Frag' den Pater
Es antwortet Pater Bernd Hagenkord SJ

Sendung vom
15. August 2010
Katastrophen und Glaubenszweifel
Verfolgte Christen
Werbung bei Radio Vatikan
Priesterkleidung und Gehorsam
Ein Hörer aus München fragt nach dem Zusammenhang von Katastrophen und Glauben. Angesichts der schlimmen Naturkatastrophen haben viele Menschen Probleme mit dem Glauben an einen gütigen und barmherzigen Gott, der offensichtlich Menschen leiden lässt und nichts tut. Viel ist sicherlich vom Menschen selbst verschuldet, aber nicht alles, wie zum Beispiel Seuchen, Erdbeben etc. Wie ist das auch christlicher theologischer Sicht zu verstehen?
Lieber Hörer, „wie kann Gott das nur Zulassen“ ist der Grundstein des Atheismus oder des Zweifels, je nachdem, wie man sich Gott nähert. Drehe ich ihre Frage um kann ich leicht behaupten, ein Gott, dessen Name ‚Güte’ und ‚Barmherzigkeit’ sei, der könne das gar nicht zulassen, ergo gebe es keinen Gott.
Dieser Zweifel nagt in uns. Zunächst: ich kann diese Zweifel sehr gut verstehen. Wir stehen vor übermächtigen Kräften, die Tod und Leid bringen und können nichts machen. Der allmächtige Mensch, der Atombomben und virtuelle Realitäten und Mondraketen bauen kann, der steht machtlos vor Tsunamis und Regenfällen, vor Erdrutschen und Erdbeben. Und selbst wenn wir die menschlich verursachten Katastrophen einmal herausnehmen, bleibt noch viel übrig.
Dieser Planet ist nicht perfekt. Dieses Universum ist nicht perfekt. Gott hat keine Welt geschaffen, in der alles von Anfang an gut war in dem Sinne, dass es keine Veränderung gab. Wie war das denn mit den Dinosauriern? Diese haben für 150 Millionen Jahre den Planeten beherrscht, den Menschen gibt es seit 2 Millionen. Was ist da schief gelaufen? Auch unsere Schöpfung streckt sich nach Gott aus, will zu ihm. Das sind nicht nur wir, ein Teil der Schöpfung. Und so probiert die Schöpfung aus, entwickelt Lebewesen. Einige verschwinden wieder, weil sie sich als nicht tauglich erwiesen haben. Und auch der Planet selbst ist Teil eines Universums, das sich entwickelt. Gott will das so. Das bedeutet aber auch, dass es keine perfekt Statik gibt. Und wo immer etwas sich entwickelt, etwas sich bewegt, da entsteht Reibung. Um es mit der Physik auszudrücken: da wird Energie umgesetzt. Nicht jedem der Beteiligten gefällt das.
Schauen Sie Sich eine Weltkarte vor 200 Millionen Jahren, vor 100 Millionen Jahren an. Alles war anders. Und es bewegt sich weiter. Immer wieder hat es Zeiten gegeben, die wir als große Hitzeperioden oder Eiszeiten beschreiben, die letzte, die „kleine Eiszeit“ übrigens im Europa des 17. Jahrhundert.
So ist das, was wir als Katastrophe wahrnehmen, Teil unserer Umwelt. Die Welt ist nicht so für uns gemacht, dass alles auf uns hingeordnet wäre. Alles ist auf Gott hingeordnet. Wir sind ein Teil.
Und nun zum Zweifel. Zweifel ist etwas Gutes. Zweifel hat etwas Heilendes. Wenn ich zweifele, frage ich und suche. Und dann fallen viele Dinge von meinem Glauben weg, die eigentlich gar nicht dazu gehören. Wenn ich zum Beispiel an Gott zweifle, dann kann ich mich fragen, an was für einen Gott ich bisher eigentlich geglaubt habe. Bilder, die wir von Gott machen und die Gott nie fassen können, fallen weg.
Dieser Zweifel darf aber nicht in Ver-zweif-lung umschlagen, wenn Sie mir das Wortspiel gestatten. ‚Darf’, damit meine ich nicht, dass es Schuld des Zweifelnden ist, wenn er dem Zweifel nicht mehr stand hält. Ich meine damit, dass wir als Gemeinschaft der Glaubenden helfen müssen, über den Zweifel neu zum Glauben zu kommen. Nicht zur Vertröstung, nicht zur meist sinnlosen Behauptung angesichts der Katastrophe, alles werde gut. Aber in der Gemeinschaft, im Gebet und im Glauben sollte es einen Weg geben, den Zweifel fruchtbar zu machen.
Katastrophen sollten uns dazu anleiten, alles mögliche zu tun, dass Menschen so leben können, dass sie von Katastrophen nicht betroffen werden. Oder: möglichst nicht betroffen werden. Auf Energieverbrauch verzichten. Reichtum und auch Wohlstand abgeben. Sicherheiten aufgeben. Den bequemeren Weg aufgeben. „Die Verhaltensmuster, nach denen der Mensch die Umwelt behandelt, beeinflussen die Verhaltensmuster, nach denen er sich selbst behandelt, und umgekehrt.“ Das sagt Papst Benedikt XVI. in seiner Sozialenzyklika. Katastrophen machen uns immer wieder klar, dass wir nicht die Herren der Welt sind. Lassen wir uns das eine Lehre sein und verhalten wir uns danach.
Aus Köln eine Frage anlässlich der Nachrichten über den Mord an den christlichen Ärzten in Pakistan, darüber hinaus aber auch anlässlich der anderen Christenverfolgungen. Natürlich stehe es außer Frage, dass jeder Mord ein Verbrechen ist und dass jede Vertreibung von Christen ein Verbrechen ist. Außerdem habe die Kirche das Recht auf Missionierung, auf das Ablegen des Zeugnisses des eigenen Glaubens wo auch immer man lebt, wenn man sich an die Gesetze und Sitten eines Landes hält. Wir bei Radio Vatikan würden immer von „Christen“ sprechen. Das ist in ökumenischer Hinsicht natürlich richtig. Trotzdem wäre es hier vielleicht angebrachter, genauer hinzuschauen. Schließlich gibt es ja auch eine Menge evangelikaler Gruppierungen, die recht aggressiv vorgingen. In Südamerika missionieren sie unter Katholiken, in Russland unter Orthodoxen, und in nicht-christlichen Ländern lassen sie es oft an Klugheit fehlen. Undifferenziertes Berichterstatten kann hier dazu führen, das nicht ausreichend genug auf die Motive geschaut wird. Vielleicht wäre hier in ökumenischer Hinsicht eher Kritik angebracht.
Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Es stimmt, wir sprechen in unseren Sendungen oder im Newsletter meistens von ‚Christen’, ganz allgemein. Wir tun das meistens dann, wenn der Grund für die Verfolgung darin liegt, dass sie Christen waren. Wenn der Glaube eher nebensächlich ist, dann berichten wir anders.
Ich erinnere mich an einige Berichte zu Beginn dieses Jahres aus Zentralafrika. Es gab Unruhen und Christen wurden verfolgt. Dann aber gab der örtliche Bischof ein Interview und sagte, hier ginge es nicht um Religion, sondern um Landrechte und andere Dinge. Und wir haben unsere Berichterstattung geändert. Und dann hat der Bischof seine Meinung geändert, wohl unter dem Eindruck der Ausschreitungen gegen Kirchengebäude etc, und dann haben auch wir wieder von verfolgten Christen gesprochen. Das ist verwirrend und war für uns in dem Augenblick auch nicht sehr schön, aber wir versuchen, uns so auszudrücken, dass das Wesentliche zum Ausdruck kommt.
Machen wir ein hypothetisches Beispiel: eine Gruppe der von Ihnen angesprochenen evangelikalen Missionare stößt auf massiven Widerstand oder wird sogar festgenommen oder vertrieben. Wenn es also an ihren Methoden, an dem ansprechen von Kindern auf der Straße, am Flugblätterverteilen vor Moscheen oder anderen Mitteln liegt – immer noch rein hypothetisch – dann würden wir das auch genau so sagen. Nicht alle Mittel sind allein deswegen, weil sie von Christen angewandt werden, gut. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.
Sie sprechen außerdem die Ökumene an. Auch hier stimme ich Ihnen zu. Die Tatsache, dass wir ein christlicher Sender sind, heißt nicht, dass wir alles gutheißen, was Christen tun. Manchmal muss man eben andere Kirchen darauf hinweisen, das wir andere Meinung sind. Oder wir im angesprochenen Fall: sehr deutlich darauf hinweisen, dass es auf keinen Fall zu dulden ist, in anderen Kirchen oder Glaubensgemeinschaften zu wildern. Der Respekt vor dem Glauben anderer muss beinhalten, dass ich in meinem Zeugnis auf ihn oder sie eingehe, wenn ich es an Respekt fehlen lasse, dann richte ich mehr Schaden an als Nutzen.
Wir müssen sehr gut darauf acht geben, wie wir unseren Glauben verbreiten. Aber wenn Christen, die das tun, genau deswegen verfolgt werden, dann werden wir das immer wieder melden. Das Christentum ist die am stärksten verfolgte Religion auf dem Planeten. Das werden wir hier im sicheren Europa nie vergessen.
Aus Berlin eine Frage zur neuerdings laufenden Werbung bei Radio Vatikan: statt der seit 30 Jahren vertrauten Melodie von „Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat“ lief Werbung für den italienischen Stromversorger ENEL. Dann kam die Ansage „Laudetur Jesus Christus“ und die Sendung begann. Werbung bei Radio Vatikan wäre nicht inakzeptabel, aber eine gewaltige Umstellung wäre es schon.
Sehr geehrter Hörer, das ist uns nicht anders gegangen. Die Werbung gibt es allerdings seit einigen Monaten, und dies auch in verschiedenen Sprachen. Die Werbung vor unserer Sendung ist immer deutsch, alles andere wäre ja auch unsinnig.
Ich habe mir dazu noch keine abschließende Meinung gebildet. Zum einen: alles, was unserer sehr teuren Arbeit hilft, nehmen wir gerne. Und schließlich wird durch die Werbung die Sendung selbst keine einzige Sekunde kürzer. Radio Vatikan ist der größte Einzelposten im Haushalt des heiligen Stuhles, und bei roten Zahlen darf man sich getrost Hilfe suchen. So gesehen bin ich dafür.
Aber ENEL? Wir haben bei uns immer und immer wieder Fachleute und Christen, die zum Beispiel vor den Folgen der Atomenergie warnen. Und ENEL macht für seine Atomenergie bei uns Werbung. Das klingt in meinen Ohren schief.
Ich gehe einmal davon aus, dass sich die Sendeleitung, die sich um diese Dinge kümmert, sich den Werbetreibenden genau angesehen hat und nicht einfach jeden werben lässt, der will. Aber ein komisches Gefühl habe ich da schon im Bauch.
Sie kommen aus Berlin: erinnern Sie Sich an die Diskussion um wie Werbung auf der Gedächtniskirche? Die Frage damals war, ob zur Finanzierung der Renovierung die Schutzummantelung zu Werbezwecken vermietet werden dürfte, und wenn ja: an wen? Letztlich bin ich glaube ich für Werbung. Wenn es nicht genug großzügige Menschen gibt, dann muss das Geld eben daher kommen. Aber wir müssen auch vorsichtig sein. Nicht ein Bericht wird anders lauten, nur weil ENEL bei uns Werbung macht. Das ist versprochen.
Ein Hörer fragt zum Thema der Priesterkleidung nach: stimmt es, dass der letzte Papst eine Anordnung erlassen hat, nach der jeder Priester klar als solcher erkennbar sein müsse? Ein Priester, den er gefragt habe, habe davon nichts gewusst und geantwortet, Priesterkleidung schaffe Distanz, er habe sich deswegen im Gewissen entschieden, sich anders zu kleiden. Und als Nachfrage: steht das Gewissen wirklich höher als der Gehorsam in dieser Frage? Schädigt es nicht die Einheit mit dem Papst, wenn sich einzelne Priester gegen klare Anweisungen stellen?
Die Kleidung des Priesters ist einer der großen Konfliktpunkte in unserer Kirche. Zunächst: sie haben mit der Anordnung völlig recht. Die Kleruskongregation hat 1994 ein Dokument veröffentlicht, das vom Papst autorisiert war. Darin heißt es, dass der Priester durch keine Kleidung und sein Verhalten erkennbar sein muss. Und mehr noch: die Kleidung muss sich deutlich von der der Nichtpriester unterscheiden. Das ist klar und deutlich beschrieben.
Nicht beschrieben ist allerdings, wie diese Kleidung auszusehen hat. Das ist den einzelnen Bischofskonferenzen überlassen, und das ist auch gut so, denn in Indien oder Zentralafrika haben Kleidungsstücke andere Bedeutungen. Da kann ich nicht von einer Institution aus für die ganze Welt und alle Kulturen ein einziges gültiges Muster entscheiden.
Und dann kommt die Frage nach dem Gewissen und der eigenen Entscheidung. Ich halte hier das Nachfragen für wichtig: „warum machst du das“? Trägt jemand nur deswegen keine Priesterkleidung, um sich sozusagen in der Gesellschaft verstecken zu können, dann ist das verkehrt, dann ist das falsch. Außerdem gibt es tatsächlich Situationen, wo die Distanz, die Priesterkleidung schafft, stören kann. Auf der anderen Seite gilt aber auch, dass Priesterkleidung für Klarheit sorgen soll. Was schwierig geworden ist, da es bei Benutzung durch Anglikaner und Lutheraner zu einer Berufsbekleidung für Geistliche geworden ist und nicht mehr notwendigerweise eine Standesbekleidung für Priester ist.
Ich halte es auch für schwierig, daraus gleich eine Grundsatzentscheidung über die Einheit mit dem Papst zu machen. Wenn ein Priester ehrlich vor sich selbst sagen kann, dass es sich nicht auch ein wenig fernhalten will von der Kirche, dass er nicht allzu sehr dafür einstehen will, dann finde ich die Frage nach der Kleidung zwar wichtig, aber nicht fundamental. Wenn aber jemand nicht einstehen will für das, was er ist, sozusagen ein heimlicher Priester sein und nur für die sichtbar, denen er etwas sagt, dann halte ich das tatsächlich für schwerwiegend. Aber das Problem beginnt dann nicht erst bei der Kleidung.
Ich glaube, in der Kleidungsfrage schrauben wir am Symptom herum. Im zu Ende gegangenen Priesterjahr habe ich hier in Rom keine einzige Verlautbarung zur Kleidung des Priesters gehört oder eine geistliche Erörterung oder so etwas. Andere Dinge sind viel wichtiger. Geistliche Dinge, theologische, pastorale Dinge. Das wird dann auch Ausdruck in der Kleidung haben, aber wichtiger sind andere Dinge.
Sie schließen die Frage an, ob sie Recht damit haben, dass der Priester dem Papst in dieser Frage Gehorsam schuldig ist. Ist er. Aber Fragen des Gehorsams sind eine Sache zwischen ihm und dem Papst bzw. seinem Bischof. Nicht unsere.

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