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Frag' den Pater
Es antwortet Pater Bernd Hagenkord SJ

Sendung vom 7. Februar 2010

Was sind religiöse Gefühle?
Zur Seligsprechungen von
Johannes Paul II.und Pius XII.

Islamische Feiertage in Deutschland?

 

 

 

Herr Thomas Klass aus Berlin fragt nach, was denn genau mit den sogenannten „religiösen Gefühlen“ gemeint sei. Immer wieder werde in den Medien, von Politikern und Kirchenvertretern die Rücksicht auf diese religiösen Gefühle eingefordert. Kann man diese Gefühle aus Außenstehender wahrnehmen oder sogar messen? Wann sind diese Gefühle echt, wann nicht? Oder ist diese Vokabel nur eine Art Blankovollmacht für einen politisch motivierten Protest?

Meine Lehrer in der Schule haben Antworten, die Sie nicht so recht wussten, mit „das ist eine gute Frage beantwortet“. Witzigerweise war das die erste Antwort, die mir in den Sinn kam, als ich Ihre Frage gelesen habe. Daraus lerne ich, dass ich selbst noch keine richtige Antwort habe.
Aber lassen Sie uns nachdenken.
In meinem Studium habe ich viel von Rudolf Otto gehört und gelesen. Rudolf Otto war ein protestantischer Theologe und hat ein epochemachendes Buch geschrieben: Das Heilige. Es stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Theologe Otto definiert das Heilige als das ganz andere, der Begriff, den er geprägt hat, lautet „mysterium faszinosum et tremendum“. Das Heilige, Göttliche ist also – und das will das lateinische Begriffspaar sagen - immer zugleich: anziehend und abschreckend, fesselnd und lebensbedrohlich. Was Otto damit sagen will, und damit kommen wir zu ihrer Frage, ist, dass das menschliche Gefühl das Heilige erkennen kann. In unserer Gefühlswelt entdecken wir das Erschaudern, das Rühren, das Erhabene, das Großartige, aber auch die Furcht, die Scham, die Angst vor dem Großen, Überwältigenden. Eine Dimension unsere Liturgie will das ja auch ausdrücken.
Das ist der Ursprung dieses „religiösen Gefühls“: im Gefühl können wir Gott und das Göttliche in unserem Leben erkennen oder besser erspüren. Egal, ob das stimmt oder nicht, hier liegt der Ursprung des Gedankens.
Und wenn das Religiöse im Gefühlsleben, im Innenleben eines Menschen seinen Halt hat, dann muss man das schützen. Dann darf nicht jeder etwas sagen, was den anderen verletzt, so das Argument.
Ich vermute in Ihrer Frage ein Unbehagen: man kann sich gegen das Argument schließlich nicht wehren. Wenn jemand das Gefühl ins Spiel bringt, dann ist was wie eine uneinnehmbare Blockhütte: es verbietet eine Auseinandersetzung. Schließlich kann ich weder bestimmen noch darf ich beeinflussen, was jemand anderes fühlt. Ich teile dieses Unbehagen. Ich finde, dass der Begriff des religiösen Gefühls völlig inflationär und viel zu wahllos gebraucht wird. Natürlich muss man die religiösen Gefühle von Menschen schützen, aber ebenso die Meinungsfreiheit.
Wie ist das zum Beispiel mit Satire: darf ich ätzende Satire über Religion verbreiten? Mohamed-Karikaturen? Fotomontagen von Menschen am Kreuz? Filme? Kabarett?
Es ist in jedem Fall eine Abwägungssache. Nicht alles ist fair, nicht alles hat Niveau, einiges will nur verletzen.
Was aber vielleicht mein größtes Unbehagen bei diesen sogenannten „religiösen Gefühlen“ ist, ist die Beschränkung der Religion, meines Glaubens, auf ein Gefühl. Um es ganz einfach auszudrücken: manchmal fühle ich nichts, und doch glaube ich. Wenn ich in einer Kirche sitze und nicht innerlich ergriffen bin, heißt das nicht, dass Gott nicht da ist oder dass ich nicht richtig beten kann.
Mein Rat: wenn Sie das wieder hören, das jemand die „religiösen Gefühle“ von Menschen ins Feld führt, fragen Sie zurück: was meinen Sie damit? Können Sie sagen, was das bedeuten soll? Dann wird sich schon zeigen, ob das gerechtfertigt ist oder nur eine Blankovollmacht oder eine leere Vokabel.

Pater Graab aus Köln fragt zu den anstehenden Seligsprechungen von Johannes Paul II. und Pius XII. nach, ob das alles nicht etwas schnell ginge. Im Mittelalter habe es den Brauch gegeben, dass Bischöfe ihre jeweiligen Vorgänger heiliggesprochen hätten. Damals habe Rom das als Missbrauch deklariert. Hat es da nicht ein Geschmäckle, das Rom das heute selber ausgiebig tut? Rom nimmt sich doch auch sonst ausgiebig Zeit für die Dinge. Außerdem gebe es einen deutlichen Unterschied zwischen den Päpsten Pius und Johannes Paul: für den letzten Papst gebe es eine weitreichende Verehrung, nicht nur in Polen, sondern in der ganzen Welt. Für Pius sei die aber nicht zu sehen. Ist die Seligsprechung dann Kirchenpolitisch zu verstehen?

Den Brauch aus dem Mittelalter kannte ich nicht, das ist mir neu, das es das mal gegeben hat. Aber der dahinter liegende Gedanken, dass es nicht gut sei, Heiligsprechungen quasi automatisch zu machen, der ist gut und nachvollziehbar.
Auch ich kann eine gewisse Unklarheit bei dieser Frage nicht verleugnen. Von den letzten Päpsten sind auffällig viele auf dem Weg zur Seligsprechung oder schon weiter. Pius IX., X. und XII., Johannes XXIII., Johannes Paul I. und II. Wenn sie heilige Menschen waren, dann habe ich nichts dagegen, das auch zu sagen und sie offiziell in unserer Gemeinschaft, der Kirche, zu verehren. Und genau dafür gibt es ja das Heiligsprechungsverfahren: um festzustellen, ob die Heiligmäßigkeit da ist oder nicht. Meine Unklarheit ist eben der scheinbare Automatismus, der jeden Papst irgendwie schon in das Licht der Heiligkeit rückt.
Wir haben alle Geschichten gehört, der oder diejenige sei besonders bevorzugt behandelt worden, hier sei diese Kommission nicht gehört worden, dort der Zeitrahmen nicht eingehalten worden. Aber wir dürfen nicht vergessen: eine Heiligsprechung ist kein Sakrament. Und es ist keine Beförderung. Eine Heiligsprechung nimmt von der Heiligkeit einer Person nichts weg und fügt nichts hinzu, diese Menschen werden dadurch Gott nicht näher oder moralische besser. Seligsprechungen und Heiligsprechungen sind auch keine historische Urteile, auch wenn es sich vielleicht anders anhört. Die Heiligen haben ein menschliches Leben gelebt. Was das bedeutet, kann man wunderbar an den Aufzeichnungen etwa von Mutter Theresa ablesen. Und trotzdem und vielleicht sogar gerade deswegen sagt die Kirche, dass diese Menschen heilig sind: wir glauben, dass sie bei Gott sind.
Zum zweiten Teil der Frage: der Unterschied zwischen Pius XII. und Johannes Paul II., was die Verehrung angeht. Hier weiß ich nicht weiter. Die Wahrnehmung ist offensichtlich: für Johannes Paul gibt es weltweit eine Verehrung, für Pius XII. ist das nicht zu sehen. Etwas gibt es sie hier in Rom, schließlich ist er ein geborener Römer, aber das steht in keinem Verhältnis zu anderen Seligen oder Heiligen. Ob das dann schon mit Kirchenpolitik zu tun hat? Das weiß ich nicht. Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass die Verehrung der Menschen nicht für interne Geschichten missbraucht wird. Manchmal ist das schwer zu glauben, dann tritt der Postulator, also der Anwalt für die Seligsprechung im Fall Johannes Paul II., mit einem neunen Buch an die Öffentlichkeit und erzählt Privatestes aus dem Leben des Papstes im italienischen Fernsehen, da ist es schwer zu glauben, dass da nicht irgendjemand versucht, mit dem Seligsprechungsprozess selber etwas zu erreichen, bekannt zu werden, selber wichtig und vielleicht Bischof zu werden oder was auch sonst. Da hilft nur eins: genaues Hinsehen.

In einer Sendung des Westdeutschen Rundfunks wurde der Vorschlag geäußert, in Deutschland muslimische Feiertage einzuführen. Die Begründung: in 18 arabischen Staaten gebe es offiziell anerkannte christliche Feiertage. Herr Leonhard Fethke fragt, ob das stimmt und wo diese Feiertage in Verfassungen verankert seien.

Für eine Antwort habe ich unseren Spezialisten hier in Rom gefragt, Pater Felix Körner. Er lehrt an der päpstlichen Universität Gregoriana und vielleicht haben Sie ihn ja in unserer Radioakademie im Januar schon gehört. Ich darf seine Antwort an mich wörtlich zitieren:

„Der Gregorianische Kalender ist von Papst Gregor XIII. eingeführt und durch den Bamberger Jesuiten Christoph Clavius, Päpstliche Universität Gregoriana, berechnet worden; die meisten Staaten rechnen heute mit diesem Kalender, ohne mit ihm eine bestimmte Beziehung zur katholischen Kirche zu bekunden. So wird denn auch Neujahr am 1. Januar gefeiert, ohne dass es als christliches Fest bewusst würde.
Wo Christen als zweitausendjährige Präsenz zum Selbstverständnis der Nation gehören, in Ägypten, Jordanien, im Libanon und in Syrien, wird Ostern konsequenter Weise staatlich begangen. Auch in Indonesien wird Ostern offiziell gefeiert; hier gehört die öffentliche Bekundung des Zusammenlebens von Muslimen, Christen, Hindus und Buddhisten auch über die Feiertage zum nationalen Fundament.“

Pater Körner weist auch auf die website www.world-calendar.com hin, wo man alle gefeierten Festtage in allen Ländern nachschlagen könne.
Es geht also um nationale Identität. Ich stimme mit Pater Körner überein: es kann nicht ein geistlichens Tauschgeschäft geben: wenn in Syrien Ostern gefeiert wird, muss auch in Deutschland das islamische Opferfest gefeiert werden. Und umgekehrt: solange die nicht feiern, sollten wir das auch nicht tun. Nur wenn wir sicher sind, dass der Islam zu unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis gehört, dann sollten wir islamische Feiertage einführen, egal, wo christliche Feiertage im Ausland gefeiert werden.






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