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Kommentar der Woche
1. Dezember 2007 - Jürg Krummenacher, Schweiz
Menschenwürdig sterben
Vor kurzem haben zwei Deutsche auf einem Parkplatz im Raum Zürich Suizid begangen. Geholfen hat ihnen dabei die Sterbehilfeorganisation „Dignitas“. Was ist von diesem organisierten Tod zu halten ?
Wenn es um die Frage eines menschenwürdigen Sterbens geht, gibt es keine einfachen Lösungen und Patentrezepte. Im Interesse der schwerkranken Menschen und ihren Angehörigen muss eine Diskussion geführt werden, die sich um eine ethische Grundorientierung und um Konsens bemüht. Dabei spielen die widersprüchlichen Erwartungshaltungen gegenüber der Medizin eine wichtige Rolle. Auf der einen Seite werden auf die Entwicklung der Medizin geradezu messianische Hoffnungen gesetzt, wie sich anhand der Transplantationsmedizin oder der genetischen Medizin feststellen lässt. Auf der anderen Seite wird in der Sterbe-Debatte die Angst sichtbar, der todkranke Mensch sei der Medizin als Objekt völlig ausgeliefert. Zunehmend an Gewicht gewonnen hat – zu Recht – auch der Grundsatz der Autonomie: Der Selbstbestimmung, aber auch der Selbstverantwortung wird heute sozial und rechtlich eine grosse Bedeutung beigemessen.
Ich wehre mich jedoch gegen eine Ideologie, die menschliches Leben nach seiner Leistungsfähigkeit und seiner (ökonomischen) Nützlichkeit beurteilt. Der Wert, die Würde und die Unantastbarkeit eines jeden Menschen, gerade auch des kranken, verletzten und behinderten Menschen, ist zu betonen. Lebensqualität kann der Mensch nicht bloss als aktives, sondern auch als leidendes Wesen erfahren. Dabei soll nicht bestritten werden, dass das Leiden von Menschen mitunter unerträgliche Ausmasse annehmen und kaum gelindert werden kann. Dennoch sind Krankheit, Sterben und Tod Teil des ganzen menschlichen Lebens. Dies ist eine Herausforderung und Verpflichtung, Leiden - dort, wo es möglich ist - zu verhindern oder zu lindern sowie den Betroffenen beizustehen und sie zu begleiten.
Die aktive Sterbehilfe aber lehne ich ab, weil sie das Sterben in den Bereich der Machbarkeit rückt und dadurch der gesellschaftlichen Tendenz zur Unterscheidung von wertem und unwertem Leben Vorschub leistet. Eine solche Unterscheidung kann zur Entsolidarisierung führen, weil der gesellschaftliche Druck auf unheilbar Kranke, Behinderte und alte Menschen wächst. Aus denselben Gründen lehne ich auch die Beihilfe zum Suizid durch Sterbehilfe-Organisationen ab.
Der Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen, die passive Sterbehilfe, ist jedoch unter bestimmten Bedingungen sinnvoll und notwendig. Immer mehr Menschen bekunden mit einer Patientenverfügung ihren Willen, bei aussichtsloser Prognose oder im Endstadium einer Krankheit auf alle lebensverlängernden Massnahmen zu verzichten. Gleichzeitig halten sie darin den Wunsch fest, dass nach den Regeln der palliativen Medizin, Pflege und Begleitung alles unternommen werden soll, um belastende Symptome wie Schmerzen oder Atemnot zu lindern. Caritas Schweiz war eine der ersten Organisationen, die eine Patientenverfügung herausgebracht hat und sich für die Förderung der palliativen Medizin einsetzt. Die palliative Medizin ist aus unserer Sicht die geeignetste Methode, um schwer- oder todkranken Menschen ihr Leben und Sterben auf eine menschenwürdige Weise erträglich zu machen.
24. November 2007 - Hansjörg Kucera, Bozen
Lob des Kompromisses
Ein kürzlich im „Corriere della Sera“ erschienenes Interview mit dem bekannten israelischen Schriftsteller Amos Oz gibt mir die Gelegenheit, noch einmal auf die Unerlässlichkeit von Kompromiss und Ausgleich im politischen Leben genauso wie im Alltagsleben zurückzukommen.
Je nach Sprache hat das Wort „Kompromiss“ eine etwas unterschiedliche Bedeutung. Im Deutschen hat dieses Wort nicht selten einen abwertenden Beigeschmack. Man spricht vom „faulen Kompromiss“ und vom „Kompromissler“ – und beides klingt nicht vertrauenerweckend.
Anders im Englischen. „To compromise“ ist für einen Engländer und Iren etwas Vernünftiges, Positives. Der Kompromiss löst demnach in gegenseitigem Einvernehmen einen Konflikt, indem er die gegensätzlichen Standpunkte ausgleicht.
Im Kommentar vom vergangenen Samstag nannte ich als Beispiele einer sinnvollen Konfliktlösung die Autonomieregelung in Südtirol und in Nordirland. Genauso sinnvoll – und auch notwendig - kann natürlich ein Kompromiss im individuellen Bereich oder in anderen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen sein. Also auch im kirchlichen Leben.
Die belgische Benediktinerabtei von Chevetogne begann 1995 damit, sich über die Zukunft Europas zu fragen: Was kennzeichnet uns Europäer? Wie werden wir uns integrieren, ohne unsere Identität zu verlieren? Und vor allem: Wie werden wir in Zukunft sein in diesem vielschichtigen und im Wandel begriffenen Kontinent?
Seit nun 12 Jahren trifft sich die sogenannte „Gruppe von Chevetogne“ regelmäßig in einer Benediktinerabtei zum Gedankenaustausch, dieses Mal im Kloster Muri Gries in Bozen. Es geht dabei immer auch – wie könnte es anders sein – um Ausgleich und Kompromiss.
Und damit komme ich – abschließend – noch einmal auf das eingangs erwähnte Interview mit Amos Oz zurück, aus dem ich zitiere.
„Leider haben“, so Oz wörtlich. „die jungen Leute, die Idealisten sind, wenig Verständnis für einen Ausgleich. Sie halten ihn für etwas Unehrenhaftes, Opportunistisches, für einen Mangel an Integrität. Mir hingegen bedeutet der Ausgleich Ko-Existenz, er birgt die Fähigkeit des Zusammenlebens in sich. Das gilt für zwei Menschen genauso wie für zwei Völker. Viele Menschen glauben, dass das Gegenteil zum Ausgleich die Integrität ist. Für mich hingegen ist das Gegenteil zum Ausgleich der Fanatismus und damit auch der Tod.“
Und weiters Amos Oz: „Alle Fanatiker sind davon besessen, die absolute Wahrheit zu kennen und sie allen anderen Menschen zu deren Wohl aufzwingen zu müssen. Aber auch ich habe eine absolute Wahrheit. Ich bin davon überzeugt, dass es immer etwas Böses ist, jemandem Schmerz zuzufügen. Wenn ich die zehn Gebote in ein einziges zusammenfassen müsste, würde ich sagen: `Tue nie jemandem einen Schmerz an.´“
Diesen Worten Amos Oz´ ist nichts mehr hinzuzufügen.
17. November 2007 - Hansjörg Kucera, Bozen
Südtirol und Nordirland
In Südtirol, wo ich geboren und aufgewachsen bin, erinnert man sich heute an ein politisches Ereignis zurück, das vor 50 Jahren weit über die Grenzen meines Heimatlandes Aufsehen erregte und eine Entwicklung einleitete, die heute überall dort, wo es um den Schutz von Sprachminderheiten geht, mit Interesse verfolgt wird.
Am 17. November 1957 protestierten 35.000 Südtiroler auf Schloss Sigmundskron bei Bozen in einer von ersten Bombenanschlägen bereits überschatteten und politisch höchst aufgeheizten Atmosphäre vehement gegen Rom, dem vorgeworfen wurde, den Pariser Vertrag aus dem Jahr 1946 nicht zu erfüllen.
In diesem Vertrag hatte sich Italien gegenüber den vier Siegermächten und Österreich verpflichtet, der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols – der die Selbstbestimmung und damit die Rückkehr zu Österreich verwehrt worden war - eine weitreichende Autonomie zu gewähren. Nichts von alledem geschah bis zum Jahr 1957. Nicht nur die Südtiroler selbst protestierten dagegen. Sogar der Vatikansender erinnerte damals in einemKommentar zum Südtirol-Konflikt Rom an die Verpflichtung, Verträge einzuhalten, und zwar pikanterweise mit einem Zitat aus der ersten Enzyklika von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1939, worin es unter anderem mit Blick auf die damalige drohende politische Weltlage wörtlich hieß: „Es besteht kein Zweifel, dass die unerlässliche Voraussetzung jedes friedlichen Zusammenlebens zwischen den Völkern gegenseitiges Vertrauen, Voraussicht und die Überzeugung der gegenseitigen Treue zum gegebenen Wort ist.“ Auf dieses Zitat griff der Vatikansender in seinem Kommentar zu Südtirol am 10. Februar 1957 zurück. Also ein in dieser Form eher ungewohnt deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl an die Adresse Roms. Doch es bedurfte noch vieler Jahre und mancher Irrungen und Wirrungen, bis Südtirol seine Autonomie und damit das bekam, was ihm 1946 hoch und heilig versprochen worden war. Möglich gemacht hatten es die Weitsicht kluger Politiker in Rom, Bozen, Innsbruck und Wien und die mehrheitliche Zustimmung der Bevölkerung zu einem tragfähigen Kompromiss.
Nach einem ähnlichen Muster ist nun auch ein weit größeres und wichtigeres Land in Europa befriedet worden: Nordirland. Dort haben sich nach Jahrzehnten blutiger Kämpfe die einst zutiefst verfeindeten Protestanten und Katholiken auf eine gemeinsame Regierung und damit auch auf ein Ende des Bürgerkriegs verständigt.
Der Lösungsansatz ist da wie dort der gleiche: Dublin und Wien verzichteten de facto auf ihre Forderung nach einer Rückgliederung von Nordirland beziehungsweise Südtirol, London und Rom gaben im Gegenzug einen erheblichen Teil ihrer Zentralgewalt an die lokalen Regierungen in Belfast beziehungsweise Bozen ab. Niemand musste sich über den Tisch gezogen fühlen, und als Folge davon sind ein sinnvolles Zusammenleben und wirtschaftlicher Wohlstand eingetreten.
In Kosovo ringt man in diesen Tagen um eine politisch vernünftige Lösung. Auch dort wird man erst dann einen entscheidenden Schritt weiterkommen, wenn beide Seiten bereit sind, Abstriche von ihren Maximalforderungen zu machen.
Leider warten immer noch viele Menschen auf dieser Welt, dass der von Fanatikern angerichtete Scherbenhaufen durch einen ehrenhaften Kompromiss weggeräumt wird.
3. November 2007 - Hansjörg Kucera, Bozen
Die Macht der Sprachen
Im nationalitäts- und sprachbewussten Frankreich ist jetzt Unerhörtes geschehen: die Regierung hat verfügt, im Börsengeschäft von Paris neben Französisch Englisch offiziell nicht nur zuzulassen, sondern sogar zu fördern. Pecunia non olet. Natürlich weiß Paris genau um die wirtschaftliche Bedeutung des Englischen im Kampf gegen die mächtigen Konkurrenten. Die Ironie will es, dass der jetzige Staatspräsident Nicolas Sarkozy kaum des Englischen mächtig ist, sein Vorgänger Jacques Chirac hingegen sich ein gutes Englisch durch sein Harvard-Studium aneignete. Es war aber Chirac, der noch vor einem Jahr bei einem Europa-Gipfel seinen Landsmann, den damaligen Präsidenten des Industriellenverbandes Ernest Antoine Seilliére, brüsk unterbrach, als dieser seine Rede auf englisch begann. Auf die Frage Chiracs, wieso er nicht seine Muttersprache verwende, antwortete Seilliére gleich entwaffnend wie unverblümt, weil Englisch die Sprache der Wirtschaft sei. Daraufhin verließen Chirac und seine beiden Minister aus Protest den Saal. Man weiß: Die Sprache ist eine scharfe Waffe im Kampf um politische und wirtschaftliche Einflussnahme. Belgien etwa führt es uns gerade jetzt – wieder einmal, möchte man fast sagen – auf drastische Weise vor. Seit den Parlamentswahlen im Juni wartet das Land vergeblich auf die Bildung einer Regierung und droht, am wallonisch-flämischen Sprachenkampf auseinanderzubrechen.
Nicht ohne Grund geht auch immer wieder einmal ein Gerangel um die offizielle Anerkennung einer Sprache in wichtigen internationalen Institutionen los. Doch kein Volk kämpft so hartnäckig um die Reinheit seiner Muttersprache wie die Franzosen, die immer noch ordinateur statt Computer sagen, telecharger statt downloaden, Fonds speculatifs statt Hegde funds, courriel statt e-mail. So lobenswert dieser Kampf gegen Sprachvermischung auch sein mag, es wird wohl immer mehr der sprichwörtliche Kampf gegen die Windmühlen werden. Anders gesagt: Jacques Chirac ist auf dem Rückzug, Ernest Antoine Seilliére auf der Siegerstraße.
Die Globalisierung nämlich, und eben auch die Bevölkerungsentwicklung, machen gerade auch vor den Sprachen nicht Halt. Frankreich ist es zwar mit Müh´und Not gelungen, seiner Sprache den Status einer offiziellen Verkehrssprache in der EU und den Vereinten Nationen weiterhin zu sichern. Doch ein Blick auf die tatsächliche Sprachenlage in der Welt macht unmissverständlich deutlich, wohin sich das Gewicht verschiebt beziehungsweise bereits verschoben hat. Neben Französisch sind die offiziell anerkannten Amtssprachen der UNO Englisch, Chinesisch, Arabisch, Spanisch und Russisch, also genau jene Sprachen, die – mit Ausnahme von Hindi – von den meisten Menschen auf der Welt gesprochen werden: Englisch und Mandarin-Chinesisch von je einer Milliarde, Spanisch von 450 Millionen, Russisch von 320 und Arabisch von 230 Millionen Menschen.
Dagegen nehmen sich die je 128 Millionen Menschen, die deutsch beziehungsweise französisch sprechen, schon recht bescheiden aus.
Übrigens haben sogar die Vereinigten Staaten von Amerika vor noch nicht allzu langer Zeit unter dem Druck der neuen Entwicklung mit einem Sprachentabu brechen müssen. Bislang galt es im amerikanischen Schulwesen als ehernes Gesetz, nur Englisch als Unterrichtssprache zuzulassen. Trotz oder gerade wegen des „Melting potts“. Unter der massiven Zuwanderung von Hispano-Amerikanern haben die USA inzwischen – zumindest im Schulwesen - kapituliert. Es gibt jetzt bereits viele Schulen in den USA mit spanischer Unterrichtssprache.
Mit ähnlichen Problemen, die sich aus dem Ansturm von Einwanderern ergeben, müssen sich die wirtschaftlich starken europäischen Staaten auch schon seit geraumer Zeit herumschlagen. Die Niederlande zum Beispiel haben jetzt – wohl unter dem Eindruck des Mordes am Regisseur Theo van Gogh – die Bremse gezogen und eine strenge Sprachprüfung als Voraussetzung für einen Daueraufenthalt eingeführt. Anders Italien: Innenminister Giuliano Amato besteht darauf, eine Sprachprüfung nur von jenen Einwanderern zu verlangen, die um die italienische Staatsbürgerschaft ansuchen. Das vergreisende Italien könne es sich nicht leisten, allzu viele Hemmschwellen für Einwanderungswillige aufzubauen, so die Begründung Amatos.
Die Sprachenfrage spielt also in der Globalisierung eine fundamentale Rolle. Bleibt nur noch nachzutragen, dass auch der Vatikan ein Lied von der Sprachentwicklung singen kann. Im Zweiten Vatikanischen Konzil war Latein noch die lingua franca, heute, nur 40 Jahre später, fristet es nur mehr ein eher kümmerliches Dasein.
Oktober 2007, Beitrag 1
Liebe Hörerinnen und Hörer,
für die meisten von uns hat das Wort Wahrheit eine positive Bedeutung. Doch ist sie auch verdient? Bei genauerer Reflexion offenbart sich das sehr gefährliche Potenzial der Wahrheit. Denn eine Wahrheit ohne Lüge kann nicht existieren. Daraus ergibt sich nahezu automatisch die Versuchung, einen anderen unmittelbar zum Lügner zu machen. Und wenn uns die Geschichte etwas gelernt hat, dann vor allem die Erkenntnis, dass die meisten und größten Tragödien der Menschheit aus der naiven und in der Folge furchtbar verheerenden Überzeugung resultierten, in dem Besitz einzig gültiger Wahrheit zu sein.
Damit möchte ich nicht sagen, dass der Begriff „Wahrheit“ abgeschafft werden soll. Im Gegenteil. Es ist nur wichtig, das Wort verantwortungsvoll zu benutzen und ständig im Auge zu behalten, dass die Wahrheit für verschiedene Menschen etwas anderes bedeutet und manchmal völlig andere Formen annimmt.
Mein eigener Lebensweg verläuft mitten durch die bewegende Geschichte Europas des Zwanzigsten Jahrhunderts. Das Leben in der Wahrheit, heißt für mich also zunächst die Verpflichtung zur Erinnerung. Und die Erinnerung wiederumverpflichtet uns alle zur Besinnung sowie zur Erziehung der neuen Generationen im Geiste der Menschenachtung, im entschlossenen Engagement gegen den Antisemitismus, gegen die Fremdenfeindlichkeit und negatives Pauschaldenken über den "Anderen". Die mutigen guten Taten, die es auch in schlimmsten Zeiten gab, die Ausnahmefälle und die Opferbereitschaft der einzelnen, müssen uns Vorbild bleiben. Denn wenn so etwas wie der Fluch der bösen Tat existiert, dann dürfen wir auch auf den Segen der guten Taten vertrauen und an diesem Segen durch unsere Haltung teilnehmen.
Kann ein Mensch von sich selbst behaupten, er habe in der Wahrheit gelebt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass wir verpflichtet sind, alles Mögliche zu tun, um sich den Kräften des Bösen, der Dummheit, der Aggressivität, der Gleichgültigkeit, des Hasseszu widersetzen. Auch der menschlichen Neigung zum Vergessen.Das alles – zusammen mit dem Willen zur Vergebung und Versöhnung – begleitete mich immer und ist zu meinem eigenen Verständnis des Lebens in der Wahrheit geworden.
Oktober 2007, Beitrag 2
Liebe Hörerinnen und Hörer,
der Mensch ist so konstruiert, dass er grundsätzlich aus der Erfahrung lernt bzw. lernen sollte: zunächst aus der eigenen, später auch aus den Erfahrungen anderer, darunter auch seiner Vorfahren. Seit es uns die kulturelle Entwicklung ermöglicht historische Geschehnisse festzuhalten und auf zeitübergreifende Weise den nächsten Generationen zu vererben, heißt es also: aus der Geschichte lernen. So ist bereits in den Büchern des Alten Testaments die Warnung Moses´ zu finden: „Denk an die Tage der Vorzeit, achte auf die Jahre der früheren Geschlechter”.
Diese Art der Lehre hat leider drei Schwächen. Erstens setzt sie generell die oft mangelnde Bereitschaft des Menschen, nützliche Schlussfolgerungen aus dem Geschehenen zu ziehen voraus. Zweitens übersieht sie unsere Neigung dazu, geschichtliche Ereignisse nach eigenen Bedürfnissen zu interpretieren und nicht selten im Dienst verschiedener ideologischen Ziele zu stellen. Und letztens werden wir von Zeit zu Zeit von Ereignissen ohne geschichtliche Präzedenz überrascht: von dem bislang Unerhörten und Undenkbaren, wobei wir nicht auf geschichtlich erprobte Lösungen zurückgreifen können, sondern den eigenen Weg suchen müssen.
Ich gehöre zu einer Generation, die alle drei Schwächen der geschichtlichen Lehre erleben musste. Einer Generation, die in ihren Jugendjahren zunächst mit dem undenkbaren Schrecken des Zweiten Weltkrieges konfrontiert wurde: mit der präzedenzlosen Verachtung, mit dem Völkermord von bislang nie da gewesenen Ausmaßen, mit bis dahin unvorstellbaren Abartungen der Menschlichen Seele. Später, in den Nachkriegsjahren wurden wir – insbesondere in den mittel- und osteuropäischen Ländern – Zeugen der planmäßigen Verfälschung der Geschichtsschreibung; der Verlogenheit und der Versuche gewisse „unerwünschte“ Ereignisse gemäß den ideologischen Richtlinien von den Geschichtsbüchern und von dem Bewusstsein der Menschen verschwinden zu lassen.
Und gerade deswegen halte ich es für unsere gemeinsame Aufgabe, die Erinnerung lebendig zu erhalten. Die Geschichte verpflichtet uns alle zur Besinnung und dazu, die neuen Generationen in Achtung vor der Würde des Menschen zu erziehen und sie zu ermutigen, entschlossen gegen jegliche Art von Vorurteilen einzuschreiten. Deshalb fühle ich mich weiterhin verpflichtet, Zeugnis abzulegen. Das ist mein persönliches Rezept für das Leben in der Wahrheit.
Oktober 2007, Beitrag 3
Liebe Hörerinnen und Hörer,
es nähert sich der Tag Allerheiligen. Millionen von Katholiken in Polen werden – wie jedes Jahr – die Gräber ihrer Nächsten besuchen, aber auch die Gräber, um die sich keiner mehr kümmert, um ebenfalls dort die Lichter anzuzünden. Um wenigstens einen Augenblick in der Reflexion über das Geheimnis von Leben und Tod zu verweilen.
Gerade vor wenigen Tagen, Mitte Oktober, erlebte ich in Nürnberg eine bewegende Andachtsfeier im Andenken an Menschen verschiedener Nationalitäten – darunter meine Landsleute, die Polen – überwiegend Katholiken, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind.
Herr Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg hat mich zur Teilnahme an der Einweihung im Stadtzentrum des Zwangsarbeitermahnmals „Transit“ eingeladen, wobei in der Einladung besonders hervorgehoben wurde: „Nürnberg war nicht nur die ‚Stadt der Reichsparteitage’ und der Rassengesetze: zwischen 1939 und 1945 lebten hier auch über 100.000 Menschen aus zahlreichen europäischen Ländern, die von den Nazis zur Zwangsarbeit nach Nürnberg verschleppt worden waren, darunter rund 12.000 polnische Staatsbürger.
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann jedoch den Blick nach vorn nicht ersetzen. Es kommt darauf an, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen und Antworten für die Zukunft zu finden. Die intensive Beschäftigung unserer Stadt mit dem Schicksal der vielen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter soll deshalb dazu beitragen, dass sich diese schrecklichen Geschehnisse nicht wiederholen.“
Auf dem Mahnmal steht geschrieben: „1939 – 1945 wurden Menschen ihrer Würde beraubt. Nürnberg, die Stadt des Friedens und der Menschenrechte, gedenkt das Leiden der ausländischen Arbeitskräfte, die während des Zweiten Weltkrieges hier in allen Bereichen der Wirtschaft eingesetzt waren, und bekennt sich zu dem Unrecht, das ihnen angetan wurde.“
In dem von Gebet begleiteten Treffen der Gäste aus Polen, Russland, der Ukraine, Bulgarien, Frankreich und den Niederlanden vereinigten sich Christen und Juden mit den deutschen Gastgebern – Katholiken und Ewangehlieken.
Und wen ich schon in wenigen Tagen die Gräber meiner Nächsten und die Gräber der Opfer des Krieges in Warschau, meiner Heimatstadt besuchen werde, so will ich mich an die schönen und bewegenden Augenblicke erinnern, die ich gemeinsam mit deutschen Christen in Nürnberg erlebt habe.
Pater Eberhard von Gemmingen - 25.08.2007
„Europaweit wird derzeit über den Bau von Moscheen und über die Höhe von Minaretten diskutiert. Man fragt sich: Wollen Politiker, die sich christlich nennen, die Religionsfreiheit einschränken und den Bau von Gebetsstätten verhindern? Was steht dahinter, und wie soll man sich verhalten?
Zunächst ein paar Fakten: Besonders heftig diskutiert wird derzeit über Moschee- und Minarettbau in London, Marseille, Sevilla und Köln, vor allem aber in der Schweiz. Hier sollen zwar Moscheen weiterhin erlaubt, Minarette aber ganz verboten werden. In London haben rund 300.000 Personen eine Petition gegen eine Super-Moschee für 12.000 Beter unterzeichnet. In Marseille wird über indirekte Finanzhilfen durch die Stadt zugunsten einer Mosche für die 200.000 Muslime diskutiert. In Köln geht es nur um die Höhe der Minarette. Was die Schweiz plant: Minarettverbot per Verfassungsänderung. Ein Fachmann meint, das wird in Europa Schule machen.
Meiner Ansicht nach widerspricht die Einschränkung von Baugenehmigungen an nichtchristliche Religionen an sich unserem Grundverständnis von Religionsfreiheit. Aber: In der konkreten kulturellen und politischen Situation muss Europa den Muslimen zeigen, was die Voraussetzungen für Religionsfreiheit sind. Der Islam muss die Gewissensfreiheit des Einzelnen, eine Religion zu wählen oder ihre Religion zu wechseln, anerkennen. Er muss Christen in mehrheitlich muslimischen Ländern den Bau von Gotteshäusern und religiöse Aktivitäten gestatten. Christen haben ein Recht, sich dort ohne Gefahr für Leib und Leben aufhalten zu können und den gleichen Schutz zu genießen wie Nichtchristen. Europa hat diese Prinzipien der Religionsfreiheit in mühseligen Kämpfen gelernt. Die Muslime müssen ebenso lernen. Lernen kann man durch gutes Beispiel und durch einen gewissen Druck. Dazu kommt leider das politische Gewicht von muslimischen Terroristen. Gemäßigte Muslime müssen die gewaltbereiten in die Schranken weisen. Toleranz gehört zwar zum Wertekanon in Europa - aber gegen Intoleranz muss man intolerant sein. Wir können und dürfen Moscheen zwar nicht verhindern. Denn auch das Gebet der Muslime ist für Christen ein Wert. Religionslosigkeit ist kein Wert an sich. Aber wir können durch Größenbegrenzungen und Minarettverbot den Muslimen zeigen: Solange sie sich nicht an die Prinzipien der Religionsfreiheit halten, sowie an die Regeln der Gastfreundschaft, können wir ihnen leider nicht d i e Freiheiten gewähren, die wir ihnen grundsätzlich gerne einräumen würden. Die Politik bietet selten Gelegenheit, Prinzipien zu zeigen. Dies ist eine Gelegenheit.“ (rv)
Pater Eberhard von Gemmingen - 18.08.2007
In dieser Woche hat die katholische Kirche rund um den Globus das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel gefeiert. Erstaunlich viele Länder Europas haben am 15.August sogar einen staatlichen Feiertag. Es sind Österreich, Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Polen, Portugal. In Deutschland gab es nur im Saarland und in Teilen Bayerns einen staatlichen Feiertag. Auch in der Schweiz hatten einige Kantone frei, ähnlich in Irland und Spanien. Voll gearbeitet wurde in Skandinavien, in den Niederlanden, in England, Russland, der Tschechische und der Slowakischen Republik und in Ungarn. Millionen Menschen konnten sich also eines freien Sommertages erfreuen. Ich vermute, dass die allermeisten von ihnen keine Ahnung hatten, worum es dabei ging, warum sie frei hatten.
Was soll man angesichts einer solchen Situation sagen: Sollte die Kirche aus Ehrlichkeit dem Staat vorschlagen, den Feiertag abzuschaffen – jedenfalls von Seiten der Kirche. Sollte der Staat vielleicht lieber das folgende Wochenende verlängern, sodass die Arbeit für drei aufeinander folgende Tage ruht? Das wäre rationaler. Oder den Feiertag ganz abschaffen, da die Jahresarbeitszeit ohnehin zu kurz ist. Sollte die katholische Kirche umgekehrt ihren Schäflein ins Gewissen reden und sagen: wenn ihr am 15.August nicht in die Messe kommt, begeht ihr eine schwere Sünde. Ihr riskiert die Hölle. Viele Kirchenkritiker meinen ja, die katholische Kirche sei unehrlich, denn sie beharre auf Rechten und Traditionen, obwohl sie wisse, dass das Fest längst ausgehöhlt sei, dass 90 Prozent aller Katholiken überhaupt nicht wüssten, worum es bei dem Fest überhaupt geht. Was soll die Kirche tun: Resignieren, das Fest aufgeben, für die Messe trommeln, ein schlechtes Gewissen einreden?
Das Fest Mariae Aufnahme in den Himmel ist nur ein spezieller Fall eines Problems. Die Kirche könnte ja dem Staat auch empfehlen: gib den Sonntag auf, denn kaum ein Getaufter weiß, dass es sich um den Tag der Auferstehung Christi handelt. Sie könnte dem Staat empfehlen: streichen wir Weihnachten, den ersten und den zweiten Feiertag, streichen wir den ersten und den zweiten Oster- und Pfingsttag. Denn nur ein Bruchteil der Getauften kommt zum Gottesdienst. Wenn die Kirche dies täte, würde sie ein Kulturgut aufgeben. Sie würde ein Weltkulturerbe streichen. Denn die kirchlichen, die christlichen Feiertage sind Weltkulturerbe. Kommunisten und andere Ideologien haben bereits vergeblich versucht, eine 10-Tagewoche einzuführen und religiöse Feiertage zu streichen. Wenn dies gelänge, würde die Weltkultur etwas verlieren. Der Mensch braucht Feiertage, Ruhetage, Besinnungstage – und zwar gemeinschaftliche, an denen man sich auf den Sinn des Lebens besinnt und an dem möglichst alle Räder still stehen. Und was machen wir mit tausenden von herrlichen Kirchen, die an die Aufnahme Mariens in den Himmel erinnern. Sollen wir sie abreißen? Was machen wir mit der neu erbauten Frauenkirche in Dresden. Machen wir einen Konzertsaal daraus und nennen sie König von Sachen-Dom? Nein, behalten wir christliches Kulturgut, und versuchen wir den Nachwachsenden zu sagen, was es bedeutet: Maria Aufnahme in den Himmel bedeutet: wir alle dürfen auf ein herrliches Leben nach dem Tode rechnen. Maria ist vorausgegangen. Hier zum Audio-File
Pater Eberhard von Gemmingen - 11.8.2007
Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen werden selbstverständlich im alltäglichen Umgang als Kirchen geachtet. Diese Entwarnung im Kirchenkampf kommt aus der Eidgenossenschaft, vom Chef der Schweizer Bischöfe Kurt Koch. Wohlgemerkt: Koch ist theologischer Profi und kein Weichspüler. Man hätte meiner Meinung nach die ganze Frage aus Rom pastoraler, sensibler und diplomatischer anpacken können und sollen. Rom ist manchmal ein wenig zu weit entfernt ist vom alltäglichen Kirchenleben. Damit das in Zukunft besser wird, darf man jetzt nicht schimpfen, sondern muss daran arbeiten.
Worum geht es eigentlich? Die Theologen der Reformation haben eine sehr unterschiedliche Vorstellung von Kirche als katholische Profis. Für sie ist die geschichtliche Verbindung zu Petrus zweitrangig, ähnlich die Gültigkeit von Sakramenten. Diese Differenzen sind altbekannt. Warum soll man sich streiten, wenn man weinend die Nicht-Identität wahrnimmt. Feststellen, dass man verschiedener Auffassung ist, bedeutet doch nicht Streit. Wir dürfen nicht das Bild von zankenden Christen machen. Damit schaden wir der Sache Jesu Christi. W e i n e n sollten wir gemeinsam, wenn wir unsere Nicht-Übereinstimmung feststellen. Selbstsichere Protestanten könnten der katholischen Kirche sogar einfach sagen: Euer Kirchenbegriff ist falsch. Wir haben den Richtigen. Dann muss man liebevoll diskutieren. Man wird weiterhin von getrennten Kirchen sprechen. Evangelische gehören nicht einer Sekte an, sondern einer Gemeinschaft, die für sie Kirche ist. Es ist ein anderer Typ von Kirche – wie Kardinal Kasper zu Recht sagt.
Vielleicht gelingt es der Glaubenskongregation in Zukunft, solche heiklen Fragen sensibler anzugehen. Vielleicht gelingt es auch evangelischen und katholischen Christen in Zukunft neu, das Verzeihen zu lernen. Es war von der Glaubenskongregation ungeschickt, die Frage so wie geschehen, anzupacken. Es war aber nicht böse Absicht, Streitsucht. Es bedeutet kein Ende der Ökumene. Die Erklärung der Glaubenskongregation war im Gegenteil der Versuch, in der Suche nach Kircheneinheit voranzukommen durch den Hinweis auf noch bestehende gravierende Unterschiede. Christen beider Konfessionen sollten in dieser Situation sagen: Wir bieten Vergebung und bitten um Vergebung.
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Pater Eberhard von Gemmingen - 4.8.2007
Die Konfrontation zwischen dem muslimischen Osten und dem früher einmal christlichen Westen wird verschärft. Denn Präsident George W. Bush verspricht Saudi Arabien, dem Golfkooperationsrat und Ägypten Waffen im Wert von rund 25 Milliarden Euro. Damit soll der Iran bedroht und in Schach gehalten werden. Er war schon einmal Schurkenstaat genannt worden.
Eigentlich sollte ein Radio-Vatikan-Kommentar sich nicht mit rein politischen Fragen befassen. Heute aber komme ich nicht darum herum, diese Fehlentscheidung zu kommentieren. Die Aufrüstung der einen Seite wird zur Aufrüstung der anderen führen. Iran und Präsident Achmadinedschad werden sich in ihrer anti-westlichen und antichristlichen Grundhaltung bestärkt fühlen.
Was im Allgemeinen weniger bekannt ist: Im Hintergrund dieses Konfliktes steht die Konfrontation zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen. Die Saudis unterstützen die Sunniten im Irak. Die Iraner helfen den Schiiten. Die Frankfurter Allgemeine spricht bereits von einem „schiitisch-sunnitischen Weltbürgerkrieg“. Und die Zeitung nennt die US-Militärhilfe an Saudi-Arabien eine „Unterstützung für den Saboteur“. Denn Saudi-Arabien sei zwar offiziell auf der Seite der USA, de facto verhindert das Land aber den friedlichen Aufbau des Irak. Viele der Selbstmordattentäter und der ausländischen Kämpfer gegen die US-Truppen im Irak stammen genau aus Saudi-Arabien. Andererseits aber sitzen in Saudi Arabien und auch in Ägypten Demokraten und Menschenrechtskämpfer in Gefängnissen.
Die Kampagne für Demokratie im Nahen Osten scheint also vergessen und gescheitert. Nach katholischer Auffassung sind dies alles Signale, die dem Frieden und der Gerechtigkeit nicht dienen. Immer mehr Muslime identifizieren die Christen schlechthin mit dem reichen, dekadenten, aggressiven und lügnerischen Westen. Die Christen in Nahen Osten, vor allem im Irak bekommen es sehr schmerzhaft zu spüren. Ich frage mich immer wieder, warum die hoch intellektuellen Präsidentenberater in Washington solche Entscheidungen treffen. Ist es weiterhin der Griff nach dem Öl, sind es die Waffengeschäfte? Ist es einfach Verblendung? Ausgleich und Frieden zwischen Ost und West ist sicher nicht leicht zu schaffen, aber die allerschlechtesten Entscheidungen müsste man allemal vermeiden. Die Kirche hat keine Patentrezepte und macht gottlob keine Politik, aber sie muss kritischer Beobachter sein und bleiben.
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Aldo Parmeggiani - 28.7.2007
Diesmal kam ein gewichtiges Wort von ganz oben: es war nicht das übliche Bürgerkomittee, nicht der übliche Oppositionspolitiker, auch nicht irgend ein bekannter Medienmann oder Meinunsgbildner, die da ihren Zorn und die Wut über die politische Kaste Italiens öffentlich kundtaten, nein, diesmal war es ein Kardinal. Ein wichtiger Kurienkardinal. Nämlich Renato Raffaele Martino, seines Zeichens Sozialminister des Vatikans, langjähriger ständiger Beobachter des Hl. Stuhls bei der UNO in New York, absoluter Gegner des US-Angriffs auf Bagdad, ein überzeugter Gegner der Todesstrafe - auch für Saddam Hussein, ein Befürworter der Einführung des islamischen Religionsunterrichts in den italienischen Volksschulen, ein Spezialist für Fragen der Menschenrechte und des Lebensschutzes, ein geschulter Vatikan-Diplomat, wie er im Buche steht, kurz um, eine Mann der Gerechtigkeit. Er war es, der in dieser Woche die Medienkeule schwang und sie unverhohlen gegen die Politiker, aber gleichzeitig auch gegen seine eigenen Landsleute, die Süditaliener niederschmetterte. Was war geschehen?
Der Kardinal war mit seinem PKW auf der Autobahn A3 unterwegs, jene Autobahn, die von Salerno, der Geburtsstadt Martinos, nach Reggio Calabria führt. Die wichtigste und einzige Verkehrsader des italienischen Südens. Für die rund 200 Kilometer lange Strecke war der Kirchenvertreter, und alle anderen - die Vielzahl von Familien mit ihren Kindern auf Ferienreise sowie der gesamte Reise- Berufs- und Warenverkehr des Tages - mehr als fünf Stunden lang unterwegs. Im Schneckentempo von dreißig Stundenkilometern, unter der sengenden Hitze im unerträglichen Stau. Der Grund? Eine ununterbrochene Vielzahl von Baustellen säumen links und rechts diese verkehrsreichste Asphaltbahn Kalabriens. Seit eh und je. Wer sind da die Verantwortlichen, wenn nicht die Politiker selbst? Die meisten von ihnen, die notfalls in ihren gekühlten Luxusmaschinen mit Blaulicht und Chauffeur auf der Notspur überholen dürfen oder diese Strecke kurzerhand im Flugzeug bewältigen können , wissen nichts, von den oft menschenunwürdigen Reisebedingungen des Normalbürgers, gar nichts. Das erzeugt Frust und Aggresivität, das hat etwas mit Menschenwürde zu tun. Der Kardinal geht noch weiter und vergleicht den Abschnitt der A3 mit einer 'Via Crucis' – einem Kreuzweg. 'Ihr müßt euch endlich wehren, mahnt der hohe Kirchenvertreter, und richtet heiße, rebellierende Worte an seine Landsleute. 'Seid ich ein Kind bin, wird an dieser Autobahn gebaut und sie ist immer noch nicht fertig. Das kann nur Schuld der Mafia und derjengen sein, die für ihr Weiter-Bestehen verantwortlich sind'. Klärende Worte: Endlich spricht sie ein Vertreter jener Institution offen aus, die nicht in dem Verdacht steht, aus politischen oder anderen Gründen, lediglich Zweckpessimismus zu manifestieren. Wird der heilige Zorn des Kardinals Früchte tragen? Wird die A3 einmal zu einer baustellenfreien, normalen Autobahn werden? Die Frage ist schon beantwortet: Nein, denn wenn ja, wäre Italien nicht Italien, der Süden nicht der Süden und die Mafia nicht die Mafia.
Aldo Parmeggiani
Pater Eberhard von Gemmingen - 14.7.2007
P. Gemmingen kommentiert „Motu Proprio“
Sturm aus dem Vatikan. Nach dem Motu proprio zur alten Messe, nach den Gerüchten über die Neuformulierung der Wandlungsworte kam nun auch noch der Paukenschlag, dass die evangelische Kirche gar keine Kirche sei. Für manche engagierten Christen schon ein bisschen viel in dieser schönen Sommerzeit. Was ist in den Vatikan gefahren? Ist Papst Benedikt nun doch wirklich der große Kirchenbremser, als den ihn seine Kritiker schon immer gesehen haben?
Es ist verständlich, wenn manche den Kopf schütteln wegen der Erklärung, dass die evangelische Kirche gar keine Kirche sei. Wenn man sich freilich etwas genauer auskennt, dann wird die Sache doch verständlicher.
Die deutsche evangelische Kirche will nämlich gar nicht das sein, was die katholische Kirche als Kirche versteht. Die Bischöfe der evangelischen Kirche verstehen sich nicht in dem Sinn als Nachfolger der Apostel, wie das die katholische Kirche von ihren Bischöfen bekennt. Für die evangelische Kirche ist die ununterbrochene Tradition bis zu den Aposteln relativ unwichtig. Wichtig ist ihr, dass das Evangelium recht verkündet wird. Für die evangelische Kirche sind Abendmahl und Taufe nicht Sakramente, wie sie von der katholischen Kirche verstanden werden. Für die evangelische Kirche ist Christus im Wort gegenwärtig und auch in der Feier des Abendmahles. Aber er ist nicht in der Weise gegenwärtig, wie ihn die katholische Kirche in der Kirche als solcher und vor allem in ihrem Amt gegenwärtig glaubt. Kurz - die evangelische Kirche hat ein anderes Selbstverständnis als die katholische. Sie legt darauf auch großen Wert. Bischof Wolfgang Huber spricht nicht zu Unrecht von der Profilierung der Kirchen. Kirche ist für ihn nicht einerlei. Er legt wert darauf, eine andere Auffassung von Kirche zu haben als die katholische Kirche. Genau das hat jetzt auch der Vatikan in Erinnerung gerufen und erklärt: Wir haben ein anderes Kirchenverständnis. Und nach dem katholischen Verständnis ist die evangelische Kirche keine Kirche – so wie wir Kirche verstehen. Die evangelische Kirche will sich auch gar nicht so als Kirche verstehen, wie sich die katholische Kirche versteht. Man kann den Katholiken vorwerfen, dass ihr Kirchenverständnis falsch ist. Ja – das geschieht in freundlicher Weise im ökumenischen Dialog. Aber es wäre falsch, wenn man die Unterschiede überkleistern und verdecken würde, denn dann kann man sie auch nicht heilen. Heilen kann man Wunden nur, wenn man die Wunde als Wunde erkennt und anerkennt. Daher sagte die katholische Kirche schon lange – nicht erst jetzt – die Kirchen der Reformation sind überhaupt keine Kirchen in dem Sinn wie wir - die Katholiken - Kirche immer schon verstehen. Die katholische Kirche sagt auch immer schon, dass auch in der evangelischen Kirche das Heil Jesu Christi vermittelt wird. Sie hat die gültige Taufe, sie bekennt Jesus Christus, sie verkündet seit Evangelium. Das alles ist gut und recht und wir möchten die Einheit. Aber wenn wir sagten, die evangelischen Kirchen – es gibt ja nicht nur eine, sondern viele Landeskirchen – sind Kirche, wie wir uns verstehen, dann würden wir ihnen und uns Sand Augen streuen, was wir nicht wollen.
Das alles ist schmerzlich. Aber Schmerzen sind bekanntlich dazu da, damit man die Verwundung wahrnimmt. Wenn es nicht wehtäte, würden wir uns um die Wunde nicht kümmern. Der Schmerz ist der Ausgangspunkt und Anfang der Heilung. (rv)
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Pater Eberhard von Gemmingen - 30.6.2007
Manche Katholiken werden sich in diesen Tagen aufregen oder wundern über die päpstliche Entscheidung, die tridentinische Liturgie wieder häufiger zu erlauben. Ich schlage vor, nicht viel Zeit für diese Diskussion zu verwenden. Viel wichtiger wäre, darüber zu reflektieren, warum überhaupt so wenige Getaufte sonntags zur Eucharistiefeier kommen. Wir sollten die päpstliche Entscheidung zum Anlass nehmen, allein und in Gemeinschaft darüber nachzudenken, was wir tun können, damit heutige Menschen wieder mehr Zugang finden zur Eucharistiefeier.Ich möchte Ihnen meine Ansicht dazu sagen. Dabei gehe von meinen derzeitigen Erlebnissen in Paris aus.
Ich erlebe hier in der französischen Hauptstadt sehr schöne und erhebende Gottesdienste. Sie scheinen mir innerlicher als manche Feiern in Deutschland. Ich habe den Eindruck, Messen in Deutschland erinnern manchmal zu sehr an Pflichtübungen, an Ordnung und Disziplin. Daran sind natürlich vor allem wir Pfarrer schuld. Wir feiern die Messe in der Regel korrekt, aber ich frage mich, ob ihr die Seele fehlt. Gerade Menschen, die nicht oft in die Kirche kommen, wünschen, dass man es den Agierenden ansieht, dass sie glauben, was sie tun und sagen, dass sie den Kontakt zuJesus Christus suchen. Man möchte sehen, dass der Zelebrant ein gläubiger oder wenigstens innerlicher Mensch ist. Man möchte auch sehen, dass Leser und Kommunionhelfer innerliche und gläubige Menschen sind. Wir brauchen uns nicht zu genieren, wenn wir fromm wirken. Sehen kann man den Glauben durch würdiges Sprechen, würdiges Gehen, würdige Kleidung, durch Verneigung, Kniebeuge, durch Pausen, durch Schweigen. Man möchte den Glauben schmecken, hören und sehen.
Ich sage sehr gerne, dass wir in Deutschland stolz sein können auf unsere guten Lieder, auf Chöre und Orgeln, auf viele Ministranten. Da sind wir Weltmeister und den meisten Ländern überlegen. Aber gerade weniger Gläubige wollen auch verkosten, dass wir eine Seele haben. Denn Gelegenheitschristen - nehmen wir ruhig unsere Kinder und Enkel -sind kritisch. Und wenn sie sich mal im Gottesdienst nicht so verhalten wie das alle tun, dann seien wir tolerant. Gelegenheitschristen wollen erfahren, dass Praktizierende das leben, was sie bekennen. Ich denke an Jesus, der sagte: Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer ist als die der Pharisäer, dann taugt ihr nichts. In einer ziemlich heidnischen Welt müssen Christen Jesus sichtbar machen und ihm ähnlicher sein als früher. Darum geht es, nicht um vor- oder nachkonziliare Liturgie. Vielleicht reizt uns nur der Versucher, über die tridentinische Liturgie zu diskutieren, damit wir das allein Notwendige nicht in den Blick nehmen. (rv)
Pater Eberhard von Gemmingen - 23.6.2007
Die meisten Bewohner Mitteleuropas kleiden sich schlecht, primitiv, unschön. Diese vielleicht etwas scharfe und ungewöhnliche These möchte ich heute mit Ihnen bedenken. Seit Jahren habe ich – wenn ich durch unsere Städte und Dörfer komme - den Eindruck, dass die allermeisten Menschen nicht schön herumlaufen. Man geht im Freizeitlook – und der ist eher schlampig, langweilig. Wenn ich nun daran denke, wie die Menschen etwa in Indien, in Japan, in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas versuchen, so schön wie möglich zu sein, so wundert es mich, warum wir reichen Europäer eigentlich so armselig ausschauen. Jahrelang liefen die Meisten sogar in düsteren Farben herum. Das ist in letzter Zeit ein wenig besser geworden. Man trägt wieder mehr bunt.
Nun ist die Frage der Kleidung ja eigentlich kein Thema für einen Priester und für einen Wochenkommentar von Radio Vatikan. Uns soll es ja um die unsterblichen Seelen der Menschen und ihr ewiges Heil gehen und nicht um die äußere Schönheit.
Die Frage bewegt mich dennoch, weil ich fürchte, die äußere Nachlässigkeit hat mit einer inneren Haltung zu tun. Ich fürchte, die äußere Stillosigkeit spiegelt innere Unordnung. Ich wäre froh, wenn ich damit Unrecht hätte.
Lassen Sie es mich noch ein wenig ausweiten. Wenn Menschen sich äußerlich schön machen, dann vermutet man dahinter Eitelkeit. Ich denke aber, dass das nicht ganz stimmt. Man macht sich auch schön, um anderen einen guten Anblick zu erlauben. Man macht sich schön, um sich in die Gesellschaft, in der man lebt, einzuordnen. Das sieht man an wohl gekleideten Bänkern, das sah man früher an der Trachtenkleidung. ‚Erinnern wir uns daran, dass vor allem Menschen aus ehemals kommunistischen Ländern sich etwa für die Fronleichnamsprozession in traditionelle Schale werfen. Wer sich schmuck anzieht, zeigt Stil. Fehlt uns das Gefühl für Stil, für Anstand, für äußere Umgangsformen? Und wenn ja: zeigt das, dass uns auch im Inneren Respekt, Hochachtung, Anstand, Ehrfurcht fehlen. Ich habe ein wenig den Verdacht. Das gilt nicht unbedingt für die einzelne Person, aber das gilt für die Gesellschaft als Ganze. Und wenn das alles stimmt, dann sollten wir darüber nachdenken, wie wir die Gesellschaft von innen her heilen können. Und ein letztes: Auch wenn ich mir die Teilnehmer an vielen Sonntagsgottesdiensten anschaue, dann denke ich: bitte zieht euch doch für den lieben Gott und die feiernde Gemeinde etwas sonntäglicher an. Wenn der Priester und die Ministranten gut aussehen, so darf das Volk Gottes nicht nachhinken. Besonders traurig ist es, wenn Lektorinnen oder Lektoren oder Kommunionhelfer aussehen als seien sie auf der Flucht. Wenn das Volk Gottes zusammenkommt und vor den Herrn tritt, sei es schön und schmuck.
Pater Eberhard von Gemmingen - 16.6.2007
Was würde der heilige Franz von Assisi engagierten Katholiken sagen, wenn sie ihn - mit dem Heiligen Vater in Assisi - besuchen würden. Da ich mich seit Monaten im deutschen Sprachraum aufhalte, habe ich so eine kleine Ahnung, was der Poverello von Assisi heute engagierten Katholiken flüstern würde. Ich meine, er würde sagen: kritisiert nicht so viel das, was andere ebenso engagierte Katholiken denken und tun. Ihr schwächt dadurch die Macht des Evangeliums in eurer Welt. Ich muss das erklären: Es ist ein bißchen wie weiland zur Zeit des Apostels Paulus in Korinth. Damals sagten die einen: wir gehören zu Apollos, andere meinten: wir gehören zu Petrus, wieder andere gehörten zu Paulus und andere schließlich meinten, zu Jesus Christus zu gehören. So sind heute eifrige Katholiken Parteigänger des Bischofs von Mainz, andere des Bischofs von Köln, die einen bekennen sich zu Donum vitae, andere verdammen diese Gruppe, die einen finden Benedikt ein Geschenk des Himmels, die anderen v
erweisen auf seine Grenzen. Die einen finden alles was aus Rom kommt Gold, andere sehen da auch ein bißchen Blech dabei. Das mag ja alles seine Richtigkeit haben. ABer was den Heiligne Franz kränkt, ist dies: vor lauter berechtigter Wünsche und Kritik geht die Sache Jesu Christi unter. Machen wir es konkreter: Manche finden, dass der Papst in Brasilien nicht ganz den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Franz von Assisi würde sagen: ja - da ist schon was Richtiges dran, aber wichtiger ist, dass er überhaupt Nägel eingeschlagen hat. Wenn der eine oder andere davon krumm war, was solls: Hauptsache, er hat überhaupt paar Nägel eingeschlagen. Gescheite Leute meinen auch: ein Papst sollte keine Bücher schreiben, denn damit vermischt er seine Amtsautorität mit seiner persönlichen Meinung. Schlimmer: er mißbraucht seine Amtsautorität für seine persönliche Meinung, denn sein Buch ist ja kein amtliches Lehrschreiben. Franz von Assisi würde mit dem Kopf wackeln und sagen: kann ja sein. A
ber da es das Buch nun schon gibt, würde ich vor der Welt keine Diskussion anfangen, ob Päpste so etwas machen sollen oder nicht, sondern würde versuchen, das Beste aus dem Buch zu machen.
Franz würde sich vielleicht zurücklehnen und nachdenklich sagen: Schaut mal, vor lauter berechtigtr Kritik und kritischer FRagen, überseht ihr die Punkte, in denen ihr alle übereinstimmt. Und weil ihr das ausdiskutiert, was diskutabel ist, hat man den Eindruck, alles laufe verkehrt. Jedenfalls haben die Menschen, die Jesus Christus kaum kennen, den Eindruck, dass sich die Christen nicht einig sind, dass sie immer diskutieren und streiten. Also - so würde Franz den hoch engagierten Katholiken ins Stammbuch schreiben: verbaut euch nicht selbst den Erfolg, verbaut nicht dem Evangelium den Erfolg. Seid nicht so dumm wie die Apostel Jesu. Die haben noch paar Stunden vor dem Tod des Meisters darüber diskutiert, wer der erste von ihnen ist. Die waren noch dümmer als ihr. Ihr diskutiert wenigstens über Sachfragen. ABer wenn Euch Jesus auf dem Weg zu Pilatus so hören würde, würde er sich umwenden und euch zum Weinen bringen. Lacht lieber über euch selbst und denkt an den kleinen simpl
en Mann von Assisi, der keine Theologie wollte und daher die Welt ein wenig ins Lot geschüttelt hat. Seid bitte nicht zu gescheit. Denn die Gescheiten hatten ihre Köpfe so weit im Himmel, dass sie nicht merkten, wie Jesus ihre Hilfe auf dem Weg nach Golgotha brauchte. Ihr wißt schon, was ich - der Poverello von Assisi - euch sagen will. Habts mit Jesus, dann gehts Euch gut. Pace e bene - aus Assisi.
Pater Eberhard von Gemmingen - 8.6.2007
Aller Augen blicken nach Heiligendamm. Aller Augen blicken auf den Globus, seine Erwärmung,seine Armut, seine Ungerechtigkeit.
Viele Menschen auf dem ganzen Erdenrund denken mit und fühlen sich ohnmächtig angesichts der Herausforderungen, der Probleme, der Nöte. Ist das Gefühl der Ohnmacht berechtigt? Kann man da nur noch beten oder muss man resignieren? Ich denke, es gibt ein Drittes – außer dem Gebet. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass auch ohnmächtige Menschen Geschichte gemacht haben. Gerade Ohnmächtige haben große Bewegungen ausgelöst. Erinnern Sie sich mit mir: Ob Buddha und Konfuzius menschlich-bürgerlich ohnmächtig waren, weiß ich nicht, auf jeden Fall haben sieGeschichte gemacht. Als Mose anfing, die Geschichte seines Volkes in die Hand zu nehmen, war er auf jeden Fall noch kein Mächtiger. Jesus von Nazareth war zweifellos politisch ohnmächtig. Und dann ein ganz grober Überblick über das Werden der großen europäischen Kultur. Drei Heilige haben an seiner Gestaltung wesentlich Anteil: Der Heilige Benedikt lehrte: nur wenn ihr arbeitet, gestaltet ihr die Welt. Der Heilige Franziskus von Assisi zeigte: wenn ihr die Armen nicht liebt, dann seid ihr inhuman, der Heilige Ignatius vonLoyola machte vor: Wenn ihr die Seele der Menschen erreicht, dann gestaltet ihr Geschichte und Kultur. An Europa-prägenden Frauen möchte ich nur nennen: die heilige Brigitta von Schweden, die heilige Teresa von Avila und die noch nicht heilige Mary Ward. Diese großen Christinnen und Christen hatten ebenso wenig politische Mittel wie wir. Und in unserer Zeit? Ohnmächtige haben unsere moderne Welt positiv mitgeprägt: in Asien Mahatma Gandhi und Mutter Theresa, in Amerika Rigorberta Menchu und Martin Luther King, in Afrika Nelson Mandela – im Gefängnis. Sie haben vor allem das Denken der Zeitgenossen beeinflusst. Auch Ohnmächtige können Geschichte und Politik machen. Wer von uns weiß, was Gott mit ihm oder ihr machen könnte, wenn wir uns ganz Gott überließen. Das ist ein Wort des Heiligen Ignatius von Loyola. Keiner von uns ist auch in einer globalisierten Welt ohnmächtig. Was wir freilich nicht dürfen, das ist, schlecht oder ganz uninformiert bleiben: Unsere heilige Pflicht ist es, uns so gründlich wie möglich zu informieren. Revolverblätter reichen nicht. Unsere Pflicht ist es, dort anzupacken, wo wir anpacken können. Unser Nächster ist nicht weit. Und wir leben ja in einer Gesellschaft, in der viele Menschen mehr Zeit haben als für sie gut ist. Und nach der Bibel können wir ja auch Berge versetzen.
Pater Eberhard von Gemmingen - 2.6.2007
In wenigen Tagen beginnt die große Konferenz der G-8-Staaten in Heiligendamm. Dabei geht es unter anderem um Globalisierung, um die Schaffung einer gerechten Weltordnung. Wirklich katholische Christen sind seit Jahrhunderten globalisiert. Sie spannen rund um den Globus ein Netz von Glauben, Hoffnung und Liebe. Selbstverständlich hat das Netz auch Löcher, durch die Dummheit, Egoismus und Angst eindringen. Aber es gibt dieses katholische Weltnetz rund um den Globus. Einer der größeren Schäden, die durch die Löcher ins Netz eindringen, sind Irrtümer und Dummheit. Daher schlage ich vor, jetzt einen Heiligen Damm gegen folgende Irrtümer aufzubauen:
Erstens: Die Meinung, ein Staat oder eine Welt ohne Religion sei humaner, friedlicher, weniger fanatisch. Diese Ansicht suggeriert diese Woche der „Spiegel“. Wer eine Ahnung hat von der humanisierenden Bedeutung der Religionen, kann nur lächeln. Schlimm allerdings ist der Missbrauch der Religion für politische Zwecke – wie beim Terrorismus oder früher bei den Kreuzzügen. Bauen wir einen Heiligen Damm gegen Verdummung.
Zweitens: die Ansicht, die Würde der Frau sei nur durch Verschleierung zu schützen. Fanatische Muslime fordern in diesen Tagen, dass auch Christinnen sich verschleiern. Wenn alle Männer Bestien wären, müssten man tatsächlich Frauen durch Schleier vor ihnen schützen. Gottlob ist die Zahl der männlichen Bestien aber begrenzt.
Drittens der Irrtum: Um einen modernen demokratischen Staat zu schaffen, müssten alle Bürger sich dem westlichen Liberalismus anschließen. Das meinen viele fromme Muslime im Irak, im Iran und vielen anderen Ländern. Bauen wir einen heiligen Damm gegen diese Irreführung.
Viertens der Irrtum, alle Religionen seien letztlich gleich. Es sei daher gleichgültig, welcher Religion man angehört. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Wer auch nur ein bisschen hinschaut, sieht was das Christentum weltweit an Caritas, Solidarität, Gerechtigkeit, Bildung und Kultur geschaffen hat. Das ist und war nicht immer so. Auch hat jede Religion bessere und schlechtere Zeiten und Seiten.
Aber es ist Volksverdummung, zu behaupten, alle Religionen seien letztlich gleich.
Und ein Irrtum mancher Katholiken: Wenn der Papst nur ein Machtwort spräche, dann würden viele Fehler in der katholischen Kirche überwunden. Irrtum. Der Papst ist nicht mächtiger als Jesus. Auch er musste mit den Irrtümern seiner Jünger leben. Sogar nach Pfingsten blieben sie in manchen von ihnen stecken.
Bauen wir heilige Dämme vor allem auch gegen Dummheit. Und zeigen wir denen in Heiligendamm, wie man mit Konflikten und Interessengegensätzen umgehen, und wie man aus Fehlern lernen kann. Katholische Christen sind seit Jahrhunderten globalisiert. Seien wir stolz darauf.
P. Eberhard v. Gemmingen SJ, München 1.6.2007
Wladislaw Bartoszewski - 30.3.2007
Europa und wir
50 Jahre Europäische Union - zu diesem Thema hat uns ein großer Europäer, nämlich der polnische Intellektuelle und Ex-Außenminister Wladislaw Bartoszewski gleich zwei Kommentare geschickt... die wir hier dokumentieren.
I
Der 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge verleit zu einer tieferen Reflexion – vor allem jemanden, der ein aktiver Zeuge des Zweiten Weltkrieges war und dazu noch von jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs stammt. Zu den Gründerväter des europäischen Integrationsprozesses zählten Menschen guten Willens und es lag ihnen besonders am Herzen, dem von Kriegstragödie verwüsteten Europa eine von Frieden uns Wohlstand gekennzeichnete Zukunft zu garantieren. Einige wichtige Überlegungen bleiben dennoch.
Zunächst eine Reflexion mit bezug auf die Geschichte: Die ersten dreißig Jahre der Integration verliefen im Schatten der Spaltung. Die Zone der ersehnten Stabilität, des Wohlstands und der Demokratie war lediglich auf ein Teil des Kontinents begrenzt. Deutschland wurde von unmenschlichen ideologischen und politischen Trennlinien durchzogen. Die Länder Mittel- und Osteuropas blieben unter sowjetischer Dominanz und wurden für Jahrzehnte von der Integration ausgeschlossen. Eine bittere und bis heute gültige Lektion.
Meine zweite Reflexion konzentriert sich auf der Wendezeit: nicht zuletzt dank der polnischen Bewegung „Solidarnosc“ haben die Bürger des „zweiten Teils“ Europas eigenhändig die Unabhängigkeit wiedererlangt. Dadurch wurde erst die Möglichkeit der gesamteuropäischen Annäherung realistisch. Die schließlich erfolgte Entscheidung von der Erweiterung der Europäischen Union, wage ich als einen der wichtigsten Meilensteine der Integration Europas überhaupt zu bezeichnen. Die Prophezeiung des großen Polen, Johannes Paul des II. hat sich erfüllt: Europa atmet heute mit zwei Lungen. Zugleich zerfiel das Sowjetische Imperium, wodurch sich auch für viele Völkergruppen der ehemaligen Sowjetunion bislang undenkbare Perspektiven eröffnet haben.
Die dritte und letzte Reflexion betrifft schließlich die Chancen. Der bisherige Verlauf des europäischen Integrationsprozesses ist eine Geschichte des Erfolgs. Doch nichts, auch der Erfolg, ist eins für alle Mal gegeben. Die Annäherung, Zusammenarbeit und Versöhnung müssen stets und unaufhaltsam angestrebt werden. Es ist daher wichtig die Effektivität des institutionalen Systems zu garantieren und dafür zu sorgen, dass die für künftiges Funktionieren der Union notwendigen Arbeiten rund um den Konstitutionsvertrag im Rahmen der deutschen Präsidentschaft erfolgreich abgeschlossen werden. Es ist auch wichtig den Binnenmarkt zu stärken, damit das europäische Sozialmodell tatsächlich wirken kann. Die Erfahrungen meines Landes sind hier eindeutig: man sollte nicht zögern sobald eine Chance besteht, die Zone der Stabilität, der Demokratie und des Wohlstands auszudehnen, denn die internationalen Relationen dulden kein politisches Vakuum. Letztendlich wäre noch die grenzübergreifende Solidarität zu erwähnen. Ein wohlständiges Europa muss im noch stärkeren Ausmaß zum Frieden und zur Demokratie in der Welt beitragen.
Es sind also bedeutende Herausforderungen, an die man anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge denken sollte. Und auf Polen und Deutschen ruht dabei eine ganz besondere Verantwortung. Denn ohne solide deutsch-polnische Verständigung wird auch die europäische Integration ein mangelhaftes Projekt bleiben. Der Besuch von Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel in Polen ist dabei ein optimistisches Anzeichen, dass die von mir erwähnte und wohl uns allen am Herzen liegende Verantwortung tatsächlich wahrgenommen wird.
II
In meinem letzten Beitrag habe ich mit Ihnen einige Reflexionen anlässlich des inzwischen vergangenen 50. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge geteilt. Dabei bin ich zu der eigentlich offensichtlichen und dennoch überraschend oft außer Acht gelassenen Schlussfolgerung gekommen, dass gerade wir – Polen und Deutsche – eine besonders ausgeprägte Verantwortung für das Gelingen des Projekts Europa tragen, dessen Erfolg ohne unseren guten Willen und ohne einfache Bereitschaft zur zwischenmenschlicher Verständigung zweifellsfrei in Frage gestellt wäre. Eine Verantwortung die vergleichbar ist mit der seinerzeit entscheidenden Fähigkeit zur deutsch – französischen Versöhnung, ohne die ein europäischer Integrationsprozess überhaupt nicht geboren wäre. Mit der politischen Wende 1989 und mit der Erweiterung der Europäischen Union hat sich die selbe Aufgabe an die Oder und Neisse verlagert und von ihrer Erfüllung hängt nun die heutige und künftige Gestalt des gemeinsamen europäischen Hauses ab.
Seit der Wendezeit schien es, als wären wir dieser Aufgabe vorbildlich gewachsen. Doch leider musste ich neuerlich die Richtigkeit meiner eigenen These erleben, wonach die Versöhnung und Verständigung ständig gepflegt werden müssen und ohne entsprechende Fürsorge, ohne auch nur minimale Anstrengung sehr schnell von kurzlebigen Interessenskonflikten überschattet werden.
Vor dem Hintergrund des angespannten Verhältnisses der letzten Monate, erscheint der neuerliche Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Polen als eine vorsichtige zwar, aber dennoch optimistische Ankündigung einer möglicherweise neuen Chance auf konstruktiven Dialog anstatt historisch bedingter Ressentiments, ängstlicher Skepsis, kritischer Haltung und unüberlegter Ansprüche. Ein Besuch der vielleicht keine bahnbrechenden Akzente setzte, wie die frühere Versöhnungsgeste von Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki von 1989, aber dennoch ein Anzeichen der zurückkehrenden Normalität zwischen Berlin und Warschau. Einer Normalität, die eigentlich längst selbstverständlich sein sollte. Denn Deutschland gehörte schon vor Jahren zu den Fürsprechen Polens auf dem Weg zur EU und damit zu den wichtigsten Architekten der Integration Europas. Einer Integration, die wiederum durch polnischen Beitrag erst ermöglicht wurde. Diesen Beitrag hat Frau Merkel mit einer persönlichen Note bei ihrer Rede an der Warschauer Universität erwähnt: „Ohne Ihre Freiheitsbewegung, ohne die Solidarność, wäre auch mein persönlicher Lebensweg anders gelaufen“. Genau wie vermutlich auch die Wiedervereinigung Deutschlands anders gelaufen wäre.
Dieses sich einander ergänzende Verhältnis zwischen Polen und Deutschland ist ein bester Beweis, dass sich ein Zusammenleben in Frieden und Kooperation zum gemeinsamen Nutzen auswirken kann. Gewisse Konflikte und Meinungsverschiedenheiten sind natürlich dabei vorprogrammiert – wie bei jeder partnerschaftlichen Beziehung – und überschwängliche Liebesklärungen dagegen nicht immer unbedingt notwendig. Was aber einen Grundstein unserer Zukunft bildet, ist eben die alltägliche, unscheinbare, oft unbemerkte Normalität des Neben- und Miteinanderseins. Eine Normalität die wir vielleicht öfter erleben und die wir endlich zu schätzen lernen.
Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling
Wochenkommentar Radio Vatikan - 21. Dezember 2006
Piergiorgio Welby
In Deutschland hat man von Piergiorgio Welby kaum Notiz genommen. Italien hat er in den letzten Monaten in helle Aufregung versetzt. Jetzt ist er gestorben. Der wegen seiner Muskeldystrophie nahezu völlig Gelähmte hatte in einem erschütternden Brief Staatspräsident Napolitano geradezu angefleht, man solle erlauben, die künstliche Beatmung, die ihn am Leben hielt, zu beenden, eine Behandlung, die er nicht wolle. Ein Gericht lehnte ab, weil das italienische Gesetz keine Sterbehilfe erlaube. Doch was ist Sterbehilfe, und bedarf sie einer Erlaubnis?
Kardinal Javier Lozano Barragan, sozusagen der Gesundheitsminister des Vatikans, hat in der Debatte Stellung bezogen. Ein Beatmungsgerät dürfe in einem solchen Fall abgestellt werden, wenn sein Einsatz "accanimento" und ohne Nutzen sei. Aber was heißt "accanimento"? Die Neue Zürcher Zeitung übersetzt mit "therapeutischer Beharrlichkeit". Die würde man sich ja als Patient wünschen. Es käme dann nur auf deren Nutzen an. Andere verstehen unter "accanimento" eine Übertreibung der Behandlung, Beides klingt sehr sachlich. Doch enthält der Ausdruck eine starke emotionale, geradezu irrationale Komponente im Sinne von Zorn, Wut, Erbitterung, von "sich auf etwas Versteifen" und damit von unkontrollierter Sinnlosigkeit. Das ist mit "accanimento" gemeint.
Eine Behandlung, die nur mehr ein blindes Wüten gegen den Tod ist, darf nicht nur, sie muß beendet werden, und dazu bedarf es im Prinzip keines Gesetzes. Ein Gesetz könnte allenfalls zur Begriffsklärung beitragen.
Letztlich wird es das Problem nicht lösen können. Letztlich ist nämlich entscheidend, mit welcher Absicht der Patient die Einstellung der Behandlung verlangt und mit welcher Absicht der Arzt seinem Wunsche folgt. Will der eine oder der andere oder wollen beide den Tod herbeiführen, dann handelt es sich um einen moralisch verwerflichen Suicid beziehungsweise um eine sogar strafbare Tötung auf Verlangen. Halten dagegen der Patient und der Arzt, die Behandlung für unangemessen, für unverhältnismäßig in Bezug auf das damit Erreichbare, dann nehmen sie mit deren Beendigung den Tod in Kauf. Todesursache ist dann die Erkrankung und nicht das Unterlassen oder Beenden der Behandlung. Diese innere Einstellung, dem Sterben seinen Gang zu lassen, ist juristisch nicht objektivierbar, und daran wird jedes Gesetz scheitern.
Für Piergiorgio Welby sind das nun keine Fragen mehr. Er schrieb mit seinem Computer vom Leben, das wie eine Frau sei, von der man geliebt werde, oder wie der Wind im Haar - und von seinem Leben, das er einfach nicht mehr als Leben bezeichnen könne. Wir wünschen ihm, daß er die Behandlung als "accanimento"betrachtet hat, weil sie ihm kein besseres Leben verschaffen konnte und daß er sie deshalb abgelehnt hat, nicht aber, um sich dadurch absichtlich töten zu lassen. Vielmehr möge er - seine Krankheit und seinen Tod akzeptierend - auf eine blindwütige Lebensverlängerung verzichtet haben.
Die Auseinandersetzung zwischen Euthanasie und sinnloser Lebensverlängerung wird mit Welbys Tod nicht beendet sein. Dochkann er zu gelassenerem Nachdenken über die Kultur des Todes und die Kultur des Lebens Anlaß sein.
Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling
Wochenkommentar Radio Vatikan - 25. November 2006
(alternativ)
Wer glaubt, ein ungehöriges Wort in den Mund nehmen zu müssen, der entschuldigt sich bei seinen Zuhörern dafür. Die alten Römer erbaten sich dann mit dem Ausdruck "Sit venia verbo" Verzeihung für das Wort. Das ungehörige Wort, daß in dieser Woche im heutigen Rom, genauer im Vatikan, in aller Munde ist, heißt "Kondom". Man denkt darüber nach, ob der Gebrauch eines solchen Gegenstandes unter gewissen Umständen erlaubt sein könne. Und schon jubelt die Presse und meint, unter dem neuen Papst werde nun endlich das Kondomverbot gelockert, ja, der Anfang des Endes der ganzen strengen katholischen Sexualmoral sei damit eingeläutet.
Zunächst einmal ist dazu festzustellen, daß es ein ausdrückliches katholisches Kondomverbot überhaupt nicht gibt, und daß es deswegen auch nicht gelockert werden kann.Es gibt nur das Verbot, beim ehelichen Akt dessen natürliche Folge, nämlich eine Empfängnis, mit künstlichen Mitteln auszuschließen, also das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung. Kondome fallen selbstverständlich,wenn sie zu diesem Zweck verwendet werden, ebenso wie die "Pille" unter dieses Verbot. Wenn ein Kondom aus gutem Grunde in einer anderen Absicht verwendet wird, also zum Beispiel von einem oder einer mit Aids Infizierten, um den Ehepartner vor der Infektion zu schützen, dann verhütet dieser Gebrauch zwar auch eine Empfängnis, doch darf diese unbeabsichtigte Nebenfolge durchaus in Kauf genommen werden. Das gilt in entsprechender Weise auch von der Pille, wenn ihre Anwendung aus medizinischen Gründen erfolgt.Weder das Kondom noch die Pille sind nämlich "per se malum", also in sich schlecht, sondern nur insoweit, als sie zur verbotenen künstlichen Empfängnisverhütung benutzt werden.
Die derzeitige Diskussion über Kondome im Vatikan kann deswegen nicht im geringsten als Anzeichen für eine irgendwie grundlegende Änderung der kirchlichen Ehelehre angesehen werden. Der Verkehr außerhalb der Ehe ist und bleibt weiter verboten, und das Verbot der künstlichen Empfängnisregelung wankt nicht, weil man mit Kondomen die Ausbreitung von Aids verhüten möchte. Die Ausbreitung von Aids verhindert man nach wie vor und sicher, wenn man an der Ehe festhält.
Seuchenhygienisch sind Kondome natürlich sehr nützlich, das wird man auch im Vatikan einräumen. Aber mit der Propaganda für den Kondomgebrauch wird weltweit stillschweigend unterstellt, daß Geschlechtsverkehr außerhalb einer Ehe etwas Normales und also auch rechtens sei. Damit aber wird einem Sexismus gehuldigt, der ehewidrig ist und so die seuchenhygienisch wirksamste Schranke für die Ausbreitung von Aids, nämlich die Ehe, abwertet und unterläuft.
Es wird also darauf ankommen, jedes Mißverständnis zu vermeiden, wenn die Benutzung von Kondomen zu anderen Zwecken als zur Empfängnisverhütung von Rom als nicht verboten bezeichnet werden soll. Die anspruchsvolle kirchliche Ehelehre und Sexualmoral bleibt unangetastet - und bleibt gegenüber einer rein technisch orientierten Aids-Verhütung die humanere, die dem Menschen gemäße.
Für die Beratung in bioethischen Fragen genießt das Nuffield Council of Bioethics in England höchstes Ansehen. Zuletzt hatte es über Jahre Stellungnahmen zu der Frage gesammelt, wie man mit extrem Frühgeborenen und schwerstgeschädigten Neugeborenen umgehen solle. Noch bevordas Council dazu seinen abschließenden und mit Empfehlungen versehenen Bericht veröffentlichte, hat ein führender Vertreter der englischen Hochkirche dazu Stellung genommen und damit heftige Diskussionen ausgelöst. Die Zeitungen schrieben, daß Bischof Tom Butler für manche seltenen Fälle eingeräumt habe, es sei besser, das Leben eines Kindes zu beenden als es künstlich zu verlängern.
Die Befürworter der Euthanasie jubeln, weil sie meinen, daß die englische Kirche nun das Lebensrecht nicht mehr als ein absolutes ansehe. Und die Gegner der Euthanasie verzweifeln schier über das Umfallen der Anglikaner im Kampf um das Lebensrecht des Menschen.Dabei liegen auf beiden Seiten schwerwiegende Hör-, Lese- und Denkfehler vor, wie sie auch hierzulande die Debatten fruchtlos machen.
Das Nuffield Council lehnt nämlich in seinen inzwischen im Wortlaut vorliegenden abschließenden Empfehlungen jede aktive Tötung von Neugeborenen ausdrücklich ab. Und Bischof Butler spricht sich nur dafür aus, in Einzelfällen Früh- oder extrem geschädigten Neugeborenen zu erlauben zu sterben, anstatt sie einer quälenden Intensivbehandlung zu unterziehen. Damit wird zwischen Töten und Sterbenlassen sorgfältig unterschieden, was weder die Euthanasiebefürworter noch die allzu Eifrigen ihrer Gegner zu verstehen und anzunehmen bereit sind.
Der Unterschied zwischen Töten und Sterbenlassen ist nämlich der zwischen Tun und Lassen. Wer zu Beginn der Messe im Confiteor bekennt, er habe Gutes unterlassen und Böses getan, verwischt diesen Unterschied. Das Tun des Bösen ist nämlich immer sündhaft, während man sich mit einem Unterlassen nur dann schuldig macht, wenn man in seiner jeweiligen Situation zu einem Tun verpflichtet wäre.
Angewandt auf die lebenserhaltende Intensivbehandlung extremer Frügeburten oder schwerstgeschädigter Neugeborener bedeutet das, daßdiesen eine lebenserhaltende Intensivbehandlung nur dann geschuldet wird, wenn der damit wahrscheinlich erzielbare Erfolg so groß ist, daß er die Belastungen überwiegt, die dem Kinde mit der Intensivbehandlung zugemutet werden. Es ist also eine schwierige Abwägung gefordert,, in die, das hat das Nuffield Council ebenfalls festgestellt, auch die Interessen der Eltern und sogar ökonomische Gesichtspunkte einzubeziehen sind.
Damit aber bewegt man sich auf unsicherem Boden. Um die Entscheidungen zu erleichtern, hat das Council Anhaltspunkte angegeben: So soll bei einer Geburt vor der 22. Schwangerschaftswoche keine Intensivbehandlung eingesetzt werden, weil nämlich vorGeburt nach der 22. Schwangerschaftswoche nur eine sehr geringe Lebenserwartung und eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für bleibende schwere Schäden besteht. Dagegen sei eine solche Behandlung bei Geburt nach der 25. Schwangerschaftswoche immer vorzusehen, denn dann seien die Überlebenschancen relativ hoch und die Gefahr bleibender schwerer Schäden relativ gering. Es geht also offenbar um eine Verhältnismäßigkeit, die bei Geburten zwischen der 22. und 25. Schwangerschaftswoche individuell abzuschätzen sei.
Im Grunde entspricht die Empfehlung des Nuffield Council und ihre Billigung durch die anglikanische Kirche der längst von der katholischen Kirche vetretenen Lehre, daß eine medizinische Behandlung nur dann beansprucht werden kann, wenn sie verhältnismäßig ist - und daß Tötung verboten ist. Lebenserhaltung um jeden Preis, also mit unverhältnismäßigen Maßnahmen, ist aber maßlos und deswegen abzulehnen. Die Einsicht fällt schwer, ist aber notwendig.
Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling
Wochenkommentar Radio Vatikan - 11. November 2006
Leicht hätte es der Kommentator dieser Woche, ein Thema zu finden: in Nairobi tagt eine Weltkonferenz über die Erdewärmung, die keineswegs sicher und allenfalls wahrscheinlich menschengemacht ist. Die deutschen Bischöfe reisen - geteilt in zwei Gruppen - zum ad limina-Besuch nach Rom. In Amerika haben die Wähler geteilte Machtverhältnisse in Kongreß und Senat geschaffen, ohne daß damit abzusehen wäre, wie man aus dem Irak-Schlamassel herauskommt. All dem ist eines gemeinsam: man kann nichts dagegen machen - und nichts dafür, je nachdem. Und deswegen ist es auch egal, ob man es in Radio Vatikan kommentiert oder nicht. Denn letztlich handelt es sich um Dinge, für die wir nicht, allenfalls kaum verantwortlich sind, da den Menschen die Sorge für das ganze Universum, das bonum totius universi nach Thomas von Aquin nicht aufgetragen ist, vielmehr die Sorge um das Zunächstliegende. Und in diesem Sinne gibt es etwas zu kommentieren.
Da wendet sich doch das Sozialamt der Stadt Wien mit Zeitungsanzeigen und Plakaten an homosexuelle und lesbische Paare mit der Aufforderung, sich als Pflegeeltern für Kinder zur Verfügung zu stellen, deren Eltern ihren Pflichten - sei es aus guten oder sei es aus schlechten Gründen - nicht nachkommen können.
Allen Schmäh müßte der Kommentator den Ideologen im Wiener Sozialamt sagen und ihre Absicht rügen, auf diese Weise den Homosexuellen und Lesbierinnen sexuelle Gleichberechtigung zu bestätigen und diese in der Öffentlichkeit zu untermauern.
Doch darf es bei dem Schmäh nicht bleiben, denn die Geschichte hat einen bedenkenswerten Hintergrund. In Wien gibt es nämlich zu wenig Pflegestellen. Die Stadt gibt deswegen von ihren pflegebedürftigen Kindern hunderte in Pflegeheime oder vertraut sie Pflegeeltern außerhalb der Stadt an. Das ist ein Mißstand, das Heim sowieso, und die Pflegestelle außerhalb des Stadt deswegen, weil die Kinder außer dem Wechsel der für die sorgenden Menschen auch noch den Wechsel der heimatlichen Umgebung ertragen müssen.
Das Argument des Wiener Sozialamts, es wende sich nur aus Not an die Homosexuellen und Lesbierinnen, kann man deswegen, auch wenn es listig ist, nicht einfach abweisen. Aber - und deswegen der Kommentar in Radio Vatikan - man kann und muß dem Argument den Boden entziehen! Wer nicht will, daß Kinder Homosexuellen und Lesbierinnen zur Pflege anvertraut werden, kann sehr persönlich etwas dagegen tun. Nämlich sich hochherzig dazu bereit erklären, ein Kind in Pflege zu nehmen. Dann kann sich das Sozialamt nicht mehr aufNotstand berufen, wenn es seine Sexualgleichmacherei zu Lasten der Kinder in die Tat umsetzen will.
Und wer sich aus guten Gründen persönlich nicht zu einer Pflege bereitfinden kann, der mag sich doch wenigstens Gedanken darüber machen, weswegen es für uns Christen unverantwortlich ist, die Erziehung von Kindern, insbesondere auch die geschlechtliche, Menschen anzuvertrauen, deren sexuelle Ausrichtung vor Jahren noch offiziell als krankhaft bezeichnet wurde, was sich nur aufgrund geschickter Lobbyarbeit geändert hat.
Wo deshalb Handeln nicht möglich ist, ist mindestens Nachdenken angesagt und Aussprechen dessen, was recht ist.
Prof. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling
Wochenkommentar - 4. November 2006
Offenbar hat dieser Herbst die Propheten wieder erstehen lassen. Es hagelt nur so an Prophezeiungen. Doch wird nicht das Kommen des Herrn verkündet, sondern eine kommende Erderwärmung und ein Klimawechsel und das Abschmelzen der Polkappen der Erde und der Anstieg des Meeresspiegels und Katastrophen über und über. Aber nicht nur das. Der globale Klimawechsel, so schreibt Kardinal Lehmann, sei bereits Realität, ja, die Menschen würden seine Auswirkungen buchstäblich am eigenen Leibe spüren.
Was der Herr Kardinal da spürt, weiß ich nicht so recht. Mir kommt es nach den sonnigen Herbsttagen erheblich kälter vor, keine Spur von Erderwärmung. Ich spüre nur den jahreszeitlichen Wechsel. Ob sich unabhängig davon die Erdtemperatur in diesem Jahrhundert um 5 Grad erhöhen wird, was die Klimapropheten mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % voraussagen, kann wegen der erheblich größeren Temperaturschwankungen im Laufe des Tages und der Jahreszeiten niemand spüren. Man kann nur das glauben, was die Propheten dazu sagen und dann meinen, man spüre es wirklich schon.
Aber nehmen wir einmal an, es werde tatsächlich global wärmer, dann bleibt noch immer die Frage, ob das wirklichnur schlimm ist. Keiner der Propheten fragt danach, was denn durch die Erderwärmung vielleicht besser werde für uns Menschen. Jedenfalls würde weniger Energie für das Heizen verbraucht, und die steigende Nachfrage nach Klimaanlagen und Kühlschränkenwürde Arbeitsplätze schaffen. Wenn wir uns im Sommer darauf einstellen, daß es wärmer wird, dann werden wir das ja wohl im Laufe der Jahrzehnte auch bei globaler Erderwärmung können. Darüber sollte man nüchtern nachdenken und das Ausmalen reiner Katastrophenszenarios lassen.
Und schließlich bleibt noch die Frage, wieviel von der Erderwärmung tatsächlich von uns Menschen gemacht und wieviel davon und dann um welchen Preis vermeidbar ist.
All das ist wegen der Komplexität des Klimageschehens kaum sicher bestimmbar, man rätselt daran mit mehr oder weniger großen Wahrscheinlichkeiten, bewegt sich auf unsicherem Boden. Die deutschen Bischöfe haben sich mit einem Papier der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen auf diesen unsicheren Boden begeben. Daß sie die Aufmerksamkeit der Politik auf die Gefährdung der Gerechtigkeit durch den Klimawechsel fordern, ist zweifellos richtig. Wenn ein Klimawechsel kommt, dann trifft er die Armen wohl mehr als die Reichen, und wenn wir ihn verantworten müssen, dann müssen wir ihn auch gegenüber den kommenden Generationen verantworten. Ob allerdings auch die Umwelt einen gleichsam personalen Anspruch auf Gerechtigkeit hat, wie er sonst nur Menschen zukommt, kann man bezweifeln. Die Natur ist einfach als Gottes Schöpfung zu achten.
Die Bischöfe gehen mit ihrem Papier sehr in die säkularen Einzelheiten und befassen sich mit klimaverträglichem Einkauf, Einschränkung von Flugreisen und Kapitalanlage in nachhaltigen Investmentfonds.
Das mag ja alles richtig sein. Nietzsche würde sich darüber freuen, daß sich die Bischöfe solche Sorgen um unserDieseits machen. Was warf er den Christen seinerzeit vor? Daß der Sand der himmlischen Dinge ihren Blick für das Diesseitige trübe. Heute scheint es eher umgekehrt zu sein, daß nämlich der Sand (und der Feinstaub) der irdischen Dinge den Blick der Christen für das Himmlische trübt.
Der spürbare Klimawechsel, der andere, der geistige Klimawechsel ist, daß die gegenwärtige geistige Umweltverschmutzung durch Politik und Medien die Würde und den Sinn und die Gottbezogenheit des menschlichen Daseins verschleiert. Da ist es die Aufgabe der Bischöfe, die Christen dagegen zu wappnen, wenn dieser andere Klimawechsel schon nicht mehr rückgängig zu machen ist. Es gilt erneut, die Prioritäten von Kirche und Staat auseinanderzuhalten.
Wochenkommentar 28. Oktober 2006
Johanna Gräfin von Westphalen
Unsere friedliebende Gesellschaft regt sich z.Zt. auf über makabre Spiele junger Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit einem Totenschädel. So verwerflich das ist, ist man doch erstaunt über das Erwachen eines öffentlichen Schamgefühls in unserem Land! Machen wir der Jugend nicht vor, wie man ohne schlechtes Gewissen Kinder abtreibt? Und in unseren Nachbarländern werden kranke, alte Menschen am Lebensabend durch Euthanasie entsorgt! Natürlich geschieht das alles medizinisch sauber und hinter verschlossenen Türen, nicht so sichtbar wie das Treiben mit dem Totenschädel!
Da entsteht bei mir die Frage, durch was und wen die Kinder heute geprägt werden in der Schule, im Fernsehen, im Internet und in den Medien. Können sie denn hier ein korrektes Verhalten ablesen oder gar nachleben? Ist nicht die ältere Generation – die meine – geprägt vom Relativismus, von Unverbindlichkeit, Orientierungslosigkeit und purer Selbstbezogenheit die hier auch versagt hat?
Unser heiliger Vater Papst Benedikt setzt nach wie vor in die Jugend große Hoffnungen. Er sieht in ihnen die Apostel, die mitwirken an der Evangelisierung Europas und der Welt. Tatsächlich üben Wahrheit, Glaubwürdigkeit, Treue und Zuverlässigkeit wieder eine neue Anziehungskraft aus auf Jugendliche. Sie sind kritischer geworden. Viele junge Leute wollen den gesellschaftlichen Problemen auf den Grund gehen, sie wollen ehrlich informiert werden, den ideologischen Parolen trauen sie nicht, es interessiert sie nicht. Sie suchen verlässliche Orientierung. So haben sich in den vergangenen Jahren Jugendgruppen gebildet, die sich am Heiligen Vater und der Lehre der Kirche orientieren wollen.
Da denke ich zunächst an die Jugend 2000, die gegründet wurde damit auch in Deutschland die Weltjugendtage Gehör finden.
Faszinierend ist die Weltjugendallianz. Sie hat in nur wenigen Jahren eine weltweite Verbreitung gefunden.
Diese jungen Leute setzen sich ein für die Würde der menschlichen Person, die zentrale Bedeutung der Familie für unsere Gesellschaft und für eine Kultur des Lebens in den europäischen Entscheidungsgremien und bei den Vereinten Nationen in New York. Wenn sympatische junge Leute mit politisch Verantwortlichen sprechen und unerschrocken für die christlichen Grundwerte einstehen, kann das nicht ohne Wirkung bleiben.
Hervorheben möchte ich noch die Kath. Pfadfinderschaft Europas, die KPE, die ein echter katholischer Pfadfinderbund ist.
Auch die Legionäre Christi ziehen mit ihrer Jugendarbeit im "Regnum Christi" viele junge Menschen an und begeistern sie für Christus.
So könnten hier noch viele bewundernswerte heutige Jugendinitiativen aufgezählt werden.
Eine Frucht des Weltjugendtages in Köln ist sicherlich die "Generation Benedikt". Es sind "Jugendliche und junggebliebene Menschen" aus vielen Ländern. Sie legen Zeugnis ab für ihren Glauben auch in der Öffentlichkeit und in den Medien. Wie alle Jugendlichen sind auch sie auf der Suche nach Antworten auf die Fragen des gesellschaftlichen und persönlichen Lebens. Sie wollen Netzwerk sein, sind also keine geistliche Gemeinschaft, denn ihre Mitglieder sollen in ihren unterschiedlichen kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften, in ihren Pfarreien und Verbänden wirken. Sie vertreten und unterstützen die Lehre der Kirche auch in den heute umstrittenen Punkten wie z.B. der Ehe- und Sexualmoral. Im Papst sehen sie einen echten Freund der Jugend, weil er sie liebt und ernst nimmt, weil er für die Wahrheit steht, die er mit einem liebenden Herzen und mit Wisheit begründen kann.
Allen neuen Jugendaufbrüchen kann man nur wünschen, dass sie mit ihrer positiven und dadurch mitreißenden Art als Sauerteig in unserer müden Gesellschaft wirken und vielen jungen Menschen den Weg zur Kirche weisen.
Wochenkommentar - Johanna Gräfin von Westphalen
14.10.2006
Immer weniger deutsche Babys werden geboren. Heute sind kinderreiche Familien kaum noch anzutreffen. Hörten wir nicht noch vor kurzem die bösen Worte vom Geburtenüberschuß und der Bevölkerungsexplosion? Das ist jetzt vorbei! In der aktuellen Diskussion kommt der Wunsch nach mehr Kindern wieder häufiger zum Ausdruck, nach Mütterlichkeit, Geborgenheit in den Familien und nach einem glücklichen Zuhause.
Es gibt auch heute noch Eltern, die tapfer, ohne besondere Förderung durch den Staat, die Erziehung bewältigen. Aber was für Steine werden ihnen da immer noch in den Weg gelegt! Sie können sich nicht einmal mehr auf den Schutz der Verfassung berufen, wenn es um ihr Recht auf Erziehung der eigenen Kinder geht.
Das Bundesverfassungsgericht hat 1977 Elternrecht und staatlichen Erziehungsauftrag "gleichrangig" nebeneinander gestellt. Seitdem können sich Eltern kaum gegen die Zwangssexualisierung ihrer Kinder in der Schule wehren. Sexualerziehung ohne ethischen Hintergrund, ohne die klärende Vermittlung der Voraussetzungen von ehelicher Liebe und Treue, das aber macht die Kinder orientierungslos. Hinzu kommen die prägenden Eindrücke durch Fernsehen und das Internet. Die Folgen sind entsprechend:
Seit 1993 hat sich laut polizeilicher Kriminalstatistik die Zahl der von Kindern und Jugendlichen verübten Sexualdelikte verdoppelt. Jeder fünfte Fall von Kindesmissbrauch geht auf das Konto eines minderjährigen Täters!
Kriminalpsychologen stellen bei Kindern und Jugendlichen eine zunehmende sexuelle Enthemmung fest. Es gibt 5.-Klässler, die Spielkameraden missbrauchen, Grundschüler, die andere Kinder zu Sexspielen zwingen, Buben, die kleine Mädchen vergewaltigen. Weit über die Hälfte der jungen Täter wollen nicht einsehen, daß sie etwas Falsches getan haben. Viele dachten, daß das alles ganz normal sei.
Am schrecklichsten äußern sich die Folgen der sexuellen Verwahrlosung in den Abtreibungsstatistiken: Immer jünger sind jetzt die abtreibenden Mütter! Es sind Kinder ab 11 und 12 Jahren. Bis vor kurzem gab es das noch nicht.
Durch zu frühen Geschlechtsverkehr, durch hormonelle Verhütungsmittel und durch Abtreibung werden Mädchen an der natürlichen Reifung gehindert und körperlich und seelisch krank gemacht. Kann es da noch das notwendige Vertrauen und die Bereitschaft für Ehe und Familie geben?
Unsere Kirche und andere Religionsgemeinschaften in Deutschland müssen dieser furchtbaren Entwicklung überzeugend entgegenwirken.
Es ist Papst Benedikt, der die Jugend anspricht und auch begeistern kann. Beim Angelus am vergangenen Sonntag appellierte er an die Familien, sich nicht am Zeitgeist zu orientieren, sondern zu versuchen, "wahre Missionare der Liebe und des Lebens" zu sein.
Jetzt, nachdem die neomarxistische Kulturrevolution der 68er überholt scheint, wollen viele Jugendliche wieder echte Orientierung. Sie wollen die Wahrheit hören, sich selber ein Urteil bilden. Enttäuschen wir sie nicht! Geben wir ihnen Brot und nicht Steine! Lehren wir sie und helfen wir ihnen, Jesus kennen zu lernen. Die beste Lehrerin ist hier Maria, durch die Jesus in diese Welt gekommen ist. Sie wartet darauf, uns alle zum Herrn zu führen. Bestürmen wir sie, besonders jetzt im Rosenkranzmonat!
O Maria, Du wunderbare Hilfe der Christen, bitte für uns!
Wochenkommentar - Gräfin von Westfalen
7. Oktober 2006
Der Monat Oktober hat begonnen, der Monat, den die Katholiken von jeher als Rosenkranzmonat begehen. Durch den verstorbenen Papst Johannes Paul II. ist diese Marienfrömmigkeit neu belebt und durch ein Apostolisches Schreiben der Kirche ans Herz gelegt worden. Auch Papst Benedikt XVI. empfiehlt uns die Spiritualität des Rosenkranzgebetes sehr.
Dennoch geht es vielen, auch frommen Christen so, dass sie der Eintönigkeit dieser Gebetsform nichts abgewinnen können. Die Einfallslosigkeit der ständigen Wiederholung scheint ihnen für einen mündigen Christen nicht angemessen.
Neulich fand ich in einem Pfarrbrief hilfreiche Gedanken, die uns das Rosenkranzgebet näher bringen können.
Haben Sie schon mal während einer längeren Bahnfahrt im Großraumwagen in der Nähe eines Jugendlichen gesessen, der sich mittels eines Walkman und eines Kopfhörers mit heißer Beat-Musik berieseln läßt? Da hören Sie durch Stunden – ticketicke täcktäck – ticketicke täcktäck - ticketicke täcktäck --- nur die Schlagzeugtakte. Die Musik, die den Beschallten in Stimmung hält, hören Sie nicht.
Vielleicht ist es so ähnlich mit dem Rosenkranzgebet. Man hört nur die ewige Wiederholung: Ave Maria – bitte für uns Sünder – Ave Maria – bitte für uns Sünder – Ave Maria – bitte für uns Sünder --- ziemlich monoton, den Schlagzeugtakten vergleichbar.
Aber auch dahinter gibt es eine Melodie, die man so ohne weiteres nicht hören kann, eine Musik, die in unseren Herzen erklingt, wenn wir die Geheimnisse des Rosenkranzes betrachten.
Es ist das Lied von unserer Erlösung, von Menschwerdung, Tod und Auferstehung Jesu: eine dramatische Ballade, ein heißes Liebeslied unseres Gottes. Wer könnte das besser für uns aufgreifen und singen als Maria? Es ist ja auch ihr Lied!
Und wir begleiten sie dabei mit unserem "Beat": Ave Maria – bitte für uns Sünder – Ave Maria – bitte für uns Sünder ---
Ich bin sicher, diese Musik macht richtig Stimmung im Himmel und öffnet Gottes Herz und Hand für unsere vielen, vielen Nöte.
Ja, unsere Nöte werden immer mehr! Erschreckend die Drohungen aus der Islamischen Welt unserem Hl. Vater gegenüber! Im Moment vielleicht nur eine Kraftprobe, ein Spiel der Muskeln. Es gibt uns aber einen Vorgeschmack auf das, was uns in Europa erwarten kann, geschwächt im Glauben, weitgehend ohne christliche Identität und somit wehrlos, wenn wir nicht unverzüglich umkehren!
"Maria hilft" sagten unsere gläubigen Vorfahren. Ja, sie hat geholfen als die Türken im 16. und im 18. Jahrhundert die Christenheit bedrohten und drangsalierten. 1571 dankte die Kirche mit dem "Fest Maria vom Sieg" und 1716 mit dem "Rosenkranzfest". Ich denke auch an die friedliche Befreiung Österreichs 1955 von der sowjetischen Besatzung durch die vielen Beter des "Rosenkranz-Sühnekreuzzuges", den Pater Petrus Pavlicek nach dem 2. Weltkrieg in Wien gegründet hatte.
Am heutigen Fest "Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz" wollen wir Maria wieder bestürmen, sie möge uns, die wir im Glauben und in der Anbetung schwach geworden sind, helfen und beschirmen! So lasst uns vertrauensvoll immer wieder den Rosenkranz beten!
Kommentar der Woche - 30 . September 2006
"Drei erschütternde Urteile" - Sr. Dr. Lea Ackermann, SOLWODI
Solidarität mit Frauen in Not
Drei erschütternde Urteile
Von drei Urteilen habe ich in dieser Woche gehört, die mich zutiefst schockiert haben.
Ein Jahr und 10 Monate auf Bewährung, lautete das Urteil für einen brutalen Vergewaltiger und Zuhälter.
Dieser Zuhälter hat Frau M. vier Jahre lang gezwungen für ihn zu arbeiten. Sie wurdegeschlagen, vergewaltigt, beschimpft, eingesperrt, ins Bordell zur Prostitution gebracht und zeitweise ausgehungert. Sie ist fast vor Angst gestorben und hatte doch den Mut gegen ihren Vergewaltiger auszusagen. Ein Freier wollte ihr bei der Flucht helfen. Der Zuhälter beobachtete dies. Zusammen mit seinem Fahrer stürzte er sich auf Frau M., zerrte sie vom Auto des Freiers in seinen Wagen. Den Freier schlugen die beiden Männer zusammen. Trotz seines Zustandes erinnerte er sich an das Autokennzeichen. So konnte die Polizei die Wohnung des Zuhälters finden in der auch die Frau gefangen war. Frau M. wurde von der Polizei befreit und zu SOLWODI, gebracht.
Solwodi vermittelte ihr eine Rechtsanwältin. Diese bestellte sich als Nebenklagevertretung beim Gericht. Dann folgte erneut eine Ungeheuerlichkeit auf die andere: Der Menschenhandelsprozess wurde anstatt bei einem Landesgericht bei einem Amtsgericht geführt. Die Benachrichtigung zum Gerichtstermin erreichte das Opfer nicht, da sie an die Adresse des Zuhälters geschickt wurde. Frau M. konnte also von ihrem Aussagerecht nicht Gebrauch machen. Die Rechtsanwältin wurde überhaupt nicht informiert. Als Frau M. erfuhr, dass der Prozess gelaufen war, war auch bereits die Zeit verstrichen in der sie Berufung hätte einlegen können.
Das Urteil hat dazu geführt, dass der Täter nun auf freiem Fuß ist und Frau M. seit dieser Zeit um ihr Leben fürchtet.
Nicht verurteilt, weil es gar nicht erst zum Prozess kam, wurden die Bordellbesitzer des Großbordells Colosseum in Bayern.
Nach jahrelangen Ermittlungen klagte der Staatsanwalt wegen dirigistischer Zuhälterei an. Grund: Die Frauen wurden von den Bordellbetreibern strikten menschenunwürdigen Regeln unterworfen:Die Frauen dürfen sich den Freiern nur nackt zeigen, sie dürfen keine Handys verwenden, ihre Taschen werden |