keine Kurienreform, sondern Glaubensvertiefung.


Wladislaw Bartoszewski, Wochenkommentar 24.6.2006

Liebe Hörerinnen und Hörer,
im Laufe der ersten vier Wochen nach der im Mai stattgefundenen Pilgerreise von Benedikt dem XVI. nach Polen erschienen bereits in polnischen Buchhandlungen einige schön und aufwendig herausgegebene Publikationen, sowohl über das Leben von Josef Ratzinger und seine Heimat Bayern, als auch über den Verlauf seiner apostolischen Reise durch Polen. Das öffentliche Interesse an diesen Themen ist in Polen nach wie vor deutlich lebendig, und zwar nicht nur in der Kirche oder mit ihr verwandten Institutionen, sondern auch in verschiedenen ernstzunehmenden Wochen- bzw. Monatszeitschriften mit breitem Leserkreis in akademischen und kulturellen Zentren.
Reflektiert wird über die Ansprachen des Papstes in Warschau Tschenstochau, Krakau und Auschwitz-Birkenau, aber auch über einige Thesen von Kardinal Ratzinger zur Krise der europäischen Kultur. Polnische Publizisten machen auf die spürbare Verteilung der Akzente in den vergangenen Pontifikaten aufmerksam. Die Zeiten des Johannes XXIII. und Paul VI. waren von der Öffnung auf den modernen Menschen und die Belebung der Kirche im Geiste von aggiornamento gekennzeichnet. Der Pontifikat von Johannes Paul II. war die Fortsetzung aber zugleich auch eine große Katechese der immer stärker globalisierten Welt. Benedikt der XVI. ist dagegen vermutlich am meisten auf den Kampf um die Seele Europas sensibilisiert. Und er ist nicht allein. Mit dieser Herausforderung setzten sich auch andere, insbesondere der herausragende Europäer, langjährige Vorsitzende der Europäischen Kommission Jacques Delors (Katholik und Sozialist).
Es bedeutet nicht, dass die Probleme anderer Kontinente und Kulturen vernachlässigt werden - denn ihr Schicksaal ist auch mit dem Schicksaal Europas verbunden. Das Christentum stammt nicht aus Europa - schreibt Josef Ratzinger - aber in Europa hat es seinen kulturellen Rang und historische Wirksamkeit erhalten. Von moralischer Kraft und dem Mut Europas hängen die Geschicke des Planeten ab. Die USA mögen zwar weiterhin dominieren und sind auch moralisch sowie geistig weniger "müde" als Europa. Aber ohne die Unterstützung hunderter Millionen wirklich freier und emanzipierter Europäer lässt sich die freie Welt weder verteidigen noch erweitern. Deshalb hat das Problem der Seele Europas euch einen globalen Sinn.
Es erhebt sich die Frage, auf welche Art heute der Glaube in Menschen zu erwecken ist? Wie sollte neues Leben in die Seele Europas eingehaucht werden? Vor zwei Jahren, in einem Interview für die polnische Katholische Nachrichtenagentur betonte Kardinal Ratzinger den Wert des Pluralismus, der jedoch nach Schutz vor dem Relativismus und nach einem Mutzeugnis der Katholiken verlangt. Sie sollten die eigenen religiösen Ansichten nicht aufdrängen, sondern die Bereitschaft zum Dialog mit anderen und zur Suche nach gemeinsamen Werten besitzen. Am wichtigsten ist doch die Bildung und Weiterentwicklung lebendiger, geistiger Gruppen. Genauso wie zur Zeit der Entstehung von Klostergemeinschaftenin vergangenen Jahrhunderten, so braucht auch die heutige Welt und die Kirche starke geistige Minderheiten. Die wahre Stärke des Christentums lag niemals in der Masse - sprach der Kardinal. - Und man sollte sie auch heute nicht erwarten. Trotzdem entstehen in der jungen Generation immer mehr Gruppen und Initiativen. Sie bringen ein neues Leben und eine neue Dynamik in die Pfarrgemeinden und Diözesen. Es scheint wichtig, dass sich diese Gruppen nicht lediglich auf die Pflege eigener Identitäten begrenzen, sondern dass sie zum Teil der breiten kirchlichen Realität werden.
In der Kirche der lebendigen geistigen Gemeinschaften offenbart sich also die Vision von Benedikt XVI. Und zugleich die Hoffnung für das Christentum und die Chance auf Wiederauferstehung der geistigen Stärke Europas in kommenden Jahrzehnten.


Wladislaw Bartoszewski, Wochenkommentar 17.6.2006

Liebe Hörerinnen und Hörer,
vergangene Woche erwähnte ich die Bedeutung des fünfzehnjährigen Jubiläums der Unterzeichnung des Vertrages über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen, die bekanntlich im Juni 1991 in Bonn stattgefunden hat. Vor wenigen Tagen konnte ich an einem anderen deutsch-polnischen Treffen in Warschau teilnehmen. Von der deutschen Seite erschien der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker und die ehemalige Bundestagvorsitzende Prof. Rita Süssmuth. Unter den polnischen Repräsentanten der Konferenz über europäische Bedeutung deutsch-polnischer Verständigung waren zwei langjährige Teilnehmer des Dialogs christlicher Kreise Polens und Deutschlands. Ich war der eine, doch die besonders kompetente Rolle erfüllte hier der frühere Prämierminister Polens, Tadeusz Mazowiecki, dessen Gespräche mit Helmut Kohl in Warschau und in Kreisau - dem früheren Gutshof der Familie von Moltke - seinerzeit den Anstoß zur neuen Etappe in den Beziehungen unserer Länder gaben.
In ihrem Brief schrieb Kanzler Angela Merkel, die Unterzeichnung des Vertrags am 17. Juni 1991 war und bleibt ein Ausdruck des Willens, die schmerzliche Teilung der Vergangenheit endgültig abzuschließen. Sie bildet gleichzeitig die Chance auf dauerhafte Versöhnung. Und die Versöhnung bedeutet vor allem Erinnerung - schloss sich Angela Merkels Worten Präsident von Weizsäcker an. Er erwähnte, wie wichtig es ist, dass unsere Länder gemeinsam zur Nato und zur EU gehören. "Es ist ein großes Glück für meine Generation, dass wir etwas erleben, wovon wir in unserer Jugend nicht einmal zu träumen gewagt hätten" - sagte er.
Ich teile seine Ansicht, nicht zuletzt deshalb, weil uns tiefe christliche und weltanschauliche Gemeinschaft verbindet - wie auch die gemeinsame Generation, obwohl wir Söhne zweier so tragisch verfeindeter Nationen sind. Ich erinnerte mich an die abschließenden Worte meiner früheren Ansprache, die ich - damals als Außenminister - während der Sondersitzung von Bundestag und Bundesrat am 28. April 1995 in Bonn halten konnte: "Das Gedenken und die historische Reflexion müssen unsere Beziehungen begleiten. Sie sollten dafür jedoch nicht Hauptmotivation sein, sondern den Weg bereiten für die gegenwärtigen und in die Zukunft gerichteten Motivationen. Die Beziehungen unserer Völker und Staaten haben heute eine europäische Dimension erlangt - unsere Nachbarschaft wird in hohem Maße darüber entscheiden, ob und wann das geteilte Europa zusammenwachsen wird. Die Zusammenarbeit beider Staaten im geeinten Europa gehört heute zu den wichtigsten Zielen und Begründungen unserer bilateralen Beziehungen. Sie verleiht ihnen den Sinn und liefert dafür vielerlei Motivationen. Mit Blick auf die junge Generation von Polen und die junge Generation von Deutschen, auf die, so walte Gott, glücklichen Menschen des 21. Jahrhunderts."
Nach elf Jahren behalten diese Gedanken volle Aktualität behalten. Ähnliche Ansichten wiederholte auch während der genannten Konferenz der jetzige Prämierminister Polens - ein engagierter Katholik - Kazimierz Marcinkiewicz. Seiner Meinung nach, würde die Menschen nichts besser einander näher bringen, als unmittelbare Kontakte mit dem Nachbarland, mit seiner Geschichte und menschlicher Mentalität. Polnische Teilnehmer des Treffens betonten ebenfalls die zwar noch schwierige in Bewertung aber trotzdem bereits klar sichtbaren positiven Folgen der polnischen Pilgerreise des Papstes Benedikt XVI. für die Annäherung der Menschen guten Willens in Polen und Deutschland.


Wladislaw Bartoszewski, Wochenkommentar 10.6.2006

Liebe Hörerinnen und Hörer,
heute möchte ich nochmals zum wichtigen für mich persönlich und für meine Landsleute Thema der Ende Mai stattgefundenen Pilgerreise von Heiligem Vater Benedikt XVI. nach Polen zurückkehren. Die inzwischen vergangenen Wochen erlauben mir tiefer über die Bedeutung dieses Besuches für die Menschen in meiner Heimat(besonders für die jüngere Generation) zu reflektieren, wie auch darüber, welche Früchte in greifbarer Zeit zu erwarten sind - vor allem im Sinne der für Heiligen Vater so wichtigen Stärkung der Liebe zum Gott und im Geiste dieser Liebe auch der zwischenmenschlichen Versöhnung. Darunter insbesondere - nicht zuletzt in Hinsicht auf die Nationalität des Papstes - weitere Annäherung zwischen den deutschen und den Polen, zweier Völker, verwickelten in tragische Geschicke des XX. Jahrhunderts. Der Vorgänger Benedikt des XVI., Johannes Paul II. sah in diesen gemeinsamen Erfahrungen das Maß des Bösen, das vom Gott zugelassen aber von Menschen zugefügt wurde.
Viele Millionen verfolgten mit Interesse den Verlauf der Pilgerreise Benedikt des XVI. nach Polen. Vielleicht können Sie sich sogar das persönliche Engagement der Polen - und zwar nicht nur der Gläubigen - in diesen Besuch nicht ganz vorstellen. Für die einen war er unser Heilige Vater. Für die anderen herausragender deutscher und europäischer Intellektueller. Und in erster Linie unser Gast. Diese Reise wurde dementsprechend von hohen Erwartungen begleitet. Einen Ausdruck der Sympathie für Benedikt den XVI. bildeten gleich nach der Landung der Alitalia Maschine die zahlreichen Transparente, von denen der Papstvon den ersten Augenblicken seines Aufenthalts in Warschau an umgeben war. Diese hauptsächlich von der Jugend vorbereiteten Transparente sprachen auf Deutsch: "Grüß Gott, Heiliger Vater" und "Du bist unser Papst". Beim Zusammentreffen mit dem Heiligen Vater in Krakau, der mittelalterlichen Hauptstadt Polens, erschienen 600 000 Schüler und Studenten, die zusammen in einer Mischung aus Italienisch und Deutsch skandierten: "Benedetto, wir lieben Dich".
Die Lehre des Papstes gegenüber diesen jungen Menschen war eindeutig und anspruchsvoll zugleich. Er erinnerte die polnischen Katholiken daran, dass der Glaube an Christus zur Treue der Kirche verpflichtet, der sie angehören. Daß kein Weg zum Christus ohne oder außerhalb der Kirche führt. Er erinnerte auch an Petrus, den wahren Felsen, an dem die Kirche auf Erden erbaut wurde. Mit dem offiziellen Protokoll der öffentlichen päpstlichen Auftritte hatten die Stationen der Pilgerreise des Heiligen Vaters - in Warschau, Krakau, Tschenstochau, aber auch in Wadowice und Kalwaria (dem bekannten Pilgerziel im Südpolen) - wenig gemeinsam. Er bat die Gläubigen um Gebete für ihn und die gesamte Kirche, so wie man früher in Polen auch für Johannes Paul den II. gebeten hat, auf dessen Spuren Benedikt XVI. nun pilgerte. Er bat auch um die Gebete für rasche Beatifizierung von Johannes Paul II. Warm und herzlich berührte er auch immer wieder die Menschen mit seinen Versuchen Polnisch zu sprechen, eine Sprache, die er speziell vor dieser Pilgerreise lernte. Man sah darin den Ausdruck der persönlichen Freundlichkeit des Heiligen Vaters gegenüber dem polnischen Gottesvolk.
Am 19. April dieses Jahres haben die Geburtsorte von Johannes Paul II. und Benedikt XVI., Wadowice in Polen und Marktl am Inn in Bayern offizielle Partnerschaft geschlossen, begleitet von Feierlichkeiten in Marktl am Inn, unter Beteiligung polnischer Delegation und der Bürgermeisterin von Wadowice, die in Bayern herzlich begrüßt wurde.
Viele Persönlichkeiten der Kirche, aber auch der Medien und der Politik stellen sich die Frage, inwieweit der Besuch gerade dieses Papstes zur Vertiefung der deutsch - polnischen Versöhnung beitragen wird. Persönlich beurteile ich die Beziehungen unserer Länder positiv, obwohl sie noch besser und näher sein könnten. Als es mir gegeben war vor 40 Jahren erste Kontakte mit deutschen Katholiken zu knüpfen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es möglich wird im Laufe meines eigenen Lebens so viel zu erreichen. Seit 15 Jahren werden die Beziehungen unserer Länder von dem Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit geregelt, der noch in der Ära von Kanzler Helmut Kohl von Hans Dietrich Genscher und Krzysztof Skubiszewski unterzeichnet wurde. Dieser Vertrag gilt nach wie vor und ist von beiden Seiten bestens respektiert. Die manchmal entstehenden Missverständnisse oder Irritationen sollten vielmehr als ganz normale Meinungsunterschiede innerhalb einer Familie betrachtet werden. Einer differenzierten europäischen Familie. Junge Soldaten der Bundeswehr und ihre polnischen Gleichaltrigen üben heute im Rahmen der NATO auf Manövern in Hinterpommern, gemeinsam mit dänischen Kollegen. Es ist inzwischen selbstverständlich und wundert niemanden. Millionen von Menschen überschreiten in beide Richtungen die Grenze an der Oder und Neisse - mit der Bahn, Auto, Fahrrad oder zu Fuß. Und das auch ist mittlerweile selbstverständlich. Das deutsche Fernsehen und Radio können in Polen empfangen werden, und wer möchte, hat auch in Deutschland unbeschränkten Zugang zu polnischen Medien. Es bestehen zwar gewisse Differenzen, wie z. B. die Tatsache, dass 2 Millionen polnische Gymnasiasten Deutsch lernen, auch wenn Polnisch in Deutschland keinen vergleichbaren Rang genießt. Es gibt aber deutscherseits deutliches Interesse am polnischen Film, Musik, und bildenden Künsten. In polnischen Städten sind überall deutsche Touristen anzutreffen - viele von Ihnen wundern sich über die an Feiertagen vollen katholischen Kirchen. Und gerade die Tatsache, dass wir gemeinsam der christlichen Wurzeln Europas bewusst sind, macht uns einander noch näher. Die Pilgerreise des "deutschen" Papstes nach Polen kann dabei nur positive Folgen haben: vor allem stärkt sie die Überzeugung aller Polen, die in der heutigen Bundesrepublik einen guten und glaubwürdigen Nachbar sehen.


Wladislaw Bartoszewski, Wochenkommentar 3.6.2006

Liebe Hörerinnen und Hörer,
die Zeit vergeht - vor zwei Wochen haben wir in Polen den Papst Benedikt den XVI. verabschiedet. Für mich persönlich bleiben jedoch die letzten Augenblicke Seiner Pilgerreise eine der bedeutendsten Lebenserfahrungen. Ich denke hier an die knappen zwei Stunden, die ich in unmittelbarer Nähe des Heiligen Vaters im früheren Konzentrationslagen Auschwitz Birkenau verbringen konnte. Gerade diese Stunden, von Millionen meiner Landsleute im Fernsehen beobachtet, wurden auch mit großem Interesse von sehr vielen Christen und Juden im Europa und in der ganzen Welt mitverfolgt. Die Journalisten stellten mir die Frage, wie ein ehemaliger Häftling Nr. 4427 (der ich in den Jahren 1949/41 war) das Treffen mit dem kirchlichen Oberhaupt an diesem Ort beurteilt. Und obwohl es mir gegeben war bereits 1979 zusammen mit Johannes Paul dem II. Auschwitz zu besuchen, obwohl ich schon damals mir großer Genugtuung und tiefer Rührung am Gottesdienst mit Priestern und Bischöfen teilgenommen habe, die während des Krieges in verschiedenen Lagern inhaftiert waren - trotz alldem konnte ich mir damals Auschwitz als Pilgerziel des nächsten Papstes kaum vorstellen.
BenediktXVI. kam hierher als kirchliches Oberhaupt, aber er verschwieg auch nicht seine ethnische und kulturelle Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Dies verlangt nach einer tieferen Reflexion. Ich möchte an dieser Stelle an die Aussage von Kardinal Jean-Marie Lustiger, dem früheren Bischoff von Paris, erinnern, dessen beide Eltern aus der polnischen Stadt Bedzin stammten und dessen Mutter in Birkenau ums Leben kam. Als Antwort auf die Frage eines polnischen Journalisten nach der Bedeutung dieser päpstlichen Pilgerreise für das heutige Europa entgegnete er: "Ich vermute, obwohl sie keine unmittelbaren Effekte bringt, wird sie zum hilfreichen Zeichen bei der Definierung künftigen europäischenIdentität. Umso mehr, dass Deutschland im Zentrum Europas liegt und dessen Gestalt entscheidend beeinflusst. Der Besuch in Auschwitz wird auch ein Zeichen, dass die Versuchung irgendein Volk auszuschließen bereits der Vergangenheit zugehört. Diese Reise hat noch größere Bedeutung in der Lage, wo die Zukunft und Identität Europas in unbekannte und im gewissen Sinne von Gefahren begleitete Richtung führt."
Ich stand neben Kardinal Lustiger und Kardinal Dziwisz im Hof des XI. Blockes als der Heilige Vater im schweigenden Gebet bei der Todeswand vertieft war, und auch wir reichten uns schweigend die Hände. Wir erinnerten uns doch, dass auch Karol Wojtyla, als Bischoff, Kardinal und schließlich Papst diesen Block und diese Zelle - wo der heilige Maximilian Kolbe zu Tode gequellt wurde - besuchte. Und es schien mir, je tiefer sich Joseph Ratzinger mit dieser Tradition identifiziert, desto mehr wird er zu unserem Heiligen Vater.
Das kurze Zusammentreffen von Benedikt dem XVI. mit zweiunddreißig früheren Häftlingen des KZ Auschwitz Birkenau (darunter zwei herausragenden polnischen Künstlern - Marjan Kolodziej und Jozef Szajna - sowie polnischem politischen HäftlingNr. 118 Kazimierz Albin) war nicht konventionell: der Papst konnte mit jedem einzelnen einpaar Worte wechseln. Er verstrahlte und teilte mit allen Anwesenden Wärme und einfache Menschlichkeit.
Als ich mich vor dem Tor zum Todestrakt niederkniete, um kraft meines Amtes als Vorsitzender des Internationalen Auschwitzrates den Papst zu begrüßenund seinen Ring zu küssen, stellte ich mich auf Deutsch vor: "Bartoszewski, Internationaler Auschwitzrat". Und der Heilige Vater antwortete: "Ich kenne Sie doch!". Da wurde ich sehr gerührt.
Einige Minuten später schritt der Papst am Denkmal des Martyriums der Völker in Birkenau entlang, hielt bei jeder Tafel an, wo in 22 Sprachen an die Opfer der Vernichtung erinnert wird. Er tat es mit sichtbarer Aufmerksamkeit. Die ganze Zeit regnete es und der Himmel schien hoffnungslos bewölkt. Aber gerade im Augenblick, als der heilige Vater die Tafeln verlassen hat und auf einen für ihn vorbereiteten Platz ging, erschien zwischen den Wolken ein sehr klarer Regenbogen. Ich wurde darauf von dem neben mir sitzenden Bischoff Tadeusz Rakoczy aufmerksam gemacht. Die Schönheit dieser seltenen Naturerscheinung begleitete uns bis zum Abschluss der Feierlichkeiten.
Ihr Hauptpunkt war gewiss die längere, auf Italienisch verfasste, Rede des Heiligen Vaters. Heute ist sie bereits publiziert. Die Zuhörer in Auschwitz berührten aber vor allem die Erwägungen zum Thema "Wo war Gott an diesen Tagen? Warum schwieg Er? Wie konnte Er eine so verheerende Zerstörung, einen solchen Triumph des Bösen zulassen?" Aussagekräftig war ebenfalls die Bezugsnahme von Benedikt dem XVI. auf den Sinn der vor siebenundzwanzig Jahren stattgefundenen Pilgerreise von Johannes Paul dem II. nach Auschwitz: "Johannes Paul II. war hier als Sohn des polnischen Volkes. Ich komme hierher" - sagte ergreifend Benedikt XVI. - "als Sohn des deutschen Volkes und muß deshalb nach meinem Vorgänger wiederholen: Ich konnte hierher nicht nichtkommen. Ich musste hierher kommen."
Im abschließenden Teil seines Auftritts sprach der Heilige Vater von vielen Initiativen in früheren Konzentrationslager, die heute zum Ziel haben, "dem Bösen vorzubeugen und das Gute zu fördern". Als Impuls und Verpflichtung wird in meiner Erinnerung Seine Hoffnung bleiben, "dass an diesem Vernichtungsorteine konstruktive Reflexion wachsen und gedeihen wird. Dass die Erinnerung an die Vergangenheit hilft, sich dem Bösen zu widersetzen und zu erreichen, dass Nächstenliebe triumphieren wird".


Nicolas Betticher, Wochenkommentar 29.4.2006

Medizinische Hilfe und christliche Nächstenliebe am Geburtsort Jesu

Hamas, Palästinenser, Israel : Worte, die wir täglich in den Medien lesen oder hören… Politik vermischt mit Religion: plakative Provokation oder ungute Gefühle ?
Sie stellen sich gewiss die Frage: was hat das alles mit der Kirche in der Schweiz zu tun ? Wir sind doch weit weg von diesem Heiligen Land, wo vieles nicht mehr heilig ist, sondern vielmehr im Zwielicht der Scheinheiligkeit erlischt. Das alles geht uns nichts an ! Wirklich ?
Und wenn es um Kinder geht, auch da ? Kinder können doch nichts dafür, dass sie eben dort geboren wurden, wo die Bomben den Frieden zerstören.
Und für diese Kinder tragen auch wir Christen in der Schweiz, in Deutschland und in Oesterreich Verantwortung. Aber wie ?
Ganz einfach, zum Beispiel durch ein Spital, das dort in Palästina steht und der Kirche in Deutschland, in Oesterreich und in der Schweiz gehört.
Alles begann vor 50 Jahren. Pater Ernst Schnydrig, ein Walliser Priester, erlebt das Elend in den palästinensischen Flüchtlingslagern. Er sieht, wie ein verzweifelter Vater sein totes Kind im Morast begräbt. Er ist tief erschüttert. Er beschliesst zu handeln. Am nächsten Tag mietet er ein Haus, stellt 14 Betten hinein. An die Tür hängt er optimistisch das Schild "Caritas Baby Hospital". Es ist die Geburtsstunde des ersten und bis heute einzigen auf Kleinkinder spezialisierten Krankenhauses in Palästina.
Bis heute trägt die Kinderhilfe Bethlehem mit Unterstützung vieler Spenderinnen und Spendern aus der Schweiz, Deutschland und Österreich das Caritas Baby Hospital.
Tausende von Kilometern trennen uns hier in Europa von diesem Spital, gewiss. Aber in der Kirche gibt es keine Grenzen, keine Distanz, sondern nur die Nähe der Liebe, die Nächstenliebe.
Die Hilfe, die im Spital vor Ort geleistet wird, richtet sich an alle Menschen, unabhängig von Rasse, Religion und sozialer Herkunft. Um es mit Pater Schnydrigs Worten zu sagen: "Unsere Arbeit ist eine kleine Brücke unter den Friedensbrücken, die noch nötig sind, bis das Heilige Land für Juden, Christen und Moslems ein gottgelobtes und glückliches Land sein darf."
Doch davon ist die Situation in Bethlehem heute weit entfernt. Viele Christen in Europa sorgen sich um die Lage ihrer Glaubensschwestern und – brüder in Israel und Palästina. Sie fürchten, dass sich das Leben für Christen unter der radikal-islamischen Hamasmehrheit entscheidend verschlechtert.
Christen sind in Israel und Palästina schon seit langem eine Minderheit, und christliche Interessen spielen im öffentlichen Leben eine entsprechend untergeordnete Rolle. Dank unserer Unterstützung bringen sich christliche Einrichtungen, wie das Caritas Baby Hospital, für die Christen, aber auch für alle anderen Menschen ein. Das Hospital wird anerkannt und respektiert, denn sein Dienst für die Gemeinschaft ist unverzichtbar. Die Kinderhilfe Bethlehem will verbinden statt zu trennen, damit alle Menschen im Heiligen Land eine Zukunft haben.
Wir in der Schweiz, in Deutschland und in Oesterreich helfen durch unsere Spenden dem Spital. Das ist gut so. Sicher ist aber auch, dass die Friedensstifter in Bethlehem uns ein einzigartiges Beispiel an Nächstenliebe geben. Unsere europäischen Gesellschaften dürsten nach Werten, nach Gerechtigkeit und Lebensfreude.
Wenn unser Banktresor zum Tabernakel wird, wenn es uns nur darum geht, die Reichsten des Friedhofes zu sein, wenn Globalisierungspolitik die christliche Dimension Europas auf den Grundnenner bringt, der öde, farb- und wertlos ist, dann haben wir vergessen, dass ein Kind in Bethlehem damals die Welt verändert hat. Und dies gilt heute noch, auch hier, in unserer Kirche Europas !
Wir wollen Verantwortung tragen für die Kinder, von hier und dort, koste es was es wolle. Nur so werden wir Christi Lehre gerecht: "was ihr dem Kleinsten getan habt, das habt ihr mir getan !"

NB/28.4.06


Nicolas Betticher - Wochenkommentar für nach Ostern

Die Kirche bleibt am Ball

Die Fussball-Weltmeisterschaft in Deutschland steht vor der Tür. Chancen für die Kirche Ihren Glauben anzubieten?
Fussball und Kirche - ein spannungsreiches und zugleich spannendes Verhältnis. Was hat aber Kirche mit Fussball zu tun? Mehr als man denkt! Es gehört zu den zentralen Aufgaben der Kirche, auf die Menschen zuzugehen und am Ball zu bleiben in den wichtigen Situationen des Alltags.
Das Motto der Fussball-Weltmeisterschaft lautet: "Die Welt zu Gast bei Freunden". Dahinter steht der Anspruch, dass bei einem solchen Event nicht Gegner aufeinander treffen, sondern verschiedene Gäste von Freunden empfangen werden. "Die Welt zu Gast bei Freunden …" ist auch für die Kirchen ein Ansporn zur gastfreundschaftlichen Stimmung beizutragen, schreiben die deutschen Bischöfe.
Der Präsident der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, meint: "Wenn Gäste kommen, dann bieten wir ihnen das Beste an, was wir haben: wir öffnen unsere Kirchen und schaffen Raum für Begegnungen – mit den Menschen in unseren Pfarrgemeinden, mit der Geschichte des Glaubens in unserem Land, vor allem aber mit Jesus Christus selbst." Dieses Zitat erinnert uns an die Worte unseres Papstes Benedikt: ich zitiere: "Wir als Christen sind dazu verpflichtet dem Nächsten das Beste zu geben, nämlich Jesus Christus!"
Fussballspiele werden gefeiert wie Gottesdienste, Fussball begeistert wie kein anderer Sport. Wo liegt aber die Chance, an einem solchen Grossanlass, die christliche Botschaft weiterzugeben?
Ist Fussball nicht eine Art von Ersatzreligion für die so zahlreichen Fans geworden? Warum verehren Menschen einen Sport?
Sind wir von unserem Glauben, von der christlichen Botschaft so überzeugt und begeistert, wie die Fans im Stadion? Es gibt natürlich Unterschiede zwischen dem Bekenntnis zu einem Fussballverein und dem Bekenntnis zu Gott. Das ist klar. Aber die Begeisterungsfähigkeit so vieler Fussballfans stellt uns Gläubige doch eine grundsätzliche Frage !
Schauen wir uns einen solchen Sportanlass genauer an: die Vorfreude auf das Spiel ist riesig, das Leben im Stadion ist spannungsgeladen und die ganze Fussballbegeisterung ist voller Lebenslust. Der Sport wird zum Fest, die Gemeinschaft ist spürbar.
Dürfen wir uns oder sollten wir uns nicht die Frage stellen, in wieweit wir diese Lebenslust, diese Freude, diese Begeisterung mit in unser kirchliches Leben einbringen?
Wie können wir, in der Schweiz, in Österreich, in Deutschland unsere Beteiligung an dieser Welt-meisterschaft kirchlich umsetzen?
In vielen Ländern werden zahlreiche Ideen wach. Christen werden ihre Häuser öffnen, damit Fussballbegeisterte aus aller Welt bei ihnen übernachten können. In Gotteshäusern und in Pfarreisäalen werden Leinwände aufgestellt, damit die Fans zusammen die Übertragungen verfolgen können. Gemeinschaft wird gebildet: Die Kirche bietet dafür Hand und Logistik.
Durch diese Gastfreundschaft soll christliche Nächstenliebe gelebt werden. Friedliche Anlässe tragen dazu bei, die Einheit der Gemeinde zu festigen. Fussball hilft uns dabei, und das ist auch gut so.
Ich glaube nicht, dass es einen Fussballgott gibt. Gebete vor dem elf Meter nützen nichts. Mannschaften gewinnen, andere verlieren.
Aber ich glaube an einen Gott, der seine Freude daran hat, wenn Menschen verschiedener Herkunft, Rassen und Religionen dank dem Sport zusammenfinden. Sport wird zum friedenstifftenden Event. Deshalb bleibt die Kirche am Ball !

Nicolas Betticher

Freiburg / Schweiz


Wochenkommentar
Nicolas Betticher, Schweiz
8.4.2006
 

Staatskirchenrecht und Kirchenrecht: ein Dilemma?

In der Schweiz gibt es in allen Kantonen, ausser im Kanton Genf, eine Kooperation zwischen Staat und Religionsgemeinschaften. Diese wird durch Verfassungs- und völkerrechtliche Vorgaben bestimmt. Eckpfeiler sind die staatliche Hoheit und die Religionsfreiheit.
Der Staat ist religiös und konfessionell neutral. Das schliesst aber nicht aus, dass Religion berücksichtigt wird. Der Staat darf Religion nicht aktiv fördern. Doch können sich Religionsgemeinschaften und der Staat zu Kooperation verpflichten, die sich ausdrückt in der Möglichkeit, zum Beispiel, in den Schulen einen konfessionellen Unterricht zu organisieren oder in den Spitälern, Gefängnissen und Altersheimen Seelsorger anzustellen.
Staat und Kirche sind somit Partner, die sich für das Wohl aller Bürgerinnen und Bürger bemühen.
Dies kann ja nur begrüsst und gefördert werden.
Staatskirchenrecht kann aber auch zur Problematik werden, wenn ein staatskirchenrechtliches Gremium, sprich zum Beispiel ein Pfarreirat, sich für einen Priester einschaltet, ihn unterstützt, gegen den Willen des Bischofs. Dies geschieht zurzeit in einer Pfarrei des grossen Bistums Basel. Seit langem liest man in den Medien ein Hin und Her zwischen dem Ordinariat, der Pfarrei, dem Pfarreirat, der kirchlichen Kantonsbehörde, dem Pfarrer selbst, usw.
Der Bischof hat dem Pfarrer die Missio Canonica entzogen. Der Pfarrer verweigert sich aber, die Pfarrei zu verlassen. Der Pfarreirat verteidigt den Priester, gegen den Willen des Bischofs. Hier wird das subtile Gleichgewicht zwischen Staatskirchenrecht und Kirchenrecht zerstört. Staatskirchenrecht wird zum Gegner des Kirchenrechts. Und das kann nicht sein!
Immer wieder muss wiederholt werden, dass das Staatskirchenrecht im Dienste des Kirchenrechts steht und nicht das Gegenteil.
Hinter diesem Konflikt im Bistum Basel birgt sich der Wille des Pfarrers und etlicher Mitgläubiger etwas in der Kirche zu bewegen. Der Pfarrer schreibt selbst, dass sich nur durch Druck von ‚unten’ "etwas in der römisch katholischen Kirche ändere, in Richtung mehr Demokratie oder auch im Hinblick auf eine Öffnung der Zulassungsbedienungen für den Priesterberuf".
Da droht eben die Gefahr ! Darf man Staatskirchenrecht benutzen, um innerkirchliche Fragen lösen zu wollen? Ist dies nicht eine völlig falsche Bewertung der Verantwortung der staatskirchenrechtlichen Gremien? Müsste man da nicht die staatskirchenrechtlichen Verantwortungsträger daran erinnern, dass sie sich hier in eine Sackgasse begeben haben?
Das zentrale Problem besteht da, wo sich staatskirchenrechtliche Gremien in kircheninterne Probleme einmischen.
Wer dieses Risiko auf sich nimmt, hat das Verständnis der katholischen Kirche verfehlt. Staatskirchenrecht soll seine Grenzen nicht überschreiten. Die staatskirchenrechtlichen Instanzen sollen bewusst daran erinnert werden, dass ihre Kompetenzen dort aufhören, wo jene der Bischöfe und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beginnen.
Das gilt auch für die Bischöfe und Priester, die so oft auf die qualifizierte Mitarbeit der staatskirchenrechtlichen Instanzen zählen dürfen.
Nur so werden wir, alle gemeinsam, dem Glaubensverständnis der Kirche gerecht.


Wochenkommentar
Nicolas Betticher, Schweiz

Religion in den Schweizer Schulen

Wird in den kommenden Jahren Religion in den Schweizer Schulen, das heisst im obligatorischen Unterricht durchgeführt ? Wenn ja, welche Religion, unter welchen Voraussetzungen ? Solche Fragen werden immer brisanter.
Das Schulsystem ist in der Schweiz auf Kantonsebene organisiert. Der Unterschied zwischen Kantonen ist in diesem Bereich gross.
So zum Beispiel an der Zürcher Schule. Die Regierung hat die Biblische Geschichte in der Primarschule gestrichen. Religionsunterricht wird eingeführt. Obligatorisch und ohne Abmeldemöglichkeit. Dieser Unterricht, genannt "Religion und Kultur", soll kein Bekenntnisunterricht sein, sondern Informationen über Religionen vermitteln. Gebetet wird in der Schule nicht.
Der Kanton begründet diesen Entscheid damit, dass nicht nur über das Christentum gesprochen werde, sondern auch über andere Religionen. Das Christentum bleibt noch das Zentralthema, das in den ersten Schuljahren gelehrt wird. Argument: "Die Kinder im Kanton Zürich wachsen in unserer christlich geprägten Gesellschaft auf. Sie sollen darum mit den Grundzügen und Werthaltungen des Christentums vertraut gemacht werden", schreibt die Regierung.
Im Unterschied zur Primarschule haben aber in der Sekundarschule alle fünf Weltreligionen den gleichen Stellenwert.
Dieser Entscheid wirft viele Fragen auf, denn er stellt alle Religionen, auch das Christentum, auf die gleiche Ebene.
Das Fach "Religion und Kultur" fördere das friedliche Zusammenleben und das Verständnis zwischen den Kulturen, unterstreichen die Entscheidungsträger. Der ehemalige biblische Unterricht legte den Hauptakzent auf die christlichen Werte. Mit diesem neuen Fach wird nun Allgemeinbildung angestrebt. Es geht nicht mehr um einen biblischen Unterricht, der auch gleichzeitig den Glauben vertieft, sondern es geht vorab um Ausbildung. Die Schüler sollen die Grundzüge der Religionen, die Überlieferungen, Bräuche und kulturellen Ausdrucksformen der Religionen kennenlernen. Die Kirchen kümmern sich ihrerseits um den konfessionellen Religionsunterricht in den Pfarreien. Die Grenze zwischen Kirchen und Schule ist somit klar gezogen.
Wo liegt aber der eigentliche Nutzen dieser neuen Orientierung ? Besteht nicht vielmehr die Gefahr, dass man alles auf einen gemeinsamen Nenner bringt, um bewusst eine vielleicht einfache Lösung auf die brennende Frage zu finden "Was tun wir mit den Nichtchristen" ? Ist es wirklich einfacher, allen das Gleiche mit auf den Lebensweg zu geben, ohne spezifisch auf die religiösen Identitäten einzugehen ? Wäre es nicht klüger, allen Kindern zuerst die Möglichkeit zu geben, ihre eigene Konfession zu entdecken und zu vertiefen, bevor sie später andere Konfessionen und Religionen kennen lernen ? Ist es nicht so, dass ich erst den andern richtig kenne, wenn ich mich selbst zuerst kenne ?
Solche und ähnliche Fragen werden heute gestellt, im Kanton Zürich wie auch in anderen Kantonen.
Eine Schule, die es wagt, den religiösen Identitäten gerecht zu werden, indem sie sowohl einen konfessionellen wie auch einen Religionsunterricht anbietet, ist eine Schule die zukunftsorientiert arbeitet. Eine Zukunft, in der die Menschen ihre eigene religiöse Identität kennen. Dies fördert den wahren Dialog unter Konfessionen und Religionen, nicht einen legeren Dialog, der den billigen unteren gemeinsamen Nenner sucht.


Wochenkommentar - Erwin Teufel

25.3.2006: Der Tod als Tür zum Leben

Das Sterben ist der Ernstfall des Lebens. Wir Menschen haben Angst, tausenderlei Ängste. Jede Angst ist Todesangst. Diese Angst ist innere Angst und sie bedroht das Leben.
Christen sind nicht ohne Angst vor dem Tod. Aber sie haben eine Hoffnung über dieses Leben hinaus und die Verheißung, daß uns der auferweckte Christus heimholt zum Vater. Wir glauben an ein ewiges Leben in Gemein-schaft mit Gott.
Aber was trägt Menschen in einer säkularen Gesellschaft? Viele suchen. Viele, die suchen, werden finden. Viele Suchende sind schon gefunden. Gott schenkt das Wollen und das Vollbringen. Nicht alle, die Gott hat, hat auch die Kirche.
Ein Blick in die Todesanzeigen gibt erstaunliche Einblicke. An einem einzigen Tag fand ich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in 6 Todesanzeigen die folgenden Leitsätze:
"Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch."
Diese Einsicht und dieser Trost kann sich ein kranker Mensch auf seiner letzten Wegstrecke zugesprochen haben. Er könnte auch von den Angehörigen in die Todesanzeige geschrieben worden sein als Hilfe für die schweren Monate des Leids und der Trauer um den Verstorbenen.
Dagegen scheinen mir die weiteren Leitworte in Todesanzeigen nicht Worte am Grab zu sein, sondern Worte aus dem Leben, selbstgewählte Überzeu-gungen als Halt im Alltag, Orientierung auf dem Weg des Lebens und Weg-zeichen der Hoffnung.
"Gottes sind Wogen und Wind. Segel aber und Steuer, daß den Hafen ihr gewinnt, sind euer." Dieses friesische Sprichwort unterscheidet weise zwischen der notwendigen Verantwortung im Leben und dem überlebensnotwendigen Gottvertrauen.
Die Einladung zum Glauben und zu glaubendem Vertrauen findet sich in zwei Zitaten aus dem Neuen Testament: "Wer an mich glaubt, der wird ewig leben", in Johannes 11,25, und eine Aussage und Zusage aus dem Römer-brief 10,9: "Wenn du mit deinem Mund bekennst, daß Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, daß Gott ihn von den Toten erweckt hat, dann wirst du gerettet werden."
In dieser Hoffnung und Überzeugung, daß wir auf das wirkliche Leben zugehen, kann einer einen Aufkleber auf die Windschutzscheibe seines Autos kleben, wie ich ihn Tag für Tag am frühen Morgen am Bahnhof auf dem Weg zum Zug gelesen habe: "Gibt es ein Leben vor dem Tod?"
Es gibt also mehr Menschen als wir glauben, die sich über den Sinn ihres Lebens Gedanken machen und sich auf das Wagnis suchenden und glaubenden Vertrauens einlassen. Ausgesprochen und unausgesprochen hoffen sie über den Tag hinaus nach der Möglichkeit und Wirklichkeit, welche die sechste Todesanzeige so formuliert: "Mors porta vitae", der Tod ist die Pforte des Lebens, die Tür zum Ewigen Leben.


Wochenkommentar - Erwin Teufel

18.3.2006

"Entwicklung ist der neue Name für Frieden"

"Entwicklung ist der neue Name für Frieden", sagte Papst Paul VI. in der Enzyklika "Populorum progressio" 1967.
Die Aussage ist so aktuell wie damals und so richtig wie damals.
Über 1,3 Milliarden Menschen gehören nach der Statistik der Weltbank zu den absolut Armen. Sie haben weniger als einen Dollar pro Tag für ihre existentiel-len Grundbedürfnisse.
Sie haben Hunger. Sie sind falsch ernährt. Sie sind Analphabeten. Sie sind krank. Sie sind Aids-infiziert. Sie haben keine Medikamente und keine ärztliche Betreuung. Sie haben keine Ausbildung. Sie sind arbeitslos.
Ich war in einigen Entwicklungsländern. Fünfzig Prozent der Bevölkerung sind unter 20 Jahre alt. Sie sind ohne jede berufliche Chance und deshalb ohne jede Perspektive. Ob sie in der Schule waren oder nicht: sie haben keine berufliche Chance.
Das ist nicht nur ein schlimmes persönliches Schicksal für Menschen mit einem gleichen Lebenswillen und Lebensrecht, wie wir sie haben. Das ist auch die größte Gefahr für den Frieden weltweit.
Ich will den religiös motivierten Fundamentalismus nicht verharmlosen, ich will den militanten Extremismus politischer Gruppen nicht übersehen, ich will die organisierte internationale Kriminalität mit Drogenhandel und Geldwäsche, mit Schlepperbanden und Zwangsprostitution nicht verharmlosen. Dies alles bedroht viele Menschen tagtäglich und bringt sie ins Unglück. Deshalb brauchen wir Aufklärung und geistige und politische, aber rechtsstaatliche Bekämpfung dieser von Menschen ausgehenden Seuchen, die den Weltfrieden und die Freiheit und Würde der Menschen bedrohen.
Aber es gibt auch keinen Frieden, keine Freiheit und keine Menschenwürde für Arme, die das Existenzminimum für sich und ihre Kinder nicht haben.
Sie laufend zunehmend ihrem Elend davon und wir werden sie in den ent-wickelten Ländern Europas, Nordamerikas und Asiens nicht aufhalten, in dem wir die Zäune erhöhen und verdoppeln, in dem wir die Küstenwachen noch weiter mit neuen technischen Geräten verfeinern. Menschen sindnoch ein stärkerer Druck als Wassermassen.
Wir brauchen Entwicklung vor Ort und Hilfe zur Selbsthilfe. Wir brauchen vorrangig Hilfe für die Armen. Die Hilfe muß die Armen erreichen und darf nicht durch Korruption und Umwege auf Schweizer Konten landen. Die kirchlichen Hilfswerke sind die besten Garanten für Hilfe vor Ort in sinnvollen Projekten, die die Betroffenen beteiligen, von ihren Grundbedürfnissen ausgehen, auf nachhaltige Verbesserung zielen und zu Partnerschaft führen. Diese menschliche Entwicklung ist der beste Weg zum Frieden.


Wochenkommentar - Erwin Teufel

11.3.2006

Gerechtigkeit - Tapferkeit - Barmherzigkeit

Oft haben Menschen in meinem Beisein und ohne sich bewußt zu sein, daß ich mit meinem Namen dabei bin, vor einem schwierigen und ungelösten Problem das Sprichwort zitiert: "Der Teufel steckt im Detail". Wenn ich dann sagte, "hoffentlich", lachten plötzlich alle hellauf.
Ein Leben lang habe ich mich in meiner politischen Arbeit darum bemüht, im Detail zu stecken. Ich habe viele Gespräche geführt, Akten studiert, Bücher gelesen, um alles notwendige Detailwissen zu haben, um eine Frage sach-gerecht zu entscheiden und vor allem, um den von einer Entscheidung betroffenen Menschen gerecht zu werden.
Aber noch wichtiger als das Bemühen um das Detail ist das Denken in Zusammenhängen, die Betrachtung des Ganzen; über das Fachwissen hinaus ein Orientierungswissen. Das eine ist die Frage, was ist recht im Sinne des Gesetzes, das vor einem liegt und betrachtet werden will. Das andere ist die Frage, was ist im konkreten Fall gerecht.
Nicht immer fällt beides zusammen, denn das Leben ist vielfältiger, als daß jeder Lebensvorgang in einem Gesetz vorausbedacht werden könnte.
In einem solchen Fall muß man dennoch Antwort geben. Das ist Verantwortung. Antwort geben im Sinne eines gerechten Maßstabes und dann für die Antwort einstehen, Verantwortung übernehmen. Das erfordert über das Sachwissen hinaus Lebenswissen, das man durch Lebenserfahrung gewinnt, und Mut zum Handeln, auch in Situationen, die der große Philosoph Immanuel Kant so formuliert: "Die Notwendigkeit zu ent-scheiden, reicht weiter als die Fähigkeit zu erkennen."
Diese Einsicht macht bescheiden und zeigt jedem seine Grenzen. Sie darf aber nicht zur Entscheidungsschwäche und zur Verhaltensunsicherheit führen. Die Freiheit kann nicht delegiert werden. Sie muß gewagt werden. Diese Fähigkeit zu erkennen, zu entscheiden und zu wagen darf nicht mit Tollkühn-heit und Übermut verwechselt werden. Diese Fähigkeit muß genauso geübt und erlernt und erwogen werden, wie die Anstrengung im Leben und Beruf, das nötige Fachwissen zu erwerben.
Die Mitte zwischen Übermut und Demut ist einfach Mut und Tapferkeit.
Tapferkeit und Mut sind im Alltag jedes Menschen gefragt. Das Gegenteil von Tapferkeit ist Feigheit, Risikoscheu, sich Heraushalten, wenn es schwierig wird.
Kleinmut. Wer tapfer und mutig ist, hat eine eigene Meinung, vertritt sie gelegen oder ungelegen, kann zuhören, nimmt um höherer Werte willen auch Nachteile in Kauf, er bleibt nicht unbeteiligt bei fremder Not, er sieht sie und übersieht sie nicht. Er hat ein "hörendes Herz" und "sieht mit dem Herzen gut".
So ist er durch Gottes Barmherzigkeit selbst barmherzig und gibt ein Beispiel für viele.


Wochenkommentar - Erwin Teufel

4.3.2006

"Arm ist der, dem niemand zuhört"

Die beste Definition von Armut habe ich vor Jahren bei dem französischen Arbeiterpriester Jaques Löw gelesen. Er sagt: "Arm ist der, dem niemand zuhört."
Natürlich sind über eine Milliarde Menschen auf der Erde arm, weil sie nach der Statistik der Weltbank pro Tag weniger als einen Dollar für ihre existen-tiellen Grundbedürfnisse zur Verfügung haben. Ihnen gilt zuerst unsere Sorge.
Aber auch in den entwickelten Industriestaaten, in denen die Menschen in der Regel ein Grundeinkommen aus Arbeit oder staatlicher sozialer Hilfe haben, gibt es Armut. Sie ist anderer Art, wie die Aussage von Jacques Löw zeigt, aber sie ist nicht weniger existentiell.
In unseren Großstädten sind mehr als die Hälfte der Haushalte Ein-Personen-Haushalte. Viele dieser Menschen sind einsam. Sie haben keinen Mitmen-schen, dem sie sich anvertrauen können, keinen ständigen Gesprächs-partner, mit dem sie sich austauschen können. Sie werden nicht gebraucht und verlieren ihr Selbstwertgefühl.
Der Mensch ist auf Gemeinschaft hin angelegt. Er braucht Mitmenschen so notwendig wie das tägliche Brot. Er will seine Lebens- und Berufserfahrung, seine Talente und Begabungen einbringen in die Gemeinschaft. Er will Liebe schenken und Liebe erfahren.
Deshalb ist arm, wer niemanden hat, der ihm zuhört, und es ist reich, wer einen Menschen in der Nähe hat, den er ansprechen kann.
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen, es gehen uns leichter 50 Euro aus dem Geldbeutel für einen sozialen Zweck, der uns einleuchtet, als eine Stunde Zeit aus einem Tagesablauf vielfältiger Pflichten. Vielen Mitmenschen bei uns ist aber nicht mit 50 Euro geholfen, sondern nur mit einer Stunde unserer Zeit, mit persönlicher Zuwendung und der Bereitschaft zum Zuhören. "Herr gib mir ein hörendes Herz", heißt es in der Bibel.
Erfreulicherweise gibt es in unseren christlichen Gemeinden viele einzelne Christen, die sich ehrenamtlich engagieren und Mitmenschen zuwenden. Die Pflege guter Nachbarschaft, die Übernahme kleiner Dienstleistungen für einen älteren Mitbürger, der Krankenhausbesuch, die Hausaufgabenbetreuung von leistungsschwächeren Kindern und Ausländerkindern, der Besuch im Alters-heim, einem körperlich Behinderten helfen und einen geistig Behinderten als Mensch ernst nehmen, die Betreuung von Sterbenden, oder ganz einfach die Geduld zum Zuhören: "Zuhören ist die Hochform der Zärtlichkeit", sagte mir ein oberschwäbischer Pfarrer.


Franz Küberl, Caritas-Österreich - Wochenkommentar

25. 2.2006

Radio Vatikan 4: Es kommen nicht Arbeitskräfte, sondern Menschen

Der Besuch des Multi-Kulti-Balles in Graz hat mir kürzlich viel Spaß gemacht: Da tummelten sich Menschen in langen Abendkleidern, eleganten Anzügen ebenso wie in indischen Saris, oder afrikanischen Trachten. Die Speisen rochen und schmeckten nach der großen, weiten Welt. Ein buntes, leb-haftes und lebens-frohes Bild. Kein Mensch wäre da auf die Idee gekommen, im "Anderen" , in der Andersartigkeit eine Bedrohung zu sehen…. Es war einefunktionierende Multi-Kulti-Gesellschaft, die sich hier auf dem Tanzparkett, in den Gängen und Hörsälen der Grazer Universität bewegte. Warum? Wohl weil jeder und jede bei einem solchen Ereignis das Beste von sich mitbringt und einbringt. Wäre das nicht auch ein Zugang, von dem wir für das Miteinander und die Integration im Alltag lernen könnten?
Die Realität sieht freilich anders aus:Die heimische Integrationspolitik -und das gilt wohl auch für Europa- ist phänomenal steckengeblieben.
Laute, schrille, Angst machende Töne prägen oftmals die politische Diskussion und schüren die Ängste und damit die Ausgrenzung der Zugewanderten, durch jene Einheimische, die sich selbst ausgegrenzt fühlen. Oder es werdenMenschen zu Wirtschafts- und Kostenfaktoren degradiert.Dort, wo nicht gepoltert wird, wird geschwiegen: Über Berührungsängste, Probleme, aber auch Hoffnungen und Chancen, einander gegenseitig zu bereichern.
Einen offenen, unhämischen und unzynischen Ton in Migrationsfragen vermisse ich meist schmerzlich.
Was hier in den Diskussionen über Quoten, Familiennachzug und Arbeitsmarktverträglichkeit oft vergessen wird: Auch wenn politische Entscheidungsträger "nur" über Arbeitskräfte diskutieren, es kommen immer Menschen, die Gefühle, Bedürfnisse und Lebensziele haben, wie sie jeder von uns in seinem Leben zu verwirklichen sucht. Ebenso wäre es klug, wenn man bei Zuwanderern sehen würde, welches Kapital, welche Talente, welche Fähigkeiten Österreich für seine Zukunft hier hereinbekommt. (Alleine die Situation, dass in einem Land, dessen Bürger meist nur die Muttersprache beherrschen, einige Hunderttausend Menschen eine 2. Sprache sprechen – ist in Wirklichkeit ein Zugewinn großen Ausmaßes. Dass man das Lernen der Sprache im Aufnahmeland gezielt fördern und verbessern und gleichzeitig aber auch mit deranderen Muttersprachen pfleglich umgehen muss, wäre eine logische Folge.)
Zuwanderer bringen ja auch Farbe und eine Prise Zukunft in unsere Gesellschaften, denen selbst die Kinder abhanden kommen und denenÜberalterung droht.
Statt Ausgrenzung wären Formen intelligenter Zuwanderungspolitik gefragt. Und intelligente Zuwanderungspolitik beginnt eigentlich schon in den Herkunftsländern: Dort, wo etwa potenzielle Auswanderer über Chancen, aber auch mögliche Schwierigkeiten in Österreich informiert werden. Dort, wo etwa auf rechtliche Gegebenheiten schon im Vorfeld hingewiesen wird und illusorischen Vorstellungen der Wind aus den Segeln genommen wird. Dort, wo man deswegen seine Muttersprache perfektioniert und vielleicht die ersten Brocken deutscher Sprache lernt.
Integration funktioniert durch geeignete rechtliche Rahmenbedingungen und über konkrete Menschen. Durch Nachbarn und Arbeitskollegen, durch Beamte und Politiker, die Gleichberechtigung und Einbindung auf den verschiedensten Ebenen herstellen. Echtes"Miteinander" entsteht durch immer einen Austausch zwischen Einheimischen und Zuwanderern: einem Austausch von Werten, von Wissen, von Erfahrung.
Integration hängt aber auch von den Zuwandererinnen und Zuwanderern ab, die ihrerseits bereit sind, Spielregeln ihrer Aufnahmegesellschaft zu akzeptieren. Die Einhaltung der Menschenrechte, etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau, des Rechts auf die Unversehrtheit des eigenen Körper,sind wohl die Basis für ein Wertesystem, das nicht in Frage gestellt werden darf. Werte, die unsere Integrationspolitiker auch einfordern und schützen müssen.
Wann aber ist Integration gelungen?Wenn aus den ehemals Zugewanderten gleich viele Maturanten, Millionäre, Priester, Rechtsanwälte, Olympiasieger, PolitikerInnen entwachsen, wie es der Größenordnung am Bevölkerungsanteil entspricht.
Vielleicht sind wir Zeugen eines großen geschichtlichen Umbruches. Denn aufgrund des Zusammenwachsens der Welt könnte es in einigen Jahrzehnten keine Unterscheidung zwischen Einheimischen und Fremden mehr geben. Dann wären die Menschen wohl nicht nur vor Gott gleich, sondern wir wären dem Ziel, dass die Menschen vor den Menschen gleich sind, ein Stück näher gekommen.

Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich,im Februar 2006


Franz Küberl, Caritas-Österreich - Wochenkommentar

18.2.2006

Hunger als weltweite Katastrophe

Dieser Tage erreichen uns wieder erschütternde Bilder: in Kenia droht eine Hungerkatastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes.
Ja, es isteine gespaltene Welt. Die einen leben im Überfluss und die anderen müssen ums überleben kämpfen und zusehen, wie ihr Kinder verhungern.
Es ist unverzeihlich, dass es unserer heutigen Welt nicht gelingt, diesen Katastrophen Einhalt zu gebieten.Es ist eine große Schande, dass es nach wie vor nicht gelingt, die Güter dieser Welt gerechter und menschlicher zu verteilen. Und es ist schwer auszuhalten, sich angesichts dieser Bilder ohnmächtig zu fühlen. Müssen wir das?
Zunächst sei festgehalten: Es gibt berechtigte große Erwartungen der Armen an die Reichen. Und wir dürfen uns keiner Illusion hingeben. Wenn es uns, wenn es den Reichen in der Weltgemeinschaft nicht gelingt, den Hunger und die große Not auf der Welt nachhaltig zu bezwingen, werden die entsetzlichen Folgen uns eines Tages einholen. Es gibt keine Alternative als zu helfen. Die Nächstenliebe ist Teil unseres Glaubensbekenntnisses. Und daher ein Anspruch an unsere Humanität, Menschen in Not nicht alleine zu lassen Auf der anderen Seite müssen wir auch unserer Kinder und Kindeskinder wegen helfen, weil es eben keinen ungestörten Fruchtgenuss des Reichtums gibt, weil wir deren Lebensperspektive in der Zukunft massiv beschneiden, wenn wir den armen Menschen heute nicht wirksam helfen. Das was wir heute nicht tun, wird unsere Enkel und Urenkel morgen und übermorgen doppelt beschäftigen.
Es ist eine unbedingte Aufgabe jeder Politik, den Reichtum eines Landes – seien es Ölreserven, Ländereien oder Güter sinnvoll und gerecht zu verteilen. Die ungerechte Verteilung des Reichtums macht auch nicht Halt vor reich gewordenen Entwicklungsländern. Die internationale Wirtschaft, die Demokratien, die Internationalen Organisationen, die Kirchen und die NGO´s müssen mithelfen, dass in den armen Ländern dieser Welt alles für eine gerechtere Verteilung der Ressourcen unternommen wird. In der Bekämpfung von Korruption und Misswirtschaft, in der Anerkennung der Menschrechte und Grundfreiheiten müssen wir alle besser werden. Gerade in den von Gewalt, Unterdrückung und Armut gebeutelten Entwicklungsländern.
Eine Botschaft ist wichtig: Man kann sich vom Hunger befreien. Gerade Europa verfügt diesbezüglich über reichhaltige Erfahrungen. Im Verlauf der Geschichte und erst recht 1945 und in den Jahren danach herrschte in unserem Land bittere Not. Hunger, Wohnungslosigkeit und Arbeitslosigkeit waren Teil der Normalität des Alltags, Armut ein Massenphänomen. Durch eigene Anstrengung aber auch durch die große und kluge Hilfe anderer Länder ist es gelungen, ein vollkommen anderes Land aufzubauen. Das was bei uns bewirkt wurde und was sich bei uns und in anderen europäischen Ländern ereignet hat, müssen wir an andere weiter geben.
Denn Entwicklung ist möglich und machbar.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Global Marshall Plan hinweisen. Eine mittlerweile europaweite Plattform zur Realisierung einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft. Es geht u.a.darum, Mittel zur Umsetzung der Milleniumsziele aufzustellen und es geht um strukturelle Maßnahmen, die den sinnvollen und gezielten Einsatz dieser Mittel im Sinne der Menschen sicher stellen sollen.Zu den sehr konkreten Vorschlägen gehören zum Beispieldie Einführung einer Abgabe auf globale Finanztransaktionen sowie einer Terra Abgabe auf den Welthandel. Der Global Marschall Plan verlangt daher die Etablierung eines besseren Ordnungsrahmens der Weltökonomie zur Realisierung einer weltweiten ökosozialen Marktwirtschaft, zum Beispiel eine wesentlich bessere und intensivere Verknüpfung etablierter Regelwerke und vereinbarter Standards für Wirtschaft, Umwelt und Soziales. Eine große Aufgabe: für die Politik, für die Wirtschaft, für die Kirche, für uns Einzelne.
Johannes Paul II hat in seiner letzten Friedensbotschaft zum Jahreswechsel 2004/2005 auf die enge Verknüpfung zwischen dem Gut des Friedens und der Entwicklung der Völker hingewiesen und dabei gemeint, das es unerlässlich ist, den ethischen Auflagen der Nutzung der Güter der Erde Rechnung zu tragen. Und weiter "Die Zugehörigkeit zur Menschheitsfamilie verleiht jedem Menschen eine Art Weltbürgerschaft, die ihn zum Träger von Rechten und Pflichten mache, da die Menschen durch eine gemeinsame Herkunft und eine gemeinsame letzte Bestimmung verbunden sind.
Es gibt Stimmen, die da meinen, dass sozialer Einsatz angesichts der unendlichen Not und Missstände eine vergebene Liebesmüh wäre, eben ein Tropfen auf den heißen Stein. Das sind Argumente, die Ihnen nicht fremd sein werden. Dazu gibt es für mich aber eine ganz klare Erwiderung.
Dom Helder Camara, früherer brasilianischer Erzbischof, ein Bruder der Armen, wie ihn Papst Johannes Paul II einmal bezeichnete, sagte einmal: "Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum.Wenn Menschen gemeinsam träumen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit..." In Anlehnung daran möchte ich meinen:"Wenn eine oder einer eine soziale Idee umsetzt, ist es nur ein Projekt. Wenn davon viele angesteckt werden, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit."

Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich,im Februar 2006


Franz Küberl, Caritas-Österreich - Wochenkommentar

11.2.2006

Für eine Kultur der Auseinandersetzung
Wie kann es gelingen, möglichst allen Menschen auf der Welt Zukunfts- und Lebenschancen zu öffnen? Wie kann es gelingen, Frieden, Wohlstand und Entwicklung auf der ganzen Welt zu verbreiten?
Die neue Enzyklika Deus Caritas Est von Papst Benedikt XVI liefert uns dazu viele Ansätze. Unter anderem stellt sie fest: Die gerechte Ordnung der Gesellschaft und des Staates ist zentraler Auftrag der Politik. Ein Staat, der nicht durch Gerechtigkeit definiert wäre, wäre nur eine große Räuberbande." Und dann heißt es später: "Es gibt aber auch keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte."
Und diesem Dienst der Liebe möchte ich meinen heutigen Beitrag widmen. Jeder einzelne von uns ist gefragt, im Rahmen seiner Wirkungsmöglichkeiten einen Beitrag zu leisten, sich auch politisch einzubringen und sich im Sinne der Nächstenliebe zu betätigen. Die Gesamtheit jener gesellschaftlichen Gruppen, die sich für Themen oder bestimmte Anliegen außerhalb des staatlichen oder privaten Bereichs einsetzen und engagieren, nennt man Zivilgesellschaft.
Die Caritas ist als Hilfsorganisation der katholischen Kirche ein weltweiter Akteur dieser Zivilgesellschaft. Die Antriebskraft der Caritas ist natürlichdas Christentum und der Auftrag, Jesus nachzufolgen und sich für die Vermenschlichung des Menschseins einzusetzen. Die Vorstellung von der menschlichen Verwundbarkeit und der Wunsch, menschliches Leiden so weit wie möglich zu verringern, sind zentrale Ziele. Johannes BaptistMetz prägte dafür das Wort von der leidempfindlichen Weltverantwortung der ChristInnen.
Die ausdrückliche Anweisung, den anderen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will, findet man übrigens in allen großenWeltreligionen. Auf dieser Basis müssen wir kulturell übergreifend an der Würde des Menschen festhalten. Dazu gehören die Menschenrechte und Menschenpflichten, die Demokratie und der Schutz von Menschen, die in besonderer Weise auf Hilfe angewiesen sind, sei es, weil sie krank sind, Not leiden, ausgegrenzt sind oder auch Kinder oder auf Pflege angewiesene alte Menschen. Ebenso mit eingeschlossenist das Know-How zur gewaltlosenKonfliktlösung.
Es istübrigens ebenfalls Ausdruck der Zivilgesellschaft, wenn sich Menschen gegen die Herabwürdigung von Glaubensstiftern zur Wehr setzen. Friedliche Demonstrationen zu diesem Zweck, wie es die Muslime in Europa gemacht haben, sind legitim. Der friedliche Protest, zum Beispiel auch durch Leserbriefe oder Kommentare, ist ihr gutes Recht, wenn sie der Meinung sind, dass in der Medienberichterstattung Grenzen journalistischer Ethik und verantwortlicher Berichterstattung überschritten worden sind.
Allerdings: Der massenhafte Protest in den islamischen Ländern, die gewaltsamen Ausschreitungen, die Aufforderung, Krieg zu führen, ein ganzes Volk ja einen Kontinent kollektiv zu beschuldigen, Einschränkung der Pressefreiheit zu verlangen, Antisemitismus und Hass zu predigen und Feindschaften zu erzeugen, hat mit zivilgesellschaftlichem Engagement nichts mehr zu tun.
Das ist nur damit zu erklären, dass hier Menschen für politische Zwecke instrumentalisiert werden, und dass eine ganze Religion von Extremisten in Geiselhaft genommen wird. Zudem wurden Karikaturen, die noch viel schlimmer als die Originalen sind, erfunden, um Aufregung und Hysterie buchstäblich zu erzeugen. Es werden Menschen massenhaft manipuliert, Aggressionen werden geschürt, Antisemitismus und Hass gepredigt und Feindschaften erzeugt.
Enorme negative Energien werden freigesetzt. Im Namen Allahs. Dieser künstlich erzeugteProtest hat nichts mehr mit zivilgesellschaftlichem Engagement zu tun sondern dient offenbar dazu, von großer Not vieler Millionen Mensche abzulenken bzw. aufgestaute Aggression zu entladen. Es sind Ersatzhandlungen und Scheingefechte, die hier geführt werden.
Wäre es nicht sinnvoller, diese Energien dahin gehend einzusetzen, der Not, ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, dem Analphabetismus und der Erniedrigung von Menschengruppen, insbesonderevon Frauen ein Ende zu setzen? Wäre es nicht viel mehr im Sinne der Menschen, Gewalt gegen Kinder und Frauen zu beenden und alles zu unternehmen, um den Frieden zu verbreiten ?
Und an die Adresse Europas gerichtet: Ist es nicht falsch, Provokation um der Provokation willen zu betreiben, und damit auf religiösen Gefühlen herum zu trampeln. Hat sich Europa so sehr in der Säkularisierung verloren, dass uns hier die Sensibilität und der Respekt vor den Glaubensgütern abhanden gekommen ist? 6. Wäre es nicht besser, voneinander zu lernen.?
So könnten die Christinnen und Christen von den Musliminnen undMuslimen lernen, das Heilige im Leben zu sehen, zu schützen und zu bewahren, so könnten die Muslime von den Christen lernen, eine Kultur der Auseinandersetzung mit den freien Medien und der darin auch zum Ausdruck gebrachten Kritik zu entwickeln. Moslems, Juden,Christen sind gleichermaßen gefordert, in der Zivilgesellschaft alles zu unternehmen, damit es möglichst allen Menschen auf unserer gemeinsamen Welt eines Tages besser ergeht.

Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich,im Februar 2006


Wochenkommentar: Franz Küberl, Caritas-Österreich

4.2. 2006

Nur ein soziales Europa ist ein Europa der Zukunft
Österreich hat zur Zeit den Ratsvorsitz in der EU über. Gestatten Sie mir vor diesem Hintergrund einige Bemerkungen zu Aufgaben der EU.
Der Weg von der Montanunion über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zum politischen Akteur der Europäischen Union ist ein Meisterwerk politischer Baukunst. Die Versöhnung in der Mitte Europas war zunächst rein wirtschaftlich motiviert und inspiriert. Und erst in einem zweiten Schritt, den Amsterdamer Verträgen, ist diese wirtschaftliche Gemeinschaft zu einer politischen Dimension ausgebaut worden. Jacques Delors hat dann mit seiner Forderung, das Europa eine Seele braucht eine dritte Dimension hinzugefügt. Und um diese Seele, um das europäische Wertesystem ringen wir ja noch ganz kräftig, denken Sie an die Diskussionen und die verlorenen Abstimmungen im Zusammenhang mit der EU-Verfassung. Aber das liegt auch an der Seele an und für sich – auch die menschliche Seele braucht fortwährende Prüfungen, um reifen zu können. Und es ist wichtig, dass sich die Menschen in Europa, aber auch die politischen Verantwortlichen diesem Reifungsprozess stellen. Aber das liegt auch an der Seele an und für sich – auch die menschliche Seele braucht fortwährende Prüfungen, um reifen zu können.
Es kommt aber eine für Millionen Menschen lebenswichtige Frage dazu: gelingt es der europäischen Staatengemeinschaft sich auch zu einer Sozialunion weiter zu entwickeln?
Die Tatsache, dass die EU eine Gemeinschaft der Nettozahler und Nettoempfänger ist, ist wesentlicher Beleg für die EU als Solidargemeinschaft. Das ist doch der Kern von Solidarität, dass jene, denen es besser geht mehr beitragen, damit jene, denen es nicht so gut geht, aufholen können. Diese Logik gilt eben für die Individuen und sozialen Sicherungssysteme genauso wie für eine Staatengemeinschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, zusammen zuwachsen und allen Bürgerinnen und Bürgern eine Lebensperspektive zu geben.
Und das auch angesichts einesinternationalen Wettbewerbs, der immer härter wird und die europäischen Sozialmodelle natürlich unter beachtlichen Druck setzen. Angesichts von 72 Millionen Menschen in Europa, die in Armut leben und angesichts enorm hoher und weiter steigender Arbeitslosigkeit (8,6%) darf die EU aber den Kopf nicht in den Sand stecken. Daher mein Appell an die politisch Verantwortlichen: Glaubt an den Europäischen Weg und geht ihn mutig! Ein funktionierender Wohlfahrtstaat und sozialer Friede sind von unschätzbarem Wert auch für den Wirtschaftstandort Europa. Gebt nicht klein bei sondern streicht die enormen Vorteile einer ökosozialen Marktwirtschaft heraus! Wir brauchen keine kurzfristigen Wettbewerbsvorteile sondern wir brauchen langfristige Strategien für Frieden, Gerechtigkeit und einen sozialen Ausgleich. Daher muss Wirtschaftswachstums immer im Zusammenhang mit der Verbesserung der Beschäftigungspolitik im Zusammenhang gesehen werden. Hier hat die EU massiven Handlungsbedarf. Es muss gelingen, schon jedes zehntel Prozent Wirtschaftswachstum in ein mehr an Arbeitsplätzen umzusetzen.
Denn Arbeit ist eine der wichtigsten Maßnahmen zur Verhinderung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Daher glaube ich, dass Europa durchaus als Modell genannt werden kann, um eine weltweite Entwicklung zu mehr Gerechtigkeit, zur Beseitigung der Not und zur Schaffung stabiler politischer Verhältnisse her halten könnte. Im weltweiten Kontext steht Europa für eine Politik der sozialen Verantwortung. Europa beginnt im eigenen Land, keine Frage. Nur Europa darf nicht an den Grenzen des eigenen Landes Halt machen. Europa als politische Union ist kein Selbstzweck, so nach dem Motto, wenn es uns durch Europa besser geht, dann hat sich Europa ausgezahlt, dann soll Europa halt sein, dann haben wir nichts gegen die EU. Dieser Zugang zu diesem historischen einmaligen Projekt ist egoistisch und falsch und gefährlich zu gleich. Der Ansatz muss daher eher die Frage sein, ob es durch Europa mehr Menschen in der Union besser geht, dann sind wir auf dem richtigen Weg.
In seiner Antrittsenzyklika gibt Papst Benedikt dem Staat unddamit der Politik einen ganz wichtigen Hinweis. Und natürlich nimmt der Papst damit die Politik in die Pflicht: Der Staat dürfe sich nicht bloß auf die Barmherzigkeit der BürgerInnen verlassen, da er sonst seinen Grundauftrag vernachlässige. Aufgabe des Staates sei es, für Gerechtigkeit zu sorgen, denn – Benedikt XVI verwendet hier ein Zitat von Augustinus -"ein Staat, der nicht durch Gerechtigkeit definiert wäre, wäre nur eine große Räuberbande". Diese Auffassungvon Staat ist natürlich auch richtungweisend für Staatengemeinschaften wie die EU.Der Papst gibt damit einen sehr wichtigenHinweis für die Notwendigkeit, die soziale Dimension des Friedens- und Wirtschaftsprojekts Europa zu stärken. Den Papst weiterdenkend meine ich, die Europäische Union wird eine Sozialunion sein, oder sie wird nicht sein.
Denn,nur ein soziales Europa das alle seine Menschen mit auf die Reise in die Zukunftnimmt, ist das, was es eigentlich sein soll: EinEuropa der Zukunft.

Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich,im Februar 2006


Kommentar der Woche:
Pater Eberhard von Gemmingen SJ

25.1.2006

Der Papst auf dem Prüfstand. So könnte man die Zeit bis zur Veröffentlichung dieser ersten Enzyklika nennen. Vor allem die Landsleute nördlich der Alpen saßen neun Monate auf der Lauer mit der Frage: wann wird sich der Panzerkardinal endlich in aller seiner Härte zeigen. Und nun mögen manche sagen: Jetzt nun spricht er nur von der Liebe. Ist da irgendetwas neu? Wussten wir das nicht alles längst?
Ich nenne nur zwei Akzente, die mir wichtig scheinen: Mann und Frau sind für einander geschaffen. Sie können einander eine Ahnung von Gott geben. Verderbt das nicht durch Sex und Erotik. Liebt einander, aber wachst in der Liebe, bleibt nicht pubertär, denn Gott will Euch als große Liebende. Denn Gott hat sein Volk Israel geliebt wie ein Bräutigam seine Braut, er liebt sein Volk auch heute. Gott ist eifersüchtig in seiner Liebe. Lassen wir uns von seiner Liebe umarmen und schenken der Welt diese Liebe. Sie braucht sie bitter. Denn es gibt zu viele Prediger des Hasses und zuviel Gewalt gegen den Hass.
Und das zweite: Die Kirche muss die Liebe Gottes durch ihre Liebestätigkeit in der Welt sichtbar machen. Denn auch wenn sich ein Staat noch so sehr um soziale Gerechtigkeit mühte, so bleiben doch immer Menschen am Wegrand liegen. Sie brauchen Arme, die sich ihnen zustrecken, Augen die sich ihnen zuwenden und ein Herz, das Anteil nimmt. Die Kirche gibt sich selber auf, wenn sie nicht mehr Barmherzigkeit übte. Caritas darf nie eine Technik werden, sie muss immer Zeugnis sein für die Liebe Gottes. Ich meine, dass diese Enzyklika in vorzüglicher Weise zeigt, dass es ein völliger Unsinn ist, immer zu fragen, ob diese Papst konservativ oder progressiv ist, ob er liberal ist oder streng. Diese Fragen waren immer dumm und werden es bleiben. Wir müssen heraus aus den falschen Fragen und dürfen die Zeitungen nicht lesen, die solche stellen. Vielleicht lernen ja auch Journalisten langsam und sei es vom Papst.


Kommentar der Woche von Klaus Töpfer, Executive Director

28. Januar 2005

 

Liebe Hörerinnen und Hörer!
Gestern habe ich die Rechnung für unsere Gasheizung erhalten. Was ich da als Preis und Kosten lesen musste, das war schon ein Schock. Auch bei jedem Tanken spüre ich es in meiner Geldbörse – der Ölpreis ist auf 67 US-Dollar pro Barrel angestiegen.
Besonders für die Menschen, die zum Beispiel auf dem Weg zum Arbeitsplatz auf ein Auto angewiesen sind, oder für diejenigen, die in schlecht isolierten Wohnungen leben, ist dies eine ganz erhebliche zusätzliche Belastung. Auch die besonders energieverbrauchenden Wirtschaftszweige, etwa die Chemie, spüren diese Kosten sehr bitter.
Aber: Diese stark gestiegenen Öl- und Energiepreise sind insbesondere für die Entwicklungsländer eine Katastrophe. Die Ölrechnung Afrikas ist so stark angestiegen, dass mehr als die gesamten Finanzmittel, die diese Länder im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit von den wohlhabenden Ländern erhalten, für die Erhöhung draufgeht.
Nichts bleibt netto übrig, für Wohnungen und Schulen, für Krankenstationen und Gesundheitsvorsorge, für Straßen-und Kläranlagen, für Arbeitsplätze und so viele andere Dinge, die diese Länder bitternötig brauchen.
Wir wissen: Der Durchbruch auf die Energiepreise wird in der Zukunft eher stärker als schwächer. Die Wirtschaft Chinas mit seinen 1,3 Milliarden Menschen wächst weiter jährlich um 5% – welch ein Energiehunger ist damit verbunden!Vergleichbares gilt für die 1,2 Milliarden Inder, gilt für alle wirtschaftlichen Schwellenländer weltweit.
Kein Wunder also: Die Sorge um die sichere Energieversorgung wächst. Krisen, wie gegenwärtig im Iran und in Nigeria lassen die Preise wie Seismografen beim Erdbeben ausschlagen. Die Klimaveränderung beschleunigt sich.
Was ist zu tun? Natürlich müssen und können wird alle Energie sparen. Die technischen Möglichkeiten für eine höhere Energieeffizienz müssen genutzt und drastisch vorangetrieben werden.
In den öffentlichen Nahverkehr muss ebenso massiv investiert werden, wie in die bessere Wärmedämmung der Häuser und Wohnungen. Zu Recht wird dies mittlerweile in Deutschland staatlich gefördert. Das schafft auch Arbeitsplätze.
Gleichzeitig: Sonne und Wind, Wasserkraft und Erdwärme, die Energie aus den Abfällen der Wohlstandsgesellschaften, vor allem aber auch auf den Feldern und in den Wäldern nachwachsende Biomasse, erweitern die Angebotspalette an Energie.
Diese erneuerbaren Energien machen uns von Öl unabhängiger, schaffen Arbeitsplätze, sind eine gezielte Hilfe für die Entwicklungsländer. Ihre dezentrale Verfügbarkeit macht sie geradezu im ländlichen Raum schnell nutzbar.
Warum nicht die Subventionen für die Landwirtschaft in den hochentwickelten Ländern deutlich senken – und damit in den Entwicklungsländern für ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse neue Chancen eröffnen –und stattdessen bei uns mit Förderung im ländlichen Raum mehr nachwachsende Energie- und Rohstoffe erzeugen. Natürlich naturschonend!
Meine Tankrechnung wird auch in Zukunft kaum wieder deutlich sinken, wenn ich nichts tue. Unsere Gasrechnung wird hoch bleiben. Also werde ich mich demnächst nach einem sparsameren Auto umsehen, werde alles tun, um meine Autofahrten zu vermindern und würde mich freuen, wenn verstärkt Bio-Diesel angeboten und erneuerbare Energien genutzt würden.


21. Januar 2005

Liebe Hörerinnen und Hörer!
Hühner, Gänse und Enten hatten im letzten Herbst eine schlechte Zeit. Nichts war’s mit dem Rumpicken und Rumlaufen im Garten oder im Hühnerhof, nichts mit dem Herumschwimmen auf dem Gänseteich. Offiziell wurde eine "Stallpflicht" verordnet.
Was war der Hintergrund? Die Zugvögel waren angesagt auf ihrem Weg aus Asien und dem Norden Europas in den Süden, in ihre Winterquartiere. Und mit diesem Federvieh verband und verbindet sich die Sorge, dass aus Asien die Erreger der Vogelgrippe, der Avian Influenza, eingeschleppt und auf die heimischen Tiere übertragen werden könnten. Mit großen wirtschaftlichen Konsequenzen und, noch schlimmer, mit der Besorgnis, dass von den Tieren der Virus auf den Menschen übertragen zu einer tödlichen Gefahr werden kann. Und wir wissen, dass diese Gefahr inzwischen in Asien, aber auch in der Türkei Menschenleben gekostet hat.
Eine Gefahr, die zu einer Horrorvision führen könnte, würde sich der Virus auch von Mensch zu Mensch übertragen.
Wie bei anderen solchen neuen Bedrohungen, von SARS bis BSE, werden immer mehr Menschen nachdenklich und fragen nach den Ursachen dieser neuen, von Tier auf den Menschen übertragenen Krankheiten. Immer stärker wird die Besorgnis, dass geradezu mit der industriellen Massenproduktion von Tieren, dass mit einer nicht mehr natürlichen Ernährung der Tiere und einer natürlichen Erzeugung von tierischen Lebensmitteln unabsehbare Gefahren für die menschliche Gesundheit ausgehen können – ganz abgesehen von unverantwortlichen, oft kriminellen Machenschaften bei der Verarbeitung von tierischen Lebensmitteln.
Sogar noch weiterreichende Besorgnisse verbinden sich mit der gezielten Veränderung von Genstrukturen an Nahrungsmitteln.
Es ist ganz selbstverständlich, dass angesichts der möglichen Konsequenzen, die durch die Übertragung von Krankheiten vom Tier auf den Menschen droht, alles getan werden muss, was kurzfristig Hilfe verspricht – also auch "Stallpflicht" für Geflügel und die Entwicklung geeigneter Impfstoffe.
Entscheidend wird jedoch sein, dass wir uns wieder verstärkt auf die ganz natürliche Erzeugung von Nahrungsmitteln aller Art und Ihre naturgerechte Produktionssteigerung ausrichten. Selbstverständlich gibt es größere Ansprüche an die Leistungen der Landwirtschaft, wenn jetzt 6, 3 Milliarden Menschen ernährt werden müssen - und jährlich 70 Millionen mehr. Aber wieviel kann eine bewusste Ernährung gerade in den hoch entwickelten Ländern dazu beitragen! Wieviel Möglichkeiten gibt es, endlich dem Skandal entgegenzutreten, dass täglich über 800 Millionen Menschen häufig hungrig ins Bett gehen, während andernorts die Fettleibigkeit gerade von Kindern größte Sorgen bereitet.
Wie ist dem Skandal zu begegnen, dass täglich 6000 Kinder daran sterben, dass sie keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben - nicht, weil es etwa an Wasser mangelt, sondern an Investitionen in die Wasserversorgung, in die Abwasserbeseitigung.
Wie ist der Tatsache entgegenzutreten, dass 2,4 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Sanitäreinrichtungen haben - welche drastischen Konsequenzen hat diese skandalöse Situation für die Würde besonders von Mädchen und Frauen?
Wie ist dem Skandal des Überfischens der Küsten und Weltmeere zu begegnen - mit Fischereiflotten, die zweieinhalbfach die Kapazität aufweisen, die mit einer nachhaltigen, die Bestände nicht gefährdende Befischung verbunden wäre -, wissend, dass über 1 Milliarde Menschen in den Entwicklungsländern den Fisch als unersetzliche Grundlage in ihrer Ernährung brauchen.
Wieder steht unsere Lebensweise im Mittelpunkt. Dort muss angesetzt werden! Nur so können die Gefährdungen für die menschliche Gesundheit wieder vermindert werden, so kann die Natur ihre Gaben den Menschen wieder schenken, so werden die Zugvögel weiter ihre atemberaubenden Entfernungen punktgenau bewältigen - und so werden unsere Hühner, Enten und Gänse wieder auf dem Hühnerhof frische Eier legen und sich auf dem Gänseteich für einen gesunden Braten für die Menschen vorbereiten.


14. Januar 2005

Liebe Hörerinnen und Hörer!
Auf dem Balkon meines Dienstsitzes in der Hauptstadt von Kenia, in Nairobi, in der Mitte Afrikas. Hier sitze ich und spreche zu Ihnen. Strahlender Sonnenschein, die Weite des afrikanischen Horizontes, ausgeblühte blaue Jaccarandablüten auf dem Boden, der Feuerbaum vor meinem Fenster leuchtet fast herausfordernd rot zu mir herüber.
Es ist Samstag. Wochenende. Ruhe. Ruhe im afrikanischen Hauptquartier der Vereinten Nationen in Nairobi. Friedliche, geradezu einschläfernde Atmosphäre. Aber das täuscht. Nur eine Autostunde entfernt – eine andere Welt, eine gnadenlose Tragödie.
Die Regenfälle sind in diesem Land und den anderen Ländern des Horn of Africa wieder einmal ausgeblieben. In einzelnen Regionen fiel bereits drei Jahre lang kein Regen. Erst verhungerten die Tiere; nur die Geier haben einen reich gedeckten Tisch.
Nun verhungern auch die Menschen, vor allen Dingen die Kinder. Sie verhungern und verdursten. Wieder ein Fall, der uns aufschreckt, der unsere Solidarität, unser Mitleid, unser Mitgefühl, unsere Mitmenschlichkeit herausfordert. Helfen will man, helfen kann man – ja muss man!
Darum bitte ich Sie, wohlwissend, dass diese Hilfe immer und immer wieder angesprochen und eingefordert wird.
Soforthilfe ist notwendig. Darüber hinaus jedoch ist alles daran zu setzen, dass die verursachenden Faktoren dieser Dürrekatastrophe erkannt und mit allem Nachdruck in Angriff genommen werden. Das gilt vor allem für die Verantwortlichen in den Regierungen, das fordert einen weitreichenden Wandel von Regierungshandeln und Regierungsplanen, ein sofortiges und kompromissloses Ende von Korruption.
Veränderung der Ursachen – das erfordert aber auch sofortige Veränderungen im Umgang mit der Natur. Werden Wälder abgeholzt, wird die Landnutzung verändert, sind die Folgen absehbar. Die Auswirkungen auf das regionale Klima sind weitreichend, Niederschläge werden immer seltener und sie werden in immer mehr Regionen nur noch zu Hochwasser-katastrophen – die Rückhaltekapazität der Natur fehlt und damit fehlt auch in den trockenen Jahreszeiten das Wasser. Wieder zeigt sich: Die Erhaltung der Schöpfung Gottes und der Weisheit, die in die Natur eingebunden ist, ist nicht ein Luxus, ist nicht emotionale, nostalgische Gefühlsduselei. Natur, Schöpfung - das ist die Grundlage für Leben, für Überleben – auch und gerade hier in Afrika! Dieser Kontinent Afrika, der besonders unter den Klimaveränderungen leidet - verursacht vor allem von den Menschen in den wohlhabenden Regionen dieser Welt – deren Konsumverhalten. Dieser Kontinent, der unter dem Fortschreiten der Wüsten, dem Verlust ackerbarer Böden ächzt und stöhnt.
Auch nächstes Jahr wird wieder der blaue Jaccrarandabaum blühen, wird der Feuerbaum erstrahlen, werden die Sykes-Äffchen wieder zum Protest der Vögel durch die Bäume vor meinem Balkon turnen. Nutzen wir die Zeit oder warten wir wird wieder nur ab - bis zur nächsten Katastrophe, zur nächsten menschlichen Tragödie.

7. Januar 2005

Liebe Hörerinnen und Hörer!
Vor 5 Monaten sind meine Frau und ich zum ersten Male Großeltern geworden. Die kleine Helene - ein wunderbares Geschenk für die Eltern, für unseren Sohn und unsere Schwiegertochter, aber auch eine helle Freude für Opa und Oma! Und mit diesem Enkelkind, mit Helene, gewinnt auch für mich die Zukunft sehr konkrete Dimensionen. Wenn dieses Kind so alt ist wie ich es jetzt mit meinen 67 Jahren bin - und Gott gebe, dass sie zumindest auch dieses Alter erleben wird –, dann schreibt man das Jahr 2072!
Blicke ich auf meine bisherige Lebenszeit zurück – von 1938 bis heute – welche Veränderungen! Bei meiner Geburt lebten 2,4 Milliarden Menschen auf dieser Erde – jetzt sind es 6,3 Milliarden!
Die gottgeschaffene Natur, ihre Leistungen für die Menschen - wir haben sie drastisch reduziert und rücksichtslos übernutzt; auf 60% ist diese Leistung gesunken. Schulden bei der Natur haben wir angehäuft - die von der Generation dieses Enkelkindes abgetragen werden müssen - schwerwiegender als alle Finanzschulden, die wir zu unserem heutigen Vorteil aufnehmen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind größer denn je - 25% der Weltbevölkerung nehmen über 70% der natürlichen Ressourcen für das in Anspruch, was wir "Wohlstand" nennen. Eine dramatische Kluft zwischen Arm und Reich - noch verstärkt dadurch, dass wir Kosten unseres Wohlstandes besinnungslos und verantwortungslos auf die Natur und die Ärmsten der Armen abwälzen.
Der Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre ist in den 67 Jahren meiner Lebenszeit drastisch angestiegen – Klimaveränderungen sind die Konsequenz – was könnte ich da meiner Enkeltochter Helene antworten, wenn sie mich fragen wird: Was hast Du dagegen unternommen? Und: Können die nächsten 67 Jahre weiter so verlaufen wie bisher?
Eine vergleichsweise kleine Veränderung von Gaslieferungen aus Russland in die Ukraine und nach Europa – dies bewirkte eine wesentlich intensivere Auseinandersetzung über die Energiepolitik, über die Verminderung unserer Abhängigkeit von den fossilen Energieträgern Kohle, Mineralöl und Gas, als alle klimabedingten Naturkatastrophen, als alle Dürren und Überschwemmungen, alle Hurricanes und das Abschmelzen des Polareises es je bewirkt haben.
Immer noch nicht fragen wir entschlossen genug nach einer Veränderung unseres Konsumverhaltens, unseres Wohlstandsmodells. Im Gegenteil: Immer einseitiger nehmen wir nur noch materielle Größen, nur noch den Dollar oder den Euro, nur noch das Wachstum des Sozialprodukts, als Erfolgsindikator. Nach den Kosten dieses Wachstums für die natürliche Umwelt, nach den Auswirkungen auf unsere geistigen und kulturellen Werte, wird nicht gefragt, darf nicht gefragt werden.
Und die Welt teilt sich weiter. 800 Millionen Menschen leiden Hunger - und gleichzeitig ist das Übergewicht unserer Kinder in den sogenannten hochentwickelten Ländern eine drängende Problematik.
In Genesis II lesen wir: "Der Herr setzte ihn, den Menschen, in den Garten Eden, auf das er ihn bebaue und bewahre" Meine Enkeltochter Helene und allen Kindern sollten wir keinen ausgebeuteten, keinen unfruchtbaren Garten Eden hinterlassen. Bebauen und bewahren – dass ist der Auftrag an uns – an einen jeden einzelnen Menschen – es ist die Herausforderung eines geschwisterlichen Miteinanders heute, für eine friedliche Zukunft morgen.

 






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